Zeichnest du noch oder sprühst du schon?

Über 60 Künstler zeigten beim HACK & LACK 2015 Graffiti Event in Minden, wie aus grauen Flächen kunstvolle Gebilde werden

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Auf der HACK & LACK 2015 in Minden wurden wie für Graffiti-Künstler „Tiger Tasek Amit“ Träume an der Fassade wahr – Fotos: onm

Schulhefte werden zu Blackbooks, Pappen zu Leinwänden, Mauern zu Fassaden und der Schiefe-Bahn-Express zum Drachenfisch – über 60 Künstler und die, die es noch werden wollen, verewigten sich vergangenes Wochenende auf dem 7. HACK & LACK Graffiti & Urban Art Event beim Anne Frank Kreativzentrum in der westfälischen Stadt Minden.

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An wen dieser junge Mann bei seinem gesprühten Werk wohl gedacht hat?

„Sprühst du auch?“ „Nein, ich zeichne lieber“, bekamen wir als Antwort von einer 14-jährigen, die gerade ihr „Tag“ in ein Schulheft skizzierte, das als Vorlage diente, um es im Großformat an die Pappleinwand zu malen – mit speziellen Graffiti-Spraydosen. Wobei man unter einem „Tag“ eine künstlerisch gestaltete Art Unterschrift versteht, die jedem Graffiti seinem Urheber zuordnet.

„Das Schulheft ist dein Blackbook“, erklärte ihr eine der Mitwirkenden des Kinder- und Jugendkreativzentrums Anne Frank. „Darin kannst du alle Skizzen für deine Graffitis anfertigen und mit nach Hause nehmen.“

Dieses Mädchen und viele andere Kinder ließen sich von Christian „Krishy“ Hermann aus Berlin in einem Workshop Graffiti-Grundlagen erklären und durften sie sofort in die Tat umsetzen – die ganz Kleinen mit Schablone und Hilfe ihrer Eltern, die Größeren auf Pappe. Dabei war der Fantasie der Gestaltung keine Grenze gesetzt. Doch vorher hieß es Masken aufsetzen und Mülltüten überziehen als Schutz gegen Sprühnebel und Farbflecken auf der Kleidung. „Und nehmt Rücksicht auf euch selber und auf andere beim Sprühen“, ermahnte Krishy. „Ganz wichtig: Die Dose vorher gut schütteln. Am besten lässt sich aus meiner Erfahrung übrigens mit den weißen Sprühköpfen arbeiten.“

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Wenn Christian Hermann alias „Krishy“ dem potenziellen Graffiti-Nachwuchs Grundlagen erklärt, bleiben kindliche Fragen nicht aus, die auch den „Meister“ zum Schmunzeln bringen

Und Krishy weiß, wovon er spricht. Nach 15 Jahren Erfahrung im Freestyle verdient der gebürtige Oldenburger seit 2011 auch Geld mit Graffitis, sei es mit Workshops oder wenn jemand seine Garage verschönern möchte. Über seinen Onlineshop „Volle Kanne“ vertreibt er zudem alles, was das Sprayerherz begehrt. (Als „Kanne“ bezeichnet man im Graffiti-Jargon die Sprühdosen). Doch noch eins konnte man von ihm am vergangenen Wochenende lernen: „Bevor man anfängt, auszumalen, braucht man Striche. Je dichter man die Sprühdose an die Oberfläche hält, desto dünner werden die Striche. Je weiter weg, desto dicker die Striche.“

Diese Tipps sind in der Graffiti-Szene natürlich bekannt – längst hat man Techniken ausgearbeitet, die die „Pieces“ (großflächige aufwendige Graffitis) noch eindrucksvoller erscheinen lassen. Da wird schon mal zur Farbrolle gegriffen, um Flächen auszumalen, oder eine Dose an die Wand geschlagen, um Vintage-Effekte zu erzeugen, wie beispielsweise bei Volker. Der 33-jährige aus Paderborn macht absichtlich Fehler, um sein Piece „trashig“ aussehen zu lassen, wie im Stil der 80er oder 90er Jahre.

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Bei großflächigen Tags wird schon mal zur handelsüblichen Farbrolle gegriffen

Zwei Mal im Jahr – am 2. Mai und Ende September – trifft er sich mit Leuten beim „Generation Arts“ in Paderborn, wo man sich untereinander austauscht und neue Stiltechniken entwickelt. Auch mit den Mindenern steht er in regelmäßigem Kontakt oder man tauscht sich über Facebook aus.

Guido Niemeyer, Quartiermanager von Minden-Rodenbeck, konnte da nur staunen, was die Jungs und Mädels alles an die Wände „warfen“. Angetan war er insbesondere vom Youngstyle des Künstlers Tim, der vor seinen Augen einen mattschwarz lackierten Kastenwagen mit selbst angefertigten Schablonen und Sprühdosen in ein wahres Schwarz-Weiß-Meisterwerk aus Taucher, Schiff, Möven und Doppeldecker, die aus den Wolken gleiten, verwandelte.

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Tim arbeitet mit Schablonentechnik, mithilfe dessen Schritt für Schritt Gesamtkunstwerke wie dieser Taucher entstehen

Wo man auch hinschaute, das weitläufige Gelände mit den unterschiedlichsten Flächen (Mauern, alte Türen, Container, Bauwagen, Hausfassaden) bot den rund 60 Graffiti-Künstlern aus ganz Deutschland unter Projektleitung von Mathis Kuhn, Mitglied des HACK & LACK e.V., viel Platz, um sich kreativ auszutoben. Wobei jeder seine ganz eigene Geschichte mit einbrachte. Sascha aus Solingen war beispielsweise schon zum vierten Mal dabei. Christian Leistner aus Minden, einer der Veranstalter der HACK & LACK, sprayt schon seit rund 20 Jahren. „Der Suppe“ aus Hamburg malt schon seit 27 Jahren, wurde von Freunden überredet mitzukommen und war seitdem das dritte Mal dabei. Sein lebensgroßer „Wicki“ entspricht haargenau dem Original.

