Protestwelle gegen geplante Abfallbehandlungsanlage in Petershagen

Expansionsplan der Firma Ahrens stößt auf Widerstand in Petershagen - Bürgerinitiative Stoppt den Giftmüll e.V. wehrt sich - Infoabend am 4. November 2016

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Imker Axel Brandt wehrt sich – wie über 2000 Bürgerinnen und Bürger aus Petershagen – gegen die Ansiedlung einer Abfallbehandlungsanlage der Firma Ahrens und sammelte Unterschriften auf dem Windheimer Herbstmarkt 2016 – Foto: onm

“Wir fliegen für Ihren Genuss” lautet das Motto der Imkerei Ankerhuus aus Petershagen. Doch wer weiß, wielange noch, befürchtet Inhaber Axel Brandt – einer von vielen besorgten Unternehmern und Bürgern, die sich gegen eine Ansiedlung einer Abfallbehandlungsanlage für gefährliche Stoffe der Firma Ahrens in ihrer Stadt wehren. Das Bürger-Team “Wir wehren uns!” sammelte bereits über 2000 Unterschriften gegen den Bau der Anlage, löste eine regelrechte Protestwelle aus und veranstaltet am 4. November 2016 einen öffentlichen Infoabend.

“Im Besonderen haben sich hier eine Reihe um ihre Kinder besorgte Mütter ausgesprochen fleißig und zielorientiert eingebracht”, teilt Frank Kirchner, Sprecher des Bürger-Teams “Wir wehren uns!”, am 2. November 2016 mit. Mittlerweile sei das Team zu einem Teil der Bürgerinitiative “Stoppt den Giftmüll e.V.” geworden, die die Bedenken des Bürger-Teams mitträgt, erklärt er stolz.

Der Wellness- und Biomarkt boomt. Immer mehr Menschen legen wert auf Gesundheit und Wohlbefinden. Der Trend zu urbanen Gärten wächst unaufhörlich. Die Menschheit will wieder wissen, was in den Lebensmitteln wirklich steckt und sich nicht länger von Ersatzstoffen und künstlichen Zusatzstoffen ernähren. Genmanipulierten Mais, Kartoffeln oder Brot will niemand auf dem Teller haben – schon gar nicht “indirekt” vergiftete Nahrung.

Und da kommt eine Firma Ahrens Transport und Handel GmbH & Co. KG aus Stadthagen (Hauptsitz) daher und verbreitet seit April/Mai 2016 die Neuigkeit, sie möchte expandieren und plane den Bau einer Anlage zur (Zwischen-) Lagerung und Behandlung von „nicht gefährlichen und gefährlichen Abfällen“ im Industrie- und Gewerbegebiet Petershagen. Sie löste damit eine Welle des Protests aus durch alle Medien.

Die für ihre Asphalt-Mischwerke und -labore bekannte Firma bietet mit ihren eigenen Entsorgungs- und Aufbereitungsbetrieben inklusive entsprechender Logistik ihren Kunden sozusagen ein “Rundum-sorglos-Paket” an, auch über weite Strecken, da sie in Stadthagen, Bremen, Cremlingen, Brößnitz und Rotenburg Firmensitze unterhält. Das Unternehmen Ahrens ist hundertprozentige Tochter der Matthäi-Gruppe, ein Bauunternehmen aus Verden, neben vielen anderen Projekten auch spezialisiert auf Gleisbau, wobei sie Schwellen und Schotter aus Rohstoffen herstellen, die sie aus “eigenen Quellen” fördern.

Das Schotter-Problem

Das offiziell als “Abfallbehandlungsanlage für gefährliche Stoffe” bezeichnete Vorhaben der Firma Ahrens beinhalte unter anderem den Betrieb zur Lagerung und Verarbeitung von Abfällen wie Gleisschotter und Boden. Rund 200.000 Tonnen Material soll jährlich umgeschlagen werden. Bis zu 85 zusätzliche Lastkraftwagen sollen pro Tag durch Petershagen rollen.

Expandieren sei ja gut und schön, doch beim Schotter liegt das Problem, meinen die Petershäger Bürgerinnen und Bürger sowie diverse Unternehmen. Denn belasteter Gleisschotter kann enthalten: Arsen, Blei, Quecksilber, Kadmium, krebserregende Aromate und Pflanzenschutz- bzw. Unkrautbekämpfungsmittel (beispielsweise Glyphosat).

