Osterspaziergang – hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Zu Ostern unbeschwert durchs Leben gehen und einfach die freie Zeit genießen - das wünschen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser

Wird sich der Hase zu Ostern blicken lassen? Einfach mal vom Handy abschweifen und über die Wiesen blicken, dann wird’s vielleicht auch bunte Eier geben ;o) – Symbolfoto: stux/pixabay CC0

Vor gerade mal 243 Jahren verlobte sich Johann Wolfgang von Goethe zu Ostern mit Lili Schönemann, seiner ersten wahren Liebe. 33 Jahre später erschien Faust I des bekannten deutschen Dichters (1749-1832). Zwei Gründe, dem Meister der Feder aus aktuellem Anlass die Ehre zu erweisen und seine erste und letzte Strophe aus „Osterspaziergang“ zu zitieren:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Im Tale grünet Hoffnungsglück.
Der alte Winter in seiner Schwäche
zog sich in raue Berge zurück.

Ich höre schon des Dorfs Getümmel.
Hier ist des Volkes wahrer Himmel.
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!

Das ist doch ein großartiger Satz in der heutigen, schnelllebigen, von Sorgen und Nöten geplagten Zeit, in der Verbote und Kontrollen überhand nehmen: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

Wäre es nicht schön, wieder unbeschwert durchs Leben zu gehen? In der Nase zu popeln, ohne dass ein Abbild der privaten Momentaufnahme bei Facebook oder Twitter landet. Im gewagten Sommerlook sich ins Café zu setzen, ohne von Überwachungskameras erfasst zu werden. Im Garten ein Loch zu graben, ohne dass ein Satellit die „ominöse“ Stelle erkennt. Bei einem Festival Spaß zu haben, ohne das als Drohnenvideo auf der Website des Veranstalters wiederzufinden. In die Disco zu gehen, ohne von der Security am Eingang wegen der falschen Schuhe abgewiesen zu werden. Eine Schnitzeljagd im Wald zu veranstalten, ohne dass Vegetarier schon wegen des Begriffs auf die Barrikaden gehen und Gesundheitsexperten vor Zeckenbissen warnen.

Man soll ja nicht der „guten alten Zeit“ hinterher jammern. Dennoch gibt es Grenzen, wo das Warnen, Verbieten und Kontrollieren aufhören muss. Die Osterfeiertage sind hier ein hervorragendes Beispiel.

So warnt die Verbraucherzentrale NRW davor, dass Allergiker auf gefärbte Eier unter Umständen empfindlich reagieren können (müssen aber nicht). Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt vor Salmonelleninfektionen beim Eierauspusten laut Bericht Augsburger Allgemeine (hat das schon mal jemand erlebt?). Polizei und ADAC geben eine Prognose ab: Es werden sich Staus auf Autobahnen bilden (echt jetzt?!). Und das Wetter wird zu Ostern wohl verrückt spielen (nee, oder?!). Letztes Jahr riet eine Hebamme sogar dazu, dass man über Ostern verhüten sollte, damit die Kinder nicht zur Weihnachtszeit auf die Welt kommen, da es ohnehin schwierig sei, eine betreuende Hebamme zu finden (siehe Bericht Spiegel Online).

Die Landwirtschaftskammer NRW verbietet das Feuermachen im Wald von März bis Oktober (mal abgesehen vom Rauchen, das soundso schon überall verboten ist). Am Karfreitag ist „Stille“ angesagt, Musik-, Sport-, und Tanzveranstaltungen werden untersagt – bestimmte Kinofilme dürfen auch nicht laufen (siehe Bericht Welt). Außerdem dürfen Osterfeuer nicht einfach so ohne Anmeldung gezündelt, müssen strengstens von mindestens zwei Sicherheitskräften überwacht und bei aufkommendem Wind sofort gelöscht werden – die Ordnungsbehörde kontrolliert das schon.

Hinzu kommen „Moralapostel“, die irgendwas gelesen oder gehört haben und meinen, damit fremde Menschen konfrontieren und entsprechend belehren zu müssen.

Meine Güte muss die Menschheit verblödet sein, um nicht (jedes Jahr aufs Neue) selbst zu erkennen, wo Gefahren lauern, längere Wartezeiten zu erwarten sind oder Babys zu einem Zeitpunkt geboren werden, der nicht geplant war. Der Mensch hat weder Verstand noch Zeitgefühl, ist ein willenloses Stück Fleisch, ein Subjekt, das unter Kontrolle gebracht werden muss, damit es diese nicht verliert. Oder?!

In diesem Sinne: Lassen Sie es sich gut gehen zu Ostern, liebe Leserinnen und Leser. Malen Sie Eier an oder pusten Sie sie aus, verstecken Sie Schokohasen beim Osterspaziergang im Wald und lassen Sie Ihre Kinder danach suchen, wärmen Sie sich am Osterfeuer oder tanzen drumherum, packen Sie Kind, Kegel und Picknickkorb ins Auto und bewegen Sie sich im Schritttempo Richtung Lieblingsort, Sie haben es sich verdient! Und nicht vergessen: Rammeln wie die Hasen – es ist Ostern! ;o)


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