Schluss mit Perspektive 50plus

Bundesministerium für Arbeit und Soziales stellt nach 10 Jahren das Förderprogramm für Langzeitarbeitslose über 50 Jahre ein - Hartz IV Teufelskreis endet nicht

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Mit Abschluss des Förderprogramms „Perspektive 50plus“ des BMAS verbleibt vielen älteren Langzeitarbeitslosen nur noch der Weg in eine mickrige Rente – Symbolfoto: onm

Mit über 295.000 Integrationen in der dritten Programmphase endet das Bundesprogramm „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“, teilt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in einer jüngsten Pressemeldung mit. Für langzeitarbeitslose Arbeitslosengeld-II-Empfänger (HartzIVer) im Alter von über 50 Jahren besteht ab sofort keine Chance mehr, das Förderprogramm in Anspruch zu nehmen.

Wer demnächst das 50. Lebensjahr erreicht, über das Jobcenter Arbeitslosengeld II (bzw. Hartz IV) bezieht und auf bessere Arbeitsmarktchancen dank Förderprogramm „Perspektive 50plus“ hofft, der wird enttäuscht werden. So auch Jürgen G. (Name geändert), der vor Kurzem von seiner Arbeitsvermittlerin des Jobcenters Minden erfahren musste, dass das Programm eingestellt wird. „Echt schade, ich hatte mich so darauf gefreut“, entgegnete er ihr gegenüber im Gesprächstermin. „Schließlich werde ich nächstes Jahr 50.“ Nach einem verdutzten Blick der Arbeitsvermittlerin verabschiedete er sich enttäuscht und muss weiterhin sinnlose Profiling-Maßnahmen, wie er es ausdrückt, antreten – neben seiner sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle, die vom Arbeitgeber nicht angemessen bezahlt wird (Umgehung des Mindestlohns, indem Berufsfahrten nicht berücksichtigt werden), weshalb er auf aufstockendes Hartz IV angewiesen ist.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hingegen zieht nach 10 Jahren eine positive Bilanz: Seit Beginn der dritten Programmphase im Januar 2011 konnten 846.000 ältere Langzeitarbeitslose „aktiviert“ und bis heute (11. November 2015) über 295.000 Frauen und Männer vermittelt werden. Mit jährlich 350 Millionen Euro förderte das BMAS 77 Beschäftigungspakte in den Regionen bundesweit, an denen über 420 Jobcenter beteiligt waren.

Thorben Albrecht, Staatssekretär im BMAS: „Mit der dritten Programmphase endet ein erfolgreiches Arbeitsmarktprogramm nach zehn Jahren. In diesem Zeitraum wurden über 1,3 Millionen ältere Langzeitarbeitslose mit zahlreichen, qualifizierten Maßnahmen der regionalen Beschäftigungspakte unterstützt, von denen mehr als 430.000 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt fanden. Damit hat ‚Perspektive 50plus‘ einen deutlichen Beitrag zum bundesweiten Anstieg der Beschäftigungsquote der über 50-Jährigen geleistet.“

Neben den Aktivierungs- und Integrationserfolgen habe das Bundesprogramm auch einen erheblichen Einfluss auf die Vermittlungsarbeit in den Jobcentern im Hinblick auf die Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen über 50 Jahre genommen. Der Fokus läge stärker auf individualisierten Angeboten wie Coaching und personengebundene Dienstleistungen und damit stärker auf der Förderung und Entwicklung individueller Potenziale, Handlungsmöglichkeiten und Kompetenzen.

Wichtige Erfahrungen und Erkenntnisse aus „Perspektive 50plus“ würden demnach auch nach Ablauf des Förderprogramms bei der Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit in anderen Projekten des BMAS genutzt werden:

Die in „Perspektive 50plus“ entwickelten umfassenden und maßgeschneiderten Betreuungsangebote sollen nach Aussage des BMAS auch zukünftig für die Zielgruppe der Langzeitarbeitslosen fortgeführt und weiterentwickelt werden. Die positiven Erfahrungen aus dem Programm haben bereits Eingang in das Konzept zum Abbau der Langzeitarbeitslosigkeit „Chancen eröffnen – soziale Teilhabe sichern“ des BMAS gefunden. So ist unter anderem Ziel der „Netzwerke für Aktivierung, Beratung und Chancen“ ein Transfer der guten Praxis aus „Perspektive 50plus“ in die tägliche Arbeit der Jobcenter. (Die umfangreiche Abschlussdokumentation von „Perspektive 50plus“ mit Worten von Andrea Nahles wurde in einer PDF-Datei veröffentlicht).

Auch das Amt proArbeit Jobcenter Kreis Minden-Lübbecke (Arbeitsvermittlung im Jobcenter Minden) war an dem Förderprogramm beteiligt unter dem Motto GENERATION GOLD – Potenziale für den Arbeitsmarkt in OWL.

Nach Abschluss des Förderprogramms bleibt für die Betroffenen nur noch zu hoffen, dass Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles und das BMAS trotz Flüchtlingskrise und Integrationsarbeit auch eine zeitnahe Alternative für über 50-jährige Langzeitarbeitslose aus Deutschland finden.

Denn die Zahl der über 50- bzw. über 55-jährigen Hartz-IV-Bezieher (meist sog. „Aufstocker“) nimmt stetig zu, wie ein Beitrag von HartzIV.org deutlich aufzeigt. Ihnen verbleibt nur noch der Weg in eine mickrige Rente, die nicht zum Leben ausreicht, was wiederum den Bezug von Sozialleistungen nach sich zieht. Ein Teufelskreis, der nicht zu enden scheint.

Quelle: perspektive50plus.de

In einer aktuellen Debatte Es gibt keinen Arbeitsmarkt für Ältere wie mich auf der sozialen Plattform XING beschreibt Reimund Schmitt an seinem eigenen Beispiel die Problematik von über 50-jährigen Arbeitssuchenden. Nach 30 Jahren bei „Siemens/Nokia Siemens Networks“ engagiert sich der 63-jährige Aus- und Weiterbildungsexperte nun in der Selbsthilfe-Organisation Bestager-ITK, einer Selbsthilfegruppe für arbeitssuchende Senior-Experten.


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