Science-Fiction auf der MS Wissenschaft 2016 in Minden

Auf dem Wissenschaftsschiff vor Anker in Minden konnte man Meere und Ozeane sowie Zukunftsvisionen von Nachwuchswissenschaftlern in puncto Nachhaltigkeit erforschen

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Meere und Ozeane wie im Science-Fiction-Film – das kann man auf der MS Wissenschaft im Wissenschaftsjahr 2016/17 erleben – Fotos: onm

Die 15. Erlebnis-Ausstellung auf dem Forschungsschiff MS Wissenschaft hat nachdenklich gemacht, wie es um unsere Meere und Ozeane steht und in Zukunft aussehen könnte. Und die Technik zum Anfassen und Mitmachen war grandios: Wie im Science-Fiction-Film konnten Besucher mit einer 3D-Brille in die Tiefsee “tauchen”, mit den Fingern am Bildschirm den Erdball erkunden, sich von lebensgroßen digitalen Menschen erklären lassen, wie die Ozeane unsere Umwelt und das Klima beeinflussen, und vieles mehr.

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Kapitänin Karin Scheubner tourt seit 15 Jahren mit der MS Jenny als “MS Wissenschaft” durch Deutschland

Schon in 2015 hat die Wissenschaftsausstellung auf dem Frachtschiff MS Jenny alias “MS Wissenschaft” beeindruckt mit ihren Zukunfts-Städtevisionen (siehe Bericht), als es in der Stadt Minden anlegte. Die Ausstellung im Wissenschaftsjahr 2016 unter dem Thema “Meere und Ozeane”, die an 35 Stationen Norddeutschlands Halt macht, hat dies jedoch bei Weitem übertroffen.

“Das war das Beste, was wir je gesehen hatten”, erklärte Karin Scheubner, die zusammen mit ihrem Mann Albrecht die MS Jenny seit 15 Jahren der Nachwuchswissenschaft zur Verfügung stellt. “Die Letzte war zwar optisch schön, aber mit schwierigem Thema”, beschreibt sie die Ausstellung “Zukunftsstadt”.

Schon an den ersten zwei von insgesamt drei Tagen, an denen das umkonstruierte Binnenfrachtschiff in Minden anlegte, waren rund 1000 Besucher an Bord, davon allein pro Tag circa 300 Schüler. “Wir waren alle 20 Minuten ausgebucht”, so die Kapitänin.

Wir waren am 29. Juni 2016 kurz vor Feierabend vor Ort und total “geflasht” von den zahlreichen Eindrücken und sind der Meinung, Science (dt.: Wissenschaft) und Fiction (dt.: Fiktion, Erfindung) beschreibt die im Rumpf errichtete Mitmach-Ausstellung am besten. Je tiefer bzw. weiter man in sie “eintaucht”, desto dunkler und faszinierender wird sie.

Leuchtende, drehende und an Displays interaktive Globen zeigen beispielsweise die weltweiten Fischfangerträge auf, wobei auffällt, dass an den Küsten Europas besonders viel gefischt wird, nämlich jährlich rund 5 bis 10 Tonnen pro Quadratkilometer an Fisch, Weich- und Krustentieren.

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Die rote Kennzeichnung auf der Weltkugel bedeutet: hier liegen die Fischfangerträge besonders hoch

Über Audiogeräte am Ohr, die man sich am Informationsstand gegen Pfand ausleihen kann, werden wichtige Informationen zu den einzelnen Exponaten gegeben wie auch Walgesänge ausgegeben. Gleich vornean kann man es sich im Tiefseekino “Expedition Ozean” gemütlich machen und bei beeindruckenden Aufnahmen entdecken, was für Kreaturen sich in vollkommener Finsternis Tausende Meter tief am Meeresgrund tummeln, während gegenüber mit dem Herausziehen von Schubladen Schiffe hochschnellen und deren Daten abgelesen sowie Aufnahmen am Bildschirm angesehen werden können.

Der zu steuernde Modell-Roboter “Lancalot” untersucht währenddessen in einer Glasvitrine den Meeresboden. Über Sonden und Laser erkennt das Original auffällige Strukturen am Boden und erkennt, wie viel Sauerstoff und andere Elemente des Lebens es in dem zu untersuchenden Bereich gibt.

Als besonders beliebt unter den jugendlichen Besuchern stellte sich das überdimensionale Fischfang-Computerspiel heraus, bei dem man Punkte mit nachhaltiger Fischerei erwerben konnte. Denn was nützt es, wenn die Weltmeere leergefischt sind? Es ist sinnvoller, nicht jeden Fisch ins Netz gehen zu lassen, meinen die Nachwuchsforscher des Kieler Exzellenzclusters “Ozean der Zukunft”. Denn Fische wachsen und vermehren sich und erhalten den Fischbestand für die Zukunft.

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Rund 1000 Besucher an zwei Tagen erforschten die Mitmach-Ausstellung an Bord der MS Wissenschaft vor Anker in Minden

Dass ein Rettungskreuzer sich auf hoher See durch Auftriebskraft von alleine aufrichten kann, zeigt eine Modellversion “Stehaufmännchen auf See”, die man von Hand gesteuert immer wieder umkippen lassen kann. Durch Aufbringen eines speziellen Lacks auf dem grundierten Schiffsstahl des Rumpfes kann der Bewuchs von Miesmuscheln, Mikroalgen und Seepocken minimiert werden, zeigt ein Aquarium unter dem Motto “Volle Kraft voraus!” mit lebenden Fischen und echten Muscheln.

