Vom Lüsterweib bis zur Alten Schmiede: Denkmaltag in Stadthagen

Zahlreiche historische Bauten luden am Tag des offenen Denkmals 2018 in der niedersächsischen Kreisstadt Stadthagen dazu ein, ihre Geschichte kennenzulernen

Das Alte Rathaus in Stadthagen war eins von über 20 Sehenswürdigkeiten, die am Tag des offenen Denkmals 2018 mit oder ohne Führung besichtigt werden konnten – Fotos: onm

Tausende Stadthäger, Schaumburger und Touristen aus umliegenden Regionen kamen zum Tag des offenen Denkmals 2018 nach Stadthagen, um etwas über das Innenleben und die Geschichte der über 20 historischen Bauten in der Innenstadt zu erfahren, die ihre Türen öffneten und zu Führungen einluden.

Zum 25-jährigen Jubiläum des „Tag des offenen Denkmals“ hatte man die Qual der Wahl als Kultur- oder Geschichtsfan. Bundesweit öffneten rund 8000 historische Gebäude, Parks und archäologische Stätten ihre Türen unter dem Motto „Entdecken, was uns verbindet“ (s. unser Vorbericht). Wir entschlossen uns zu einem Rundgang durch die niedersächsische Kreisstadt Stadthagen, weil man hier zu Fuß auf „engstem Raum“ eine Menge entdecken konnte und alle Bauten bis 18 Uhr geöffnet hatten. Los geht’s:

Das Lüsterweib im Hochzeitszimmer

Zuerst auf den Marktplatz Stadthagens zugesteuert, versammelte sich im Eingang des Rathauses eine Besuchergruppe, die auf den Beginn der Führung zum „Gerechtigkeitsbild“ und zum „Lüsterweibchen“ wartete. Null Ahnung, was einen erwarten würde, leitete Gästeführerin Christina Bühre durchs an sich schon sehenswerte Treppenhaus ins ehrwürdige Trauzimmer und klärte auf.

Umgeben von dunklen alten hölzernen Möbeln zeigte sie mit ihrem Stock Richtung Decke auf einen seltsam anmutenden Kerzenleuchter, das sogenannte „Lüsterweibchen“. Das historische Schmuckstück sei vor ein paar Jahren plötzlich auf einer Auktion aufgetaucht und zeige das „Lüsterweib“ Maria von Pommern als weibliche Halbfigur, platziert auf einem Hirschgeweih, sowie das alte Schaumburger Wappen in ihrer rechten Hand (links im Bild).

Das in Kunstkreisen begehrte und hoch gehandelte Kunstobjekt aus der Renaissance-Zeit konnte Udo Jobst vom Renaissanceverein Stadthagen über den Kunsthandel Wenzel aus Bamberg ergattern und steht seit 2014 der Stadt als Leihgabe zur Verfügung. Da es sich um ein Hochzeitsgeschenk an Otto von Holstein-Schaumburg und seine erste Ehefrau Maria von Pommern, die ehemalige Gräfin von Schaumburg, handele, fand es – neben einem historischen Wandgemälde, dass die Geschichte von König Salomon zeige, genannt „Gerechtigkeitsbild“ – entsprechend im „Hochzeitszimmer“ Platz.

Aber auch der Schrank in einer Ecke des Raumes war nicht zu verachten. Ins Holz der Türen geschnitzt zeige er Caritas (links), die weibliche Figur mit Kind im Arm, die im Christentum für Nächstenliebe und Wohltätigkeit steht, und Justitia, die Göttin der Gerechtigkeit aus der römischen Mythologie.

Das Alte Rathaus stamme aus dem 16. Jahrhundert und wurde als Zeughaus (Gebäude, in dem Waffen und militärische Ausrüstung gelagert und instand gesetzt wurden) aus Obernkirchener Sandstein im Stil der Weserrenaissance erbaut.