Das Bürgerteam in Zusammenarbeit mit der Bürgerinitiative “Stoppt den Giftmüll e.V.” sieht hier gesundheitliche Probleme auf die Bevölkerung von Petershagen zukommen wie Lungenkrebs, Kehlkopfkrebs, Magenkrebs, Fehlgeburten, Asthma, Missbildungen und Unfruchtbarkeit. Daher protestieren sie seit Monaten mit Totenkopfschädeln auf gelben Eimern, Buttons und Flyern und der Aufschrift “Wir wehren uns!” gegen das geplante Bauvorhaben. Es wird an Ständen, wie neulich auf dem Windheimer Herbstmarkt, und auf der Website aufgeklärt und Unterschriften gesammelt.

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Nutzungskataster Gewerbe und Industrie bei Petershagen-Lahde – zur Verfügung gestellt von Björn Nommensen, Teamleiter Bürgerteam “Wir wehren uns!”, aus Petershagen

Der geplante Standort

Genau genommen sei die Ansiedlung der neuen Anlage in dem Gebiet oberhalb der Autoverwertung Neumann zwischen den Straßen “Dingbreite” und “An der Wandlung” geplant, teilt Björn Nommensen, Teamleiter des Bürgerteams “Wir wehren uns!”, auf Anfrage am 1. November 2016 mit – also dort, wo bei Google Maps aktuell noch ein grüner Acker zu sehen ist.

In dem Industrie- und Gewerbegebiet bei Petershagen-Lahde befinden sich bereits das Steinkohlekraftwerk Heydn (seit 1951), eine Biogasanlage, diverse Handwerksbetriebe, Lagerhallen, Dienstleister, Bürogebäude, Einzelhandel, Baumärkte und Gartencenter, Werksbahn von E.ON und Bahnstrecke der Deutschen Bahn sowie Kunststoff- und andere Materialen verarbeitende Betriebe – und rund fünf Meter Luftlinie von der geplanten Ahrens-Anlage entfernt eine Anlage zur Lagerung und Behandlung von Abfällen, Bauschutt und anderes laut Punkt 20 einer Anliegerliste, die Nommensen zur Verfügung stellte.

“Warum also eine zusätzliche Anlage bauen?”, fragen sich die Aktivisten und Anwohner, das würde doch nur zu Überkapazitäten führen.

Zudem äußern sie Bedenken, was die unmittelbare Nähe der geplanten Anlage zu beispielsweise der ansässigen Tanzschule, den Imbissstand, eine Bäckerei mit Außenterrasse sowie Obst- und Gemüse-Hofverkaufsstände betrifft. Denn schon in Stadthagen habe die Firma Ahrens für Aufruhr gesorgt, weil es “stinkt” (siehe www.bi-stadthagen.de). Außerdem befinden sich in der Nähe des zu bebauenden Grundstücks in Petershagen zahlreiche Wohnanlagen, in rund einem Kilometer Entfernung Arztpraxen, Kindergärten, Schulen und Sportanlagen sowie die Klinik im Luftkurort Bad Hopfenberg in circa 2,7 Kilometer Entfernung.

Die gesundheitlichen Auswirkungen für Kinder, Sportler, Erholungsbedürftige und Anwohner seien verheerend, wenn die Firma Ahrens ihr Vorhaben umsetzen sollte.

Fragen über Fragen

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Einladungsflyer des Bürger-Teams “Wir wehren uns!”

“Baustoffe transportieren heißt Verantwortung tragen: Die Entsorgung von Böden und Baustoffen ist heute ein immer wichtigerer Bestandteil im Tief- und Straßenbau. Besonders der Transport von belasteten Materialien bedeutet Verantwortung für Mensch und Umwelt. Wir kommen dieser Verantwortung mit eigenen Entsorgungs- und Aufbereitungs-Möglichkeiten und der entsprechenden Logistik in vollem Umfang nach”, heißt es unter anderem auf der Website der Firma Ahrens unter der Kategorie “Entsorgung”.

Man komme der Verpflichtung, seit 2010 ein Register – das sogenannte elektronische Abfallnachweisverfahren eANV – zu führen, in vollem Umfang nach auf Grundlage des Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes (KrW-/AbfG) sowie der Nachweisverordnung. Weiter heißt es: Als Entsorgungsfachbetrieb dürfen wir gefährliche Abfälle transportieren, die gesamte Dokumentation erstellen und die Materialien einer geeigneten Entsorgungsanlage zuführen. Die Anlage und Abwicklung der Entsorgungsnachweise wird fachgerecht von uns übernommen.”

