Westfalen Weser Netz will auf digitale Stromzähler umstellen in Minden

Alte Zählertechnik soll von Netzbetreiber in LEG-Mietshäusern durch Smart Meter "Norax 3D"-Zähler ersetzt werden - Endverbraucher haben kein Auswahlrecht

Gehören die analogen Stromzähler bald der Vergangenheit an? Der Netzbetreiber ‘Westfalen Weser Netz’ kündigt Wechsel auf moderne Messeinrichtungen an – Symbolfoto: onm

Über ein Umlaufschreiben kündigt der regionale Netzbetreiber ‘Westfalen Weser Netz’ LEG-Mietern an, in den nächsten Monaten vorhandene Zähler gegen moderne Messeinrichtungen auszutauschen. Mit dem neuen Smart Meter ‘Norax 3D’ soll die Digitalisierung der Energiewende auch in der Stadt Minden Einzug halten. Doch Mieter müssen voraussichtlich mit einer Steigerung des Messentgelts rechnen, sich bei der Bedienung umstellen und erhalten im bestimmten Fall zwei Stromrechnungen. Zudem haben Endverbraucher im Gegensatz zu Österreich kein Auswahlrecht.

“Die digitale Zukunft hält nun auch im Bereich der Stromverbrauchserfassung Einzug”, heißt es in der Praxisanleitung der Westfalen Weser Netz GmbH zum neuen digitalen Zähler ‘Norax 3D’. Mit dem Einbau dieser Messeinrichtung möchte der regionale Netzbetreiber das ‘Gesetz über den Messstellenbetrieb und die Datenkommunikation in intelligenten Energienetzen’, kurz: Messstellenbetriebsgesetz (MsbG), das am 2. September 2016 in Kraft trat im Rahmen des Gesetzes zur Digitalisierung der Energiewende vom 29. August 2016, “in den nächsten Monaten” in der Stadt Minden umsetzen.

Angekündigt wurde das Mietern der Immobiliengruppe LEG mit einem Informationsschreiben vom 25. April 2019, in dem ‘Westfalen Weser Netz’ sich auf das Messstellenbetriebsgesetz beruft und ausführt, “damit den Grundstein zur Modernisierung und Digitalisierung Ihrer Stromversorgung” zu legen. Der Netzbetreiber sei eben auch “grundzuständiger Messstellenbetreiber” sowie “für den Betrieb, die Wartung und die Ablesung” der Stromzähler zuständig. So informiert der Netzbetreiber in dem Umlaufschreiben unter anderem über die zukünftigen Kosten, Abrechnungsmethoden, dass man den “Umbautermin mindestens 2 Wochen vorher mit einem weiteren Schreiben oder einem Aushang im Gebäude” ankündigen würde, gibt rechtliche Hinweise, stellt Kontaktdaten zur Verfügung und verweist auf seine Internetseite https://ww-netz.com/digitalisierung.html, wo man weitere Informationen finde.

Nicht beigelegt war allerdings der beschriebene Flyer. Auch findet sich im Abschnitt “Rechtliche Hinweise und Datenschutz” keine Belehrung darüber, dass der Gesetzgeber Endverbrauchern ein Auswahlrecht einräume. Denn das ist in Deutschland nicht vorgesehen.

Deutsche Endverbraucher haben kein Auswahlrecht

In Österreich ist in § 83 des Elektrizitätswirtschafts- und -organisationsgesetzes 2010 (ElWOG 2010), das am 7. August 2013 in Kraft trat, geregelt:

“(…) Im Rahmen der durch die Verordnung bestimmten Vorgaben für die Installation intelligenter Messgeräte hat der Netzbetreiber den Wunsch eines Endverbrauchers, kein intelligentes Messgerät zu erhalten, zu berücksichtigen. (…)”,

Jeder österreichische Endverbraucher hat demnach das Recht, den Umbau von einem analogen zu einem digitalen, intelligenten Strommessgerät, einem sogenannten ‘Smart Meter’, abzulehnen. Davon abgesehen, dass sich die Netzbetreiber und Stromanbieter Österreichs vehement dagegen zu wehren scheinen, wie man zahlreichen Sucheinträgen im Internet entnehmen kann, sieht der deutsche Gesetzgeber erst gar kein Auswahlrecht vor.