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In virtuelle Unterwasserwelten kann man mit der 3D-Brille abtauchen

Große Aufmerksamkeit fand auch das “Meer aus Plastik” – ein Thema, das zurzeit viel diskutiert wird in den Medien. Denn wie kann es sein, dass kilometerlange Plastikmüll-Schollen auf den Ozeanen treiben (der breiteste von ihnen, der “Great Pacific Garbage Patch”, liegt im Nordpazifik zwischen Hawaii und Nordamerika), wo doch Verbraucher den Müll trennen und dieser recycelt wird? “Am schlimmsten sind Windeln”, erklärte Claudia, eine der zahlreichen Lotsen auf der MS Wissenschaft. “Baby-Plastikwindeln werden unglaublich viel verwendet und es dauert rund 450 Jahre und länger, bis sie sich im Meer vollkommen zersetzen.” Zum Vergleich: Die Halbwertzeit von Wollsocken beträgt “nur” eins bis fünf Jahre.

Zur Sensation der Wissenschaftsausstellung zählt jedoch die Virtual-Reality-Brille. Durch Bewegen des Kopfes kann man über Korallenriffe durch Unterwasserschluchten “tauchen” und die ganze Vielfalt an Lebewesen in einer virtuellen Welt entdecken, die Ozeane zu bieten haben. Dabei werden Informationen zu den Tierarten gegeben sowie Tipps, wohin man als Nächstes “hinschwimmen” könnte. Aufgrund der starken Augenbelastung wird die 3D-Brille für Kinder ab 13 Jahren empfohlen, und das maximal für fünf Minuten.

Etwas gruselig wurde es “In der Tiefsee”. Lebensgroße, in Gläsern konservierte Riesenkrabben, Korallen und andere Meeresbewohner sollen den Besuchern verdeutlichen, was man mit einem U-Boot erforschen kann. Aber auch kleine Modellroboter, Meeresbodenschichten und Gesteinsproben sowie eine Erdbeben-Simulations-Maschine luden zum Staunen und Mitmachen ein.

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Ein beliebtes Delikatessen- und damit Fangobjekt: die Große Rotkrabbe

Insgesamt kann man sich praktisch an jeder Ecke der Ausstellung – jugend- und kindgerecht konzipiert – beschäftigen und Input einsaugen. Sogar Fachgespräche unter Erwachsenen konnte man beobachten.

Allerdings renkt die Gastgeberin Scheubner an dieser Stelle etwas ein: “Junge Leute interessiert es noch nicht, Rentner interessiert es nicht mehr.” Sie habe damals bei der Ausstellung “Alle Generationen in einem Boot” (2013) festgestellt, dass das “ein ganz schwieriges Thema sei, weil die jungen Leute erst mal dafür sorgen müssen, Geld zu verdienen und nicht nur befristete Stellen zu bekommen oder Praktikantenjobs machen zu müssen. Die Alten aber können nichts mehr an ihrer Situation ändern, deshalb war die Ausstellung damals recht schwierig zu gestalten.” Am offensten für demografischen Wandel und seine Auswirkungen scheinen also Mittelaltrige zu sein, die sich ernsthaft Gedanken machen.

Davon abgesehen haben die Nachwuchswissenschaftler von 20 Hochschulen, Forschungsinstituten und anderen Einrichtungen, die sich mit Ozeanen und Meeren befassen, ganze Arbeit geleistet und eine grandiose Ausstellung auf 600 Quadratmetern schwimmender Ausstellungsfläche erschaffen. Man sollte daher ordentlich Zeit mitbringen – die Gelegenheit dazu bietet sich noch:

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Das Wissenschaftsschiff ist weiterhin unterwegs unter dem Motto “Meere und Ozeane”

MS Wissenschaft weiterhin auf Tour

Die Wissenschafts-Tour durch Norddeutschland geht noch bis zum 6. September 2016. Nächste Anlaufstation ist der Alte Stadthafen in Oldenburg vom 6. bis 8. Juli. Dann folgen noch 17 weitere Halts, bevor die MS Wissenschaft vom Zentrum in Bonn Richtung ihrer Würzburger Heimat ausläuft.

Das Wissenschaftsjahr zieht sich im Übrigen bis in 2017 – dann tourt die MS Wissenschaft durch Süddeutschland. Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD).

Alle Informationen zur Tour findet man auf der Website https://ms-wissenschaft.de.

Das erste Mal mit einem Binnenschiff mitgefahren

Zuguterletzt bedanken wir uns herzlich bei dem Ehepaar Scheubner für die Mitfahrt. Obwohl die Fahrt zum rund 300 Meter entfernten Trinkwassertank nur um die fünf Minuten dauerte, wird sie als besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben – vor allem unserer Redakteurin, die noch nie mit einem Binnenschiff mitfuhr. Bisher kannte sie nur das mulmige Gefühl von schaukelnden Fischkuttern. Dass ein Schiff so ruhig auf Wasser fahren kann, hat sie erst nach 49 Lebensjahren erfahren dürfen. Am liebsten wäre sie gleich an Bord geblieben, denn “es gibt noch so viel zu entdecken. DANKE für die Einladung, liebe Frau Scheubner!” (Und die Frau, die jedes Jahr kommt, war doch da, hihi)

Doch nun zu unserer Bildergalerie:


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