Theoretisch scheint es aufseiten der Firma Ahrens also keine Probleme für Mensch und Umwelt zu geben, das Neuprojekt könnte in Petershagen verwirklicht werden. Wenn es da nicht die vielen Fragen der Bürgerinnen und Bürger gebe:

  • Sind unsere Kinder und Bürger gegenüber den eventuell krebserregenden Stoffen ausreichend geschützt?
  • Was geschieht mit eventuell kontaminiertem Regenwasser?
  • Ist unser Grundwasser ausreichend geschützt?
  • Haben die Lastwagen mit giftigem Staub kontaminierte Reifen?
  • Trägt der Wind den eventuell giftigen Staub weiter?
  • Warum soll in unserem bereits durch Industrie stark belastetem Gebiet gebaut werden?

Man möchte eben keinen eventuell drohenden Giftmüll als Nachbarn haben. An dieser Stelle wäre es ratsam, wenn die Firma Ahrens die Fragen ausführlich öffentlich beantworten würde.

Die gesetzliche Seite

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Wohin wird der Wind sich drehen in Petershagen? Auf die Seite der Bürgerinnen oder Bürger oder der Firma Ahrens? – Foto: onm

“Das Problem an dem Gewerbe- und Industriegebiet Lahde ist momentan aus unserer Sicht die Tatsache, dass es sich um kein gattungsreines Gebiet mehr handelt. Es gibt hier eine Biogasanlage, mehrere Photovoltaikanlagen, ein Einkaufszentrum, einen Baumarkt, physiotherapeutische Praxen, ein Tanzstudio und mittelständische Gewerbebetriebe. Alles in allem ein Gebiet, das aus unserer Sicht die Ansiedlung nicht genehmigungsfähig machen kann. Wir haben in Lünen eine vergleichbare Anlage besichtigt. Dabei handelte es sich um ein reines Industriegebiet. Eine Bäckerei mit angeschlossenem Café und Außenterasse gab es dort jedenfalls nicht”, erklärt Nommensen weiter.

Und dann gebe es noch den Abfallwirtschaftsplan des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) mit dem Teilplan Sonderabfälle. Dort heiße es zum Thema Entsorgungssicherheit auf den Seiten 59 und 60:

“Bodenbehandlungsanlagen: Zur Behandlung von verunreinigtem Boden steht in Nordrhein-Westfalen eine Kapazität von ca. 0,9 Mio. Mg/a zur Verfügung. Diese verteilt sich auf neun Anlagen zur biologischen Behandlung und eine thermische Bodenreinigungsanlage mit einer Kapazität von rd. 0,05 Mio. Mg/a. Die Menge gefährlicher Abfälle, die voraussichtlich einer Bodenbehandlung zu unterziehen sind, wird mit durchschnittlich ca. 0,3 Mio. Mg pro Jahr abgeschätzt. Analog zu dem schwankenden jährlichen Aufkommen an Abfällen aus Bau-, Abbruch- und Altlastensanierungsmaßnahmen dürfte auch bei der Bodenbehandlung mit entsprechenden Unterschieden hinsichtlich des jeweiligen Bedarfs zu rechnen sein. Mit den in Nordrhein-Westfalen vorhandenen Kapazitäten ließe sich auch ein Bedarf decken, der die im Durchschnitt erwartete Menge von 0,3 Mio. Mg/a übersteigt.”

Auf Deutsch: Es stehen aktuell genügend Kapazitäten für die Lagerung und Behandlung von „nicht gefährlichen und gefährlichen Abfällen“ in NRW zur Verfügung. Auch aus diesem Grunde würde eine weitere Anlage nicht gebraucht.

Schließlich wandten sich die Bürgerinitiative und das Bürger-Team in einem gemeinsamen Brief am 23. Oktober 2016 an die Regierungspräsidentin Marianne Thomann-Stahl in Detmold, mit dem sie ihren Unmut und den aus der Petershäger Bevölkerung kundtun und dazu auffordern, “die von der Firma Ahrens beantragte Neugenehmigung zum Bau einer Anlage zur Abfallbehandlung und Lagerung im Gewerbe- und Industriegebiet Lahde abzulehnen und gleichzeitig das Genehmigungsverfahren hierfür zu beenden, da die Voraussetzungen für eine Genehmigung nicht gegeben sind”. Eine Antwort steht auch hier noch aus.

Informationsveranstaltung

Wer jetzt in Expertenrunde noch mehr über die Aktion “Wir wehren uns!” und die aktuelle Lage in Petershagen bezüglich geplanter Ansiedlung der Firma Ahrens erfahren möchte, dem empfehlen wir den Besuch folgender Informationsveranstaltung:

Das Bürger-Team “Wir wehren uns!” lädt am 4. November 2016 ab 19 Uhr zu einem öffentlichen Info-Abend über die im Industriegebiet geplante Gleisschotteranlage in Petershagen und das Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) ein. Gastredner Klaus-Peter Vogel, Diplom-Verwaltungsbetriebswirt / Meteorologe (FH), und Peter Thiele von der Bürgerinitiative “Stoppt den Giftmüll e.V.” werden an dem Abend über das Thema referieren.

