Zu Besuch in Petershagen

Vom historischen Amtsgericht über Windmühle, alter Fährüberfahrt bis zum Schloss - in Petershagen gibt es eine Menge zu entdecken

Alte Fährüberfahrt Petershagen

Die alte Fährüberfahrt in Petershagen bot Mitte April ein malerisches Bild – Fotos: onm

Mitte April 2015, die Sonne brennt, wir befinden uns in Petershagen – ein guter Tag, um neue Eindrücke aus dem Kreis Minden-Lübbecke zu sammeln. Von einem historischen Amtsgericht, einer Windmühle über eine ehemalige Fährüberfahrt bis hin zum Sitz von Regierungsbeamten und einem Schloss – die nordrhein-westfälische Stadt hat eine Menge zu bieten.

Betritt man die Innenstadt, fällt einem sofort ein weißes Herrschaftsgebäude ins Auge. Wer mag hier wohl seinen Sitz haben? Ist es das Rathaus oder wohnt hier eine reiche Familie? Wir stoßen auf ein rotes Schild mit der Bezeichnung „Youth Hostelling International“ – also eine Jugendherberge. Vielmehr handelt es sich um das Jugendgästehaus Petershagen. Wow, man müsste noch mal jung sein.

Das villenähnliche Gebäude deutet jedoch auf eine viel ältere Geschichte hin. Tatsächlich befindet sich über dem Eingang eine Inschrift in Stein gemeißelt: „In diesem Hause wohnten König Friedrich Wilhelm III. vom 29. Mai bis 3. Juni 1799“ sowie „Königin Luise von Preußen vom 29. Mai bis 1. Juni 1799“. Den Datumsangaben zufolge waren die Hoheiten eher zu Besuch, als dass sie darin „wohnten“. Kurz recherchiert stoßen wir auf ein Dokument des Jugendgästehauses, das die Historie dieses Hauses erzählt und dem wir entnehmen können:

Der Barockbau „Besselscher Hof“ war einst Regierungssitz von Beamten des Petershäger Bessel-Zweigs mit ihren Familien. Die Bessels standen als Räte und Kanzler im Dienste der Fürstbischöfe von Minden auf Schloss Petershagen und der Kürfürsten von Brandenburg. Das passt doch schon eher zu der voluminösen Architektur.

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Einst Regierungssitz von Beamten dient die Villa heute als Jugendherberge

Ebenso interessant erscheint aber auch die Rückseite des Gebäudes. Der Bug eines wahrhaftigen Schiffes namens „ALF“ ragt aus der Terrasse Richtung Weser. Und das hat seinen Grund. Denn hier am alten Fischerhafen haben einst Schiffer ihren Beruf erlernt. Genau genommen lebten und arbeiteten hier Heringsfänger.

Was wiederum die alte Fährüberfahrt an der Weser bei Petershagen erklärt. Die „Alte Fährstraße“, ein Informationsschild und der zum Wasser abgeflachte Boden erinnern noch an Zeiten, als Bauern ihre Feldernte mithilfe der Fähre bequem zum Markt in die Innenstadt überführen und anbieten konnten. Auch können wir uns vorstellen, dass rege Tauschgeschäfte – wie beispielsweise Fisch gegen Weizen – stattfanden. Wie auch immer, das nahegelegene Schloss und ihre Bewohner und Arbeiter zu versorgen, war sicher erster Anlaufpunkt für viele Marktleute.

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Schloss Petershagen

Und da wären wir schon bei der nächsten Attraktion, denn man sieht es schon vom Weserufer aus: das Schloss Petershagen – eine um 1306 als Wasserburg errichtete Anlage, die im 16. Jahrhundert selbstverständlich im Stil der Weserrenaissance zu einem Schloss umgebaut wurde. Es umfasst mehrere Gebäude, die zur heutigen Schlossanlage zusammengewachsen sind. Derzeit von Familie Hestermann als „Romantik Hotel“ genutzt, bietet es einen herrlichen Blick von oben auf die Weserauen.

