Wir sind alle Mindener und sehen uns auch wieder

Podiumsdiskussion: IHK-Vertreter erwarten von Bürgermeisterkandidaten der Stadt Minden klare Bekenntnisse zu Wirtschaft und Industrie

Bürgermeisterkandidaten der Stadt Minden
Matthias Beier, Michael Jäcke, Ulrich Stadtmann und Jürgen Schnake (v. li.) in der Fragerunde von Mindens IHK-Vertreter Michael Rose (Mitte) – Fotos: onm

Der Countdown läuft: Am 27. Juli ist Kandidaturschluss für das Bürgermeisteramt der Stadt Minden, über das am 13. September 2015 von den Wählerinnen und Wählern neu entschieden wird. Amtsinhaber Michael Buhre wird nach 11 Jahren sein Amt an einen Nachfolger abtreten. IHK-Vertreter aus Wirtschaft und Industrie erwarten dahin gehend klare Bekenntnisse von den potenziellen Kandidaten und eine bürgernahe Verwaltung.

„Wir sind Mindener, genauso wie Sie, leben hier vor Ort, und wir sehen uns auch wieder – nicht nur heute, sondern auch in den nächsten Jahren“, betonte Dr. Henrik Follmann, MBA Triflex (Follmann Chemie Gruppe), in seiner Einleitungsrede.

In einer Podiumsdiskussion am vergangenen Mittwoch ging es Schlag auf Schlag. Matthias Beier (UB-UWG), Michael Jäcke (SPD), Jürgen Schnake und Ulrich Stadtmann (CDU/FDP/Grüne/Bürgerbündnis/Piraten) – Bürgermeisterkandidaten mit ernsthafter Bewerbungsabsicht – stellten sich den kreativen Fragen der Verantwortlichen der Industrie- und Handelskammer in den Räumen der Follmann Chemie GmbH in Minden.

Fritz Drabert
IHK-Mitglied Fritz Drabert moderierte das Rededuell der Bürgermeisterkandidaten

IHK-Mitglied Fritz Drabert (Urenkel des Stadthägener Hagemeyer-Firmengründers, bis 2014 Geschäftsführer der Hermann Hagemeyer Verwaltungs-GmbH in Minden) begrüßte die vier Kandidaten mit den Worten: Wir möchten nicht alle Probleme dieser Welt lösen, möchten aber die Kandidaten näher kennenlernen. Dafür haben wir Fragen vorbereitet, was sich bisher in unseren Veranstaltungen gut bewährte. Und: Bisher ist noch immer einer der vorgestellten Kandidaten gewählt worden.

„Und nicht abgewählt worden“, ergänzte zugleich Kandidat Beier.

„Das auch.“ Drabert führte sodann durch das Rededuell.

Während Amtsinhaber Michael Buhre „völlig unparteiisch“ sich die Vorstellung aus der Mitte des Publikums anschaute, vertraten alle seine potenziellen Nachfolger mit Elan und Spucke ihre ganz persönlichen Ansichten und Vorstellungen zur Entwicklung der Stadt Minden auf dem Podium. Jäcke und Stadtmann brachten eine Schar von Anhängern mit, die jedes ihrer Worte applaudierten. Beier und Schnake standen ein bisschen allein auf weiter Flur, konnten sich teils jedoch gut gegen ihre Konkurrenten durchsetzen.

Zusammenfassend möchte der offiziell von seinem Fünf-Parteien-Bündnis noch gar nicht aufgestellte Kandidat Stadtmann am liebsten alle Haushaltslöcher mit Fördergeldern stopfen und Jäcke praktisch nahtlos in die Fußstapfen seines scheinbaren SPD-Vorbilds Michael Buhre treten. Der parteilose Schnake, der noch 300 Unterschriften für seine Kandidatur hinterherrennt, und Stadtmann sind sich einig: Ein besseres Marketing muss her. Beier der Unabhängigen Bürgerpolitik / Unabhängigen Wählergemeinschaft möchte Modernes und Historisches in der Stadt Minden miteinander vereinbaren und durch Kaufhäuser bis zum Bahnhof laufen.

Fakt ist – und da sind sich alle Diskussionsteilnehmer einig: Minden braucht Geld, aber die Stadt soll weiter expandieren und der Haushalt in 2016 ausgeglichen werden.


