Tag der Begegnung 2015 in Melle

Nicht von Inklusion träumen, sondern Inklusion leben: Ein Nachmittag in Melle mit Menschen mit und ohne Behinderung

Tag der Begegnung in Melle
Nicht von Inklusion träumen, sondern Inklusion leben: Der “Tag der Begegnung” in Melle zeigte beispielhaft auf, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam viel erleben können – Fotos: onm

“Jan Kleen lebt die Inklusion, die andere versuchen, zu leben”, schwärmt Klaus-Dieter Illi, Ehrenamtlicher der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO), zuständig für die ambulante Assistenz. “Das Schönste ist überhaupt, dass ich meine Lebensfreude wiederhabe”, erklärte Jan Kleen beim “Tag der Begegnung” in Melle.

Klaus-Dieter Illi
Seit 20 Jahren ehrenamtlich unterwegs: Klaus-Dieter Illi engagiert sich für Menschen mit Behinderung

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und doch etwas gemeinsam haben. “Klaus”, wie er genannt werden möchte, ist 51 Jahre alt und liebt es, Trike zu fahren sowie mit behinderten Mitmenschen zu arbeiten. Jan Kleen ist 22 Jahre alt und war 17 Jahre lang Mobbing-Opfer aufgrund seiner Behinderung, weshalb er sich nicht aus dem Haus traute. Beide Männer haben sich dasselbe Ziel gesetzt:

Jan Kleen
War 17 Jahre lang Mobbing-Opfer aufgrund seiner Behinderung: Jan Kleen

Menschen mit und ohne Behinderung zusammenzubringen und gemeinsam viel zu erleben – bis es das Natürlichste der Welt wird.

Gesagt, getan. Am Samstag, 12. September 2015, war es soweit. Rund 60 Menschen mit Behinderung und 20 Menschen ohne verbrachten im niedersächsischen Melle (Landkreis Osnabrück) gemeinsam einen gemütlichen Nachmittag im Freien bei strahlendem Sonnenschein, Kaffee und Kuchen, Livemusik und Theater. Man unterhielt sich über “Gott und die Welt”, es wurde gelacht, gesungen und gespielt.

Zuerst traf man sich bei der HHO Wohnen gGmbH “Ambulante Assistenz”, einem umfunktionierten Privathaus mit Garten in einer ruhigen Wohnsiedlung – ein Nachbarschaftstreffpunkt, an dem zusammen gekocht, gefrühstückt und gegrillt wird. “Wir begleiten Menschen mit Behinderung in ihrer selbstständigen Lebensweise, um selbstständig wohnen und Verantwortung übernehmen zu können”, ergänzt Bereichsleiter Jan Magin.

“Im Obergeschoss wohnt eine ‘3er-WG’, leben also drei Menschen mit Behinderung in einer Wohngemeinschaft zusammen und erhalten Unterstützung von den Mitarbeitern der Ambulanten Assistenz. Die Mitarbeiter helfen beratend, mit den Anforderungen einer alltäglichen Lebensführung zurechtzukommen.” Im Erdgeschoss befinden sich mehrere Aufenthalts- bzw. Veranstaltungsräume, eine Küche, Büroräume, Notversorgung und alles, was man braucht.

Erster Umtrunk
Erster Umtrunk auf der Terrasse des Nachbarschaftstreffpunkts der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) Wohnen “Ambulante Assistenz” in Melle

“Ich komme gern hierher”, verrät Ralf Kuhlmann. Der 51-Jährige führt uns zur Pinnwand und zeigt anhand eines Zettels auf, dass man auch Veranstaltungen gemeinsam plant und umsetzt, wie Kickern, Minigolf spielen, Bingo spielen, Eis essen, einen Kinoabend verbringen oder einen Ausflug zum Ludwigssee. “Klaus Illi ist sehr aktiv”, lobt Magin den seit 20 Jahren ehrenamtlich Tätigen. “Klaus ist froh, dass er kein Pädagoge ist, so kann er unsere Fehler aufzeigen.”

Jan Magin
Für Bereichsleiter Jan Magin war die Veranstaltung eine “Feuertaufe”

Für Magin selbst ist diese Veranstaltung praktisch die Feuertaufe, er wurde erst wenige Tage zuvor zum Bereichsleiter erklärt. “Zurzeit betreuen wir rund 65 Kunden mit acht pädagogischen Fachkräften hier im Haus. Klaus kennt sie alle. Er arbeitet seit vier Jahren erfolgreich mit der HHO zusammen. Seitdem er da ist, hat die Ambulante Assistenz deutlich an Bedeutung zugelegt, weil er die Kunden einfach mitreißen kann. Wir schätzen ihn sehr.”