Nach dem geschichtlichen Einblick durfte sich jeder Gast eine kleine gelbe Schriftrolle mit weisen Sprüchen aus dem Korb fischen, den Bühre herumreichte. Unserer besagte: „Sanftmut ist der Himmel, Zorn die Hölle, die Mitte zwischen beiden ist diese Welt. Je sanftmütiger du bist, desto näher bist du dem Himmel“ – ein Zitat von Martin Luther (1483-1546). Und schon ging’s weiter zum nächsten Denkmal:

Die Synagoge, die zum Gedenk- und Lernort wurde

Ein rotes Gebäude, versteckt im Wirrwarr der Stadthäger Gassen, stach anmutig hervor zwischen den vielen Fachwerkhäusern und Backsteinbauten: die ehemalige Synagoge. Jahrzehntelang als Lagerraum genutzt ließ sich nach der Sanierung durch den „Förderverein ehemalige Synagoge Stadthagen e.V.“ nur erahnen, wie sie damals eingerichtet war. Wenn da nicht die Fotogalerie gewesen wäre:

Synagoge Stadthagen

So war uns beispielsweise bis zum 9. September nicht bekannt, dass – genau wie im Islam – die Jüdinnen getrennt von den Männern im Obergeschoss beten mussten. Heute befinden sich dort eine lichtdurchflutete, fast leere Plattform mit Blick aufs Erdgeschoss und ein rundes Fenster, in das der Davidstern (Hexagramm-Symbol, benannt nach König David – das Symbol des Judentums) eingearbeitet ist.

Auf ein weiteres gestaltetes Rundbogenfenster mit zahlreichen geometrischen Figuren deutend, erklärte ein Vereinsmitglied, dass es sich um ein von Glaskünstler Frieder Korff aus Niedernwöhren geschaffenes Fenster handele. Das Interessante daran: Würde man all die Figuren wie ein Puzzle zusammenfügen, ergäben sie den Davidstern.

Obergeschoss der Synagoge

Auf die Idee, die ehemalige Synagoge zu einem Gedenk- und Lernort umzufunktionieren, habe Stadthagen dem gebürtigen Berliner Künstler Hasso Neumann († 2014) zu verdanken, der rund vier Jahre lang in der Schaumburger Kunstszene zuhause war. Er gestaltete unter anderem einen Menora (siebenarmigen Kerzenleuchter), der in der ehemaligen Synagoge hinter Glas zu bewundern ist. Hauptsächlich habe Neumann im Jahre 2007 aber dazu beigetragen, dass den über 400 jüdischen Opfern aus Schaumburg, die der Nazidiktatur zum Opfer fielen, überhaupt zu gedenken sei.

Die Vereinsmitglieder des Fördervereins betonten, dass dieses Bauwerk – ein einfacher Ziegelbau mit Frauenempore aus dem 19. Jahrhundert (erbaut: 1858) -, das in den vergangenen Jahren aufwendig saniert wurde, heutzutage vor allem als Lernort für Schulklassen genutzt werde und für diverse Workshops, Konzerte, Lesungen, Filmvorführungen rund um das Thema Judentum zur Verfügung stehe.

Für die weitere Nachlese überreichte man uns ein Informationsheft mit Bildern und jede Menge Geschichtstexte zur Synagoge, das vermutlich erstmals zu einer Auftaktveranstaltung im Oktober 2017 herausgegeben wurde. Aber wir wollten natürlich noch mehr sehen:

Kleine Kirchentür eröffnet Blick aufs große Fürsten-Mausoleum

Wer von religiöser Architektur umgangssprachlich „erschlagen“ werden möchte, sollte die evangelisch-lutherische Sankt-Martini-Kirche in Stadthagen besuchen. Das Kirchenschiff mit seinem siebeneckigen Anbau lässt von außen nicht ansatzweise erahnen, was sich im Innern verbirgt.