Matthias Beier
UB-UWG’ler Matthias Beier veranschaulicht die „Acht Gewerbesteuer-Irrtümer“ und den „Papiertiger“ an Sitzungspapieren und Wirtschaftsförderungskonzept

Matthias Beier (UB-UWG), 53 Jahre, ledig, aus Minden ist Freiberufler, Kreistagsmitglied des Kreises Minden-Lübbecke und Mitglied in Gremien, im Kreis, im Finanzausschuss und im Ausschuss Bau, Energie, Umwelt und Verkehr sowie Verwaltungsrat der Mühlenkreis-Kliniken. Würde er zum Bürgermeister der Stadt Minden gewählt werden, würde er die Beseitigung der historischen Laternen in der Fußgängerzone der Innenstadt verhindern, bevor Stadtführer nicht mehr dazu imstande seien, Besuchern zu erklären, dass dies „unsere 1000-jährige Altstadt“ sei, eine Kreiskooperation zum Bau einer Westfalen-Arena anstreben und sich dafür einsetzen, die marode Kampa-Halle neu aufbauen zu lassen. Als sein Hobby nennt er schlichtweg „Kommunalpolitik“.

Das kleine Handbuch „Acht Gewerbesteuer-Irrtümer“ hat er mal durchgeschaut und festgestellt, dass dass Irrtümer der Kommunalpolitik heute aktuell sind. Ein „Stapel an Sitzungspapieren“ und zu lang andauernde Ratssitzungen seien keine Schuld der kleinen Parteien, insofern seien neue Sperrklausel-Pläne unehrlich durch die großen Parteien ins Feld gebracht – das würde er besser machen wollen. Das Wirtschaftsförderungskonzept der Stadt Minden hat er im Internet gar nicht erst gefunden, was aber gar nicht so schlimm wäre, denn er würde es soundso erst mal neu schreiben und diesen „Papiertiger“ komprimieren.

In puncto kommunaler Zusammenarbeit mit Porta Westfalica zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Mindens denkt er zuerst an einfache Dinge, wie beispielsweise die Zukunft des Preußen-Museums mit dem Tourismus des Kaiser-Wilhelm-Denkmals zusammenzulegen. Zudem möchte er dem Bahnhof Minden keine Stolpersteine vorbauen, indem man den Durchgang in der City für Passanten schließt, denn dieser wurde wohl schlichtweg vergessen bei der Planung des zu sanierenden Hertie-Gebäudes.

Besonders stolz ist Beier auf die Durchsetzung des Sozialtickets im Kreistag, das 2016 für rund 25 Euro eingeführt werden soll Medienberichten zufolge. Dies habe man sozusagen als „Staffellauf“ gerade noch rechtzeitig durchgebracht, denn die Vergabe von Fördermitteln in Düsseldorf wurde just danach geändert.

Seine Chance, als Mindener Bürgermeister gewählt zu werden, schätzt er „schon als vorhanden ein, denn er kenne die Leute im Stadtrat, die Fraktionen – das würde funktionieren“. Auf Nachfrage von IHK-Mitglied Dr. F.-W. Hillbrand stehe seine Repräsentation zum Kreis Minden-Lübbecke außer Frage, er stünde in der Mitte, wobei es jedoch nicht einfach wäre, Minden zu vertreten. Denn „Minden hat den Ruf, dass die sich um jede Beteiligungsausgabe drücken wollen.“

Zudem halte man den Zauberstab auf dieses RegioPort-Projekt, äußerte er in einem Wort an Bürgermeister Buhre. Schon damals hätte er darauf hingewiesen, dass lediglich zwei Containerschiffe pro Woche nach Minden fahren und zwei, die pro Woche von Hamburg einlaufen. Zur A30 beruhigte er die Gemüter: „Die A30 ist Ost-West-Verkehr. Wer von Minden Richtung Berlin fährt, fährt sogar durch Bückeburg, Bad Eilsen, dann nach Norden nach Vennebeck. Es werden da ohnehin keine Zigtausende Fahrzeuge vorbeirauschen.“

Als Vervollständigung auf eine der zehn individuellen Sätze aus dem Fragenkatalog der Industrie- und Handelskammer „Wenn mich Fahrradfahrer in der Fußgängerzone haarscharf überholen …“, ergänzte Kandidat Beier: „… bin ich manchmal schon ein bisschen sauer, kommt manchmal aber auf das Tempo drauf an.“