Auch der Schlosshof mit seinem historischen Brunnen sowie die unterschiedlich gestalteten Gartenanlagen sind ein Augenschmaus. Je länger man sich aufhält, desto mehr entdeckt man: Hier eine Steinfigur, dort eine alte Kanone – und nicht zu vergessen die ehemalige Fasanerie, wo Lesestunden und „Krimidinner“ abgehalten werden. Auch ist uns ein Schild an der Eingangsmauer des „Lions Club“ aufgefallen.

Zurück in der Innenstadt erwartet uns das interessanteste Amtsgericht Deutschlands, was uns je begegnet ist. Von außen fast unscheinbar, mit seinem Fachwerk-Säulen-Beton-Bau, erwarten einem im Inneren Gewölbedecken mit grünen und roten Malereien, im Blütenstil geschwungene Treppengeländer und die wohl schönste Tür zum Schöffensaal, die je ein Richter betreten hat. Wer hier nicht vorgeführt werden möchte, ist selber schuld. Doch von wem? Denn ein Schild am Nebeneingang des Gebäudes verrät, dass es hier zum Bezirksdienst der Polizeiwache Petershagen geht, deren Dienststelle „nicht ständig besetzt“ und „bei Bedarf“ die Polizeiwache telefonisch zu verständigen ist.

In dieser Gegend scheint es wirklich ruhig zuzugehen. Nun ja, das alte Amtsgericht Petershagen ist immerhin bereits im Jahre 1913 erbaut worden und als Gerichtsgebäude nicht mehr aktiv. Im direkt angebauten Gefängnis sieht es da schon anders aus. Um dem Verfall des Komplexes entgegenzuwirken, haben sich kluge Vereinsköpfe zusammengesetzt und 1993 Rast im Knast – Die etwas andere Übernachtung gegründet. (Siehe auch Flyer von 2016)

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„Rast im Knast“

Wer immer mal wissen wollte, wie sich ein „Knastbruder“ fühlt, der kann sich auf leisen Sohlen nach Petershagen begeben, in standesgemäß gestreifte Gefängniskleidung schlüpfen und es sich über Nacht auf Feldbetten „bequem“ machen. Aber bitte nicht mit Bettlaken versuchen, aus den vergitterten Fenstern zu flüchten – könnte unangenehm werden bei der Höhe.

Apropos unangenehm. Wie ein Besenkter durch die Innenstadt laufend auf der Suche nach einem Sparkassenautomaten, sprechen wir Passanten an einer Kreuzung an und fragen nach dem Weg. Da tippt man uns freundlich auf die Schulter und zeigt mit dem Finger nach oben auf ein Schild: die „Sparkassenstraße“.

Den Aha-Effekt verdaut, begeben wir uns schlussendlich noch einmal Richtung Weser und lassen uns den Wind von der Büschings Mühle um die Nase wehen – eine sehenswerte Windmühle (Wall-Holländer, errichtet 1810) mit Jalousieflügeln und Windrose im Mühlenkreis Minden-Lübbecke. Das Besondere ist jedoch der Boden unter ihren Füßen. So bewirteten einst an diesem Platze des „Vorwerksgartens“, der früher einmal zum Schloss, der Landesburg der Mindener Bischöfe, gehörte, König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise ihre hohen Gäste.

An dieser Stelle endet unser Besuch in Petershagen (den wir 2016 noch mal ein bisschen ergänzt haben). Natürlich gibt es noch viel mehr zu sehen, wie zum Beispiel ein Storchenpaar – das müssen Sie aber schon selbst entdecken. Als Anreiz für einen Besuch in Petershagen zeigen wir Ihnen ein paar Bildchen:

<a href="https://flic.kr/s/4gLq58K" target="_blank">Click to View</a>

Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.


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