Die ersten Schritte in den Vorraum der durch gotische Stilelemente geprägten Kirche versetzen einen in die Zeit Otto IV. von Holstein-Schaumburg (1544-1576). Der Graf „türmt“ zwischen seiner ersten Frau Marie von Pommern-Stettin zur Rechten und der Cousine seiner allzu früh verstorbenen Gemahlin, Elisabeth Ursula von Braunschweig-Lüneburg, seiner zweiten Frau zur Linken (im Bild verkehrt herum), in Stein gehauen hinter einem schmiedeeisernen Gitter sozusagen liegend an der Wand. Ein grandioser Anblick, denn hierbei handelt es sich um das 4,5 Meter hohe und 9 Meter breite Grabdenkmal der Adelsgeschlechter.

Weiter ging es durch das Hauptportal, bestückt mit Kronleuchtern, historischen Wandgemälden, einer riesigen Orgel, Fürstenloge, Altar, reich verzierten Fenstern und einem lebensgroßen „Triumphkreuz“, das Jesus am Kreuz sowie Maria und Johannes darstellt, die zu ihm nach oben schauen. Fasziniert richtet sich unser Blick dann am Ende des Langhauses auf eine zum Teil freigelegte Wandmalerei, zu der uns jedoch niemand etwas sagen konnte.

Außerdem hinderte eine Absperrung vor dem weiteren freien Zutritt. 2 Euro pro Person werden verlangt und eine Frau zeigt auf eine kleine hölzerne Kirchentür, die man nach dem Bezahlen ruhig öffnen dürfe. Gesagt, getan – und wir wurden „erschlagen“. Das 24 Meter hohe Mausoleum tat sich plötzlich auf, mit einer Dachkuppel, wie man sie sonst wohl nur in der Sixtinischen Kapelle (Vatikanstadt, Rom, Italien) vorfindet.

Mit mehreren Besuchern in einem geschätzt gerade mal zwei Meter breiten Rundgang stehend, ragt zudem ein aus Bronze gefertigtes, rund fünf Meter hohes Erinnerungsdenkmal mitten im Raum aus dem Boden: das Grabmonument zu Ehren des Fürsten Ernst von Holstein-Schaumburg (1569-1622). Gefertigt von Adrian de Vries (1556-1626), dem wohl bedeutendsten Bildhauer seiner Zeit, sollen die detailgetreuen Figuren des Monuments auf anmutige Weise aus dem Leben des verstorbenen Fürsten erzählen – obenauf der auferstandene Christus in Überlebensgröße, aber auch schlafende und erwachende Wächter, Putten, Löwen und weitere Darstellungen.

Mit der Anmerkung einer Passantin „Und wer baut für uns so ein Mausoleum?“ und reichlich Informationsmaterialien am Ausgang versorgt ging es weiter auf Besichtigungstour am Denkmaltag:

Das „Hundeloch“ an der Stadtmauer

Erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde der Stadtturm vor den ehemaligen Toren des damaligen Schloss-Geländes. Ein guter Grund, mal reinzuschauen. Viel zu sehen gab es im Innern jedoch nicht, nur einen kleinen Raum mit rußgeschwärzten Mauersteinen, ein Schießscharten-Schlitz und eine Holzleiter, die zum Obergeschoss führte, aber nicht betreten werden durfte. Kein Wunder, dass er damals als „Hundeloch“ bezeichnet wurde.

Stadtturm

Woher die Bezeichnung stammte und welche Geschichte der Turm aufzuweisen habe, darüber klärten eine Mitarbeiterin des Schaumburg-Lippischen Heimatvereins und ein anwesender Experte für Fachwerkhäuser auf: Zunächst handele es sich hier um einen von ehemals drei Stadttortürmen entlang des Wallgrabens mit Stadtmauer, die von ca. 1400 bis 1600 die Stadt und das Anwesen des Stadthäger Schlosses umschloss und vor Angreifern schützte. Nachdem Fürst Ernst zu Schaumburg 1607 die Residenz von Stadthagen nach Bückeburg verlegte, wurde der Stadtturm 1760 als Amtsgefängnis umfunktioniert – aufgrund seiner geringen Größe auch „Hundeloch“ genannt.