Jürgen Schnake
Mit Jürgen Schnake als Bürgermeister würde Minden eine kreisfreie Stadt werden – „nur so könne man effektiv und schnellstmöglichst wieder auf die Beine kommen“

Jürgen Schnake (parteilos), 45 Jahre, aus Minden, selbstständiger Verkaufsberater, „Bürgermeister(kandidat) mit Rückgaberecht“ (bekannt aus unserer Beitragsserie Schnake für Minden), möchte sich für die Entschuldung der Stadt Minden einsetzen, eine Leerstandsteuer einführen, die Hundesteuer abschaffen, den Tourismus fördern und auf Kanzlers Weide Großkonzerte ausgeführt sehen. Er habe vier Jahre damit zugebracht, Potenziale wie Probleme dieser Stadt zu analysieren, weshalb er empfiehlt, den Kreis Minden-Lübbecke zu verlassen, „solange der Kreis der Stadt sämtliche Entwicklungsmöglichkeiten der Kreisumlage nimmt“.

Er zitierte Steffen Kampeter, der am 21. Mai im Deutschen Bundestag sagte: „Es ist falsch, zu sagen, dass Schulden irgendein Problem lösen können. Schulden sind das Problem. Wer keine hat, ist handlungsfähig. Und wer zu viele hat, der geht unter.“ Genau an diesem Scheideweg stünde Minden im Moment.

Während der Diskussion korrigierte er die „rhetorische“ Arbeit des Kandidaten Jäcke, es gäbe drei halbe Stellen in der Wirtschaftsförderung der Stadtverwaltung und nicht zwei neue Mitarbeiter; wie auch IHK-Mitglied Fritz Drabert: Die Stadtverwaltung kenne kein „aktives Wirtschaften“ – es würde verwaltet, aber nicht aktiv bewirtschaftet, schon gar nicht der RegioPort. Insbesondere betonte er, dass in knapp 11 Jahren praktisch nichts geschafft wurde, mit den deutlichen Worten: „Und jetzt gehen Sie raus und gucken Sie sich die Stadt an. … Die Wappen von Minden (Raddampfer) konnten Sie ja auch nicht halten.“

Als denn Kandidat Stadtmann mit einem Kino in der Innenstadt punkten wollte, verwies Schnake energisch auf das vergangene „hervorragend durchdachte Konzept der Volksbank Mindener Land, wo die Verwaltung das Jobcenter reingesetzt hat – wir hätten ein Kino in der Stadt haben können.“ (Siehe auch unser Beitrag). Der Aussage von Stadtmann, zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Minden als Erstes „Dialog mit Porta Westfalica aufzunehmen und ein gemeinsames Marketing aufzustellen, um mehr Geschäfte in die Innenstadt zu bekommen“, stimmte Schnake hingegen vollumfänglich zu, wies aber auch hier darauf hin, dass seine (Schnake) Idee „genau deswegen Herrn Hedtmann schon seit Wochen auf dem Schreibtisch“ läge, der jedoch nicht antworte.

Mit der Ergänzung „Das ist wie in der Wirtschaftsförderung: Sie müssen auch machen, Sie müssen auch tun“, schoss Schnake sich jedoch ein Eigentor, denn Stadtmann entgegnete ihm: „Sie warten noch auf Antwort von Herrn Hedtmann, ich bin mit ihm im Gespräch.“

Dafür hat Kandidat Schnake den letzten Haushalt komplett durchgelesen. Den desolaten Zustand des Mindener Haushalts der Finanzkrise 2008/2009 in die Schuhe zu schieben (laut Jäcke), gleichzeitig aber zu argumentieren, dass dies überhaupt nicht die Planung des RegioPorts beeinflusse, befand er als sehr verblüffend.

Grob gesehen schien dieser Bürgermeisterkandidat mehr auf Belehrung seiner Nebenbuhler zu setzen an diesem Abend, als sich auf handfeste Aussagen festzulegen. Mit Antworten auf die Fragen der Gastgeber wie beispielsweise „wir sollten das machen, was funktioniert“ oder „es muss tatsächlich voran gehen, aber dann tun Sie doch bitte auch was“ gewann er nicht wirklich die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuschauer.

