Stadt Minden übergibt Flüchtlinge an Johanniter Unfallhilfe

Johanniter Unfallhilfe kümmert sich seit 3. August 2015 per Fullservice um die Flüchtlinge in der Notunterkunft in Minden-Häverstädt - Stadt ist damit raus aus der Verantwortung

Feldbetten für Flüchtlinge
Die Hilfe der DRK Minden ist beendet in der Notunterkunft für Flüchtlinge in Minden-Häverstädt – die Arbeit übernehmen jetzt Kräfte der Johanniter Unfallhilfe – Foto: Pressestelle Minden

Die Johanniter Unfallhilfe aus Bad Oeynhausen kümmert sich seit dem 3. August 2015 um die rund 150 Flüchtlinge in der Notunterkunft in Minden-Häverstädt – per Fullservice. Die Stadt Minden ist damit raus aus ihrer Verantwortung. Detlef Müller vom Bündnis „Minden Hand in Hand“ äußert Bedenken.

Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern, die zunächst in Bielefeld ankamen, wurden mit Bussen zur Turnhalle am Gelände der ehemaligen Käthe-Kollwitz-Realschule am Schülerweg in Minden-Häverstädt verbracht, nachdem die Bezirksregierung Detmold am 22. Juli darum bat, kurzfristig eine Notunterkunft (zwei bis fünf Tage) für Menschen einzurichten, die in der Bundesrepublik Deutschland Asyl suchen. Von diesem Standort aus würden die Flüchtlinge weiterverteilt.

Peter Kienzle, Erster Beigeordneter des Geschäftskreises „Soziales, Jugend, Recht, Bürgerdienste, Sicherheit und Ordnung“, rief sodann für Donnerstagmorgen, 23. Juli, einen „Stab für außergewöhnliche Ereignisse der Stadt Minden“ im Rathaus ein, um sich auf die Ankunft der Flüchtlinge vorzubereiten und weitere Einzelheiten zu klären.

Schnelle Hilfe

Feuerwehr, Polizei sowie zahlreiche Mitarbeiter der Stadtverwaltung und der Städtischen Betriebe Minden waren an der kurfristigen Einrichtung einer Flüchtlings-Notunterkunft seit dem 23. Juli beteiligt. Es wurde ein Verpflegungszelt nebst Bänken und Tischen organisiert sowie Räumlichkeiten in der ehemaligen Realschule für den Sanitätsdienst und die Lagerung von Materialien hergerichtet.

Feldbetten wurden von der Feuerwehr Minden organisiert und in der Turnhalle aufgestellt. Decken, Kissen und Hygienepakete organisierte das DRK. Die Mensa der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule lieferte Essen und Trinken für die Flüchtlinge. Ansprechpartner vor Ort wurden rekrutiert und eine Hilfsorganisation für die Betreuung engagiert. In einem weiteren Raum wurden Funkgeräte gelagert und Feuerlöscher wurden an markanten Punkten im Areal verteilt. Zusätzlich stand noch ein motorbetriebener Lüfter zur schnellen Belüftung der Turnhalle bereit.

Freiwillige Feuerwehr
Feuerwehrmänner und -frauen waren sofort zur Stelle, um die Arbeit der DRK Minden tatkräftig zu unterstützen – Foto: Pressestelle Minden

Mit 72 ehrenamtlichen Helfern des Kreisverbandes Minden und des Kreisverbandes Lübbecke war das Deutsche Rote Kreuz (DRK) seit dem 27. Juli für die Betreuung der zuletzt 141 Flüchtlinge in der Notunterkunft verantwortlich. Zudem erklärten sich 85 ehrenamtliche Feuerwehrleute aus 15 Löschgruppen der Freiwilligen Feuerwehr Minden am 27. Juli kurzfristig dazu bereit, die Kräfte des DRK bei der Unterbringung von Flüchtlingen zu unterstützen. Gestellt wurde eine 24 Stunden besetzte Brandsicherheitswache mit jeweils drei Feuerwehrleuten vor Ort, um bei Eintritt einer Gefahr unverzüglich helfen zu können und sicherzustellen, dass die Rettungs- und Fluchtwege jederzeit frei und benutzbar sind. Gearbeitet wurde in drei Acht-Stunden-Schichten. Für die Zeiten zwischen den Kontrollgängen standen die Feuerwehrleute im Aufenthaltsraum zur Verfügung, den sie sich mit den Kräften des DRK teilten.

Des Weiteren wurden Anwohner informiert, Sportvereine kontaktiert, die in der Sporthalle regelmäßig trainieren, und Dolmetscher gefunden, die auf freiwilliger Basis Übersetzungstätigkeiten leisteten. Auch wurde eine Security-Firma abberufen, die für die notwendige Sicherheit der Flüchtlinge auf dem abgeschirmten Gelände sorgte.

Nachdem festgestellt wurde, dass mehrere Flüchtlinge krank waren, wurden sie am 28. Juli in Begleitung von Dolmetschern zu medizinischen Untersuchungen und Ärzten gefahren.

Welle der Hilfsbereitschaft

27 Mindener Bürger sind am 25. Juli einem Aufruf der DRK gefolgt, als Helfer in der Notunterkunft und bei der Essensausgabe aktiv zu werden. Auch wurden zahlreiche Kleider- und Sachspenden bei der DRK an der Kutenhauser Straße abgegeben und die Stadt Minden nahm Geldspenden entgegen. Ein Team von ehrenamtlich tätigen Mindenern mit Sprachkenntnissen – fast alle selbst mit Migrationshintergrund – hatten alle Hände voll zu tun, die verschiedensten Sprachen wie Albanisch, Kurdisch und andere zu übersetzen.

Banner Flüchtlinge
Detlef Müller (1. v. re.), Peter Kienzle (2. v. li.) sowie Bündnis-Mitglieder von „Minden Hand in Hand“, DRK und Stadtverwaltung begrüßten die Flüchtlinge in Minden mit einem Willkommensbanner – Foto: Minden Hand in Hand

Bündnis-Mitglieder von „Minden Hand in Hand“ sammelten ebenfalls Sachspenden ein, aktivierten Helfer, entwarfen ein Banner, was sie gemeinsam mit Kienzle an der Notunterkunft aufhängten, und nahmen vor Ort direkten Kontakt mit den Flüchtlingen auf. Insbesondere der ökosozial engagierte Aktivist Detlef Müller, der sich stets für benachteiligte Menschen einsetzt, vor allem für syrische Flüchtlinge, war mehrmals vor Ort, um sich selbst von der Versorgung überzeugen zu können.

Versorger hat gewechselt, Stadt Minden nicht mehr zuständig

Doch am 3. August war Müller völlig aus dem Häuschen. Obwohl Pressemeldungen der Stadt Minden zufolge von vornherein feststand, dass ab dem 3. August 2015 die Kräfte der Johanniter Unfallhilfe aus Bad Oeynhausen die notwendigen Aufgaben übernehmen, bot sich ihm ein erschreckendes Bild. „Plötzlich sind keine Mindener mehr da“, erzählt er aufgeregt am Telefon, „und keine Dolmetscher. Der Versorger hat gewechselt. Die Johanniter machen jetzt alles selber.“

Müller wollte eigentlich nur Spielsachen für die Kinder vorbeibringen, die von der Mindener Bevölkerung gespendet wurden. Doch man entgegnete ihm schon am Eingang mit argwöhnischen Blicken. Schließlich gelang es ihm, unter strenger Begleitung und Bewachung von Johanniter- und Sicherheitskräften, zu den Flüchtlingen vorzudringen und mit mehreren Verantwortlichen vor Ort zu sprechen.

„Noch letzte Woche Donnerstag, am 30. Juli, als ich da war, waren noch das Rote Kreuz, freiwillige Helfer, ehrenamtliche Dolmetscher und Stadtbedienstete wie Norbert Scherpe, Michael Lax, Borchers und andere vor Ort, die alle eine hervorragende Leistung zeigten und unglaublich hilfsbereit waren“, erklärt Müller. „Jetzt sind nur noch die Johanniter aus Bad Oeynhausen und die Sicherheitskräfte da. Und die Johanniter bieten einen Fullservice an. Damit ist die Stadt Minden jetzt raus aus der Verantwortung.

Dolmetscher
Sewin Aro und Yasemin Karadag (v. li.) koordinierten die Einsätze der Dolmetscher in der Notunterkunft für Flüchtlinge

Dabei zweifelt er die Arbeit der Johanniter Unfallhilfe an. Als ein Beispiel nennt er nach einem Gespräch mit Michael Lax, zuständig für den Bereich Stadtplanung der Stadtverwaltung Minden, dass die Kräfte der Johanniter drei Waschmaschinen aufstellen wollen für die Flüchtlinge. „Wenn aber 150 Flüchtlinge waschen wollen, dann schmeißen die mal zwei T-Shirts rein und machen die Maschine an, dann der Nächste usw. – das ist uneffektiv, verbraucht zu viel Strom und Wasser. Viel besser sind Handwaschbecken, das kennen die auch“, meint Müller. Und da seien noch zahlreiche weitere Punkte, die ihm aufgefallen wären.

Der Aktivist möchte die Stadt Minden aufrütteln und am liebsten alle Fraktionsvorsitzenden an einen Tisch holen und eine Pressekonferenz einberufen. „Denn die Mindener wollen weiterhelfen und interessieren sich noch immer“, betont er.

Ob und inwieweit die Johanniter aus Bad Oeynhausen die Versorgung der Flüchtlinge in der Notunterkunft in Minden-Häverstädt gewährleisten können oder nicht, wird sich noch zeigen. Aktuell liegen keine weiteren Bedenken dagegen vor. Detlef Müller konzentriert sich auch dieses Wochenende erst einmal darauf, mit den Flüchtlingskindern schwimmen gehen zu wollen. Die Unterstützung von Achim Riemekasten von der Kanusportgesellschaft und Dirk Westermann von der DLRG Minden habe er schon mal zugesagt bekommen.