Sphresa Matoschi
Sphresa Matoschi setzt sich für verständlich lesbare Texte ein

Sphresa Matoschi hingegen ist sogar deutschlandweit unterwegs. Aus dem “Büro für leichte Sprache und Barrierefreiheit” heraus vertritt sie ehrenamtlich das Netzwerk leichte Sprache, das sich für verständlich lesbare Texte für Immigranten und Menschen mit Behinderung einsetzt. Unter “leichter Sprache” versteht das Netzwerk Sätze, die “kurz und knapp” auf den Punkt kommen sowie mit Symbolen oder Bildern veranschaulicht werden – denn das benötigen viele Menschen mit Behinderung. Wobei es natürlich auf die Schwere bzw. den Umfang der Behinderung ankommt.

Unsere Redakteurin war dabei und hat es hautnah erlebt. Hart, aber herzlich erzählte man ihr Erlebnisse, die prägender nicht sein können. Eine Mutter mit zwei behinderten Kindern regt sich über das Jobcenter auf, weil es nach dem Tod ihres Mannes ihr jegliche finanzielle Unterstützung untersagte. Sie hatte sich zu sehr auf die Worte ihres Mannes verlassen: Er gehe arbeiten und mache den Bürokram, sie kümmere sich um die Kinder.

Da sie nie einer Arbeit nachging, erhält sie auch kein Geld vom Staat. Erst durch ein zufälliges Gespräch mit der Caritas erfuhr sie, dass sie bereits jahrelang auf Unterstützung verzichtete, denn sie hätte diverse Sachen beantragen können. Doch keiner hat sie darüber aufgeklärt. Nun sitzt sie allein vor einem Berg voll bürokratischem Aufwand mit zwei Kindern, die eben besondere Dinge benötigen, wie beispielsweise Desinfektionsmittel.

Rund 60 Menschen mit Behinderung und 20 ohne verfolgen gespannt den Worten der Veranstalter
Rund 60 Menschen mit Behinderung und 20 ohne folgten gespannt den Worten der Veranstalter und warteten auf den Startschuss des Laufs durchs Melle zum Theaterstück

Sicher kein Einzelfall. Der 22-jährige Jan aus Wilhelmshaven war das erste Mal in Melle und erzählt seine eigene Lebensgeschichte. Er wurde 10 Wochen zu früh geboren, weshalb er mit einer Behinderung zur Welt kam. “17 Jahre lang war ich Mobbing-Opfer. Ich wurde von Nachbarskindern geschlagen. Außer zur Schule bin ich nicht aus dem Haus gegangen. Doch auch in der Schule haben sie mich gehänselt.”

Dann outete er sich über Facebook. Innerhalb kürzester Zeit erlangte er so viel Aufmerksamkeit von Usern, die ihm Mut zusprachen, dass er nun unter dem Motto “Hand in Hand gegen Intoleranz und Gewalt” selbst auf Menschen mit Behinderung aufmerksam macht. Denn sie sind Teil unserer Gesellschaft. Unsere Redakteurin durfte sich sogar verewigen. “Denn überall da, wo ich eingeladen bin, der etwas mit mir redet, kann auf meinem T-Shirt unterschreiben.”

Claudia Altmeier begrüsst Gäste
Ulrike Eickmeyer, Leiterin des Familienzentrums St. Marien, bereitete ihren Gästen einen herzlichen Empfang

Die Gespräche, die am nächsten Anlaufpunkt, Familienzentrum Sankt Marien, stattfanden, würden ein ganzes Buch füllen. Leiterin Ulrike Eickmeyer empfing nach einem kurzen Spaziergang durch Melle alle Besucher herzlichst am Eingang und begleitete sie quer durchs Haus bis zum Veranstaltungsraum, wo zahlreiche ehrenamtliche Helfer und ein reichlich mit Kuchen gedeckter Tisch auf seine Gäste warteten.

Nach erstem gemütlichen Beisammensein begrüßte Organisatorin Claudia Hettlich vom Ökumenischen Arbeitskreis für Inklusion in Melle, Gemeindereferentin der Meller St. Matthäus Gemeinde, ihre Gäste und freute sich über den regen Anklang. Es folgte ein Theaterstück auf dem Außengelände, das auf spielerische Art und Weise veranschaulichen sollte, was es heißt, “anders” zu sein, und wie man sich selbst aus dem Teufelskreis befreien kann.