Dennoch gelang es Jürgen Schnake, als er sich wieder gegen Stadtmann wehrte, mit den Worten: „Wir haben in den letzten zwei Jahren beim WeserPort gesehen, wo das Land Niedersachsen Milliarden versenkt hat wegen dem schlechten Marketing. Und das sehe ich hier beim RegioPort auch: Die Schiffe kommen nicht über die Weser, und sie kommen auch nicht unter den Brücken durch.“

Im Übrigen, wenn ihn jemand in der Fußgängerzone nach einem Euro fragen würde, „kann er den bekommen – nur nicht alle auf einmal.“ (aus einer der individuell zu vervollständigenden Sätze der IHK).


Ulrich Stadtmann
Für Ulrich Stadtmann ist Wirtschaftsförderung Chefsache

Ulrich Stadtmann, 53 Jahre, verheiratet, zwei Töchter, ist seit 2009 CDU-Fraktionschef im Mindener Rat sowie Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Mindener Entwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft (MEW). Für ihn sei Wirtschaftsförderung Chefsache, er möchte einen ausgeglichenen Stadthaushalt ohne Steuererhöhung.

Während Gastgeber Dr. Henrik Follmann Minden als eine klassische Mittelstadt bezeichnete, die aufgrund ihrer heterogenen Struktur der Wirtschaft seiner Ansicht nach viele Chancen hätte, lehnte sich Kandidat Stadtmann ziemlich weit aus dem Fenster mit den Worten: „Minden soll eine Großstadt werden.

Als gebürtiger Münsteraner fahre er zwar bei Wind und Wetter Fahrrad, würde sich jedoch für Minden wünschen, dass der öffentliche Personennahverkehr so ausgebaut würde, dass Kinder und Eltern abends noch mit dem Bus nach Hause kommen – sei es vom Kino oder nach einem Glas Wein, was in jeder Großstadt üblich sei.

Sollte er Bürgermeister von Minden werden, würde er ab sofort so viel Geld ausgeben, wie eingenommen wird. „Wenn Michael Buhre keinen ausgeglichen Haushalt mit seinem Ausscheiden auf den Tisch legt, werde ich am 21. Oktober sofort damit beginnen, den Haushalt zu überarbeiten. Ich bin zuversichtlich, dass es uns gelingen wird, daran zu arbeiten.“

Stadtmann kritisierte, „dass man in dieser Innenstadt nicht so einkaufen kann, wie man sich das wünscht“. Es gehöre eigentlich nicht nur Hagemeyer hin, sondern gegenüber müsse sich auch was entwickeln. Als CDU-Fraktion sei man letztens am RegioPort gewesen, der seiner Meinung nach auf einem guten Weg wäre. Minden verkaufe sich jedoch unter Wert. Zudem solle man doch der Wirtschaft entsprechend mehr Freiraum geben, dass sie sich in der Stadt weiter entfalten könne.

Auch er habe den Haushalt intensiv durchgelesen, der stetig fortgeschrieben würde, wo man irgendwann die Zahlen weitgehend im Kopf hätte. Das Problem sei nur, dass Minden immer zu wenig Geld habe, zurzeit 10 Millionen Euro im Minus, alle andere Kommunen hingegen Überschüsse. In der Vergangenheit wurde das Problem wohl immer damit gelöst, dass man sagte, „in fünf Jahren wird alles gut“, habe man immer Fünf-Jahres-Pläne gemacht. Nun müsse man einen ausgeglichenen Haushalt auf den Tisch legen. Worauf IHK-Mitglied Dr. Hillbrand trocken erwiderte: „Das ist eine Mathematik: Minus mal Minus ist Plus.“

Eine Verschlankung der Verwaltungselemente wäre seiner Meinung nach die Lösung, die Kandidat Jäcke so gar nicht schmeckte und als „Luftschlösser“ bezeichnete. Aber auch Beier entgegnete, dass sich „die Kommunalpolitik regelrecht festmanövriert“ hätte. Woraufhin Stadtmann gleich einschränkte, dass „das Problem der Verwaltung natürlich nicht zum nächsten Haushalt zu lösen sei oder sonst“. Man müsse die Verwaltung „halt mal anders aufstellen“ und mit dem Land verhandeln. „Das werde ich als Erstes machen: Sobald ich Bürgermeister bin, werde ich auf Porta zugehen.“

Dr. Follmann
Gastgeber Dr. Hendrik Follmann beruhigte die Gemüter an dieser Stelle: „Bei Geld hört der Spaß auf. Das hört man auch bei dieser Diskussion.“

Weiter nannte Stadtmann seine Ziele, mehr Menschen außerhalb Mindens durch eine attraktivere Innenstadt anzulocken, das Hertie-Gebäude wieder zu reaktivieren, das Wohnen in der City durch mehr Generationenwohnungen weiterzuentwickeln und ein WEZ hinzuholen sowie den Naherholungswert der Weser zu steigern. Überhaupt könne man mit Fördermitteln eine Menge bewirken, beispielsweise Hochwasserschutz betreiben. Aber die Autobahn A30 sei ein Problem von Bad Oeynhausen.

