Weihnachten im Kreis der Familie ist keine Selbstverständlichkeit

Eine traurige Geschichte zur Weihnachtszeit: Großmutter seit Jahren getrennt von ihrem Enkelkind

Ein Quartett, dem zur Weihnachtszeit eigentlich nicht zum Lachen zumute ist: Väteraufbruch für Kinder Lippe-Weserbergland e.V. sammelte Spenden auf dem Mindener Weihnachtsmarkt 2016 – ganz links: Ellen K. aus Dissen, die ihre ganz persönliche Geschichte erzählt – Foto: onm

Weihnachten ist das Fest der Familie, doch nicht für jedes Familienmitglied selbstverständlich. Zum Beispiel für eine Großmutter aus Dissen. Dieser Bericht handelt von einer traurigen Geschichte zur Weihnachtszeit.

Da möchte man am 17. Dezember einfach ein paar Impressionen vom Mindener Weihnachtsmarkt 2016 mit der Kamera einfangen und begegnet vier Menschen in ungewöhnlich blauen Weihnachts(mann)kostümen, die sich gerade mit festlich geschmücktem Bollerwagen an der Hand nach einem kurzen Gespräch fröhlich auf den Weg ins feierliche Getümmel machen wollen. Doch der erste Eindruck täuscht – dem Quartett ist eigentlich gar nicht zum Lachen zumute. Und warum sie anstatt traditionell in Rot mit blauen Kostümen auftreten, verraten sie gern:

“Die fast selbstverständliche Tatsache, Weihnachten (und andere Feiertage) im Kreise der Familie zu feiern, ist leider keine Selbstverständlichkeit für viele getrennt lebende Familien.” So ist der gemeinnützige Verein Väteraufbruch für Kinder im Extertal entstanden. “Der Weihnachtsmann ist darüber sehr traurig und vor Aufregung blau angelaufen.”

Den Bereich Lippe-Weserbergland (mit Schaumburg, Minden, Lippe, Hameln, Osnabrück) vertretend, machten sich die vier Vereinsmitglieder also auf, um auf Weihnachtsmärkten Spenden zu sammeln. Wobei dem blonden “Engel” Ellen K. (Nachname anonymisiert) aus der Stadt Dissen (Landkreis Osnabrück, Niedersachsen) eine ganz besondere Geschichte am Herzen liegt, nämlich ihre ganz persönliche als Großmutter, die sie an dieser Stelle mit ihren eigenen Worten erzählt:

Mein Sohn wollte Vater sein, ich wollte Großmutter sein und meinen Sohn unterstützen. Aber die leibliche Mutter erlaubte es nicht – lieber steckte sie das Kind in eine Pflegefamilie. Das Jugendamt spielte von Anfang an mit, ich wurde einfach übergangen. Meine Enkeltochter wurde einfach in Dauerpflege gegeben. Da half auch nicht, dass ich mich bereit erklärte, bei der Pflege und Erziehung mitzuwirken. Inzwischen waren in dem Fall drei Rechtsanwälte, ein Richter, eine Diplom-Psychologin, zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes, eine Mitarbeiterin des Sozialdienstes katholischer Frauen, die leiblichen Eltern und die Pflegeeltern involviert.

Grundsätzlich wurde ich von Richter W. belehrt: „Inhalt und Umfang einer Umgangsregelung sowie der Umgangsausschluss liegen immer im Ermessen des Gerichtes. Auf einen konkreten Antrag eines Beteiligten kommt es nicht an.“

Hätte ich gewusst, dass meine Anträge sinnlos sind und der Richter nach seinem Weltbild entscheidet, hätte ich wahrscheinlich schnell resigniert. Nach all den Erfahrungen, Gesprächen mit anderen Betroffenen ist mir aber klar, dass ich als Großmutter wichtig bin – insbesondere wichtig werden kann. Daher will und werde ich mich als Oma trotz aller Niederlagen nicht einfach „zur Ruhe setzen lassen“.

Ich hatte von Anfang an der Mutter – noch vor der Geburt – angeboten, ihr zu helfen, da ich Zeit und entsprechende häusliche Möglichkeiten habe. Die Mutter lehnte das ab, sie sah es als Einmischung an. Ich suchte Kontakt zum Jugendamt in O., wollte mich beraten lassen, aber hier erfolgte bis heute keinerlei Engagement. Ich hatte den Eindruck, dass die Weichen schon anders gestellt waren, jedenfalls dachte man dort nicht daran, ein familiäres Netzwerk aufzubauen und zu fördern.

Nach der Geburt wurde das Kind zu Pflegeeltern gegeben, ohne dass mein Sohn – der leibliche Vater – geschweige denn ich auch nur gefragt oder mit einbezogen worden wären. Lapidar bekamen wir zur Antwort: „Die Mutter möchte das nicht.“

Ich musste lernen, dass die Mutter im deutschen Familienrecht bei nicht-ehelicher Partnerschaft immer noch das Kindeswohl verwaltet, auch dann sogar, wenn sie das Kind nicht will und es in Pflege gibt. Ich musste mich damit abfinden, auch wenn ich es willkürlich und autoritär fand. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass mein Enkelkind in einer Pflegefamilie lebt und es sich um eine Dauerpflege handelt.