Denn wie schon in unserem Bericht vom 14. Dezember 2015 erläutert, hatte die EU-Kommission in 2009 mit der Europäischen Richtlinie zur Energieeffizienz und Energiedienstleistungen (EDL) die rechtliche Grundlage dafür geschaffen, digitale Messgeräte zur Pflichtausstattung von Wohnungen und Häusern zu machen, um Strom sparen zu können. Die Bundesrepublik Deutschland hat letztlich mit ihrem Messstellenbetriebsgesetz die Rahmenbedingungen geschaffen.

Kurzum: Alle deutschen Haushalte mit einem Verbrauch von unter 6000 Kilowattstunden (kWh) müssen vom Gesetz her bis spätestens Ende dieses Jahres bzw. im Jahr 2020 mit modernen Messeinrichtungen (mME) ausgestattet werden und jeder Endverbraucher ist dazu verpflichtet, der Umrüstung von analog auf digital zuzustimmen. Bei Kunden mit einem Verbrauch von unter 10.000 kWh wird ab 2020 umgerüstet. Und bis zum Jahr 2032 soll jeder Zähler “modern und intelligent” sein.

Doch was heißt das eigentlich und gibt es da Unterschiede?

Moderner Zähler ist nicht gleich intelligent – kann es aber werden

Der Hinweis zum Datenschutz von ‘Westfalen Weser Netz’ im genannten Ankündigungsschreiben besagt: “Wichtig für Sie: Ihr neuer Zähler überträgt keinerlei Daten nach außen. Dritte können Ihr Verbrauchsverhalten von außen nicht einsehen.”

Wer sich noch nicht mit dem Thema ‘Smart Meter’ befasst hat, könnte dieser Aussage tatsächlich Glauben schenken.

In einem weiteren Satz des Netzbetreibers an anderer Stelle im gleichen Schreiben heißt es aber: “Durch die neue Zählertechnik stehen Ihnen in naher Zukunft weitere Anwendungsmöglichkeiten offen, über die wir Sie dann rechtzeitig informieren werden.” Das macht doch stutzig.

Tatsächlich finden sich an verschiedenen Stellen im Internet Informationen darüber, dass aus einer ‘modernen’ Messeinrichtung, wie sie vom Netzbetreiber angepriesen wird, also einem einfachen digitalen Zähler, eine ‘intelligente’ Messeinrichtung werden kann, genauer ein intelligenter Zähler, im Englischen ‘Smart Meter’ genannt.

Aus dem ‘harmlosen’ Norax 3D-Zählermodell, das ‘Westfalen Weser Netz’ bei den LEG-Mietern einbauen will, kann bei Freigabe bestimmter Funktionen in näherer Zukunft also vermutlich ein intelligenter Stromzähler werden, der digital Daten empfangen und senden kann über ein Kommunikationsnetz (z.B. das Internet).

Alles andere wäre ja auch sinnlos, denn bei der digitalen Initiative der EU und der Bundesregierung geht es schließlich darum, alle Empfangsstellen auf die neuen Stromnetze umzustellen, alle Netzbetreiber, Stromanbieter und ihre Kunden miteinander zu vernetzen, um eine gewisse Markt-Transparenz zu schaffen, sowie die Verbrauchsdaten der Endverbraucher automatisch jederzeit ablesen und auswerten zu können.

Dass Datenschützer hiergegen seit Jahren auf die Barrikaden gehen, ist verständlich. Immer öfter finden sich Nachrichten, in denen von Cyberkriminellen gesprochen wird, die Millionen von Nutzerdaten abgreifen und damit ebenso vielen Menschen Schaden zufügen. Gerade Unternehmen wie Stromnetzbetreiber und Stromanbieter, die tagtäglich weltweit mit unzähligen Nutzerdaten hantieren, bieten hier eine Angriffsfläche.