Auf das von der IHK angesprochene Problem von erheblichen Sammlungen von Einzelhandelsgutachten, die jedes Mal eingeholt würden, wenn was Neues ansteht, nannte Kandidat Stadtmann einen geplanten „Baubeigeordneten„. Doch „wenn keiner kommt, können wir auch nichts begutachten“.

Auf einen zu vervollständigen Satz aus dem 10-Fragen-Katalog der IHK, „Im Bürgermeisteramt als Grußonkel oder umgekehrt als volksferner Verwaltungstechnokrat bezeichnet zu werden …“, antwortete er: „Ich sehe das Problem der Abschaffung des Stadtdirektors nicht.“


Michael Jäcke
Michael Jäcke befürwortet den RegioPort und ist Steuererhöhungen nicht abgeneigt

Michael Jäcke aus Minden, 53 Jahre, IT-Manager in einem großen Unternehmen, verheiratet, zwei Kinder, hat 30 Jahre lang Handball gespielt, fährt am liebsten an die Nordsee und Sylt, ist seit 11 Jahren im Mindener Stadtrat, Vorsitzender des SPD-Verbandes Minden und Vorsitzender im Bildungsausschuss. Er würde gern politischer Bürgermeister sein und nicht in erster Linie Verwaltungsbürgermeister. Seine Schwerpunkte sieht er in der Wirtschaftsförderung und allgemeinen Weiterentwicklung des Standortes und der Innenstadt Mindens einschließlich RegioPort, den er klar und deutlich verteidigte, sowie in der Schulpolitik.

Auch er habe bereits die Entwicklung der Stadt Minden aktiv mitgestaltet und gehe davon aus, dass der ausgeglichene Haushalt 2016 erreicht wird – ob mit oder ohne Steuererhöhung. Aber eins kann er schon jetzt in die Hand versprechen: „Ich bin seit 27 Jahren in einem großen Mindener Unternehmen angestellt. Diese Erfahrung aus der Wirtschaft kann ich einbringen.“

Er bezeichnet sich selbst als „Teamplayer“, folgte den Worten des Dr. Follmann, dass Minden einen gut aufgestellten Mittelstand hätte, aber auch Global Player, dessen Einklang man fördern müsse. Er bedankte sich ausführlich bei der IHK, Dr. Follmann, der MEW und allen Unternehmen, „die sich in den letzten 10 Jahren aktiv für die Stadt Minden eingesetzt haben, auch in kulturellen Bereichen“. Er betonte, dass Minden ein Industrie- und Produktionsstandort sei, das auch so bleiben soll.

Insbesondere hob er die Arbeit von Michael Buhre hervor, der alle 14 Tage Gespräche mit Wirtschaftsvertretern führen würde, und machte darauf aufmerksam, dass dank der SPD-Fraktion bereits viele Jugendhäuser und kulturelle Einrichtungen erhalten bleiben konnten, die in anderen Städten schon längst den Bach runtergegangen wären. Zudem sei der „Papiertiger“ Wirtschaftsförderungsprogramm kein Programm für die Schublade, könne daher nicht auf einen Schlag abgearbeitet werden. Mit ihm als Bürgermeister würde man den Bereich Baugenehmigungen zumindest neu ordnen.

Weitere Gewerbegebiete, die Vertreter der IHK sehen möchten, müssten erst einmal aufgetrieben werden, Flächen bereitgestellt werden. Einen konkreten Plan für einen großflächigen Straßenausbau in puncto RegioPort sieht er ebenfalls nicht. Dafür dürfte seiner Meinung nach eine „vollflächige Versorgung mit vernünftigem DSL“ in naher Zukunft machbar sein. „50 MBit/s reichen sicherlich für die meisten Unternehmen erst mal aus, 100 MBbit/s wären besser.“