Ein Style erinnerte schwer an die Graffitis der ehemaligen Berliner Mauer, die vom Aufbau her auch noch so aussah, nur wesentlich schmaler. Zwei Oldenburger machten sich hier mit ihren „Tags“ ans Werk. Tatsächlich steckt in einem von beiden Berliner Blut von Vaters Seite aus. „Angefangen hat ja alles mit der Besatzungsmacht in Berlin, die Amerikaner haben schon damals ihre grauen Häuser bunt angemalt.“ In „Grey City“ ist die US-Street-Art dokumentiert. Angefixt (mit der Idee angesteckt) wurde er aber von seiner Cousine, die aktiv taggt. Von ihr habe er auch das Graffiti-ABC erlernt.

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Wie schon damals an der Berliner Mauer verewigten sich bei der HACK & LACK in Minden Graffiti-Künstler mit ihren individuellen Tags

Auf die Frage hin, ob Sprayer bereits ein bestimmtes Bild im Kopf haben, bevor sie loslegen, antwortete einer von ihnen: „Ich lege einfach los und dann entsteht etwas. Es entwickelt sich dann eine gewisse Eigendynamik.“ NOFASE“ aus Minden gab noch seine Visitenkarte mit und wies auf seine Webseite hin. Gern bemalt er im Auftrag Kinderzimmerwände, T-Shirts, Autos, Garagen und vieles mehr.

Fast hätte es ja Samstagnachmittag danach ausgesehen, als ob alle Kunstwerke gleich den Bach runtergespült werden. Dem war zum Glück nicht so, der kurze Regenschauer verzog sich gleich wieder. Alle Graffitis, woran größtenteils den ganzen Samstag über gearbeitet wurde, weshalb viele schon am Freitagabend anreisten, konnten fertiggestellt werden. Als Highlight wurde der „Schief Bahn Express“, ein Holzmodell in Originalgröße, zum Drachenfisch umgestylt, eine Häuserfassade wurde – passend zum Motto 2015 – zur absolut großartigen Unterwasserwelt. Ein riesiger roter Oktopus „schwamm“ auf einer Holzwand. Und Anna, die wohl jüngste angereiste Graffiti-Künstlerin, malte phänomenale Quallen an die Wand.

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Als Highlight wurde der „Schiefe Bahn Express“, ein 1:1-Zugmodell aus Holz, zum Drachenfisch umgestylt

Als ob unsere Redakteurin an dem Tag nicht genug „Lack geschnüffelt“ hätte, kam sie schlussendlich bei so viel Begeisterung für das kreative Schaffen auf die wahnwitzige Idee, ihr Auto spontan ansprayen zu lassen. Und sie fackelte nicht lange und parkte es auf dem Gelände. Die zwei Graffiti-Künstler „XT“ und „MERO“ waren so nett und verwandelten ihren dunkelgrünen Seat Ibiza in ein Farbenmeer aus Grün-, Blau- und Rottönen mit einem darin schwimmenden Fisch. Während MERO das Farbenmeer in Nullkommanichts aufbrachte, arbeitete XT rund zwei Stunden an dem Fisch und feilte die kleinsten Details aus, bis er gegen Abend meinte: „Ich hab‘ schon einen Sonnenstich.“ Doch wie selbstverständlich vollendete er sein Werk.

Seat Ibiza 1
OctoberNews Wissen ist bunt Mobil in Freestyle – MERO-Seite

Wissen ist bunt in Minden und Umgebung – haben wir ja schon immer gesagt. ;o)

Seat Ibiza 2
OctoberNews Wissen ist bunt Mobil in Freestyle – XT-Seite

Ab der HACK & LACK 2015 kann unsere Redakteurin dank der beiden jungen Graffiti-Künstler – die wir an dieser Stelle ganz herzlich grüßen! – auch zeigen, dass Wissen bunt ist, und erntet seitdem glänzende Kinderaugen, Aussagen wie „cool“, „war das Absicht?“, „große Klasse“ sowie Kopfschütteln von Senioren auf Fahrrädern und staunende Blicke von Autofahrern, die plötzlich den Verkehr lahmlegen, weil sie sich das Gesamtkunstwerk mal näher anschauen.

Aber brüsten wollen wir uns damit nicht. Denn die Einzigen, die ein Lob verdient haben, sind die zahlreichen Menschen, die unsere graue Welt durch ihre schönen Graffiti-Malereien (von Schmierereien mal abgesehen, von denen sich auch die Künstler auf der HACK & LACK eindeutig distanzieren) ein bisschen bunter machen.

Informationen zur HACK & LACK Minden findet man übrigens auf deren Facebook-Seite.

Und apropos Künstler: Wussten Sie schon, dass Graffiti-Malerei bis heute als Kunst nicht offiziell anerkannt wird, sondern immer noch als Vandalismus? Wie kommt es dann, dass so viele Menschen auf dieser Erde diese „Vandalen“ zu sich nach Hause oder in die Firma bestellen und (nicht wenig) Geld bezahlen für die kreative individuelle Gestaltung ihrer Innenwände oder Außenfassaden, Kraftfahrzeuge, Garagen, Möbel (um nur einige Beispiele zu nennen)? Sogar Galerien schmücken sich mit Graffitis auf Leinwänden.

Doch nun zu unserer Fotostrecke:


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