Und wer garantiert, dass die Daten der Endverbraucher wirklich beim Netzanbieter wie ‘Westfalen Weser Netz’ verbleiben?

Beispiel ‘Norax 3D’

Bei dem ‘Norax 3D’ handelt es sich zum Beispiel um einen digitalen Zähler, der von der Apator-Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Polen hergestellt wurde (siehe Artikelbeschreibung auf der Webseite von Apator). Auf dem Titelbild in der genannten Praxisanleitung ist der Drehstromzähler (von 2016) abgebildet, auf dem auch die Firma iskraemeco aus Slowenien verzeichnet ist, die ebenfalls weltweit Messlösungen anbietet und auf eigene Software setzt.

Zwar scheint eine Kommunikation auf der optischen Schnittstelle verschlüsselt möglich zu sein (ohne Eingabe eines Passworts zur Entschlüsselung) laut Antwort von ‘Krakor’ in einer Umfrage zu digitalen Stromzählern auf der Webseite des ELV-Journals (im Google Cache mit Stand November 2019). Ob und inwieweit die Daten der Verbraucher aber an diese beiden Unternehmen aus Polen und Slowenien weitergegeben werden, davon ist nirgends die Rede.

Messentgelt steigt voraussichtlich

Dann wären da noch die Kosten für eine solch moderne digitale intelligente Messeinrichtung, die – wie sollte es anders sein – an den Endverbraucher weitergegeben werden. Dazu teilt ‘Westfalen Weser Netz’ in dem Ankündigungsschreiben mit: “Der Umbau ist für Sie kostenlos. Zudem hat der Gesetzgeber eine Preisobergrenze für das jährliche Messentgelt festgelegt, um die Kosten für den Verbraucher zu begrenzen. Das jährliche Messentgelt für den neuen Zähler beträgt 20,- Euro und ersetzt die bisherigen Messkosten.”

Verglichen mit der Jahresabrechnung unserer Redakteurin von 2018 (die übrigens seit 2003 ausschließlich Ökostrom bezieht – auch für OctoberNews) bedeutet das – zumindest in ihrem Fall – eine Erhöhung des Messentgelts von 11,29 Euro im Jahr.

Hinzu kommen bekanntlich die jährlichen Strompreiserhöhungen aufgrund der umstrittenen Energiewende (unserer Meinung nach sollte gerade Ökostrom nicht ins Ausland verkauft werden, sondern ausschließlich Haushalte und Betriebe in Deutschland versorgen, so könnten nicht nachhaltige Kraftwerke längst dichtmachen).

Abrechnung Messentgelt

Weiter heißt es in dem Schreiben des Netzbetreibers vom 25. April: “Wir beabsichtigen, mit Ihrem Stromlieferanten eine Vereinbarung zu treffen, damit der Zähler weiterhin wie gewohnt über Ihre Stromrechnung abgerechnet wird. Falls Ihr Stromlieferant die Abrechnung der Messentgelte nicht übernimmt, erhalten Sie zukünftig ab Zählerumbau zwei getrennte Rechnungen: Eine für den Stromverbrauch von Ihrem Stromlieferanten und eine separate Rechnung für den Zähler von uns.”

Hier bleibt abzuwarten, wie die Stromlieferanten reagieren. Im ungünstigsten Fall müssen die Endverbraucher zwei Rechnungen begleichen – einmal die vom Netzbetreiber über das Messentgelt und einmal die vom Stromanbieter.

Zusatzaufwand neues Messgerät

Hinzu kommt der Aufwand, den Endverbraucher betreiben müssen, um das digitale Gerät auf seine persönlichen Bedürfnisse einzustellen. Einfach ist das nicht für Ungeübte, wie man der Praxisanleitung von ‘Westfalen Weser Netz’ entnehmen kann.

