„Sie sind noch jung und haben alle Perspektiven“

Experten der IHK und HWK machten Mut und gaben Startups hilfreiche Tipps beim Existenzgründungs- und Jungunternehmenstag im Preußen-Museum in Minden

Julia Fuhrmann Stadthunde Minden

Für Julia Fuhrmann, Geschäftsführerin und Betreiberin der „Stadthunde Minden“, ist ihre Existenzgründung nicht aus ihrem Hobby entstanden, sondern eine Passion – Fotos: onm

„Selbstständigkeit lohnt sich.“ Mit dieser Überzeugung eröffnete Lorenz Lingemann, ehrenamtliches Vollversammlungsmitglied der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen zu Bielefeld, am Mittwoch den Existenzgründungs- und Jungunternehmenstag im Preußen-Museum in Minden und begrüßte Startups aus dem Raum Minden-Lübbecke. „Sie sind noch jung und haben alle Perspektiven.“

72 Jungunternehmer und Existenzgründer sind der Einladung der IHK Ostwestfalen und der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld gefolgt, um sich Tipps rund um die Selbstständigkeit zu holen und Unternehmer hautnah kennenzulernen, die mit ihren Vorhaben erfolgreich durchstarteten oder aus den verschiedensten Gründen aufgaben.

Denn nicht alles, was glänzt, ist auch Gold – das gilt vor allem für Selbstständige. „Existenzgründer müssen beispielsweise bereit sein, ihren Arbeitsplatz aufzugeben“, weiß Lingemann. „Selbstständige müssen innovativ sein, besser sein. Es macht Spaß und ist zugleich spannend, sein eigener Chef zu sein. Aber es birgt auch Risiken. Die Teilnahme an diesem Existenzgründungs- und Jungunternehmenstag ist ein richtiger Schritt, Fehler möglichst zu vermeiden.“

Eröffnung Existenzgründungs- und Jungunternehmertag Minden

Ein blaues Band wurde symbolisch zur Eröffnung des vergangenen Existenzgründungs- und Jungunternehmertages in Minden von den vier Gastgebern durchschnitten: (v. li.) Bernd Fuchs (HWK OWL), Birgit Ahrens, Peter Eul (HWK OWL), Lorenz Lingemann (IHK OWL)

Den richtigen Schritt hat Julia Fuhrmann ihrer Meinung nach getan. Mit der Gründung ihres Dienstleistungsgewerbes „Stadthunde Minden“ (siehe auch unser Bericht) machte sie ihr Hobby zum Beruf bzw., verbessert sie Moderator und Leiter der IHK Zweigstelle Minden Karl-Ernst Hunting: „Ersetzen wir das Wort Hobby durch Passion.“ Genau wie alle Referenten an diesem Tag rät sie dazu, keine Schulden zu machen und extrem leistungsfähig zu sein, gerade in der Anfangszeit. „Doch wenn ich etwas gerne mache, steckt mehr Herzblut drin. Es gibt keinen Tag, wo ich sage, ich möchte nicht arbeiten.“

Monika Brackmann-Tiedau hingegen bereut ein bisschen, dass sie ihre damalige „Bücherecke“ in Bad Oeynhausen nicht etwas breiter aufstellte, etwas mehr Werbung machte. „Ich würde heute Nebensortimente aufnehmen, was ich nicht beachtet hatte.“ Die mittlerweile 68-jährige war zwar immer voll im Einsatz, musste aber unter anderem auch an landwirtschaftlichen Entwicklungsmaschinen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Letztendlich läge es am Kunden, meint sie, und die neulebige Zeit hat das Lesen verändert. „Bücher sind immer noch ein positives Thema, aber die Jugend und das Internet sind negativ fürs Geschäft.“ Heute ist sie Rentnerin und froh darüber, den Beruf der Krankenschwester und Therapeutin erlernt zu haben – so kann sie einer Freundin helfen, die in Not geriet.

Bei Diplom-Ingenieur Dr. Friedrich-Wilhelm Hillbrand aus Porta Westfalica war wohl eher das Gegenteil der Fall – er musste seine ehemalige Firma, die „HILLKOM Entsorgungs-GmbH“, verkaufen, da schlussendlich das Angebot überhand nahm. „Mit einem Lkw habe ich angefangen, dann wurden es immer mehr.“ Und die Konkurrenz im Entsorgungsgewerbe schlief nicht. So kamen Containerdienste, Kanalreinigungen, Sonderabfallentsorgung und vieles mehr hinzu. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung rät der 58-jährige heute dazu, eher eine bestehende Firma einzukaufen, da dort gute Strukturen bereits vorhanden sind. Unbedingt notwendig sind seiner Meinung nach ein guter Steuerberater und ein Rechtsanwalt „vom Feinsten“ sowie, sich Kaufmännisches anzueignen. „Ich habe ganz viel gelernt von Kollegen“, sagt er. „Es helfen aber auch Weiterbildungsmaßnahmen und Seminare.“ Sein landwirtschaftliches Studium verhalf ihm letztlich dazu, sein heutiges familiengeführtes Unternehmen „HillEnergy“ zu betreiben und sich auf die Versorgung mit regenerativen Energien zu spezialisieren, sprich Holzhackschnitzel als Brennstoff und Heizungsanlagenbau.

„Über 200 Unternehmer in Ostwestfalen-Lippe (OWL) suchen Nachfolger. Nutzen Sie diese Information“, merkt Peter Eul, Vorstandsmitglied der Handwerkskammer OWL, an. IHK und HWK bieten hier eine spezielle Datenbank an für Verkäufer und Käufer von Unternehmen und helfen gern bei der Vermittlung. Und „die Basis von Vertrauen ist eine zuverlässige Planung und Beratung“, erklärt er weiter. „Genau das passiert heute hier.“ Denn „wichtig ist der Dialog, allein schafft man das nicht“, ergänzt Lingemann.

Allein standen die zahlreichen Teilnehmer auf keinen Fall an diesem Veranstaltungstag, der durch weitere Erfahrungsberichte von Existenzgründern, wie Gerüstbaumeister Mario Hildebrandt und Fitness- und Tanztrainerin Stefana Belunek, sowie jeweils halbstündige Vorträge zu den Themen Unternehmensplanung, Gründung im Handwerk, Förderung, soziale Absicherung, Bankengespräche, Steuern, Erfolgskontrolle, Rechtsformen, Arbeitsrecht und Marketing ergänzt wurde.

Wobei Baubiologe Dr. Andreas Lück von Moderatorin Birgit Ahrens, aus dem Bereich Wirtschaftsförderung Kreis Minden-Lübbecke, als der „Exote“ unter den Beruflern angekündigt wurde. Der gebürtige Mindener arbeitete eineinhalb Jahre in den USA und 13 Jahre in der Karibik unter anderem in der molekularen Zellbiologie, bevor er seine Heimat wiederentdeckte. „Ständige Unsicherheiten, Visum, Arbeitserlaubnis, ständig um die Welt gurken“ sei heute nichts mehr für ihn. „Im letzten Jahr habe ich auf einem Existenzgründungstag in Herford jemanden kennengelernt, mit dem ich dann eine Firma gegründet habe. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Trip nach Deutschland werden, um die Familie zu besuchen.“

So können sich Kooperationen ergeben in dieser Region.

Als Fazit konnten alle vortragenden Unternehmerinnen und Unternehmer von sich sagen: „Ich würde wieder neu gründen.“ Wobei: „Sie dürfen nicht alles abgeben, aber lassen Sie sich helfen“, meint Birgit Ahrens.

 


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