Segel eingeholt am Deutschen Mühlentag 2016

Wenn Windmühlen Feierabend machen in Minden-Lübbecke und Musiker aus Minden im Stil von Irish Folk britische Inseln besingen

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Um die Mühlenflügel der historischen Windmühle Meßlingen vor starkem Wind und Stürmen zu schützen, wurden die Segel zum Feierabend des Mühlentages 2016 von Christian Thole eingeholt – Fotos: onm

Als der Mühlentag 2016 am Pfingstmontag in Minden-Lübbecke sich für Besucher dem Ende nahte, war für die Windmühlen und deren Betreiber noch lange nicht Feierabend. Aber mit beruhigenden Klängen von den britischen Inseln ging alles leichter.

41 Wind-, Wasser- und Rossmühlen sowie eine Schiffmühle nahmen am 23. Deutschen Mühlentag (16. Mai 2016) in Minden-Lübbecke mit mehr oder weniger Aktionen teil – von einfach offenen Türen für Besucher bis hin zu umfangreichen Programmen mit handwerklichen Künsten, Führungen, Inbetriebnahme der Mühlen, Musik, Tanz sowie natürlich reichlich Speis und Trank. Da muss man sich schon entscheiden, welche und wie viele Mühlen man abklappern kann und möchte in rund acht Stunden.

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So wie an der Windmühle Bierde konnten Besucher an zahlreichen Orten im Mühlenkreis Minden-Lübbecke zum gemeinsamen Austausch beisammen sein

Und manchmal kann es von Vorteil sein, erst kurz vor Feierabend zu erscheinen. So bekommt man in Petershagen-Meßlingen mit, wie die Segel von Windmühlenflügeln eingeholt werden, in Petershagen-Bierde wird man auf eine musikalische Reise durch die Welt der “British Isles” geschickt, und in Minden-Dützen bekommt man die letzte, dafür ausführliche Mühlenführung und wird Zeuge, wie die Mühlenflügel zu zweit von ihren bunten Fähnchen befreit werden.

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Die ehemalige Dampfmühle wurde zum Mühlencafé, wo Gäste es sich bei Kaffee und Kuchen richtig gemütlich machen konnten

Begonnen an der Windmühle Bierde konnte man im urgemütlichen, beheizten Mühlencafé (ehemaliges Dampfmühlenhaus) Platz nehmen zwischen einem Walzenstuhl der ehemaligen “Maschinenfabrik & Mühlenbauanstalt G. Luther”, einer historischen Waage und vielen anderen denkwürdigen Accessoires aus alten Mühltagen – während draußen unter Dach drei Musiker aus dem Raum Minden/Westfalen sich eine Verschnaufpause gönnten und den Dialog mit den Gästen suchten.

Doch dann traten sie auf: die Sängerin Diana Graham (aus Manchester, England), an der Gitarre Wilfried Wolter und Gisela Posch (aus Den Haag, Holland) mit ihrer Harfe. Zusammen nennen sie sich Dun Delga und begeisterten mit melancholischen Folksongs, die sie stets erklärten, besungen auf die britischen Inseln. Da wurde einem schon warm uns Herz an dem eher kühlen Frühlingstag.

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“Dun Delga” entführte die Mühlengäste an der Windmühle Bierde auf eine musikalische Reise durch die Welt der britischen Inseln

Weiter ging’s zur Windmühle Meßlingen, wo gerade Linedancer in farbenfrohen Kostümen bei Countrymusik für Unterhaltung sorgten (siehe auch unser Bericht aus 2014). Eine Bühne mit Livemusik war dieses Jahr nicht zu sehen. Aber das Mühlenhaus mit Kaffee und Kuchen war wieder geöffnet und jede Menge Gartenspielzeug stand für Kinder bereit und wurde aktiv genutzt.

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Christian Thole zieht vorsichtig am Stahlhakenseil, um die Bremse des Mühlenflügelkreuzes zu lösen

So richtig spannend wurde es noch mal zum Feierabend. Wer nach oben schaute, wurde Zeuge einer Mühlenflügel-Aktion, die man nicht alle Tage zu Gesicht bekommt. Christian Thole, ein Freund von Marlis und Karl Senne, die für den Galerie-Holländer von 1843 verantwortlich sind, war gerade dabei, sozusagen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Für diesen Vorgang musste der 48-Jährige zuerst auf die Rundum-Terrasse der Windmühle steigen, die bequem – auch für Besucher – über die Treppe im Innern der Mühle zu erreichen ist. Dann zog er an einem langen stählernen Seil, um die Bremse der Mühlenflügel zu lösen, diese sofort anfingen, sich zu drehen. Sobald ein jeweiliger Flügel kerzengerade zur Terrasse stand, lies er das Seil auf der gegenüberliegenden Seite vorsichtig los.