Notunterkunft bleibt vorerst bestehen – Schulsport muss umziehen

Zur Dauer dieser Lösung kann momentan noch nichts gesagt werden. „Die Notunterkunft in der Sporthalle bleibt solange bestehen, wie Bielefeld diese nicht unterbringen kann und der Flüchtlingsstrom anhält“, so Erster Beigeordneter Kienzle.

Was den Schulsport der zahlreichen Vereine, der Käthe-Kollwitz-Realschule und der benachbarten Grundschule Am Wiehen angeht, konnte nach Gesprächen mit der Bundeswehr am Standort Minden eine Übergangslösung gefunden werden. „Die Bundeswehr stellt ihre Sporthalle für 20 Schulsportstunden zur Verfügung. Wir haben uns sehr über diese Zusage gefreut“, fasst Katja Everding, stellvertretende Leiterin des Schulbüros, zusammen.

In der Halle der Bundeswehr werden ab 12. August 2015 immer zwei Klassen gemeinsam unterrichtet, die mit dem Bus transportiert werden. Der Zugang erfolgt über das Haupttor des Bundeswehrgeländes. „Die Sportlehrer erhalten einen Sonderausweis und müssen sicherstellen, dass nur ihre eigenen Schüler das Gelände betreten“, erklärt Oberleutnant Mario Erxleben, Pressesprecher der Bundeswehr am Standort Minden.

Sporthalle
Der Schulsport muss umziehen, da in der Sporthalle Minden-Süd derzeit rund 150 Flüchtlinge untergebracht sind – Foto: Pressestelle Minden

Die Grundschule Am Wiehen habe eine eigene Einfachsporthalle auf dem Gelände, nutze aber sonst auch die Dreifachsporthalle in Häverstädt. Auch hier könne der Schulsport ab Mittwoch nur eingeschränkt laufen. Solange die Halle am Schülerweg weiter als Flüchtlings-Unterkunft genutzt werde, könnten die Schüler nur noch in der Einfach-Halle und auf dem benachbarten Sportplatz trainieren. Der SV Bölhorst-Häverstädt ziehe derweil in die Umkleiden der Grundschul-Sporthalle um.

„Wir haben zu allen Vereinen Kontakt aufgenommen und möchten uns für das entgegenbrachte Verständnis herzlich bedanken“, so Henrik Thielking. Für den Herzsportverein werde derzeit noch nach einer Ersatzlösung gesucht. „Wir sind da am Ball.“ Ganz auf Hallenzeiten in Häverstädt verzichten müssen vorläufig die Betriebssportgruppen. „Für diese konnte keine Alternative vermittelt werden, weil alle an feste Zeiten gebunden sind“, berichtet Nina Renner. Nicht für alle Belegungen gebe es Alternativen, wenn die Notunterkunft bis nach den Herbstferien (Mitte Oktober) bestehen bleibt.

Momentan gebe es aber noch keine Aussage von der Bezirksregierung Detmold darüber, wie lange die Sporthalle für die Flüchtlinge noch benötigt werde. Das mache die Planungen schwierig laut Aussage der Stadt Minden.

Bitte keine Sachspenden mehr – Stadt bittet um Geldspenden

Spielzeug für Flüchtlinge
Spielsachen wurden von Mindenern in großen Mengen gespendet – Foto: Pressestelle Minden

Momentan sind die als Lager genutzten Räume voll. Alle derzeit in der Notunterkunft untergebrachten Flüchtlinge seien mit Koffern oder Reisetaschen und auch die Kinder mit Spielzeug und Kuscheltieren gut versorgt, teilt die Pressestelle der Stadt Minden mit. Es werden daher derzeit keine Sachspenden mehr benötigt. Die Stadt Minden dankt – auch im Namen der beteiligten Hilfsorganisationen – allen Bürgern, die dem Aufruf gefolgt sind.

Bürger, die weiterhin helfen möchten, bittet die Stadt Minden um Geldspenden. Aktuell sind schon knapp 4.000 Euro (Stand 07.08.2015) auf dem städtischen Konto eingegangen. Diese Gelder werden schwerpunktmäßig für die Kinder- und Jugendbetreuung sowie den Einsatz von ehrenamtlichen Helfern (z. B. Dolmetschern) in der Notunterkunft eingesetzt.

Als weitere Maßnahme wird ein freier WLAN-Zugang für Flüchtlinge auf dem Gelände eingerichtet. Dieser soll es ermöglichen, kostenfrei mit Familien und Angehörigen im Heimatland Kontakt aufzunehmen. Die Johanniter Unfallhilfe Bad Oeynhausen, die derzeit für die Betreuung der rund 140 Flüchtlinge verantwortlich ist, begrüße die Einrichtung eines freien WLAN sehr.

Geldspenden können auf das Konto der Stadt Minden unter dem Stichwort „Spende für die Flüchtlingshilfe in Minden“ überwiesen werden. Spendenquittungen können ausgestellt werden, wenn die Adresse im Verwendungszweck mitgenannt wird, oder alternativ sich die spendende Person an Heike Richter, Telefon 0571 / 89 348, wendet.

Spendenkonto:
Kontonummer: 80000011
BLZ: 49050101
BIC: WELADED1MIN
IBAN: DE12490501010080000011
Sparkasse Minden-Lübbecke


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