Tucholsky-Bühne erhält neues Bühnendach und startet in Saison 2019

Regisseur Schynol mag keine Zicken und Hauptdarsteller von "Zaun an Zaun"-Uraufführung Krems spricht über seine Arbeit am Theater in Minden

Eine Zicke muss an der Tucholsky-Bühne in Minden aus gutem Holz geschnitzt sein, sonst lässt Theater-Regisseur Eduard Schynol (re.) sie nicht auf die Bretter, die die Welt bedeuten – mit (v.li.) Bühnenbildner Hans Luckfiel und Wolfgang Krems, Hauptdarsteller von ‘Zaun an Zaun’, sitzt er gern auf einem Bock und hat Spaß – Fotos: onm

Die Sommer-Saison 2019 steht unmittelbar vor der Tür an der Tucholsky-Bühne in Minden. Vom 24. Mai bis 14. Oktober öffnen die Tore vom historischen Fort A und laden wieder zu einem bunten Programm aus Theater, Literatur, Musik und Kunst ein. Vor der Uraufführung ‘Zaun an Zaun’ spricht Hauptdarsteller Krems in einem Interview über die Proben sowie seine Arbeit mit Theater-Regisseur Schynol und kann das Team eine Neuigkeit verkünden.

Eduard Schynol riss die Arme in die Luft, als er im Interviewtermin am 14. Mai zu hören bekam, dass das Bauamt der mobilen Bühnenüberdachung zugestimmt habe. Genauer führt er einen Tag später auf der Webseite der Tucholsky-Bühne aus (Zitat): “Der Bauantrag für den Regenschutz der Bühnenfläche ist genehmigt worden und die Montage kann beginnen. Der Regenschutz ist als Zwei-Segel-Anlage mit Elektromotor und Windsensor geplant. Unsere Vorteile sind: Größere Veranstaltungssicherheit, Schutz des technischen Equipments bei Regen, größere kulturelle Nutzbarkeit.”

Eine freudige Nachricht, die gleich die Runde machte unter den Theaterfreunden. “So können wir auch bei Regen geschützt unterm Dach spielen – nur das Publikum wird nass”, ulkte der Theater-Regisseur aus Porta Westfalica, der stets zu kleinen Scherzen aufgelegt ist.

Wolfgang Krems hat als Rentner Kraft und Zeit, sich in die Rolle des Kenan einzuarbeiten

So mag es nicht verwundern, wenn er am Tag des Interviews das Reden überwiegend Wolfgang Krems überließ, der im September letzten Jahres dem Aufruf “Tucholsky-Bühne Minden sucht Theater-Schauspieler für Uraufführung” folgte (siehe unser Bericht) und seit Februar dabei ist. “Er ist selbstbewusst, passt zur Figur und vom Alter und Typus her. Wir konnten uns sofort auf die wesentlichen Dinge einigen, zum Beispiel, dass es immer ohne Geld geht und welche zeitliche Belastung auf einen zukommt”, antwortete Schynol auf die Frage, warum er gerade ihn für die Rolle des Kenan Ataman ausgewählt habe, einer der beiden Hauptcharaktere der TV-Nachbarschaftskomödie ‘Zaun an Zaun’, die am 22. Juni erstmals auf einer Theaterbühne aufgeführt wird. Überhaupt sage ihm das Bauchgefühl, ob die Person passe oder nicht. “Ich muss erst ein Gespräch führen, merken, ob es funkt”, so Schynol.

Bei Krems stimmt offensichtlich alles. Von der äußerlichen Erscheinung einmal abgesehen, die bereits gut einen türkischen Bauleiter abgeben kann, der der Erfolgsautorin Lissi Weidinger (gespielt von Anette Redecker-Klein) nicht nur dazu verhilft, die Schreibblockade zu überwinden, bringt der Amateur-Schauspieler einige Merkmale mit, die Parallelen zu Schynol (siehe unser Bericht) aufweisen: Er ist 66 Jahre alt (Schynol mittlerweile 67), ehemaliger ‘Pauker’ und hat schon mal ein Schultheater geleitet. Nur fand das Ganze an anderen Orten statt.

Aufgewachsen in Berlin-Wilmersdorf unterrichtete der Lehrer Englisch und Musik. Seine Frau stamme aber aus Bielefeld und seine Kinder wollten raus aus Berlin. So fand er eine Stelle am Herder-Gymnasium in Minden und sei später zum Besselgymnasium gewechselt, wo er das Theater ‘English Drama Club’ leitete. “Und seit ich in Rente bin, kann ich richtig loslegen”, führte er an, nachdem er auf Schynols Vorschlag hin die bisherigen Proben aus seiner Sichtweise erläuterte:

“Seit Februar bin ich hier, die ersten Proben fanden vor Ostern statt. Es ist alles super durchorganisiert. Das Bühnenbild wächst von Tag zu Tag. Das ist ein super Team, das macht viel Spaß, weil alle mit Feuereifer dabei sind. Alle haben Geduld, auch wenn’s kalt ist. Jeder weiß, was er zu tun hat, auch wenn die eine oder andere Probe 15 Mal wiederholt werden muss. Herr Schynol legt sehr viel Wert auf Extrovertiertheit, macht viel vor, damit alle aus sich herausgehen. Vorher war ich in einem Theater-Werkstattkurs namens ‘Begeisterung’ der Volkshochschule im Kleinen Theater am Weingarten, habe eine Produktion mitgemacht im November 2018. Dann habe ich den Aufruf vom Tucholsky-Theater gesehen und mich gefreut, dass ich in die Rolle des Kenan passe.”