Doch ich poche auf mein Recht, als Großmutter mit „meiner“ Enkeltochter Kontakt zu haben. Ich wehre mich dagegen, dass das Jugendamt nach der Maxime handelt, wenn leiblicher Vater und Mutter miteinander Stress haben, dann ein Umgangsrecht der Großmutter auch automatisch ausgeschlossen wird. Ich akzeptiere die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, nicht aber die Aussage des Jugendamtes: „Die andauernden und wiederkehrenden Eingaben des Kindesvaters und seiner Mutter belasten die Pflegefamilie und somit auch das Kind psychisch.“

Ich frage mich, wie die Umstände ein inzwischen 5-jähriges Kind psychisch belasten sollen, wenn es von den Umständen gar nichts wissen soll. Wie soll ich in die Situation Unruhe gebracht haben?

Auch hier habe ich zuerst den direkten Weg gesucht, wollte eine außergerichtliche Regelung der Mutter, die ja weiterhin das Sagen hat. Die Mutter muss dem Umgang zustimmen, auch wenn das Kind in der Pflegefamilie lebt. Erst nachdem ich von der Mutter kein Einverständnis zum Umgang bekam, habe ich den gerichtlichen Weg beschritten. Ich bin der Auffassung, dass ich ein Recht auf Umgang mit dem Kind habe, auch wenn die Mutter keinen Kontakt mit mir haben will. Schließlich handelt es sich primär um das Recht des Kindes auf „seine“ Großmutter.

Unverständlich ist mir die Argumentation: Wenn ich dem Enkelkind Geschenke zukommen lasse, verunsichere ich möglicherweise das Kind, weil dann signalisiert werde, dass es den Haushalt der Pflegeeltern verlassen müsse. Diese abwegigen Unterstellungen sind aus der Luft gegriffen und haben mich dazu veranlasst, den gerichtlichen Weg zu gehen, mein Anliegen durchzusetzen.

Was ich kritisiere, ist das intrigante Spiel zwischen der Mutter und der Pflegemutter. Was ich kritisiere, ist, dass die Behörden einfach mitspielen. Ich kritisiere das mangelnde Engagement der Behörden für die Rechte des leiblichen Vaters. Ich kritisiere, dass Steuergelder für Pflege verschleudert werden, obwohl es eine weitaus kostengünstigere Pflegemöglichkeit gibt, die aber nie geprüft und von vornherein ausgeschlossen wurde. Ich kritisiere, dass der leibliche Vater rechtlos gegenüber dem eigenen Kind ist. Ich kritisiere, dass das Umgangsrecht des leiblichen Vaters und von mir nicht durchgesetzt und ausgeweitet wird. Ich kritisiere, dass das Recht eines jeden Kindes, seine Identität zu kennen, nicht ernst genommen und entsprechend durchgesetzt wird. Ich kritisiere, dass es keine klare Zielsetzung gibt, den Umgang auszuweiten, um dem Kind die Chance zu eröffnen, seinen leiblichen Vater und seine Großmutter kennenzulernen.

Leider stehe ich nach vier Jahren Kampf um mein Recht als Großmutter und um das Recht des leiblichen Vaters, Kontakt zu seinem Kind zu haben, immer noch mit leeren Händen da – ich gebe dennoch nicht auf.
Ellen K. aus Dissen

Der gemeinnützige Kreisverein Väteraufbruch für Kinder (VAfK) Lippe-Weserbergland e.V. regt mit dieser ergreifenden Geschichte in der Weihnachtszeit zum Nachdenken an und unterstützt seit September 2006 getrennte Familienmitglieder in ihrer Beziehung zum Kind. Dabei steht das Kind im Mittelpunkt des Bemühens um Konfliktbewältigung. Der Verein setzt sich für die Gleichstellung der nicht-ehelichen zu den ehelichen Kindern ein, die auch mit der am 1. Juli 1998 in Kraft getretenen Reform des Kindschaftsrechts nur unzureichend erfüllt wurde.

So sieht sich der Verein teils als Selbsthilfegruppe, teils als politischer Verein mit dem Ziel, die Rechte der Kinder zu stärken und den Wert des Vaters der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rufen. “Wir wollen alle Eltern ereichen: Alleinerziehende, eheliche und nicht-eheliche Eltern, Omas und Opas sowie leibliche Eltern und Stiefeltern.”

Wer die Arbeit des VAfK Lippe-Weserland e.V. unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende tun (VAfK LIWE, IBAN: DE98476501300046500856, Sparkasse Paderborn-Detmold) oder sich aktiv an der Vereinsarbeit beteiligen. Betroffene finden alle Informationen auf der Website www.lippe.vaeteraufbruch.de.


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