Veranstaltungsort:
Landgasthaus Lange-Loh
Gorsper Straße 2, 32469 Petershagen / Gorpsen-Vahlsen (Google Maps)

Honigbienen gefährdet – und damit der Mensch

Axel Brandt von der Imkerei Ankerhuus, den wir am 30. Oktober 2016 auf dem Windheimer Herbstmarkt kennenlernten, ist jedenfalls nicht begeistert von dem Gedanken dieser geplanten Anlage, weshalb er seine Kunden dazu ermunterte, auf der Unterschriftenliste zu unterzeichnen.

Schließlich sammeln Honigbienen das begehrte “flüssige Gold” in den Blüten der Natur, was dann als Honig, Seife, Shampoo oder Salbe verarbeitet in bzw. an den menschlichen Körper gelangt. Nicht auszumalen, was für ein “schleichender Vergiftungsprozess” einsetzen kann, sollte die Firma Ahrens ihrer selbst angepriesenen “Verantwortung für Mensch und Umwelt” nicht nachkommen.

++ UPDATE ++

Die Auslegung der Antragsunterlagen der geplanten Ansiedlung wird am 14. November 2016 stattfinden, informiert die Initiative “Wir wehren uns!”. Ab diesem Zeitpunkt hat jeder das Recht, egal wo er wohnt, eine Einwendung nach Detmold an die Bezirksregierung zu senden. Das Bürger-Team wird dazu detaillierter informieren und Anschreiben vorbereiten, die sie dann verteilen und zum Download anbieten. Außerdem wird ein Sammelschreiben vorbereitet, das nur unterschrieben werden muss. Die Auslegung erfolgt sowohl vor Ort bei der Stadt Petershagen als auch bei der Bezirksregierung sowie auf entsprechenden Internetseiten, die dann verlinkt werden.

++ UPDATE ++

Am Dienstag, 22. November 2016, findet in der Aula der Sekundarschule Petershagen, Bultweg 23, um 19 Uhr eine Einwohnerversammlung der Stadt zur geplanten Ansiedlung der Firma Ahrens im Industrie- und Gewerbegebiet Lahde statt, teilt die Initiative “Wir wehren uns!” auf ihrer Homepage mit. Nach Vorstellung des Vorhabens durch die Vertreter der Firma Ahrens haben die Teilnehmer die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

++ UPDATE ++

Da die Firma Ahrens vom ihrem geplanten Vorhaben, eine Anlage zur (Zwischen-) Lagerung und Behandlung von „nicht gefährlichen und gefährlichen Abfällen“ im Industrie- und Gewerbegebiet Lahde anzusiedeln, Medienberichten zufolge anscheinend nicht ablässt, findet am Mittwoch, 30. November 2016, in der Sekundarschule Petershagen um 19 Uhr eine Bürgerversammlung statt, informieren die Bürgerinitiative “Stoppt den Giftmüll e.V.” und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) e.V.

Ziel der Veranstaltung sei es, die Bürgerinnen und Bürger weiterhin auf die Gefahren aufmerksam zu machen und Erfahrungsberichte aus erster Hand von der Bürgerinitiative Stadthagen über die Vorgehensweise der Firma Ahrens zu erhalten. Der BUND-Landesverband wird vertreten durch Claudia Baitinger und Oliver Kalusch, die Informationen zur geplanten Ansiedlung aus Sicht des Umweltschutzes darlegen. Des Weiteren wird es wertvolle Hinweise im Hinblick auf die Erstellung korrekter Einwendungen im laufenden Verfahren durch Peter Thiele geben. Im Anschluss informiert das Bürgerteam “Wir wehren uns!” über die aktuellsten Entwicklungen im “Fall Ahrens”. Letztendlich wird es die Möglichkeit geben, Fragen zu stellen und vorformulierte Einwendungen auszufüllen.

Außerdem plant die Bürgerinitiative, jeden Dienstag und Freitag von 17 bis 19 Uhr im Gasthaus Langeloh eine Sprechstunde zu stellen, in der Bürgerinnen und Bürger ihre Einwendungen abgeben oder sich bei der Erstellung unterstützen lassen können. Der erste Termin ist am Freitag, 2. Dezember 2016.

Weiteren Informationen und vorgefertigte Protestschreiben findet man auf der Website www.wir-wehren-uns.info.


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