Abgesehen davon, dass wohl vor Ablesen des Zählerstands eine PIN eingegeben werden muss (die man nicht verlieren darf, vom Netzbetreiber fest vorgegeben wird und man selbst nicht ändern kann, siehe dazu auch Ausführungen unten im UPDATE-Kapitel), gibt es da eine Menge Einstellungen zu beachten.

Messstellenbetreiber und Stromlieferant jederzeit frei wählbar

Letztlich macht die Westfalen Weser Netz GmbH aus Paderborn in ihrem Ankündigungsschreiben darauf aufmerksam, dass gemäß § 14 MsbG die Endverbraucher ihren Messstellenbetreiber (in diesem Fall der Netzbetreiber ‘Westfalen Weser Netz’) wie auch ihren Stromanbieter jederzeit frei wählen können.

Ein Trostpflaster, das nicht darüber hinwegtrüben kann, welche Informationsflut, Kosten und welcher Zusatzaufwand auf die LEG-Mieter und vermutlich weiteren Endverbraucher aus Minden zukommt.

++ UPDATE ++ Stromzählerwechsel bei ausgewählten LEG-Mietern

Wie vom Netzbetreiber ‘Westfalen Weser Netz’ mit Schreiben vom 26. November angekündigt, erfolgte am 10. Dezember 2019 ein Austausch der analogen gegen digitale Zähler bei LEG-Mietern in Minden. Dabei handelt es sich tatsächlich, wie oben ausgeführt, um das ‘Norax 3D’-Modell des Herstellers Apator aus Polen in der 2019’er Version mit 1-zeiligem Display.

Digitaler Zähler ‘Norax 3D’ von Apator

Allerdings erfolgte der Stromzählerwechsel nur bei ausgewählten Mietern der Immobiliengruppe LEG. Auf Nachfrage, warum nur zwei Mietparteien und nicht alle im Hause neue Zähler erhielten, erklärte der Techniker gegenüber einer LEG-Mieterin, dass es sich bei diesen beiden digitalen Zählern um einen Restbestand handele und die Mietparteien durch ein Zufallsprinzip ausgewählt worden wären. Bei den verbleibenden Nachbarn würden circa Mitte nächsten Jahres (2020) neue Zähler eingebaut.

Auf die weitere Frage, was denn passieren würde, wenn ein Mieter nicht anwesend sei, antwortete der Techniker: Wenn beim dritten Mal der Mieter nicht angetroffen wird, wird ein Anwalt eingeschaltet. Diese Aussage bestätigt, dass Endverbraucher in Deutschland kein Auswahlrecht haben, der Austausch somit verpflichtend sei.

Des Weiteren haben die LEG-Mieter weder eine Gebrauchsanleitung überreicht bekommen noch wurden sie vom Techniker darüber aufgeklärt, ob weitere Anweisungen durch den Netzbetreiber folgen.

‘Westfalen Weser Netz’ teilte den Mietern mit ihrem Schreiben vom 26. November lediglich mit, dass sie nach dem Gerätetausch die neue Zählernummer sowie alle Zählerstände dem Stromlieferanten übermitteln würden. Vorsorglich solle man die Zählerstände auch für die eigenen Unterlagen notieren. Für Fragen zum Gerätetausch hat der Netzbetreiber den betroffenen Mietern eine E-Mail-Kontaktadresse sowie eine Telefonnummer mitgeteilt.

Entgegen der Aussage des Technikers, dass nur der Hersteller des Gerätes über die PIN verfüge, wurde den Mietern mit Schreiben von Westfalen Weser Netz vom 19. Dezember 2019 eine PIN zum Auslesen der persönlichen Messwerte übersandt. Was die Handhabung angeht, verweist man auf eine Internetseite, die jedoch keine Bedienungsanleitung enthält. Tatsächlich findet man alle Verbraucherinformationen inklusive Anleitungen auf der Webseite https://ww-netz.com/verbraucherinformationen.html.

Quelle: ww-netz.com, gesetze-im-internet.de, bmwi.de, .ris.bka.gv.at, apator.com, elv.de, OctoberNews.de


Diesen Bericht teilen: