Rathaus-Komplex in Minden bald unter Denkmalschutz?

Landschaftsverband Westfalen-Lippe will 70er Jahre Rathaus-Komplex des Architekten Harald Deilmann unter Denkmalschutz sehen

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Der 70er Jahre Rathaus-Komplex (Deilmann-Bau) der Stadt Minden soll auf Vorschlag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe unter Denkmalschutz gestellt werden – Foto: Pressestelle Minden

Derzeit liegt der Stadt Minden ein Schreiben des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe vom Fachamt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen an die Untere Denkmalbehörde der Stadt Minden vor, dass der neuartige Rathaus-Komplex inklusive Geschäfte und Tiefgarage des 2008 verstorbenen Architekten Harald Deilmann unter Denkmalschutz gesetzt werden sollte.

Darüber informierte Lars Bursian, Beigeordneter für Städtebau und Feuerschutz (Baudezernent), am 16. Dezember 2015 die Mitglieder des Ausschusses für Bauen, Umwelt und Verkehr der Stadt Minden. Es wäre das erste Gebäude im ostwestfälischen Minden aus den 1970er Jahren und auch das jüngste von rund 640 Gebäuden insgesamt, das unter Denkmalschutz stehen würde: der gesamte Rathaus-Komplex des 2008 verstorbenen Architekten Harald Deilmann (siehe Wikipedia) aus den Jahren 1976 und 1977 – auch “Deilmann-Bau” genannt.

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Lars Bursian, Baudezernent der Stadt Minden, macht auf das Recht der Teileigentümer aufmerksam, Bedenken gegen das Vorhaben des LWL anzubringen – Archivfoto: onm

Im Januar 2016 sollen die 18 Teileigentümer des Rathaus-Komplexes mit der Anschrift Kleiner Domhof 17 postalisch darüber in Kenntnis gesetzt werden – darunter auch die Stadt Minden mit dem größten Anteil am Gebäude.

Wobei man hinzufügen muss, dass der größte Teil der Mindener Stadtverwaltungs-Angestellten selbst in dem Gebäudekomplex arbeitet, insbesondere der Bereich “Bauen und Wohnen” untergebracht ist. Es handelt sich hierbei also nicht um ein leerstehendes Gebäude. Und die “Postwege” sind kurz – das historische Rathaus mit Sitz des Bürgermeisters ist direkt verbunden.

Begründet wird der beantragte Denkmalschutz damit, dass “der gewinkelte Komplex das historische Rathaus-Gebäude am Markt mit der ebenfalls unter Denkmalschutz stehenden ‘Alten Regierung’ und dem Stadthaus am Großen Domhof verbinde”. Allerdings muss man hier erklären, dass mit “Alter Regierung” hier wohl das heutige Stadthaus Minden gemeint ist – und nicht etwa das historische, alleinstehende Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Denn zur Linken des Deilmann-Baus befindet sich das historische Mindener Rathaus und zur Rechten die “Neue Regierung”, wo heute das Stadthaus mit Bürgerbüro untergebracht ist. “Neue Regierung” deshalb, weil dies von 1846 bis 1906 als Regierungssitz des Regierungsbezirks Minden des Kreis Minden-Lübbecke genutzt wurde.

Neue Regierung Minden Stadthaus by TUBS Marku1988 CC BY-SA 3.0 Wikipedia
“Neue Regierung” der Stadt Minden – Foto: TUBS Marku1988, CC BY-SA 3.0 Wikipedia

Die tatsächliche “Alte Regierung” befindet sich als gesondertes Gebäude gegenüber vom Dom auf der anderen Straßenseite und wurde von 1816 bis 1845 als Regierungsgebäude der Bezirksregierung Minden genutzt. Vor der “Alten Regierung” steht eine Siegessäule zur Feier der preußischen Siege im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und den Deutsch–Deutschen Krieg von 1866 und zum Gedenken an die Gefallenen aus dem Regierungsbezirk Minden (siehe auch Wikipedia).

Alle Teileigentümer erhalten auf jeden Fall ein Anhörungsschreiben und Informationen darüber, dass der Rathaus-Komplex aus den 70er Jahren inklusive der Geschäfte und der Tiefgarage in die Denkmalliste der Stadt Minden (siehe Wikipedia) eingetragen werden soll. Die Eigentümer haben dann Zeit, innerhalb vier Wochen nach Erhalt des Schreibens darauf zu reagieren.

„Bis dahin haben alle Betroffenen Zeit, sich zu äußern und rechtliche Bedenken vorzutragen“, erläutert Baudezernent Lars Bursian. Bei überzeugenden Argumenten, warum der 70er Jahre Rathausbau nicht unter Denkmalschutz gestellt werden kann, müsse dann noch einmal nachgeprüft werden. Wird den Bedenken seitens der Stadt Minden nicht zugestimmt – wovon man ausgehen kann bei den nachstehenden Ausführungen der Stadt Minden – ergehe ein Bescheid an die Teileigentümer mit einem Rechtsbehelf, der darauf hinweise, dass innerhalb vier Wochen eine Klage gegen den „Verwaltungsakt“ eingelegt werden könne.

„Insgesamt dauert ein solches Verfahren meist zwei bis drei Monate“, weiß Dieter Bommel von der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Minden. Er selbst sehe – aus der Erfahrung mit anderen gerichtlichen Auseinandersetzungen in solchen Fällen – wenig Möglichkeiten, gegen die beabsichtigte Eintragung des Rathaus-Neubaus Rechtsmittel einzulegen.

Ins Visier der Experten vom Fachamt für Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen sei der Rathaus-Komplex Anfang des Jahres 2015 geraten. Bereits im Januar gab es eine Besprechung von Stadt und Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Hier wurde vom LWL mit Sitz in Münster deutlich gemacht, dass das Gebäude denkmalwürdig sein könnte und eine fachliche Überprüfung für die Unterschutzstellung anstrebe.

In diesem Zeitraum war auch davon die Rede, ob aufgrund der maroden Verhältnisse des Deilmann-Baus die Stadtverwaltung in die mittlerweile leerstehende “Alte Regierung” umziehen könnte, was von den Mindener Bürgern aufgrund der hohen Attraktivität des “Alte Regierung”-Gebäudes gern gesehen, aber von der Stadt Minden abgelehnt wurde.

Vor dem Hintergrund der von der Stadt Minden geplanten Sanierung des Deilmann-Baus – die Sanierungsarbeiten sollen Ende 2017 beginnen – und des Umbaus der Verwaltungsräume insgesamt habe die Stadt auf eine möglichst schnelle Überprüfung Wert gelegt, um in dieser Frage Klarheit zu erlangen, berichtet Bommel. Mit Erhalt des Schreibens des LWL Ende November dieses Jahres sei nun klar, dass an den Planungen für die Sanierung und den Umbau eine weitere Instanz zu beteiligen sei.

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Weitere Ansicht des Deilmann-Baus, was nach Ansicht des LWL unter Denkmalschutz gestellt werden sollte – Foto: Pressestelle Minden

„Wir haben bereits im laufenden Jahr mit dem Denkmalamt in Münster vereinbart, dass wir uns bezüglich der neuen Büroraumplanung und aller weiteren Aspekte der Rathaussanierung frühzeitig zusammensetzen, um eine gute Lösung zu finden“, so der für die Gebäudewirtschaft verantwortliche Stadtkämmerer Norbert Kresse.

„Harald Deilmann hat ein Gebäude geplant, das sich auch an seine Nutzer anpassen kann. Eine innere Umstrukturierung bei der geplanten Sanierung muss dabei möglich sein“, so Bursian. Weiter bewertet der Baudezernent das Schreiben des LWL: „Die vorgetragene Denkmalwertbegründung des LWL ist schlüssig und überzeugend.“

In dem Schreiben des LWL heißt es unter anderem: „Der sogenannte Deilmann-Bau ist bedeutend für die Geschichte der Menschen in der Stadt Minden, weil er die bestehenden Gebäude der städtischen Verwaltung in zeitgemäßen Formen ergänzt … Darüber hinaus ist dieser gewinkelte Baukörper bedeutend für die Stadtentwicklung, weil er als ‘in die örtliche Situation hinein modellierte Großform’ den Kern der Altstadt mit Rathaus und Dom in enger Anlehnung an den historischen Strukturen, nämlich engen Gassen am Rathaus und der weiteren Domfreiheit, interpretiert.“

Zudem “repräsentiere das großvolumige Verwaltungsgebäude die nach der Gebietsreform stark gewachsene Stadt Minden”, so der LWL. Auch in Bezug auf die Architekturgeschichte lägen Erhaltungsgründe vor, weil das Bauwerk in seinem Äußeren und Inneren ein “wichtiger Vertreter des öffentlichen Bauens der Mitte der 70er Jahre” sei. Der Architekt habe in seiner Materialwahl – Obernkirchener Sandstein und Kupfer – auf den Dom und das alte Rathaus reagiert. Das Gebäude trete mit der ebenmäßigen Fassadengestaltung nicht in Konkurrenz zu den historischen Gebäuden. Der Komplex “dokumentiere die jüngere Architekturgeschichte im Verwaltungsbau”, heißt es weiter in der Begründung des LWL, sowie: „Der Mindener Vertreter ist in einem außergewöhnlich vollständigen Überlieferungszustand erhalten und daher von großer architekturhistorischer Aussagekraft.“

Abschließend führt das Fachamt des Landschaftsverbandes städtebauliche Gründe für den Erhalt des Rathaus-Komplexes an: Der Bau habe mit seiner als nördliche und westliche Platzwand fungierenden Fassade des Kleinen Domhofes die für Minden charakteristische Abfolge unterschiedlicher Plätze weiter entwickelt. Der Deilmann-Bau füge sich zudem durch das Arkadengeschoss in Verbindung mit den zurückspringenden zweiten und dritten Obergeschossen – trotz der Höhe – in die gegenüber dem Dom angewachsene Bebauung ein.

++ UPDATE ++
Aus verschiedenen Beschlussvorlagen der Stadtverwaltung Minden (im Zuge der Sanierungspläne 2017 des Rathaus-Komplexes) kann man entnehmen, dass der Deilmann-Bau 2016 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Das genaue Datum ist jedoch nirgendwo im Internet ersichtlich. Aber es gibt eine interessante Diskussion dazu auf der Forum-Seite von Stadtbild Deutschland e.V.

Quelle: Pressemeldung Stadt Minden, Wikipedia.org


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