Politisches Ziel, Verpackungsmüll zu reduzieren, wurde verfehlt

Verbraucherzentrale NRW in Minden informiert zur Europäischen Woche der Abfallvermeidung: Steigerung von 18 Prozent anstatt Verpackungsmüllreduktion

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Schülerinnen und Schüler der Klasse 7c der Hüllhorster Gesamtschule und Lehrkraft Hildegard Hövels (li.) lernten von den Umweltberaterinnen der Verbraucherzentrale NRW in Minden, Cornelia Franke-Röthemeyer und Ute Schürmann (re.), wie man Abfall vermeidet – Foto: VZ NRW

Im Rahmen der Europäischen Woche der Abfallvermeidung (EWAV), die mit vielfältigen Aktionen auf ihr Motto “Verpackungsabfälle vermeiden: weniger ist mehr“ hinweist, sind auch die Umweltberaterinnen der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen (NRW) in Minden mit dabei. Sie informieren über den stetigen Anstieg von Verpackungsmüll und führten in Kooperation mit der Gesamtschule Hüllhorst ein „abfallarmes Frühstück“ durch.

Die politischen Ziele, Verpackungsmüll zu reduzieren, werden bislang verfehlt, wissen Cornelia Franke-Röthemeyer und Ute Schürmann von der Mindener Beratungsstelle der Verbraucherzentrale NRW. 2009 betrug das Aufkommen an Verpackungsmüll pro Kopf in Deutschland knapp 184 Kilogramm. Im Jahr 2014 lag es bei 219,5 Kilogramm – eine Steigerung von 18 Prozent. Rund die Hälfte davon falle direkt bei Endverbrauchern an. Europaweit sei Deutschland Spitzenreiter beim Verbrauch von Verpackungen (der EU-Durchschnitt liege bei etwas über 150 Kilogramm pro Kopf).

Auch eine Studie des Bundesumweltamtes vom September 2016 legt offen: In Deutschland werden so viele Verpackungen verbraucht wie nie zuvor: Im Ergebnis wurden im Jahr 2014 rund 17,78 Millionen Tonnen Verpackungen verbraucht und fielen als Abfall an. Gegenüber 2015 habe der Verpackungsverbrauch damit um 3,8 Prozent zugenommen. Insgesamt wurden 17,35 Millionen Tonnen verwertet, davon 12,69 Millionen Tonnen stofflich und 4,65 Millionen Tonnen energetisch. Zusätzlich wurden 1,88 Millionen Tonnen aus dem Ausland importierte Verpackungsabfälle in Deutschland verwertet.

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Das Motto der EWAV 2016 lautet: „Verpackungsabfälle vermeiden – weniger ist mehr“ – Foto: VKU

Europaweiter Aufruf an Wirtschaft, Politik und Verwaltung

Aus diesem Grund rufen Tausende Akteure europaweit während der EWAV vom 19. bis 27. November 2016 zu besonderen Aktionen rund um Ressourcenschonung und verantwortungsvollem Handeln im (Arbeits-) Alltag auf – in der Wirtschaft, Politik und Verwaltung.

Denn abfallarme Verpackungen sind kunden- und umweltorientiert, so die Mindener Expertinnen der Umweltberatung. Außerdem „haben unnötige und aufwendige Verpackungen ihren Preis: Einerseits gaukeln sie Kunden mehr und besonders exquisiten Inhalt vor. Andererseits müllen sie die Abfalltonnen schnell zu und müssen – passend zum jeweiligen Material – entsorgt werden“.

Frühstück der besonderen Art

In der Stadt Minden beteiligten sich die Umweltberaterinnen Franke-Röthemeyer und Schürmann an der europaweiten Aktion und führten mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 7c der Gesamtschule Hüllhorst, die sich im zweiten Halbjahr 2016 mit dem Projekt Müll beschäftigten, ein „abfallarmes“ Frühstück durch und spielten mit ihnen Müllmemory. Dabei ging es um abfallarmen Einkauf und die Vermeidung von unnötigen Lebensmittelverpackungen, aber auch, wie man Lebensmittel abfallarm in die Schule bekommt.

So wurden die Klassen in zwei Gruppen aufgeteilt: ein Teil der Schüler frühstückte abfallarm, der andere abfallreich. So konnte am konkreten Beispiel verdeutlicht werden, wie viel oder wenig Müll allein durch die Auswahl der Produkte bei der ersten Mahlzeit des Tages entsteht, zum Beispiel durch Nutzung von Einweggeschirr oder -besteck. Dies verinnerlicht wurden ihnen abfallarme Alternativen aufgezeigt, wie beispielsweise Brotdosen und wiederbefüllbare Trinkflaschen.