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Bedeutung von Positionen der Mühlenflügel

Jetzt löste er die Knoten des Segels, das am hölzernen Gestell des Flügels bespannt ist, packte das Segel mit beiden Händen fest an und drehte es in sich ein (siehe Titelfoto). Mit viel Schwung schwang er den schweren Wulst um den Flügel und verknotete ihn wieder am Mühlenflügel. Sodann kletterte er auf die Sprossen des Flügels und entnahm zwei flache Bretter.

Das alles wiederholte er drei Mal, also bei allen vier Mühlenflügeln. Schließlich musste das Flügelkreuz auf seine typische Ruhepause-Position gebracht werden (siehe auch Zeichnungserklärung): Mit viel Geschick und Hilfe eines zweiten Mannes zog Thole wieder am stählernen Seil, um die Flügel in Bewegung zu bringen, und der zweite Mann richtete mit einem langen Stockhaken entsprechend die Flügel an die richtige Stelle. Das Seil konnte nun losgelassen werden, die Bremse fasste, das Mühlenflügelkreuz war attraktiv positioniert.

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Besucher staunten über die Aktion der beiden Männer, die der Windmühle Meßlingen den Wind aus den Segeln nahmen und das Flügelkreuz in die richtige Position brachten

Als letzte Station am Pfingstmontag ging es zur Windmühle Dützen. Gehütet und gepflegt vom Heimatverein finden jedes Jahr zahlreiche Aktionstage an der Mühle in Minden statt. Wer vorbeischaut, sollte aber unbedingt die Führung von Willi Kamper mitnehmen. Mit einer Engelsgeduld erklärte er Besuchern jede Maschine und jeden Vorgang in der über 205 Jahre alten Windmühle, deren Windrad motorisch betrieben wird.

Während draußen schon die ersten Bänke eingeräumt wurden, nahm Kamper sich Zeit und bezog seine Gäste mit ins Geschehen ein. Mit Anweisungen wie “betätigen Sie doch mal den Hebel”, “läuten Sie doch mal die Glocke” oder “trauen Sie sich ruhig, da reinzuschauen” ermunterte er zum Anfassen und Mitmachen. Auch Fragen rund um den Mahlbetrieb und den Beruf eines Müllers beantwortete er.

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Bei der umfangreichen Windmühlenführung von Willi Kamper wurde jeder Gast hautnah in den Beruf eines Müllers mit einbezogen

Dann wurde es laut, denn Kamper lies den Riemenantrieb-Motor im Erdgeschoss an:

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Die Vibrationen übertrugen sich auf alle Holzkonstruktionen im Innern der Windmühle und spürte man am ganzen Leib. Nach Ende der Führung bekam man Zeit, um sich noch einmal in Ruhe umschauen zu können.

Gegen 18 Uhr wurde dann auch hier der Feierabend eingeläutet. Aber es lohnt sich, noch ein bisschen vor den Toren zu warten. Denn Kamper und ein kleines Mädchen befreiten die Mühlenflügel von ihren bunten Fähnchen, an denen man schon von Weitem erkennen kann, dass wieder eine Veranstaltung auf dem Gelände stattfindet.

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Vorstandsmitglied des Heimatvereins Dützen und Mühlenführer Willi Kamper und ein kleines Mädchen entfernen die bunten Fähnchen an den Mühlenflügeln
Windmühle Minden-Dützen

Im Übrigen bemüht sich die Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM) e.V. zusammen mit ihren Landes- und Regionalverbänden jedes Jahr aufs Neue um die fachgerechte Erhaltung und Nutzung historischer Mühlen als Zeugen Jahrtausende alter Technikgeschichte. All diesen Menschen, die sich ehrenamtlich in der Region dafür engagieren, gebührt daher ein lautes Dankeschön!

Abschließend ein Zungenbrecher zum Mühlentag: Sagen Sie drei Mal schnell hintereinander “Mühlenflügeltag”. :o)

Zur Belohnung gibt’s auch noch mehr Bildchen vom Pfingstmontag 2016

sowie Archivaufnahmen vom Maifest 2014 an der Dützer Windmühle:


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