Später diente der Wachturm als Stall und im 19. Jahrhundert als Lagerstätte für Eisblöcke, die laut Stadtführerin vermutlich vom Steinhuder Meer mit Pferdewagen und Stroh bedeckt nach Stadthagen transportiert wurden.

Zur Freude der Experten kam auch eine Archäologin zu Besuch, die den vermeintlichen Steintreppen-Ansatz an der Außenmauer des Turms als ganz normalen Ersatz baufälliger Steine enttarnte. Das Besondere an dem Turm sei das Spitzdach, das ebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt aufgesetzt wurde – der ursprüngliche Turm sei sehr viel größer gewesen. Überhaupt handele es sich hierbei um ein archäologisch interessantes Objekt, das laut Stadtangaben erstmals 1396 erwähnt wurde.

So viel Fachinteresse an so einem „Hundeloch“ erstaunte uns sehr. Wenn der Fachwerkhaus-Experte wüsste, dass wir uns im Anschluss zu einem echten Schmuckstück aufmachten …

Alte Schmiede – eine lebendige Fachwerkhaus-Baustelle

Wer regelmäßig die TV-Serie „Die Schnäppchenhäuser – Der Traum vom Eigenheim“ auf RTL II verfolgt und/oder selbst vorhat bzw. dabei ist, ein Fachwerkhaus zu sanieren, war auf dieser „lebendigen“ Baustelle genau an der richtigen Stelle. In der Krumme Straße 35 in Stadthagen öffneten zum Denkmaltag Mitglieder der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V., die sich seit den 1970er Jahren auf den Erhalt und die Sanierung von historischen Häusern im ländlichen Raum und in Kleinstädten spezialisieren, ihr Projekt „Alte Schmiede“ für interessierte Gäste.

Über knarrende Bodendielen und Treppenholzstufen konnte man vom Erdgeschoss bis zum Dachboden ins Herz der Fachwerkkonstruktion schauen, bröckelnden Lehmputz anfassen wie auch Reste von Tapeten und Teppichbelägen aus den 1950er Jahren von wahrscheinlich späteren Bewohnern bestaunen. Ebenso waren der Innenhof und die angebaute Schmiede zugänglich. Wo der Schmied sein Eisen ins Feuer des Kamins legte ließ sich genauso nachvollziehen wie anhand der hängenden Wagenräder und historischen Fotos, dass im Hof auch Pferde Platz fanden.

Das Fachwerkhaus an sich stamme aus dem Jahre 1764 und enthalte einen nachträglich verputzten Giebel. Ein vom fürstlichen Bauamt genehmigter Grundriss von 1887 des anliegenden Stallgebäudes veröffentlichte auch den Namen des Bauherrn: Adolph Hille war einst der stolze Besitzer des Hauses. Den Fotos zufolge muss er zusammen mit seiner Großfamilie viele Jahre auf dem Grundstück gewohnt und gearbeitet haben.

Auf jeden Fall war dieses offene Denkmal für uns das aufregendste. Es erinnerte irgendwie an Abenteuerspielplätze aus der Kindheit. Vielleicht ein Grund, warum die Interessengemeinschaft mit dem Motto „Wir lieben alte Häuser“ wirbt und rund 6000 Mitglieder aus ganz Deutschland zählt.

Fazit

Dem Motto kann sich unsere Redakteurin nur anschließen, sonst hätten wir nicht stundenlang am „Tag des offenen Denkmals“ Stadthagen und seine Geschichte durchkämmt. Uns hat’s Spaß gemacht und wir haben eine Menge dazugelernt, welches Wissen wir gerne an Sie weitergeben, liebe Leserinnen und Leser.

Quelle: Wikipedia, Bericht SZLZ.de, Bericht sn-online.de, OctoberNews


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