Ein Schlussstein im Deckengewölbe des Fort A weist das Jahr 1849 aus

Das sei genauso erfreulich wie die Tatsache, dass fast jeden Tag eine Anfrage auf eine Mitgliedschaft reinkomme, so Schynol, womit er darauf hinwies, dass es sich bei der Tucholsky-Bühne um einen gemeinnützigen Verein handelt. Die Bühne finanziere sich komplett durch Eintrittsgelder, Mitgliedsbeiträge und Spenden und habe zurzeit “fast 400” Mitglieder (wenn es soweit ist, will Schynol das groß bekannt geben und feiern). Außerdem hätten sich seit dem Aufruf Ende September zahlreiche Amateurschauspieler/innen bei ihm gemeldet, fünf Neue wurden aufgenommen.

Davon abgesehen wird das historische Anwesen, das schon einige Jahre auf dem Buckel hat, vom Verein gehegt und gepflegt. “Genau 170 Jahre ist es her, dass der Schlussstein in das Deckengewölbe des Fort A gesetzt wurde”, machte Schynol auf das Alter der hufeisenförmigen Festungsanlage aufmerksam. Darauf angesprochen, was denn ein ‘Schlussstein’ sei, erklärte er: “Man baut ein Grundgerüst, und der letzte Stein trägt das ganze Gewölbe. Denn die Steine drücken nach innen und halten sich gegenseitig fest.” Um zu zeigen, was er damit meinte, führte er in einen der Gänge und verwies auf einen solchen Schlussstein in der Mitte des halbrunden Deckengewölbes, in dem damals das Jahr 1849 eingemeißelt wurde.

Eine weitere Auffälligkeit war die ungewöhnliche Holz-Ziege (mit Fahrradsattel als Kopf, Bürste als Schweif und Perrückenzopf als Bart), die Schynol für ein Foto in unserem Bericht auswählte, eine Requisite für Sofie, die ebenfalls eine Rolle spielen wird in ‘Zaun an Zaun’. Dabei mag der Theater-Regisseur eigentlich keine ‘Zicken’ im Team (scherzhaft gemeint), wie er verriet.

Sofie Weidingers Ziegen-Sitzbank, eine Requisite für die Uraufführung ‘Zaun an Zaun’ an der Tucholsky-Bühne, wartet noch auf eine “poppige Bemalung”

Auch der Bau der Kulisse zur Premiere am 22. Juni, um den sich unter anderem Hans Luckfiel kümmert, schreitet sichtlich voran. Die Doppelhaushälfte von Vermieterin Lissi stand schon im Rohbau am 14. Mai. Im Hintergrund konnte man ein Podest erkennen, das bei dem Theaterstück zum Einsatz kommen wird.

Bevor es soweit ist, passiert aber eine ganze mehr an der Tucholsky-Bühne:

Auftakt am 24. Mai macht Frank Suchland mit seiner Gruselgeschichte ‘Oh schaurig ist’s, durch das Fort zu gehen’. Mit Augenzwinkern wird er Texte aus der Schattenwelt literarisch-musikalisch in Szene setzen.

Bereits einen Tag später wird das Improvisations-Trio ZHREE, das man in Minden vom ‘WeserRauschen’ her kennt (siehe unsere damalige Ankündigung), mit Trance-Rhythmen bzw. Chill-out-Klängen die Bühne erobern.

Die Kulisse von “Zaun an Zaun” wächst

Am 2. Juni findet wieder der Muckertreff statt – eine offene Bühne für Musiker und Bands, die es zwischen den historischen Mauern krachen lassen wollen – wie bisher bei freiem Eintritt.

‘A Day of Country’ macht am 10. Juni Halt im Fort A. Sonny B., der im Mai letzten Jahres im ‘Diner Road’ mit seiner genialen Country-Stimme überzeugte (siehe unser Bericht), wird den Line Dancers ordentlich Feuer unter den Hufen machen. Gegrilltes und Bier darf natürlich nicht fehlen – bei freiem Eintritt.

Märchenhaft geht es am 13. Juni weiter mit der französischen Harfenistin Lydie Römisch und Erzählkünstlerin Gisela Krohne.

Mit Coversongs ihrer Idole Led Zeppelin, Hendrix oder Deep Purple wollen die Jungs von Burnin’ Fuel am 15. Juni Retro-Rock-Musikfans überzeugen.

Zuguterletzt, aber nicht abschließend in der Sommer-Saison, werden am 16. Juni Kunsträume wahr für den ‘Verein für aktuelle Kunst im Kreis Minden-Lübbecke e.V.’. Erstmals werden Künstler des Vereins die Räume des Fort A nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten – einen Monat lang. Das Ergebnis können sich Interessierte dann am 14. Juli anschauen.

“Ich bin schon ganz gespannt, was da kommt”, freut sich Schynol. Und wir erst – auch darauf, ob der Theater-Regisseur seine Fortmauern für die Aktion ‘Kunsträume’ wirklich komplett aus den Händen geben kann und wird. ;o)

Alle Programm-Informationen und Ticket-Bestellmöglichkeiten findet man auf der Webseite www.tucholsky-buehne.de.


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