In “Du bist einmalig”, gespielt von der “Inklusive Theatergruppe der Heilpädagogischen Hilfe Hilter” unter Anleitung von Birgit Jäger, Inklusionsbeauftragte im Kirchenkreis Melle-Georgsmarienhütte, haften hässliche Stern- und Kreis-Aufkleber nur an Punchinello, wenn er den Worten seiner Mitmenschen glaubt, dass er keine gute Holzpuppe sei. Glaube er an den Holzschnitzer in der Werkstatt (symbolisch für Gott), würden die Aufkleber von ihm abfallen.

“Rakete!” – die Zuschauer rissen die Arme hoch (anstatt zu Klatschen, um auch Gehörlosen zeigen zu können, dass man applaudiert).

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Naturtalent Alfred Peters musizierte von der Terrasse aus mit seiner Ziehharmonika

Alfred Peters stellte sich als Naturtalent heraus. Nicht nur den Holzschnitzer spielte er perfekt, er unterhielt die Besucher auch nach der Vorstellung mit seiner Ziehharmonika. Er beherrscht das Instrument seit 46 Jahren aus dem Effeff, weil er sich das Spielen selbst beibrachte, und spielt ohne Noten. “Kalle”, der Keyboarder, war ebenfalls dabei. Auf dem zweistöckigen Tasteninstrument hat er alles “drauf”, was zur Unterhaltung eines geselligen Tages für gute Stimmung sorgt.

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“Kalle”, der Keyboarder, sorgte für Stimmung während der Veranstaltung

Sodann ergab sich noch ein ausgiebiges Gespräch mit Edgar Meier, einem ehemaligen Hubschrauber-Piloten der Bundeswehr. Als er selbst mehr oder minder freiwillig in Frührente geschickt wurde, da man aufgrund einer Umstrukturierung nur noch ganz junge oder mittelaltrige Piloten übernehmen könne, fand er durch Klaus-Dieter Illi eine neue Aufgabe.

Schließlich habe er immer Einsätze geflogen, wo notleidende Menschen Hilfe benötigten. “Ich kann diese ganzen Berichte rund um Flüchtlinge nicht mehr hören”, gestand er. “Es gibt so viele Menschen in Deutschland, die dringend finanzielle Unterstützung vom Staat benötigen, ob behinderte, arbeitslose oder obdachlose Menschen. Für die wird nichts getan.”

Jan Kleen II
Jan Kleen ist unter dem Motto “Gegen Gewalt und Intoleranz” nicht nur auf Facebook unterwegs

Das kann Klaus nur unterschreiben. Interessanterweise hat die Stadt Melle aber einen weiten Vorsprung vor anderen Städten, was die Barrierefreiheit betrifft, räumt er ein. Einkaufsläden befinden sich in unmittelbarer Nähe von rund einem Kilometer und sind durchweg mit rollstuhlgerechten Hilfsmitteln wie Rampen und Ähnlichem ausgestattet.

Von einem Gast mit Behinderung erfuhren wir noch, dass diejenigen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten, zwar die Miete, Haushaltsgeld, Bekleidung, Frühstück und Mittag gestellt bekommen, jedoch nur 170 Euro monatlich zur freien Verfügung.

“Bei den meisten hapert es an Geld und Fahrmöglichkeiten, um Veranstaltungen wahrzunehmen”, erklärt Klaus. Warum Menschen mit Behinderung von der Gesellschaft so ausgegrenzt werden, kann er nicht nachvollziehen. “Sie unterhalten sich über alle Dinge des Alltags, übers Kochen, über Kinder, über Beziehungen. Sie haben die gleichen Zukunftsängste wie andere auch: was mache ich, wenn ich arbeitslos werde, wenn das Geld fehlt.”

Tag der Begegnung 2015 in Melle
60 Menschen mit und 20 ohne Behinderung hatten viel Spaß und nette Gespräche am “Tag der Begegnung” 2015 in Melle

Alles in allem war es ein sehr gelungener, aufschlussreicher Nachmittag in Melle. Das Abschlusswort überlassen wir aber Jan Kleen aus Wilhelmshaven, der – wieder zuhause angekommen – auf Facebook postete: “ich möichte mich bei euch allen für den tollen tag mit euch bedanken das war der schönste tag meines lebens das waren supper vile tolle gespriche mit euch ich möichte mich bei Triker Klaus bedanken das her mich zum tag der begeknugen eingeladen hat es hat supper viel spass gemacht und den tag werde ich nie wie der fergesen mit euch allen.”


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