Orkan „Friederike“ traf Minden-Lübbecke mit voller Wucht

Über 90 Einsätze allein in der Stadt Minden sowie mindestens 50 weitere Einsätze im Mühlenkreis hielten Rettungskräfte am 18. Januar 2018 in Atem

Nicht nur umstürzende Bäume, sondern auch herumwirbelnde Mülltonnen können bei Sturm eine ernsthafte Gefahr für den Kraftfahrzeugverkehr und Fußgänger darstellen, insbesondere bei Orkanen wie „Friederike“, der in ganz Nordrhein-Westfalen Schäden anrichtete – Foto: onm

Auf Weser und Mittellandkanal schäumten die Wellen wie an der Nordsee, Bäume stürzten auf Straßen und Gebäude, Mülltonnen kippten um und fegten wild in der Gegend herum und teilweise war der Wind so stark, dass man als Fußgänger sich nicht mehr am Boden halten konnte. Sturmtief „Friederike“, das am frühen Nachmittag vom Deutschen Wetterdienst zum Orkan heraufgestuft wurde, hat der Polizei und Feuerwehr im Kreis Minden-Lübbecke sowie zahlreichen Privatpersonen am 18. Januar 2018 reichlich Arbeit beschert. In der Stadt Minden erreichte „Friederike“ von ca. 14 bis 15 Uhr den Höhepunkt.

Seit 11.30 Uhr galt am Donnerstag der Ausnahmezustand im Mühlenkreis. Die Feuerwehr hatte ihren Stab einberufen. Bis um 14 Uhr registrierte die Polizei über 50 witterungsbedingte Einsätze. Die Böen erreichten Windgeschwindigkeiten von ca. 90 bis 115 Kilometern pro Stunde. In ganz Nordrhein-Westfalen wurde sogar am Donnerstag vorsorglich der komplette Regional-Zugverkehr eingestellt (siehe Verkehrsmeldung Deutsche Bahn).

Orkan „Friederike“ ließ vor allem Bäume umstürzen, wie hier eine Tanne auf ein Garagendach im Mindener Stadtteil Rodenbeck – Foto: onm

Der erste Einsatz aufgrund des Sturmtiefs wurde der Polizeileitstelle gegen 11.10 Uhr von der Hedemer Straße in Lübbecke-Alswede gemeldet. Hier stürzte ein Baum auf die Fahrbahn. Danach klingelten teilweise in Minutenabständen die Telefone, hieß es vonseiten der Pressestelle der Polizei Minden-Lübbecke um 14.13 Uhr.

Der bis zu diesem Zeitpunkt bekannt gewordene folgenschwerste Anlass ereignete sich gegen 11.50 Uhr im Industriegebiet „Zu den Meerwiesen“ in Bad Oeynhausen-Wulferdingsen. Hier deckte eine Windböe das Hallendach einer Firma zur Hälfte ab, woraufhin die Decke teilweise einstürzte. Alle 15 Mitarbeiter konnten sich selber ins Freie retten und blieben unverletzt. Die Schadenshöhe stehe noch nicht fest.

Vor allem aber mussten die Rettungskräfte zu Einsätzen wegen umgestürzter Bäume ausrücken, die teils auf Straßen und Gebäude kippten. Aber auch herabfallende große Äste, umgewehte Absperrbaken, durch die Luft gewirbelte Schilder und ein Trampolin beschäftigten die Einsatzkräfte der Polizei, die tatkräftig durch die Feuerwehr bei der Beseitigung der Gefahrenstellen unterstützt wurde. So fielen gleich mehrere Bäume auf der Straße Luttern in Minden um. Und in Bad Oeynhausen drückte ein umgefallener Baum den Zaun eines Wildgeheges nieder, sodass einige Rehe davonliefen. Bis gegen 14 Uhr lagen den Polizeibeamten keine Hinweise auf verletzte Personen im Kreisgebiet vor.