Verführerische Verpackungen

Besonders in der Vorweihnachtszeit verführen kleine Pralinen, extra eingewickelt in folienverschweißter Hochglanzschachtel, zum Kauf. Nach Meinung von Händlern machen Bio-Bananen, Äpfel und Birnen – also Früchte mit harter Schale – mehr her, wenn sie in Folie verpackt sind. Gesichts-Kosmetika und Zahnpasta gibt’s häufig nicht nur im Tiegel oder der Tube, sondern in hübscher Schachtel verhüllt. Und beispielsweise Mini-MP3-Player werden Kunden oft im überdimensionierten Versandkarton unter reichlich Füllmaterial verpackt übersandt.

Natürlich gibt’s auch Versandhändler, die umweltgerecht verpacken:

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Es geht auch umweltfreundlich: Die OctoberNews-Redaktion hat heute ein Päckchen erhalten, dessen Umverpackung und Füllmaterial ausschließlich aus Pappkarton besteht. Zudem war das Versandpaket nicht überdimensioniert, sondern entsprach genau der Größe des Inhalts. – Foto: onm

Doch das scheint noch immer die Ausnahme zu sein. Die Verbraucherzentrale NRW gibt daher einige Tipps, wie sich unnötiger Abfall beim Einkaufen und unterwegs vermeiden lässt:

Bei vielen Produkten gibt es Alternativen mit wenig oder ohne Verpackung. Gerade Obst und Gemüse im „Adamskostüm“ sind eine gute Wahl zur Müllvermeidung. Auch Reis, Nudeln und Hülsenfrüchte muss man nicht doppelt verpackt – in Tüte und Karton – kaufen. Sogenannte Unverpackt-Läden bieten verpackungsfreie Waren als besonderes Geschäftsmodell im Einzelhandel an. Bislang müssen interessierte Kunden die wenigen Anbieter jedoch unter dem Stichwort „unverpackt“ im Internet suchen.

Was ins Auge fällt, dafür zahlt der Kunde

Kosmetika und Süßigkeiten in verführerischen Verpackungen verlocken zum Kauf. Prunkvolle Outfits fordern jedoch auch meist einen teueren Preis. Wer den Betrag von schön Verpacktem mit derselben Menge einer Standardverpackung des begehrten Produkts vergleicht, erfährt, was das aufwendige Drumherum wirklich kostet.

Überflüssige Verpackungen im Laden lassen

Gibt es den gewünschten Artikel, wie beispielsweise Pizza, Cornflakes usw., nur mit einer Verpackung umhüllt, kann das Produkt nach dem Bezahlen ausgepackt und im Laden entsorgt werden. Discounter wie Aldi, Lidl und Co. stellen dafür oft extra Recycling-Behälter zur Verfügung. Denn der Handel ist zur Rücknahme von Verpackungen verpflichtet. Dadurch wird der Abfallberg Zuhause ein wenig abgebaut.

ON: Was die deutschen Müllberge allerdings noch nicht reduziert – da müssten die Hersteller handeln. Apropos:

Hersteller arbeiten mit Verpackungstricks

Sichtfenster werden gerne im gut befüllten Bereich eines Produkts auf der Verpackung angebracht. Doch oberhalb des Sichtfensters beginnt oft der Luftraum. Hier gaukeln Hersteller mehr Inhalt vor, denn Aushöhlungen im Deckel oder Boden lassen eine Verpackung größer erscheinen. Um beim Öffnen nicht unliebsam überrascht zu werden, sollte man die Verpackung auch von oben und unten betrachten.

Mehrweg spart Müll

Kunststoff-Flaschen, die nach Gebrauch erneut befüllt werden, sind aufgrund ihres geringeren Materialgewichts beim Transport ökologisch die bessere Wahl im Vergleich zu den Mehrweg-Verpackungen aus Glas. Werden Getränke und Joghurt regional abgefüllt, sind auch Glasverpackungen empfehlenswert.

Wer Wasser aus der Leitung trinkt, kann jegliches Verpackungsmaterial und auch Getränkegeld sparen. Für Wegwerf-Verpackungen gilt: Einweg-Varianten aus Kunststoff sind in der Herstellung energiesparender als Behälter aus Glas oder Metall. Bei Kunststoff-Verpackungen sind Polypropylen (PP) oder Polyethylen (PE) aus ökologischer Sicht die beste Wahl.

Weitere Informationen zu (unnötigen) Verpackungen stellt die Verbraucherzentrale NRW unter www.verbraucherzentrale.nrw/verpackungsaerger zur Verfügung. Alles rund um die Europäische Woche der Abfallvermeidung erfährt man auf der Website www.wochederabfallvermeidung.de.

Quelle: VZ NRW, VKU, OctoberNews


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