Was platt gemacht wird für die Multifunktionshalle Minden

Architektonischer Geschichtsrundgang auf dem Gelände der geplanten Multifunktionshalle am Bahnhof Minden - Modellbahnclub, Fach-Werk und Toyota-Werkstatt bleiben wahrscheinlich

Der erste Bagger steht schon bereit am alten Güterbahnhof für die geplante Multifunktionshalle und das Gesamtkonzept der Stadt Minden – Fotos: onm

Politiker und Verwaltung der Stadt Minden reden von Zahlen, die in die Millionen gehen (s. unser Bericht). Wir haben uns auf dem Gelände am alten Güterbahnhof, wo umfangreiche städtebauliche Maßnahmen, wie die Multifunktionshalle und anderes, geplant sind, mal umgeschaut. Schließlich geht es auch um ein Stück architektonische Geschichte und um Menschen, die von den Planungen der Stadt unmittelbar betroffen sind.

Als Erstes fiel uns der Modell-Eisenbahn Club (MEC) Minden ein. Nachdem wir auf zweimalige Anfrage keine Antwort erhielten, befürchteten wir das Schlimmste. So liegt das Vereinshaus mit der sehenswerten Modellbahnanlage und der Lok-Tankstelle vor der Tür (s. unser Bericht) doch direkt in dem Gebiet des neuen Städtebaukonzepts NRW.Urban – genauer gesagt dort, wo unter anderem die neue Multifunktionshalle gebaut werden soll. Und das stellt sich die Stadt Minden und das Architekturbüro Assmann wie folgt vor:

So stöberten wir am vergangenen Samstag über das Gelände. Das Erste, was ins Auge fiel, war ein pausierender Bagger und jede Menge Baumaterialien, die auf dem Weg zum alten Bahnsteig und auf dem gesamten Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs verteilt lagen: Betonteile, Rohre, Sandberge, herausgehobene Pflastersteine und vieles mehr. Zudem wurde der besagte Weg freigebaggert (s. Titelbild).

Schräg gegenüber liegt das historische Magazingebäude der Deutschen Bahn, das sich ehemalige Bahnangestellte des MEC zum Teil zueigen machten, um ihr Handwerk im Miniformat, aber auf großer Modellbahnanlage, weiterzuleben – und das seit über 50 Jahren in diesem Clubhaus. Leider standen wir vor verschlossenen Türen, hielten das Gebäude aber fotografisch für die Ewigkeit fest:

Historisches, unter Denkmalschutz stehendes Magazingebäude der Deutschen Bahn AG, in dessem rechten Teil der Modell-Eisenbahn Club (MEC) Minden seit über 50 Jahren seinen Vereinssitz hat

Man weiß ja nie, wielange diese geschichtlich wertvolle Architektur noch stehen wird. Doch „wir wollen den Teufel nicht an die Wand malen“, wie es schon Graffiti-Sprayer am ehemaligen Bahnsteig des Güterbahnhofs treffend ausführten. Stattdessen bewunderten wir die davor an der funktionstüchtigen Energietankstelle stehenden echten Diesellokomotiven wie die alte „Railion 363 185-0“ (ehemals DB Cargo) und die „Heavy Haul Power 29002 Robert JG Savage“.

Folgt man dem Ende der Schienen, stößt man auf ein weiteres Bahn-Relikt aus alten Tagen, einem quadratischen Backsteingebäude mit großen Rundbogenfenstern. Was auch immer das für eine Funktion hatte, daneben standen zwei Fahrzeuge aus Berlin mit dem Werbeaufkleber www.lokführer-werden.de, die auf die „Ausbildung zum/zur Triebfahrzeugführer/in im Güter- und Personenverkehr“ bei der Firma dispo-Tf Education GmbH aufmerksam machten. Irgendwie scheint auf dem überwucherten Gesamtgelände also noch kein Gras drüberzuwachsen.

Wie lebendig es am alten Güterbahnhof im Mindener Stadtteil Dankersen wirklich ist, zeigte sich auf der anderen Seite des Backsteingebäudes. Vor dem Eingang parkten heruntergekommene Kraftfahrzeug-Youngtimer, die uns neugierig machten. Wir hatten Glück und trafen auf zwei Männer, die hier gerade am Schrauben waren und uns erklärten, dass es sich hierbei um eine Werkstatt handele nur für Toyota’s aus den 1980er und 1990er Jahren.

Der alte Ringlokschuppen wird dem Erdboden gleichgemacht werden im Zuge der Bauarbeiten

Im Internet recherchiert findet sich jedoch kein Firmeneintrag, sondern lediglich ein Hinweis von „Grizzly“ im Toyota-Forum, dass in seiner Halle in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai 2014 eingebrochen und zwei schwarze Supras entwendet wurden. So handelt es sich wohl um eine private Schrauberwerkstatt.

Viel wichtiger aber ist, dass dieses historische Gebäude unter Denkmalschutz stehe, erklärte einer der Schrauber, daher im Zuge des Bauvorhabens der Stadt nicht abgerissen werde. Aber es kam noch besser: Auch das alte Magazingebäude, in dem der Modell-Eisenbahn Club seinen Sitz hat, wird verschont bleiben, teilte er mit. Da fiel uns ein Stein vom Herzen – es wird nicht alles platt gemacht, was Geschichte hat.