Orkan „Friederike“ fegte durch Minden

Doch von 14 bis 15 Uhr drehte Orkan „Friederike“ in der Stadt Minden noch mal richtig auf, weiß unsere Redakteurin, die in dieser Zeit leere und gefüllte Mülltonnen, die durch den Sturm wild durcheinander auf die Straße wehten, sich in Sträuchern und zwischen parkenden Autos verkeilten, an halbwegs sicheren Stellen platzierte. Dabei wurde sie selbst von einer Windböe so überrascht, dass sie sich an einem Strauch festhalten musste, um nicht selbst auf die Straße zu stürzen. Gegen 17 Uhr wurde ihr berichtet, dass bei Nachbarn (An der Landwehr in Minden-Rodenbeck) eine große Tanne aufs Garagendach gestürzt ist (siehe Foto vom nächsten Morgen).

Ein Zirkuszelt am Saarring musste aufgrund des Sturms gesichert werden – Foto: Freiwillige Feuerwehr Minden

Seit 14 Uhr waren jedenfalls alle 140 verfügbaren Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr Minden (15 Löschgruppen) im Dauereinsatz, berichtet die Stadt Minden. Die Berufsfeuerwehr koordinierte die rund 90 Einsätze im Stadtgebiet, die bis 17.45 Uhr gezählt wurden. Eine Feuerwehrfrau wurde bei einem Einsatz leicht verletzt. Weitere Personenschäden liegen nach Auskunft von Mindens Feuerwehrleiter Heino Nordmeyer nicht vor.

Zu den besonderen Einsätzen in Minden zählte ein Zirkuszelt am Saarring, das drohte wegzuwehen. Dieses wurde durch das Technische Hilfswerk (THW) gesichert. Beim Unternehmen Kunststoff Weber (Harkortdamm) drohte das Dach einer Halle wegzuwehen, was ebenfalls gesichert werden musste. An der Uferstraße drückte ein Baum auf ein Haus. „Dieser müsste mithilfe eines Krans abgesichert werden, was aber schwierig sei, da Kräne derzeit nicht zur Verfügung stünden“, so Nordmeyer. Also war auch hier das THW gefordert.

Beim Sportzentrum Falke in Minden-Rodenbeck, das seit einigen Monaten von einem neuen Besitzer wiederaufgebaut wird, hat sich am 18. Januar ein Wellblechdach gelöst – Archivfoto: onm

Weiter löste sich das Wellblechdach beim Sportzentrum Falke an der Amselstraße/Berliner Allee im Stadtteil Rodenbeck. Hier wurde der Gefahrenbereich durch die Städtischen Betriebe Minden (SBM) großräumig abgesperrt. Und an einem Grundstück in der Straße Sieben Bauern drohte ein größerer Ast auf ein Wohnhaus zu stürzen. Hier musste zur Unterstützung für die Arbeiten eine Drehleiter nachalarmiert werden, so die Freiwillige Feuerwehr.

Die Orkan-Warnung der Stufe 3 von 4 galt für den Kreis Minden-Lübbecke bis 22 Uhr. Allerdings flauten die Windböen nach ca. 15 Uhr merkbar ab. Alle restlichen gemeldeten Schäden wurden nach und nach abgearbeitet.

Im Allgemeinen rät der Feuerwehrleiter allen Bürgerinnen und Bürgern, bei Sturm in Orkanstärke möglichst zu Hause oder in Gebäuden zu bleiben. Baumreiche Straßen/Gebiete, wie beispielsweise das Glacis, sollten unbedingt gemieden werden. Es sei hier immer damit zu rechnen, dass größere Äste abbrechen oder gar Bäume umknicken könnten. Auch sollten Mieter wie Grundstücksbesitzer in ihren Gärten, auf Terrassen und Balkonen prüfen, ob Gegenstände herumfliegen könnten und diese gegebenenfalls befestigen oder in geschlossene Räume verbringen.

ON: Was im Übrigen auch für Mülltonnen und Gelbe Säcke gelten sollte, die schon bei Sturm „Mike“ Ende März 2015 fliegen lernten (siehe unser Bericht) und gerade bei Orkanböen eine ernsthafte Gefahr für den Kraftfahrzeugverkehr und Fußgänger darstellen.

