Obernkirchen zurück in die Zukunft

Wenn einer Stadt in Niedersachsen die Geschäfte wegsterben

Foto: Namira McLeod
Die Stiftskirche St. Marien thront als Wahrzeichen über der Stadt Obernkirchen. Foto: onm

Die niedersächsische Stadt Obernkirchen im Landkreis Schaumburg scheint einer ständigen Zeitreise zu unterliegen, irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft. Einerseits werden dringend junge Geschäftebetreiber in der Altstadt gesucht, andererseits werden alte Traditionen ausgegraben.

Bereits im Juli 2010 berichtete die Redaktion das erste Mal von der vergessenen Stadt Obernkirchen und ihrem Geschäftesterben. Seitdem hat sich nicht wirklich viel getan.

Denn bei einem Besuch im Museum für Bergbau und Stadtgeschichte vergangenen Sonntag ergab sich ein interessantes Gespräch mit den ehrenamtlichen Betreibern, die die ganze Geschichte dieser Stadt mit ihren ca. 10.000 Einwohnern von damals bis heute kennen.

So gehörte Obernkirchen zum Beispiel nicht immer Schaumburg an, sondern befand sich nach dem dreißigjährigen Krieg von ca. 1649 bis 1813 unter der Grafschaft zu Hessen-Kassel. Denn Obernkirchen war und ist weltweit begehrt für sein Rohmaterial Sandstein, ohne dem architektonische Meisterwerke wie das Weiße Haus in Washington, der Kölner Dom, die alte Königsberger Börse in Kaliningrad, das Rathaus in Antwerpen, die Berliner Siegessäule, der Dom zu Minden, der Friedenspalast in Den Haag und viele andere historischen Gebäude heute nicht erstrahlen würden. Denn Sandstein besteht vorwiegend aus Quarz, einem harten Mineral, was sich gleichermaßen als Baustoff wie als Rohstoff für die Keramik-, Glas- und Zementindustrie eignet und in gebrochenen Bestandteilen zur Gewinnung von Silicium, was heutzutage in Elektroautos und Smartphones zum Einsatz kommt.

Obernkirchener Sandstein verbarg aber noch weitere Geheimnisse: Dinosaurierspuren. Umgeben von einem wunderschönen Waldgebiet liegt der Obernkirchener Sandsteinbruch im Stadtteil Liekwegen auf dem Schaumburger Bückeberg in Niedersachsen. Nachdem die Redaktion zu Ostern 2009 noch Bilder vor der Umgestaltung in ein städtisches Ausstellungsgelände erhaschen konnte, bietet der Verein Schaumburger Land Tourismusmarketing Führungen für Besucher an.

Hier erstmal unsere Bildergalerie vom Sandsteinbruch, wie er zu Ostern 2009 aussah:

Nach dem langen Spaziergang und aufgrund dessen, dass die einzige Lokalität auf dem Bückeberg sich mittlerweile in privater Hand befindet, könnte man jetzt in die Altstadt Obernkirchens fahren und sich einen leckeren heißen Kaffee in der gemütlichen Gaststube am Brunnenplatz gönnen. Wer dann noch nicht genug Input bekommen hat und sich für den ursprünglichen Abbau des Sandsteins, den Kohlebergbau und die Geschichte der berühmten Glashütten interessiert, und nebenher sich in einer riesigen uralten originalen Apotheke wiederfinden möchte, „wo früher der griesgrämige Apotheker die Klappe nur öffnete, wenn er Lust dazu hatte“, dem empfiehlt sich der Besuch des o. g. Berg- und Stadtmuseums gegenüber der Stiftskirche.

Die evangelisch-lutherische Stiftskirche St. Marien wurde 1167 von Bischof Werner von Minden gegründet und ist wahrhaftig nicht zu übersehen. Man orientiert sich von Weitem einfach an der riesigen Doppelspitze. Zum 1. Advent, also am Sonntag, den 1. Dezember 2013, öffnet übrigens die Stiftskirche für alle Besucher des Adventsmarktes auf dem Kirchplatz – mitsamt Besichtigung des Glockenturms! Der Ausblick über das Schaumburger Land bis nach Minden könnte zum einschneidenden Erlebnis werden.

Aber nicht erschrecken, wenn Sie wieder rauskommen und durch die „Geschäftsmeile“ schlendern wollen, hier herrscht nämlich leider noch immer tote Hose. Trotz intensiven Stadtmarketings und angebotenem Förderprogramm mit dem verlockenden Titel „Lebendige Innenstadt Obernkirchen“ (siehe Prospekt) will hier einfach keiner seinen Laden eröffnen. „Die jungen Leute sind alle weggegangen, hier gibt’s doch nichts mehr, kein Kino, keine Veranstaltungen oder Lokalitäten, wo junge Leute ihren Spaß haben können, das zieht doch keine jungen Leute mehr an“, bemerkt die Betreiberin des Berg- und Stadtmuseums. „Aber den Bäcker gibt’s noch, einen richtigen Bäcker, der backt mit Sauerteig, da kommen die Leute von weit her, um bei ihm Brötchen zu kaufen“, schränkt sie ein.

Ansonsten gibt’s noch zwei Friseure, ein, zwei Boutiquen, eine Döner-Bude und ein interessantes Cafè, und um die Ecke noch eine Kneipe und kleinere alt angesessene Läden, ein Versicherungsbüro, sonst nichts. Weit und breit ist keine Drogerie, kein Lebensmittelmarkt, kein modernes Geschäft zu sehen, was die Leute zum Schaufensterschlendern einladen könnte. Von dem Projekt, aus Obernkirchen eine Künstlerstadt zu machen, wie z. B. Zons am Rhein, hört man auch nichts mehr. Dabei hätten doch die vielen Steinbildhauer, Skulpturenkünstler, Bildmaler und sonstigen Künstler aus der Region wie auch Teeläden, Esoterikanbieter, Mittelalterbegeisterte und ähnliche Anbieter ein wirklich passendes Ambiente zwischen den wunderschönen Fachwerkbauten – wie die Archivaufnahmen aus 2010 unserer Redakteurin zeigen in ihrer Fotoserie Altstadt-Ecken©:

In der ehemaligen Aldi-Immobilie könnte doch ein EDEKA oder Ähnliches reinpassen. Obernkirchen hat wirklich Potenzial! 

Also liebe Schaumburger, lassen Sie Ihre Stadt nicht verkommen, machen Sie über Internetplattformen auf Obernkirchen aufmerksam – sonst herrschen bald wieder Zustände wie im Mittelalter. Die ehemals ansässigen Geschäfte wurden sprichtwörtlich schon wie in damaligen Hexenprozessen „hingerichtet“ – denn wenn einer geht, müssen andere auch „sterben“. Wer weiß, vielleicht trifft man sich am 1. Advent auf dem Kirchplatz vor der Stiftskirche. ;o)


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