Auf die Frage von IHK-Mitglied Michael Rose (Geschäftsführer der Rose Immobilien KG) hin, warum man mit der Verwaltung nicht in das prunkvolle Gebäude „Alte Bezirksregierung“ am Weserglacis, das jetzt leer steht, umzieht, entgegnete Kandidat Jäcke, dass sich dieses nicht als modernes Verwaltungsgebäude herrichten ließe und für derartige Zwecke ungeeignet sei. Auch den Vorschlag, dort in einen günstigen Mietvertrag einzutreten, lehnte er vehement ab: „Nein, wir haben eine Entscheidung gefällt, dass das Rathaus in seinem Bestand umgebaut wird. Das war nicht meine Wahl, hätte gern eine andere Lösung. Aber die Wahl ist gefallen und dazu stehe ich auch.“

Jäcke greift nach Mikrophon
So manches Mal hätte Kandidat Jäcke gern das Mikrofon ergriffen von IHK-Moderator Dr. Hillbrand vor seinem Konkurrenten Stadtmann

Den Haushalt habe er nicht komplett durchgelesen, brauche er auch nicht, da man immer eine gute Management-Zusammenfassung bekäme, was in vielen Fällen ausreiche. Das Minus in der Haushaltskasse begründete er mit der Finanzkrise 2008/2009 und der Unterversorgung der Kommunen durch Berlin. Außerdem habe die Stadt einen überdurchschnittlich starken Anteil an HartzIV-Empfängern und musste Migranten aufnehmen. Einen Ausgleich sieht er da in den erhöhten Sondernutzungs- und Parkgebühren.

Insgesamt hätte Minden ein Einliegerproblem, etliche Leerstände in der Innenstadt seit Jahren zu verzeichnen, was er jedoch den Eigentümern der Immobilien zuschreibt: „Wenn es für die günstiger ist, das leerstehen zu lassen, als dort Geschäfte reinzuholen, dann ist das nicht das Problem der Stadt.“ Dennoch bekennt er sich zu fehlenden Sortimenten, betonte aber im gleichen Zuge, dass in 1A-, 1B- und 2A-Lagen unterschieden würde, wobei Investoren lediglich auf 1A-Lagen, wie zum Beispiel die Bäckerstraße, abzielen würden. Sein Statement: „Wir müssen mehr Verkaufsfläche akquirieren und auch delegieren.“

Mit einem persönlichen Anliegen trat IHK-Vertreter Drabert an ihn heran: „Früher hatte die Stadt Minden mal eine Kneipenszene. Wo ist die geblieben?“ Das sei wieder eine Frage eines Investors, laut Jäcke. Und „wenn es dort wieder attraktives Wohnen gibt, wird sich dort auch wieder eine Gastronomie ansiedeln.“ Mit dieser Antwort gab sich Drabert nicht zufrieden und merkte an: „Wir sollten uns die Frage stellen, wenn wir Studenten haben wollen, wo die abends hingehen sollen.“

Zudem sei der WEZ in der Ringstraße ein klarer Verstoß gegen das Einzelhandels- und Zentrenkonzept der Stadt Minden, so Drabert weiter, was Kandidat Jäcke nicht so sehe, sondern als „hervorragenden Standort für die Versorgung der Oberen Altstadt“. Was die Errichtung von Baumärkten angeht, können diese „auf der grünen Wiese stehen, wenn wir die innenstadt-relevanten Sortimente wieder in die Stadt bekommen“.

IHK-Moderator Rose warf dann noch die Möglichkeit einer Landesgartenschau in den Raum, was Stadtmann unter Einschränkungen (Hochwasserschutz) „hochgradig attraktiv“ fände, Jäcke aber auch „risikolastig“. Seiner Meinung nach müsste das Glacis einfach umgestaltet werden: „Das Unterholz kann soweit weggeholzt werden, dass wir dort eine attraktive Parkfläche bekommen können. Das Glacis ist keine Naturlandschaft.“

Ob er als Bürgermeister noch Zeit für seine Angehörigen und sich selbst hätte, antwortete Jäcke, dass die Dienstzeit schon fest eingeplant sei und er seine Laufzeit weiterhin einhalten würde. Wenn ihn Mitarbeiter der Stadtverwaltung nicht ernst nehmen würden, „würde ich sie zu einem Vier-Augen-Gespräch bitten und das Thema erörtern“.

Quelle: Alle Aussagen beruhen auf unsere Tonaufnahme der kompletten zweieinhalbstündigen Veranstaltung.


Diesen Bericht teilen: