“Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit”

Experten aus München, Berlin und Köln zeigten bei einer IHK-Veranstaltung in Minden Trends rund um WLAN, Systemgastronomie und Baumärkte auf

Valerie Holsboer BdS
“Die Food-Branche ist verrückt” – Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin des BdS, auf der IHK-Veranstaltung in Minden am 27. Oktober – Fotos: onm

“Ich bin Schreinermeister, was habe ich mit Internet zu tun?” Zum Beispiel Aufträge per E-Mail zu generieren, weiß Franz-Reinhard Habbel aus Berlin. “Die Baumarktbranche befindet sich im Umbruch”, erklärte Klaus Mauelshagen aus Köln. “Von schnell rein, schnell raus, hin zu Erlebnis beim Konsum”, referierte Valerie Holsboer aus München. Drei Experten, die wissen, wovon sie reden, und die Trends rund um WLAN, Systemgastronomie und Baumärkte aufzeigen. Es war ein aufschlussreicher Abend mit viel Input vergangenen Dienstag im Feinkostladen Stuppiello in Minden.

Wandel, Anpassung und Innovation waren Gesprächs- und Diskussionsgegenstand auf der 11. Veranstaltung dieser Art der IHK-Zweigstelle Minden am 27. Oktober 2015. Margrit Harting, Vizepräsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld und Unternehmerin aus Espelkamp, lud hierzu Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Presse ein. Bekannt als Generalbevollmächtigte Gesellschafterin der Harting Technologiegruppe engagiert sich die 70-Jährige stark für soziale und kulturelle Projekte in der heimischen Region und wurde 2009 zur Ehrenbürgerin der Stadt Espelkamp ernannt. Schwungvoll moderierte sie durch den Abend und bedankte sich bei der Familie Stuppiello-Berdicchia für die Bereitstellung und Bewirtung in ihrem Geschäftsraum.


Den Anfang machte Valerie Holsboer, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Systemgastronomie (BdS) e.V., Mitglied im Stiftungsrat der McDonald’s Kinderhilfe, ehrenamtliche Richterin am Bundesarbeitsgericht sowie stellvertretendes Mitglied im Verwaltungsrat der Bundesagentur für Arbeit. In Vertretung für die Sprecherin des Verbands, die kurzfristig verhindert war, erläuterte sie die Herausforderungen und Innovationskraft dieser Branche. “Ja, meine Damen und Herren, so ist das in einem dynamischen Verband, einer dynamischen Branche, wenn die Mitarbeiterin ausfällt, dann kommt die Chefin selbst. Weil unser Motto ist, wir lassen nie jemanden hängen.”

Hinter dem Namen “Systemgastronomie” verberge sich ein klar definiertes Konzept, erklärte Holsboer. Der BdS begleite hierbei als Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband seine Mitglieder umfassend – von Tierschutzfragen und Steuerangelegenheiten bis hin zur arbeitsrechtlichen Beratung. Für den Gast sei dies über Restaurantausstattung und Produktpalette erlebbar. Aber auch hinter den Kulissen habe es rund um die Nachhaltigkeit starke Entwicklungen gegeben. “Von München aus steuern wir bundesweit die Systemgastronomie, was sie braucht bzw. nicht braucht. Wir haben rund 800 Mitglieder, sprich Unternehmen. Die betreiben wiederum rund 2800 Restaurants in ganz Deutschland, die über 100.000 Mitarbeiter beschäftigen und rund 2500 Auszubildende.”

Vortrag Valerie Holsboer
Das Essen außer Haus ist gefragt wie je zuvor, erklärte Valerie Holsboer unter anderem vor prominenten Zuhörern aus Minden und Umgebung

Die tariflichen Arbeitsbedingungen seien elementarer Bestandteil der BdS-Wertegemeinschaft und in der sogenannten „Charta der Systemgastronomie“ verankert. Im Rahmen der Standardisierung seien Erfolgsfaktoren der Systemgastronomie unter anderem die ausgefeilte Warenlogistik und die stabilen Zulieferbeziehungen – ob bei Food- oder Nonfood-Produkten und Dienstleistern.

Und “die Food-Branche ist verrückt”, meinte sie. Bäckereiketten würden beispielsweise “wie Pilze aus dem Boden schießen” und intelligente Kühlschränke bestellten die ausgegangene Ware selbst. “Ob eilig oder langsam – wir wollen ja alle bedient werden. Verbraucherverhalten ist eine große Unwägbarkeit. Das hat es vor 20 Jahren so nicht gegeben.” Zudem wachse der Trend zum “Essen außer Haus”. Stabile Partnerschaften seien da eine perfekte Ausgangslage für Innovationen, Anpassungen und eine erfolgreiche Weiterentwicklung.

Die größte Herausforderung liege aber in der Nachwuchssicherung. Stand noch vor wenigen Jahren bei Unternehmensbefragungen das Finden des richtigen Standorts auf Platz Eins, so sei dies heute die “Rekrutierung” von Mitarbeitern. “People, people, people lautet die Herausforderung. Rund ein Drittel aller Ausbildungsplätze konnte 2015 nicht besetzt werden, und auch in der Crew bleiben viele Chancen ungenutzt”, so Holsboer weiter.

Valerie Holsboer kritisierte in diesem Zusammenhang, dass die sogenannte “Vorrangprüfung” nicht ausgesetzt wurde, somit die Beschäftigung von Asylbewerbern in den ersten 15 Monaten ihres Aufenthalts in Deutschland für ihre Unternehmer faktisch unmöglich mache.

Valerie Holsboer kritisiert
Valerie Holsboer kritisiert die gesetzliche Vorrangprüfung

Nach einem Hinweis von Margrit Harting, dass das Thema Flüchtlinge ernsthaft behandelt werden und man realistisch sein sollte, erwiderte Holsboer, dass die Branche insbesondere bei der Integration ihre Kernkompetenz hätte. Schon heute würden über 120 Nationen friedlich in den Restaurants zusammenarbeiten, auch Flüchtlinge beschäftigt – und das Potenzial sei noch lange nicht ausgeschöpft. “Und noch nie gab es Vorfälle wegen ethnischer Herkunft”, betonte Holsboer. Auch Deutschkurse könne man über private Eigeninitiativen einrichten, wenn notwendig.

Weiter stand eine Frage einer Teilnehmerin im Raum, ob man die 15 Monate nicht mit einem Praktikum überwinden könne, woraufhin Holsboer die Schwierigkeit sieht, dass ein Praktikum laut Gesetz seit August dieses Jahres nur drei Monate betragen darf, was eigentlich zur Ausbildungsvorbereitung diene und nicht verlängerbar sei. Außerdem möchte man nicht gegen ausländerrechtliche Bestimmungen verstoßen.

Sodann fiel der IHK-Vizepräsidentin ein Bild besonders auf, das von Holsboer während des Gastvortrags auf die Leinwand geworfen wurde. Es zeigte Frau Holsboer bei einem Besuch in einem Kuhstall. “Wir sind ein unglaublich strenger Verband – halte dich an den Tarif oder du bist draußen. Da werden dann unter anderem auch Vor-Ort-Besuche gemacht”, klärte Holsboer auf.

Auf Anfrage von Mindens IHK-Zweigstellenleiter und Organisator Karl-Ernst Hunting, ob es bestimmte Konzepte im ländlichen Bereich von Minden-Lübbecke gäbe, antwortete Frau Holsboer: “Ich halte es am realistischsten die Kooperationskonzepte, die mit dem Einzelhandel bestehen können. Da ist die Frage: Lohnt sich das, als Einziger hinzugehen und zu sagen, Demografie, ländlicher Bereich? Dann habe ich natürlich das Risiko, ich finde kein Personal. Deswegen sollte man auf Kooperationen zurückgreifen, die es bereits gibt. Es muss auch nicht immer ein Hochglanzsystem sein. Es gibt oft Nischen für kleinere Konzepte, die auch regional agieren können. Die kleineren Konzepte, die bei uns zunehmend kommen, können regionale Besonderheiten aufgreifen. Und da sehe ich absolutes Potenzial drin.”


Franz-Reinhard Habbel
Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des DStGB, klärt auf rund um freies WLAN & Co.

Als Nächstes folgte ein Gastvortrag von Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB), zum Thema “Öffentliches WLAN in Städten und Gemeinden: Entscheidungshilfen für Einführung und Komplettierung”. Vizepräsidentin Harting stellte vorab fest, dass die Städte Minden und Bad Oeynhausen bereits für Teilflächen einen Einstieg geschafft hätten, aber in anderen Kommunen des Kreises es doch noch Nachholbedarf gäbe. Und viele Gewerbetreibende wären einfach darauf angewiesen, dass ihre Kunden über WLAN verfügen können, beispielsweise “zur Überbrückung von Wartezeiten für den Ehepartner”, wie sie belustigt den Unterlagen des DStGB entnahm, “oder zur Erhöhung der Kundenverweildauer”. Spannende Argumente, wie sie meinte, und man “müsse ja alles tun, um die Menschen in die Geschäfte zu ziehen”.

Bei WLAN gehe es um die Zukunft der Städte, um ihre Gewichtsqualität und die Standortattraktivität, um Handel und Kommunikation, referierte Habbel. “Es ist nicht damit getan, WLAN in die Stadt zu bringen und zu glauben, dann läuft das schon alles. Da muss mehr passieren. Es geht um Chancen für Handel und Gewerbe sowie die Bürgerinnen und Bürger. Es geht darum, sich den gewaltigen Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen.” Zudem gehe es darum, den stationären Handel zu beleben, ihn mit der Welt des Internets und damit dem Online-Handel zu verkoppeln, ohne ihn aufzugeben, Initiativen zu unterstützen und Kräfte freizusetzen, die die Entwicklung einer Stadt vorantreiben wollen. Akteure seien Kommunalpolitiker, Unternehmen und Interessierte aus der Zivilgesellschaft, die sich für das Neue öffnen müssten.

“Doch erst wenn wir verstehen, was da um uns herum passiert, können wir zielgerichtet handeln”, so Habbel. Der Koalitionsvertrag sehe vor, das Telemedienrecht zu ändern, um die sogenannte “Störerhaftung” abzuschwächen bzw. aufzuheben. Viele Verbände kritisierten aber den Gesetzentwurf, der am 16. Dezember im Bundestag verabschiedet wurde, weil sie Einschränkungen bei Kassensystemen befürchteten. Insbesondere das Innenministerium befürchte hier Hackerangriffe. Das Thema sei also “in Bewegung”.

Hotels ohne WLAN fallen heute im Wettbewerb weit zurück. Da ist nicht mehr die Sauna gefragt, sondern ob freier WLAN-Zugang gewährleistet wird, weil das insbesondere von Geschäftsleuten sowie Mitarbeitern stark genutzt wird”, führte Habbel aus. Erschlossen würden zudem Schulen, Rathäuser, freie Plätze, es gäbe Freifunk-Initiativen wie in Arnsberg, Witten und Soest. “Freies WLAN hat auch einen zusätzlichen Drive bekommen durch die Unterbringung von Flüchtlingen, die einzige Verbindung, die diese Menschen zu ihrer Heimat haben. Und interessanterweise haben alle Flüchtlinge in Deutschland Smartphones – sonst wären sie gar nicht hier. Das ist ihr Gerät gewesen, um ihre Flucht zu organisieren.” In Siegburg beispielsweise gäbe es schon freies WLAN sowie Ausleihgeräte für Flüchtlinge und Intranet für das Personal. Auch Minden ist schon mit WLAN entsprechend ausgestattet worden.

Vortrag Franz-Reinhard Habbel
Minden steht wirklich gut da im bundesweiten Vergleich, betonte Franz-Reinhard Habbel während der IHK-Veranstaltung im Stuppiello Feinkostgeschäft

“Minden ist eine attraktive Stadt, die der Digitalisierung aufgeschlossen gegenübersteht”, freute sich Habbel. “Sie fangen hier auch mit dem WLAN nicht bei Null an, Sie haben eine digitale Agenda – und das ist das, was wir auch fordern. Über eine Leitbildentwicklung sich klar positionieren, wie kann ich meine Stadt lebenswert machen. Da stehen Sie hier wirklich gut da.” Auch zur Wahl des neuen Bürgermeisters gab es Fragen in Richtung WLAN, was tun die einzelnen Kandidaten für WLAN in den nächsten Monaten und Jahren. Der Berliner fand die Antworten sehr aufschlussreich und es zeige, dass die Verwaltung diesen Weg weiter voranschreiten wird. “Damit sind Sie – bundesweit verglichen – in einer exklusiven Lage. Ein Tipp, und ich war im Netz auf dem Marktplatz, ohne dass ich mich registrieren musste.”

Freies WLAN bedarf jedoch entsprechender Voraussetzungen, erklärte Habbel, man brauche in der Region einen Breitbandanschluss. Wobei die Bundesregierung das Ziel habe, bis zum Jahr 2018 bundesweit 50 MBit/s zur Verfügung zu stellen. Wenn man an fahrerlose Autos auf der Straße in der Zukunft denke und diese eine Verzögerung von nur einer Sekunde haben, könne dies schon eine Unfallgefahr darstellen. Man brauche also qualifizierte Bandbreiten, um entsprechend aktiv werden zu können. Und die Technik schreite immer weiter voran.

Im Mobilfunkbereich würden sogenannte “Small Cells” eingeführt nach LTE-Standard, was insbesondere für den ländlichen Raum interessant wäre, da Glasfaserverbindungen aufzubauen. Eine deutliche Konkurrenz zu WLAN, weil sich die Geschwindigkeiten hier in etwa gleichen. Dies würde sich jedoch erst in drei, vier Jahren am Markt zeigen.

Des Weiteren betonte Habbel, dass unser Zeitalter immer mehr vom Internet bestimmt werde. Weltweit wären 3 Milliarden Menschen mit dem Internet verbunden, in den nächsten fünf Jahren kämen weitere 2,5 Milliarden Menschen hinzu, überwiegend aus afrikanischen, asiatischen Staaten, Südamerika, weniger aus Europa oder den USA. Diese als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt anzusehen wären. Daher sei es wichtig, die Digitalisierung auch in Deutschland voranzubringen. Allein in Deutschland bei 80 Millionen Einwohnern seien 110 Millionen Handys unterwegs, von diesen etwa 42 Millionen Smartphones. Alle alltäglichen Dinge wie Bahnfahrten buchen, Einkaufen usw. laufen heute über das Netz.

Margrit Harting
Margrit Harting, Vizepräsidentin der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld, führte durch den Veranstaltungsabend und stellte kritische Fragen an die Gastredner

“Hier trennen wir drei Lebensphasen: entweder sind sie online, oder sie schlafen, oder sie sind tot.” Zwischen anderen Dingen passiere da im Grunde genommen nichts mehr, so Habbel. Manche würden in eine Art “Wachkoma” fallen, weil sie sich gar nicht mehr vorstellen können, eine Verbindung nicht nutzen zu können. Das Smartphone verleihe dem Kunden zudem eine “neue Macht”. Es trage zur Kaufentscheidung in Communitys bei, zum Beispiel im Hotelbereich. Und der Erfolg des Smartphones hänge mit dem mobilen Internet zusammen. “Hier geht es um Ortsbezug, um mich, um Personalisierung, wer bin ich, um die Frage von Inhalten, und es geht um Zeit und Geschwindigkeit. Wenn Sie diese fünf Komponenten zusammenbringen, dann können Sie jedes Ereignis beschreiben, jede zukünftige Erwartungshaltung formulieren.”

Ulf Kattelmann
Ulf Kattelmann, Geschäftsführer der Kadeco Sonnenschutzsysteme GmbH, machte unter anderem auf den Datenschutz bei freiem WLAN aufmerksam

Auch beispielsweise Schreinermeister könnten gegenüber ihren Mitbewerbern Vorteile erlangen, wenn sie zum Beispiel Konstruktionspläne per E-Mail erhalten anstatt per Post. Jeder Einzelhändler, jedes Unternehmen, das nicht im Internetbereich arbeite, sei somit quasi vom Internet abhängig. Und der Online-Handel fordere die Kommunen massiv heraus, was die Stadtentwicklung betreffe. Der Umsatz im Internet betrage mittlerweile 42 Milliarden Euro und würde sich bald verdoppeln. Sprich, der Kampf um Marktanteile würde durch Kauf und Vergleich per Smartphone wesentlich höher. “Der stationäre Handel wird somit nicht verschwinden, aber nur dann, wenn Sie sich verändern. Eins steht auf jeden Fall fest: Städte und Dörfer ohne Einkauf sind tot.”

Zudem gäbe es nach Ansicht des 65-Jährigen nicht nur eine Landflucht, sondern auch eine “Digitalflucht” – junge Menschen, die keine Verbindung haben, zögen weiter. Der ländliche Raum sei eine große Wirtschaftskraft, den man nicht in Schwierigkeiten bringen dürfe. Denn ein neues Thema wird zukünftig die sogenannte “Standortbestimmung” sein, so Habbel, was hieße, dass große Händler wie beispielsweise Zalando anhand des vernetzten Standortes bestimmen, ob mit Auslieferern und dem örtlichen Handel überhaupt verhandelt würde.

Zu den Veränderungen zähle laut Habbel auch der Wohnungsmarkt, die Parkplatzsituation, die Verwendung von QR-Codes usw., eigentlich alle Lebens- und Arbeitsbereiche. Abschließend gab er einen Rat mit auf den Weg: “Digitalisierung sollte man nicht technisch betrachten, sondern als gesellschaftspolitische Herausforderung.”

Vizepräsidentin Harting reagierte zwar mit Skepsis auf diese neue “Abhängigkeit”, da sie von Sternzeichen Wassermann sei und die Freiheit liebe. Nichtsdestotrotz empfand sie den Vortrag als hochspannend und betonte, dass man sich mit den Dingen auseinandersetzen und sie nicht ablehnen sollte, sondern das Beste daraus machen.

Lars Bursian
Lars Bursian, seit Oktober Baudezernent der Stadt Minden, zeigte großes Interesse am Vortrag von Habbel

Lars Bursian, Baudezernent der Stadt Minden, befürworte hingegen den weiteren WLAN-Ausbau, vor allem in der Innenstadt und was die Stadtentwicklung an sich betreffe, weshalb er bei der Veranstaltung dabei war und aufmerksam zuhörte, was Franz-Reinhard Habbel zu diesem Thema vortrug.

Ulf Kattelmann, Geschäftsführer der Kadeco Sonnenschutzsysteme GmbH aus Espelkamp, fand den Vortrag ebenfalls interessant und sprach unter anderem die Datenspeicherung an, wo verwaltungsseitig Bedenken bestünden. Tatsächlich gab es wohl eine Debatte, ob beispielsweise Sitzungsräume online gemacht werden sollten oder nicht, antwortete Habbel. Auch Händler hätten eine Zeit lang die Möglichkeit gehabt, die Namen der freien WLAN-Nutzer zu speichern, was wohl mittlerweile aufgehoben wurde. Weiter sprach Kattelmann an, dass nur große Konzerne, die man in den Innenstädten mit Läden vorfinde, die Möglichkeit hätten, Online und Offline zu verknüpfen. Habbel schlägt vor, dass kleine Läden sich untereinander vernetzen könnten, wie beispielsweise in der Stadt Altona.

Harting stellte hier klar, dass man sich von dem “ich mach’s allein” verabschieden müsse, auch von dem “ich warte mal ab”. Kreativität und Gestalten sei gefragt. “Wenn dieser Abend dazu beiträgt, die Gedankenwelt zu lockern, ist glaube ich schon viel erreicht. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur einen gibt in dieser Runde, der auf das Shopping-Erlebnis in der Innenstadt verzichten möchte. Wir haben auch heute noch Theater, Konzerte und Orchester, Gott sei Dank.”


Klaus Mauelshagen
Klaus Mauelshagen, Redakteur des Fachmagazins baumarktmanager, erklärte die Bewegung und Trends in der Baumarktbranche

Last, but not least folgte ein Gastvortrag von Klaus Mauelshagen, seit 11 Jahren Redakteur des Fachmagazins baumarktmanager, zum Thema “Baumarktbranche in Bewegung”, nachdem Margrit Harting ein dickes Lob an Karl-Ernst Hunting aussprach für seine erfolgreiche Zusammenführung der Menschen aus der Region, die durch ihn ihre Gemeinsamkeit entdeckten. “Im Verdichtungsbereich Minden-Lübbecke sind aufgrund der bekannten Insolvenzen der Baumarktbranche, wie Praktiker, Max Bahr, aber auch wegen Großprojekten, wie der beabsichtigten Ansiedlung eines neuen Baumarktes mit über 10.000 Quadratmeter Verkaufsfläche in Porta Westfalica-Barkhausen, die Baumarktstandorte im Umbruch”, moderierte Harting an.

“1960 ist der erste Bauhaus-Markt in Mannheim gestartet. Damals hieß unser Fachmagazin noch Heimwerkermarkt. 1979 gab es eine Relaunche in Bau- und Heimwerkermarkt, seit 2008 heißt es eben baumarktmanager. Mit einer Website waren wir schon 1995 am Start, inzwischen haben wir Apps und E-Paper, machen verschiedene Veranstaltungen und bringen diverse Sonderhefte heraus”, erklärte Mauelshagen. “baumarktmanager – der Name ist Programm.”

Mauelshagen stellte anhand verschiedener Folien tabellarisch und grafisch dar, wie es um die Baumarktbranche stehe. So gehören zu den Top 3 der Branche die Firmen Tengelmann (Platz 1), Bauhaus (Platz 2) und Hornbach. Bei der Entwicklung der Brutto-Umsätze von 2004 bis 2014 hingegen zeige sich die Baumarktkette OBI an der Spitze mit einem kontinuierlichen Wachstum. Praktiker beispielsweise erzeugte nach Übernahme der Max Bahr-Kette einen Umsatzschub von 800 Millionen, dieser in den Jahren 2011/2012 abrupt sank, bevor diese in Insolvenz gingen.

Vortrag Klaus Mauelshagen
Anhand zahlreicher Grafiken und Tabellen verdeutlichte Klaus Mauelshagen vergangene und prognostizierte Umsätze in der Baumarktbranche

Die Baumarktriesen Hornbach und Bauhaus glänzen mit riesigen durchschnittlichen Verkaufsflächen (im Jahr 2014) von über 11.000 Quadratmetern, referierte Mauelshagen weiter, im Vergleich zu Globus mit rund 8.000 Quadratmetern, über REWE (Toom) mit 6.384 bis hin zu EMV-Profi mit ca. 1.700 Quadratmetern. “Nimmt man jedoch das Verhältnis von Umsatz zu Verkaufsfläche, kommt baumarktmanager auf ganz andere Zahlen.” Es würde um “Flächenproduktivität” gehen – ein wesentliches Merkmal für erfolgreiches oder weniger erfolgreiches Geschäft. Die Baumarktketten wie Hornbach und Bauhaus hätten eine Flächenproduktivität, die jenseits von 2000 Euro pro Quadratmeter pro Jahr (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, gerade im Baustoffbereich) lägen. Warum nun Hornbach und Bauhaus solch hohe Flächenproduktivitäten haben, sei darin zu sehen, dass beide mit ihren Drive-In’s Häuslebauer und Projektbauer gezielt ansprechen.

Im Handel gehe es selbstverständlich darum, auch günstig einzukaufen. Deshalb hätten sich Einkaufskooperationen etabliert, die eine Gesellschafts- oder Franchise-Struktur als stabile Basis haben, wie beispielsweise Zeus, Euro Baustoff, EMV-Profi und NBB. Andere würden Kooperationen bilden, um Einkaufsvolumina zu bündeln, wie zum Beispiel Markant mit Globus, Hellweg, EMV, Pflanzen-Kölle, Landfuxx, Profi und V-Baumarkt. Die Markant trete dabei als Dienstleister auf und biete unter anderem Logistik, Marketing, IT-Services und Einkauf an. So erreichen diese eine vernünftige Marge auf ihre Produkte.

Als wichtigen Standortfaktor der Branche nannte Mauelshagen, dass Baumärkte sich gern in der Nähe von Lebensmittelgeschäften ansiedeln oder dem Möbelhandel. Anders verhalte es sich bei “virtuellen Standorten” im Internet. Beispielsweise Amazon als Marktführer des Online-Handels in Deutschland mit einem Umsatz von ca. 6,5 Milliarden Euro und einem Marktanteil von 25 bis 28 Prozent (2014/15) sei schon heute der größte Elektrowerkzeug-Händler in Deutschland. Für die Baumarktbranche ein bemerkenswerter Wert, denn Amazon expandiere stärker als alle Wettbewerber. Das läge daran, dass Amazon die gesamten Erlöse/Umsätze reinvestiere um die Erweiterung des Portfolios und Geschäftes, daher keinen Gewinn schreibe und keine Steuern zahle. Das sei für die Wettbewerbssituation insgesamt sehr problematisch.

Die Dynamik im Wachstum des Online-Handels insgesamt sei “ein klein bisschen raus”, so Mauelshagen, trotzdem steige der Wachstumswert um rund 10 Prozent jährlich. In 2015 rechne man mit einem Umsatzvolumen von 46,3 Milliarden Euro laut Hochrechnung der IFH Köln. Diese prognostiziert zudem in einer Modellrechnung, dass bis zum Jahr 2020 es einen Online-Umsatzanteil zwischen 11,9 und 15,3 Prozent geben wird. Ohne Güter des täglichen Bedarfs käme es hier sogar zu einem Anteil von 25,3 Prozent. Jedes zehnte Ladengeschäft sei damit von Schließung bedroht – ein Strukturwandel im Handel, den man als bedrohlich ansehen könne. “Neben den Kannibalisierungseffekten, die sich da ergeben, wird damit prognostiziert, dass rund 45.000 Geschäfte vor dem Aus stehen werden. Laut IFH-Modell wird Ihre Region davon betroffen sein.”

IHK-Veranstaltung Minden 27.10.2015
Veranstalter Karl-Ernst Hunting und Vizepräsidentin Margrit Harting überreichten Valerie Holsboer zum Vortragsende ein Geschenk und verabschiedeten die Münchenerin herzlich

Der EHI sehe das nicht ganz so düster, der “stationäre Handel expandiere weiter”. Nach Beleuchtung des gesamten Handels und Befragen von zwei Dritteln aller Händler seien diese sogar bereit, ihr Filialnetz zu erweitern, unter anderem Lebensmittel, Drogerien, Beauty und Bekleidung. Eine Auswertung, die Mauelshagen stutzig machte. Denn 70 Prozent der Händler wünschten sich von der Politik den Abbau baurechtlicher Restriktionen, eine autofreundlichere Politik und die Stärkung öffentlicher Verkehrsmittel. Eine “stärkere rechtliche Regulierung von Onlinehändlern” sehen die meisten Händler jedoch nicht als favorisierte Maßnahme an. Mauelshagen vermutet, dass viele der Händler bereits ihre Waren über Onlineshops regulieren.

Als Lösungsansatz für Baumärkte schlägt Mauelshagen nun sogenannte “Multi-Channels”, “Cross-Channels” und Ähnliches vor, sprich Kunden-PCs, die in den Filialen aufgestellt werden, wo sich der Kunde online vor Ort über Produkte informieren kann – und nicht wie bisher von zu Hause aus oder unterwegs. Wollen Händler mithalten, sollten sie die “gesamte Klaviatur” der neuesten Internet-Technologie mitspielen. Auch über Tablets in flächenmäßig kleinen Läden wäre ein unmittelbarer Online-Preisvergleich möglich. “Eine Strategie, die für die meisten Händler bisher undenkbar war”, stellte Mauelshagen fest – Hornbach setze jedoch schon auf solche Formate.

ScrewFix, ein britisches Unternehmen, probiere zurzeit mit sieben Läden in Deutschland aus, wie es funktioniert, wenn man mit ganz kleinen Läden mit rund 60 Quadratmetern Verkaufsfläche auftritt. Dabei seien rund 10.000 Produkte ständig verfügbar, den Rest finde man in einem gedruckten Katalog. Mit einem elektronischen Helfer gingen die Kunden durch den Laden, suchen sich die Produkte aus, und geben das Gerät an der Kasse ab. Ein Mitarbeiter stellt im Lager die Produkte zusammen und übergibt sie dem Kunden.

Wir meinen: Ein cleveres Konzept. Erinnert an die kleinen, einfach gestrickten Werkzeugläden, die es einmal gab, wo man persönlich mit jemandem über handwerkliche Probleme sprechen konnte und nicht erschlagen wurde von einer riesigen Halle mit Kunstbeleuchtung. Hier werden neueste Computertechnologie, herkömmliche Gemütlichkeit und Kundenfreundlichkeit zusammengebracht. HER MIT DEM LADEN NACH MINDEN – unsere Redakteurin als “alter Werkzeugfuchs” freut sich schon drauf.

Auf die Frage von Karl-Ernst Hunting hin, ob ausländische großflächige Baumarktketten sich in Deutschland ausbreiten werden, konnte Mauelshagen ihn beruhigen. Er sehe hier keinen langfristigen Erfolg bei der Ansiedlung solcher Baumarktriesen, ausgenommen ScrewFix.

Zum Abschluss der Veranstaltung gab es köstliche Speisen im Stuppiello. Dieses italienische Feinkost-Geschäft existiert übrigens schon seit 1969 in Minden und wird von Nunzia Stuppiello-Berdicchia geführt. Sohn Federico Berdicchia ist mit dem Laden aufgewachsen und steht seit 2013 hinter der reichhaltig gefüllten Theke. Sein Bruder “schmeißt” den Vertrieb und seine Schwester arbeitet in der neu eröffneten Filiale im Hagemeyer-Kaufhaus in der Innenstadt. Eine kleine, aber feine Location – die man einfach mal besuchen muss.


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