Wichernschule Minden ringt um Kapazitäten

Über 200 Schüler bringen Förderschule an den Rand der Kapazitäten - Schulamt Minden-Lübbecke prüft künftige Nachfrage von Schülern mit Behinderung

An der Wichernschule Minden der Diakonie Stiftung Salem wird der Platz trotz Neubau nebenan langsam eng für die über 200 Schülerinnen und Schüler mit Behinderung, die in ihrer geistigen Entwicklung Unterstützung benötigen – Fotos: onm

Die Wichernschule Minden für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen im Schulalter scheint seit Herbst letzten Jahres trotz Erweiterungsgebäude an den Rand ihrer Kapazitäten zu kommen. Über 200 Schülerinnen und Schüler belegen zurzeit alle verfügbaren Plätze. Doch die Verhandlungen mit dem Träger, der Diakonie Stiftung Salem, und dem Schulamt Minden-Lübbecke laufen schleppend. Jetzt soll ein Schulbedarfsplan Auskunft darüber geben, ob die hohe Nachfrage auch zukünftig gegeben sei, davon hängen die künftigen Mittel ab. Wann das Schulamt den Plan vorlegt, ist ungewiss.

Ein Thema, das auch einmal öffentlich gemacht werden sollte, findet ein Elternteil eines Kindes, das auf die Wichernschule Minden – eine private Förderschule der Diakonie Stiftung Salem gGmbH – geht. (Der Name des Elternteils darf aus persönlichen Gründen und zum Schutz des Kindes nicht genannt werden). „Diese Schule in Trägerschaft der Diakonie, aber auch zum Kreis und der Stadt gehörig, hat für 170 Schüler Platz. Im Moment sind dort aber 220 Schüler! Der Kreis will nichts unternehmen und zeigt auf andere“, heißt es in der ersten E-Mail vom 10. November 2018 an unsere Redaktion.

Hinter verschlossenen Türen der Wichernschule Minden scheint einiges zu brodeln – ein Elternteil will den Zustand nicht länger hinnehmen und fordert Handlung von den Verantwortlichen des Kreises

In der Tat wird das scheinbare Kapazitätsproblem nicht öffentlich kommuniziert. Lediglich auf einer Webseite der Wichernschule findet man seit dem 14. November 2018 unverändert die Information, dass „derzeit mehr als 200 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 6 und 19-20 Jahren die Schule besuchen“. Dass in dieser Schule nur 170 Plätze zur Verfügung stehen und im November letzten Jahres 220 Schüler die Kapazität bereits ’sprengten‘, davon ist nirgends die Rede. Auf einer Webseite der Diakonie Stiftung Salem heißt es, dass die Schule „insgesamt gut 200 Plätze“ anbiete.

Selbst Anja Mensing, Schulleiterin (auch: Rektorin) an der Wichernschule Minden, die sich wohl sehr für eine angemessenere Regelung einsetzt, redet in ihrem Antwortschreiben von „gut 200 Schülerinnen und Schülern“, die derzeit die Schule besuchen. Dabei habe sie nach Angaben des Elternteils (E-Mail vom 15. November 2018) doch bei der letzten Schulkonferenz vor den Herbstferien 2018 geschildert, „dass nach den (Weihnachts-) Ferien 220 Schüler die Schule besuchen. Kapazität ist aber 170 Schüler. Der Platz sei nun extrem knapp, man würde auf Hilfen des Kreises oder/und des Trägers hoffen, da es kritisch werde.“ Genaue Zahlen, wie viele Plätze nun wirklich zur Verfügung stehen und wie viele Kinder und Jugendliche mit Behinderung die Wichernschule damals und aktuell besuch(t)en, will man offensichtlich nicht bekannt geben.

Aber das sei nicht alles. Weiter heißt es in dem Schreiben des Elternteils: „Sie hätte da bereits einen Termin mit der Kreisdirektorin Frau Schöder und wohl ebenfalls Gespräche mit dem Träger, der Diakonie. Beim letzten Schulausschuss des Kreises war Frau Mensing anwesend.“ An dem Tag hätte jemand „angefragt, ob nun – ähnlich städtischen Schulen – evtl. Container aufgestellt werden. Antwort: Es sei derzeit nichts angedacht.“ Eine Anfrage an den Bildungsausschuss hätte das gleiche Ergebnis ergeben. „Mein Eindruck: Es wird gemauert, ich bekam nur die nötigsten Informationen“, so der Elternteil.

Ein gewisses Verständnis für die Situation kann der Elternteil dennoch aufbringen. So heißt es weiter in der Nachricht vom 15. November: „Was die Schulleitung angeht, steht sie zwischen allen Stühlen. Der Träger ist die Diakonie, die Lehrer werden zwar von der Bezirksregierung bezahlt und sind teils Beamte. Auch die Stadt Minden mischt mit. Und: Offensichtlich (mein Eindruck) ist niemand bereit hier Kosten für eine Containerlösung zu übernehmen. Intern jammert Frau Mensing zurecht über fehlenden Raum, nach außen wird gemauert. Soweit ich mitbekommen habe, ist die derzeitige Sprachregelung, dass es noch so eben geht.“ Etwas Schriftliches wie beispielsweise eine allgemeine Information zur aktuellen Lage habe der besorgte Elternteil auch nicht erhalten, wie unsere Nachfrage ergab.