Unbewohnte Villa, die auch für das Stadtprojekt eingeebnet wird

Doch es gibt ja noch weitere alte Bauten auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände. So befindet sich direkt gegenüber der Werkstatt ein großer Ringlokschuppen, dessen Tage schon gezählt sind. Die Gesamtgröße kann man sehr gut auf Google Maps erkennen. Er wurde zwischenzeitlich wohl als Lagerhalle genutzt und eingeschmissene Fensterscheiben deuten darauf hin, dass dieser Schuppen schon seit vielen Jahren leer steht. Tatsächlich finden sich Hinweise im Mindener Städtebaukonzept, dass dieses Gebäude komplett dem Bauvorhaben zum Opfer fallen wird.

Kleines Backsteinhaus der Deutschen Bahn, das es bald nicht mehr zu sehen gibt

Auch ein völlig mit Büschen zugewuchertes, interessant gestaltetes kleines Backsteinhäuschen, das wir seiner ehemaligen Funktion nicht zuordnen können, wird wohl nicht verschont bleiben. Genau wie eine große verlassene gelbe Villa, wo noch alte Vorhänge an den neueren Kunststofffenstern zu sehen sind, was vermuten lässt, dass dieses Gebäude vor nicht allzu langer Zeit noch bewohnt war.

Mal abgesehen von dem alten Bahnsteig gegenüber dem Mindener Hauptbahnhof, wo bereits die Gleisen entfernt wurden. Ein Schild im Inneren des Daches deutet darauf hin, dass er wahrscheinlich im Jahre 1970 errichtet wurde. So ist hier von einer Firma „Dröge und Koch“ aus Unna die Rede sowie der Firma Hilker aus Stolzenau/W und „Dr Münch + Röhrs“ aus Berlin. Laut Städtebaukonzept wird auch dieser dem Erdboden gleichgemacht.

Der alte Bahnsteig des ehemaligen Güterbahnhofs verschwindet auch bald von der Bildfläche

Betroffen sein wird vermutlich auch das parallel dahinter stehende, auf der gegenüberliegenden Straßenseite der ehemaligen Bahnhofskaserne (s. unser Bericht) befindliche lange weiße Gebäude an der Friedrich-Wilhelm-Straße (s. Google Maps), wo sich aktuell mehrere Mietwagen-/Taxiunternehmen und ein entsprechend großer Fuhrpark befinden. Näheres kann man aus den Unterlagen der Stadt allerdings nicht entnehmen.

Zuguterletzt geht es um den „Lokschuppen II“. 1847 zur Eröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn (s. auch unser Bericht) errichtet, handelt es sich hierbei um einer der wenigen erhaltenen Bauten dieser Art aus der Anfangszeit der Eisenbahn-Geschichte in Deutschland. Mit einem kleinen Garten umgeben dient er heutzutage als Außenstelle für eine Produktionsschule mit 24 Plätzen des Mindener Vereins „Fach-Werk“, der für seine Ausbildungsstätten in handwerklichen Berufen bekannt ist.

Diesem geschichtsträchtigen Gebäude wird wahrscheinlich kein Haar gekrümmt werden, denn die Stadt Minden widmet Fach-Werk e.V. ein ganzes Kapitel im Städtebaukonzept. Außerdem ist es in der Denkmalliste unter Nummer 530 als „zweizügiger Lokschuppen II“ ausgewiesen, steht somit ebenfalls unter Denkmalschutz.

Damit wäre unser kleiner Rundgang vom 10. Juni 2017 über das zukünftige Multifunktionshalle-und-Co.-Gelände schon beendet. Sicher gibt es noch mehr Architektur und Menschen, die vom geplanten Stadtprojekt betroffen sind. Fakt ist, in diesem Mindener Stadtbezirk wird sich im Laufe der kommenden Jahre noch einiges ändern und viele Bagger und sonstigen Baumaschinen unterwegs sein.

Da hilft nur eins: Daumen drücken, dass sich alles zum Guten wendet, und Mund aufmachen, wenn Bürgerinnen und Bürger – nicht nur, was Steuergelder angeht – davon betroffen sind.

Aber vorher gibt’s noch weitere Bildchen (sind auch 7 Stück von 2014 dabei):

<a href="https://flic.kr/s/4gLq58P" target="_blank">Click to View</a>

Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.


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1 Kommentar zu “Was platt gemacht wird für die Multifunktionshalle Minden

  1. Fritz Pucher
    18.06.2017 at 21:02

    Es ist schon erstaunlich, dass „nur“ darüber berichtet wird, was möglicherweise überirdisch entsorgt werden soll. Über die gigantischen Altlasten im Untergrund spricht erstmal niemand … Wird ja bezuschusst. Nur auf welchem Betrag bleibt die Stadt sitzen? 1 der Mio, 2 Mio? Eher mehr! Kommt ja nicht drauf an, da ohnehin 1 Mio Verlust pro Jahr eingeplant werden. Und das bei den mehr als optimistischen Annahmen. Darf es etwas mehr Verlust sein? Klar, denn die angenommen Baukosten sind ja jetzt schon explodiert! Darfs noch etwas mehr sein? Wenns nach Bürgermeister und Kämmerer geht, klar! Leuchtturmprojekte fordern Opfer. Vom Bürger! Nicht vom Bürgermeister! Denn der geht, und die Bürger bleiben! Nämlich auf den Kosten mit Steuererhöhungen sitzen.

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