Reger Andrang am Eröffnungstag der Kleiderkammer in Minden

Zahlreiche Mindener sind am 19. November 2015 nach Rodenbeck gekommen, um Kleidung zu spenden - Kleiderkammer nicht nur für Flüchtlinge, sondern alle Bedürftigen - Helfer gesucht

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Organisatorin Elke Bikowski (re.) freut sich über die zahlreichen Kleiderspenden der Mindener am Eröffnungstag – Fotos: onm

Punkt 15 Uhr öffnete die neue Kleiderkammer am Schwabenring in Rodenbeck vergangenen Donnerstag ihre Tore – und zahlreiche Mindener sind erschienen, um ihre Sachspenden abzugeben. Dabei betonte Organisatorin Elke Bikowski: Die Kleidung soll allen Bedürftigen kostenlos zugutekommen, nicht nur Flüchtlingen.“ Organisator Volker Höltkemeier hofft zudem auf weitere ehrenamtliche Helfer vor Ort.

Schon eine halbe Stunde vor Eröffnung standen Mindener Bürgerinnen und Bürger vor dem Eingang der ehemaligen WEZ-Immobilie, die zur Kleiderkammer umfunktioniert wurde, am 19. November 2015 Schlange und konnten es gar nicht abwarten, ihre Sachen zu spenden. Tütenweise, säckeweise, kartonweise und sogar ganze Autoladungen voll mit gebrauchter wie neuer Kleidung sollten ihre Besitzer wechseln und Menschen zugutekommen, denen es finanziell nicht so gut geht wie ihnen. Und sie wurden herzlich von den beiden Organisatoren Elke Bikowski und Volker Höltkemeier samt Kinder empfangen.

„Ich habe nagelneue Schals, Handschuhe, Pullover und sogar eine Winterjacke besorgt“, erzählte eine Seniorin, die – wie einige andere Spendenwillige – eine halbe Stunde vorher etwas ratlos auf dem großen Parkplatz vor dem verlassen wirkenden Gebäude (dem ehemaligen WEZ-Supermarkt) stand und auf das Schild hinter den verschlossenen Glastüren starrte. Mit lächelnden Smilies wies das Schild auf die Spendenannahmezeiten hin und dass man „immer wieder Helfer mit Spaß“ benötige.

„Heute ist doch Eröffnung?“ Weit und breit war jedenfalls kein Verantwortlicher zu sehen, geschweige denn ein öffentlicher Empfang von Stadtbediensteten wie Sewin Aro, die eigentlich das Projekt Kleiderkammer führen soll, oder Quartiermanager Guido Niemeyer, der laut Pressemeldung der Stadt Minden einer der Ideengeber sein soll. Auch bekannte lokale Pressevertreter waren nirgends zu sehen.

Einige Rodenbecker werden sich an den ehemaligen WEZ-Markt noch gut erinnern können - das jahrelang leerstehende, immer noch unscheinbare Gebäude am Schwabenring schräg gegenüber der Sparkasse wurde nun zur Kleiderkammer für Bedürftige - samt Großraumparkplatz
Einige Rodenbecker werden sich an den ehemaligen WEZ-Markt noch gut erinnern können – das jahrelang leerstehende, immer noch unscheinbare Gebäude am Schwabenring schräg gegenüber der Sparkasse wurde nun zur Kleiderkammer für Bedürftige – samt Großraumparkplatz

Doch das störte die spendenbereiten Mindener nicht wirklich. So ergaben sich noch weitere Gespräche. Die spendenbereite Seniorin mit den nagelneuen Klamotten verriet, dass sie sich unglaublich darüber freue, dass endlich in der Nähe eine Kleiderkammer aufgemacht hätte und sie Flüchtlinge gern mit Sachspenden unterstütze. Aber die Vorfälle in Paris und die zunehmende Gewaltbereitschaft und Kriminalität ihr schon Angst machen, vor allem aber politische Entscheidungen schon auf einen bevorstehenden Krieg hindeuten würden. Auch konnten ein paar Worte mit einer Übersetzerin gewechselt werden, die einen Flüchtling aus Russland im Auto mithatte. Die junge Frau, die ununterbrochen mit ihrem Smartphone telefonierte, will auch helfen, aber weder erkannt noch interviewt werden, da das in ihrer Heimat zu Problemen führen könnte, so die Übersetzerin.

Interessant war auch ein längeres Gespräch mit einem aufgeschlossenen sympathischen Lkw-Fahrer, der gerade gebrauchte Kleidung neben zwei überfüllten HUMANA-Containern vom Boden aufsammelte und in Säcke sortierte. Die durch Regen nass gewordene Kleidung wird entsorgt werden, weil nach dem Verpacken in Plastiksäcken der Modergeruch beim Waschen nicht mehr rausgehen würde, erklärte er. Er selber komme aus der Fahrradstadt Münster, wo der Stadtverkehr total chaotisch wäre. Er war schon zwei Mal in Minden und findet die Ecke Rodenbeck ganz schön. Zum Ablauf der Kleiderverarbeitung ergänzte er, dass Lkws in ganz Deutschland Kleidercontainer entleeren, diese zu einer Sammelstelle bringen, wo die Kleidung gewaschen und sortiert wird, woraufhin ca. alle zwei Wochen ein großer Lkw komme und die Kleidung in die Zentrale nach Köln bringe, von wo aus sie weiterverteilt würde.

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Ein, zwei Versuche waren schon notwendig, um die in die Jahre gekommene automatische Glaseingangstüre per Knopfdruck öffnen zu können

Doch jetzt tat sich was am Eingang der Kleiderkammer. Volker Höltkemeier ist mit seinen zwei kleinen Söhnen eingetroffen und wollte gerade zur Hintertür, um aufzuschließen. Da stand Elke Bikowski schon im Laden und versuchte, von innen die elektrischen Glastüren per Knopfdruck zum Öffnen zu bewegen. Diese haben aber schon einige Leerstands-Jahre hinter sich und klemmten ein wenig. Ein, zwei Versuche, und dann war es soweit. Die zwischenzeitlich auf dem Parkplatz eingetroffenen Leute wurden in den Laden gelassen und konnten ihre Kleiderspenden auf Rolltischen ablegen, die im Handumdrehen auf spielerische Art und Weise von den drei Kindern der beiden Organisatoren quer durch den Laden bis zur „Sortierstraße“ geschoben wurden.

Der Laden war zu dem Zeitpunkt noch fast leer und wirkte dementsprechend groß. Im vorderen Teil konnte man schon eine Art Empfangstresen erkennen, dahinter überwiegend leere Holzregale und ein paar bestückte Kleiderständer mit Damenbekleidung. Ein Holzregal war schon mit Pullis und Shirts für Damen gefüllt. Links vom Eingang verpasste ein älterer Ehrenamtlicher drei fertiggestellten Umkleidekabinen den letzten Schliff – es dürfe keine scharfe Kante überstehen, an der man sich verletzen oder die Kleidung zerreißen könne. Schicke, garantiert undurchsichtige purpurfarbene Vorhänge hangen schon vor den Kabinen, Spiegel standen bereit zur Montage und Hocker in den Kabinen.

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Die attraktiven Umkleidekabinen der Kleiderkammer erhielten von einem ehrenamtlichen Helfer den letzten Holz-Schliff

Links und rechts neben dem Eingang stehen gemütliche Sitzecken, die zuerst darauf vermuten ließen, dass sie zu verkaufen seien. Doch weit gefehlt: „Auf den Couchgarnituren können Besucher es sich gemütlich machen, gemeinsam ins Gespräch kommen, wann immer sie Lust haben“, erklärte Elke. „Später werden noch Steckdosen angeschlossen, wo sie ihre Handys aufladen können. Denn in der Notunterkunft, wo ich vorher ehrenamtlich tätig war, haben sie nur eine Steckdose – da kann man sich vorstellen, wie lange rund 300 Leute anstehen müssen.“ Den Strom wie auch die Heizkosten übernehme EDEKA Minden-Hannover. Wie bereits im Ankündigungs-Bericht beschrieben, überlässt der Konzern vorübergehend kostenlos diese Immobilie für den guten Zweck.

Das Herzstück der „HOPE – die Kleiderkammer, die Hoffnung macht“ ist jedoch die „Kleiderstraße“ bzw. Sortierstraße. Nach einigen chaotischen Anläufen beim 14-tägigen Aufbau mit rund 16 tatkräftigen Helfern haben Elke und Volker eine gut durchdachte Organisation aufgebaut, den Berg von Kleiderspenden in den Griff zu kriegen.

Für den Wiedererkennungswert ziehen sich zuerst die Helfer ein eigens dafür entworfenes grünes T-Shirt mit der Aufschrift „HOPE“ an und schützen sich mit Gummihandschuhen vor unangenehmen Befällen wie Schweißgeruch oder Ähnlichem, „das leider sehr oft vorkommt“, so Bikowski. Dann geht’s los: Zuerst wird die Kleidung nach Damen und Herren sortiert, dann nach Hosen, Shirts, Pullis usw., dann wird die Kleidung gefaltet und nach Größen sortiert. Die vorsortierte Kleidung wird dann mittels Rolltischen zum entsprechenden Platz geschoben und die Kleidung in gut beschriftete Regale eingeräumt oder auf Ständer gehängt.

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Die „Damen-Straße“ hat dank der Organisatoren Elke Bikowski und Volker Höltkemeier sowie der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer schon Form angenommen

„Bis jetzt ist erst mal die Damen-Straße fertig“, erklärte die Organisatorin weiter. „Leider hat sich während der zwei Wochen des Aufbaus niemand von den Leitern dieses Projektes bei uns blicken lassen, wie Frau Aro oder Herr Niemeyer. Wir haben die gesamte Organisation im Laden allein gestemmt – zusammen mit den ehrenamtlichen Helfern natürlich. Natürlich sind wir sehr dankbar, dass der Laden überhaupt entstanden ist. Wir haben ja beide monatelang in der Notunterkunft in Häverstädt ausgeholfen und uns so kennengelernt. Bei den Johannitern türmen sich ja Berge von Klamotten, praktisch das hier mal 10. Doch die Johanniter wollten uns nicht mehr haben.“

So kam eins nach dem andern. Stadtangestellte Aro hatte sich nach den Klamotten erkundigt, dann gab es ein Telefonat mit der EDEKA, diese kurzfristig ihre leerstehende Immobilie zur Verfügung stellte. Flüchtlinge aus der Notunterkunft Häverstädt, aber auch aus anderen Notunterkünften Mindens, haben so die Gelegenheit, zu Fuß zur Kleiderkammer zu kommen.

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Allroundtalent Julia Viebranz hilft „Elli“ gern in der neuen Kleiderkammer

Julia Viebranz ist beispielsweise eine der vielen Menschen, die am Eröffnungstag aushalfen. Die 19-Jährige war einen Tag zuvor das erste Mal da und hat sich sofort zurechtgefunden. So klebte sie gerade Zettel an die Regale mit den Aufschriften „Hosen“, „T-Shirts“ usw. Die Mindenerin ist über „Elli“, wie sie die Organisatorin nennt, an die Tätigkeit gekommen, da sie ihr schon als Babysitter zur Seite stand. Nach ihrem Abitur war sie erst einmal in Australien, fand dann in Minden einen 450-Euro-Job und hilft jetzt nebenbei ehrenamtlich in der Kleiderkammer aus.

Eine andere Frau mittleren Alters ist vor längerer Zeit arbeitslos geworden, weil man sie so im Berufsleben gemobbt hat, dass sie psychisch krank wurde. „Ich bin kein Mensch, der zu Hause hocken kann. Ich brauche eine Beschäftigung, möchte unter Leuten sein. Das hier ist eine gute Gelegenheit“, teilte sie mit, möchte aber weder ihren Namen noch den ihres Arbeitgebers veröffentlicht sehen. Für diese Frau hat die ehrenamtliche Tätigkeit somit fast eine therapeutische Wirkung.

„Einen 10-jährigen Jungen haben wir beispielsweise kurzerhand zum ‚Abteilungsleiter Spielzeug‘ ernannt, weil er das Spielzeug so sorgfältig behandelt hat“, erwähnte Bikowski und lächelte verschmitzt. Die grünen T-Shirts sind übrigens gespendet worden, genau wie Putzmittel und eine Kaffeemaschine „eines bekannten Kaffeeanbieters aus Minden“ (wer mag das wohl sein? *gg*).

„Wir brauchen aber noch mehr Helfer als die 20, die wir jetzt haben.“ Helfer können sich in einer Liste eintragen lassen. „Es wird niemand zu irgendwas verpflichtet. Jeder Helfer kann so oft kommen und gehen, wann er will. So müssen wir nicht Dutzende E-Mails mit kurzfristigen Absagen bearbeiten.“ „Irgendwann kriegt sogar der eine oder andere den Schlüssel vom Laden, wenn Vertrauen da ist“, sagte Höltkemeier. „Denn wir sind nicht immer da, brauchen Hauptverantwortliche.“

Schließlich soll die Kleiderkammer möglichst schnell anlaufen. Sodann sollen bei einem gewissen Helferstand feste Öffnungszeiten entstehen.

„Und die Klamotten sind nicht nur für Flüchtlinge, obwohl die am schnellsten Winterkleidung benötigen, sondern auch für zugewiesene Flüchtlinge, HartzIVer, Sozialhilfeempfänger, Obdachlose – eben für alle bedürftigen Bürgerinnen und Bürger, die Kleidung benötigen. Wir weisen niemanden ab“, betonte Bikowski. Etwas Schriftliches vorweisen, wie man es von der Tafel oder anderen Einrichtungen her kennt, brauche man nicht.

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Während eine der ehrenamtlichen Helferinnen Hosen aussortiert, hilft Organisator Volker Höltkemeier im Hintergrund (re.) beim Auspacken neuer Kleiderspenden

Und alle Sachen sind kostenlos“, ergänzte Höltkemeier, „nicht wie bei der Diakonie oder dem DRK, wo man eine Art Bearbeitungsgebühr zahlen muss.“

Überhaupt machten die beiden ehrenamtlich tätigen Organisatoren einen unglaublich offenen, fröhlichen und ehrlichen Eindruck. Es war nicht ansatzweise irgendein kommerzieller Gedanke herauszuhören – sie helfen Menschen grundsätzlich. Und das bei der Hektik, die am Donnerstag herrschte. Praktisch minütlich kamen Leute in die Kleiderkammer, um zu spenden.

Wir sagen: Hut ab und weiter so! Endlich zwei Menschen, die sich um alle Bedürftigen Mindens sorgen und eine vernünftige Lösung herbeigeführt haben. Wir bleiben dran.

An folgenden Tagen können Kleiderspenden und Spielzeug bei der Kleiderkammer am Schwabenring 4 in 32429 Minden-Rodenbeck (schräg gegenüber Sparkasse / Ecke Lübbecker Straße) noch abgegeben werden:
Samstag, 21. November: 11 bis 14 Uhr
Montag, 23. November: 15 bis 18 Uhr
Dienstag, 24. November: 15 bis 18 Uhr
Mittwoch, 25. November: 15 bis 18 Uhr
Donnerstag, 26. November: 15 bis 18 Uhr
Freitag, 27. November: 15 bis 18 Uhr
Samstag, 28. November: 15 bis 18 Uhr

Die Kleidung sollte gewaschen und im ordentlichen Zustand sein, auch das Spielzeug möglichst gereinigt.

++ UPDATE ++

HOPE, die Kleiderkammer musste wieder schließen an dem Standort in Minden-Rodenbeck.

Die Einrichtung wurde in HOPE hilft unbenannt und zum Treffpunkt für ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie Geflüchtete umfunktioniert – siehe Facebook-Seite.


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