Mit einem Neubau auf dem gleichen Schulgelände des Altbaus wurde der Platz der Wichernschule Minden bereits erweitert – doch werden die Kapazitäten auch künftig genügen?

All das deutet darauf hin, dass der Platz wirklich knapp wird, wenn nicht sogar die Kapazität bereits überschritten wurde an der Wichernschule Minden. Also muss augenscheinlich eine zeitnahe Lösung her. Hier kann aber nur der Träger, die Diakonie Stiftung Salem, die Stadt Minden und der Kreis Minden-Lübbecke weiterhelfen. Doch genau daran hapert es wohl. Auf unsere Nachfrage vom 21. November 2018 antwortete am 17. Januar Rektorin Mensing (Zitat):

„Wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in ihrer geistigen Entwicklung Unterstützung benötigen, wünschen sich die Familien vor allem eins: die richtige Schule für ihr Kind zu finden, in der es individuell gefördert wird und sich beste Perspektiven erschließen kann.

Die Wichernschule der Diakonie Stiftung Salem ist so ein Ort. Als Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ holen wir jedes Kind da ab, wo es gerade steht. Wir stärken und stützen es in unserer Ganztagsschule dabei, wertvolle Kompetenzen für ein selbstbestimmtes Leben zu erlangen.

Gut 200 Schülerinnen und Schüler besuchen die Wichernschule derzeit. Ob diese Nachfrage auch in Zukunft gegeben ist, wird gerade geprüft. Eine Prognose erstellt das Schulamt des Kreises Minden-Lübbecke derzeit. Dieser sogenannte Schulbedarfsplan wird Anhaltspunkte für die nächsten Schritte geben. Diese Schritte werden sich am konkreten zukünftigen Bedarf orientieren.“

Wie sehr der Schulleiterin die Hände gebunden sind, kann man förmlich herauslesen. Um eine (weitere) Förderung nicht zu gefährden, werden auch wir nicht weiter ausholen oder nachhaken, waren dennoch am 19. Januar vor Ort, um ein paar aktuelle Eindrücke von außen mitzubringen.

Eingangsschild der Wichernschule Minden

Aber eines sei an dieser Stelle gesagt: Eine Schule – ob privat oder öffentlich -, die offenbar alles dafür tut, um junge Menschen mit (geistiger) Behinderung optimal auf ihrem (Schul-) Weg zu begleiten und zu fördern, sollte unserer Meinung nach vom Land Nordrhein-Westfalen, vom Kreis Minden-Lübbecke und der Stadt Minden wie auch vom Träger mit allen zur Verfügung stehenden (finanziellen und baulichen) Mitteln unterstützt werden. Denn Kinder sind unsere Zukunft – ob ’normal‘ entwickelt oder mit der einen oder anderen Behinderung. Sie alle werden später unsere Arbeitswelt bereichern. Und wie heißt es so schön auf dem Eingangsschild der Wichernschule Minden: „Diakonie Stiftung Salem verbindet Menschen“.

Neben der Wichernschule werden übrigens bald moderne barrierefreie Eigentumswohnungen angeboten. Ein Bauschild verweist auf ein Grundstück, wo ein oder mehrere Neubauten entstehen sollen. Die ersten Sträucher wurden bereits in Containern entsorgt. Das Bauschild enthält auch Kontaktdaten, um ein Exposé anzufordern, siehe unsere Fotos:

++ UPDATE ++

Nach neuesten Angaben des Elternteils (E-Mail vom 20. Januar 2019) gab es Ende letzten Jahres wohl ein Gespräch des Mindener Tageblatts (MT) mit der Schulleiterin Anja Mensing. In dem Bericht vom 19. Dezember 2018 (siehe mt.de mit Paywall) heiße es unter anderem, dass „220 Schüler in 21 Klassen“ Mitte Dezember letzten Jahres bereits die Wichernschule besuchten und man „dringend mehr Platz“ benötige, ein Werkraum musste deswegen wohl schon als Lehrraum hergerichtet werden.

Wenn man hier zwischen den Zeilen lese, so der Elternteil, dann sei in diesem Bericht „von Konflikten mit der Diakonie, dem Kreis oder der Stadt Minden wenig zu lesen. Wie gesagt: Es wird gemauert. Kritik am Inklusionssystem (1/3 der Neuschüler kommen von Regelschulen) immer nur ganz vorsichtig.“

Demnach ist wohl die Kapazität der Wichernschule längst überschritten und dringend Handlungsbedarf erforderlich vonseiten des Trägers, der Diakonie Stiftung Salem, der Stadt Minden und des Schulamts des Kreises Minden-Lübbecke.


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