Als ob sich der Baum am Haus festklammern wollte wegen des starken Windes: An der Uferstraße in Minden drückte ein Baum gegen eine alte Villa – Foto: Freiwillige Feuerwehr Minden

Vorhersage für Freitag, 19. Januar 2018

Laut Deutschem Wetterdienst (Stand: 18. Januar, 22.34 Uhr) herrscht am Freitag Tiefdruckeinfluss in Nordrhein-Westfalen. Mit einer westlichen Strömung wird kalte Meeresluft herangeführt und sorgt für unbeständiges Wetter.

In der Nacht zum Freitag, 19. Januar, und am Freitag können in Verbindung mit Schauern (oberhalb 400 Metern ca. 1-5 cm Neuschnee) oder kurzen Gewittern stürmische Böen zwischen 60 und 70 Stundenkilometer (Bft 7 bis 8) auftreten.

Außerdem soll es glatt werden. Bei kräftigen Schauern sei kurzzeitig sogar mit Schnee bis in tiefe Lagen zu rechnen. Im höheren Bergland oberhalb von 600 Metern trete leichter Frost bis -1 Grad auf. Vor allem im Sauerland und Bergischen sei weiterer Neuschnee von 3 bis 6 Zentimetern, lokal in Staulagen auch um 10 Zentimeter zu erwarten.

Für Minden wurde für Freitag die Wetterwarnstufe 1 ausgerufen. Es muss mindestens bis 10 Uhr mit Glätte durch verbreitet überfrierende Nässe gerechnet werden laut Unwetterwarnung wetter.com.

Aktuelle Verkehrsmeldungen der Deutschen Bahn für ganz Deutschland (für Regionalverkehr) findet man hier, für den Fernverkehr hier.

Umgestürzte Bäume melden in Minden kann man übrigens unter der Nummer 0571 / 88660.

++ UPDATE ++

Die Polizei Minden-Lübbecke meldet am 19. Januar, 13.34 Uhr, dass durch das Sturmtief „Friederike“ es am Donnerstag im Mühlenkreis in der Zeit von 11 Uhr bis 18 Uhr zu 147 Polizeieinsätzen kam.

Der Volvo einer 18-jährigen Fahrerin wurde vom Lkw-Gespann in den Graben gedrückt, der durch eine Sturmböe von der Fahrbahn abkam – Foto: Polizei Minden-Lübbecke

Beispielsweise ereignete sich im Preußisch Oldendorfer Ortsteil Getmold am frühen Nachmittag ein Verkehrsunfall, bei dem zwei Personen leicht verletzt wurden. Ein leerer Lkw samt Anhänger wurde durch die heftigen Sturmböen von der Fahrbahn gedrückt. Eine entgegenkommende Autofahrerin konnte nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Genauer:

Der für ein Unternehmen aus Melle (Kreis Osnabrück) tätige 58-jährige Lkw-Fahrer aus Staßfurt (Sachsen-Anhalt) war gegen 13.30 Uhr auf der Bremer Straße in Richtung Preußisch Oldendorf unterwegs. Auf freiem Felde wurde sein Gespann seitlich von dem Starkwind erfasst, wodurch der Anhänger in den gegenüberliegenden Graben kippte. Die Zugmaschine stellte sich quer. Eine zeitgleich entgegenkommende Volvo-Fahrerin aus Preußisch Oldendorf wurde von dem außer Kontrolle geratenen Lkw-Anhänger in den Straßengraben geschoben. Die 18-Jährige und ein weiterer 14-jähriger Insasse wurden dabei leicht verletzt. Ein Spezialunternehmen erhielt den Auftrag zur Bergung des Lkw. Für diese Arbeiten musste der nicht passierbare Streckenabschnitt gesperrt werden. Ein Schaden von rund 20.000 Euro ist bei dem Unfall entstanden.

Quelle: Pressestelle Polizei Minden-Lübbecke, Pressestelle Stadt Minden, Deutscher Wetterdienst, wetter.com, Deutsche Bahn, OctoberNews


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