Neue „Pieces“ zieren Rodenbecker Mauer in Minden

Total legal: Der Schriftzug HACK & LACK 2015 an einer Grundstücksmauer an der Lübbecker Straße in Minden wurde mit bunten Graffiti-Pieces übersprüht

_DSC5773 Kopie950
Niko und Eickram (v. li.) haben ihre bunten Graffiti-Pieces unter Einwilligung des Eigentümers auf einer Grundstücksmauer an der Lübbecker Straße in Minden-Rodenbeck verewigt – Fotos: onm

Wo bis vor Kurzem noch mit dem Veranstaltungsschriftzug „HACK & LACK 13. Juni 2015“ geworben wurde, zieren neue bunte „Pierces“ von vier Graffiti-Künstlern aus Minden und Holland jetzt die Grundstücksmauer an der Lübbecker Straße in Mindener Stadtteil Rodenbeck – ganz legal unter Einwilligung des Grundstückseigentümers.

Die Grundstücksmauer ist stadtbekannt im ostwestfälischen Minden. Jedes Jahr zeigen Graffiti-Sprayer aufs Neue, wie sie die vom Eigentümer freigegebene Fläche an der stark befahrenen Straße (Nähe Poco) in Rodenbeck attraktiv gestalten können. Dieses Mal durften Eickram, Niko und Jason Holloway aus Minden sowie Lunk Willemen aus Holland sich ans Werk machen. Dabei wurde das Werbe-Graffiti des vergangenen „HACK & LACK“-Events übersprüht.

_DSC5737 Kopie950
Als ob wir es geahnt hätten, hielten wir am 8. November 2015 im Vorbeifahren das Werbegraffiti der vergangenen HACK & LACK 2015 in Minden im Bild fest, bevor es übersprüht wurde

„Der Holländer“, wie ihn Eickram (25) und Niko (19) nennen, war schon abgereist, als wir die fast fertiggestellten Graffitis entdeckten. Zum Glück kam wenige Minuten später Jason Holloway vorbei, der uns den Namen des holländischen Graffiti-Künstlers verriet: Lunk Willemen aus Hengelo sprühte das zweite (v. li.) von vier „Pieces“ an die Wand. Trotz mehrmaligem Hinschauen, von Weitem und von nah, kann der Begriff jedoch leider nicht entziffert werden.

_DSC5785 Kopie950
„ZEGA“, „Helene“ und „Zoey“ – ein Markenzeichen von Graffiti-Künstler Jason Holloway

Jason Holloway sprühte den ersten Schriftzug von links namens „Zega“ an die Mauer sowie den Namen seiner Tochter „Zoey“ und seiner Freundin „Helene“. Der 35-Jährige und damit Graffiti-Sprayer der ersten Generation in Minden sprüht immer die Namen seiner beiden Liebsten mit an die Wand – anhand dessen man seine Werke erkennen kann. Jason bezeichnet sich selbst als den Mann, der alle Leute zusammenführt und viele Kontakte hat. Er war auf jeder HACK & LACK in Minden dabei. Tatsächlich traf unsere Redakteurin ihn Mitte Juni auf der Veranstaltung an und sie erkannten sich sofort wieder. Schließlich war er der Dritte im Bunde, der Interesse am Freestyle-Werk am Auto unserer Redakteurin zeigte. Wie das Auto künstlerisch gestaltet wurde, mit dem sie durch Deutschland düst und ihr Motto „Wissen ist bunt“ verkörpert, siehe unser Beitrag. Sehr zur Freude der Graffiti-Künstler, die wir am 11. November antrafen.

Apropos antrafen. In dem Moment, wo wir am „Tatort“ eintrafen, stand bereits ein Polizeiwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Polizisten beobachteten wohl Niko und Eickram mit Argusaugen bei ihrem Werk. „Ja, ja, zwei Mal hat die Polizei uns heute schon angesprochen“, erklären sie, „und jedes Mal unsere Personalien aufgenommen. Beide Male mussten wir ihnen erklären, dass wir die Einwilligung vom Eigentümer haben, der gleich dort drüben wohnt. Und das, obwohl man der Polizei extra vorher Bescheid gab. Das Bestätigungspapier hatte aber unser dritte Mann.“ Die Polizisten mussten daher erst beim Eigentümer nachfragen, um sich überzeugen zu können, dass alles legal ist. Kurz nach unserem Eintreffen fuhren sie davon. Die beiden Sprayer zeigten sich gelassen und verständnisvoll demgegenüber – es hätte ja eine illegale Aktion sein können. Auf unsere Bemerkung hin, dass dies wohl sehr unwahrscheinlich wäre, so mitten am Tage und an dieser stark befahrenen Lübbecker Straße, entgegnete Niko: „Wäre halt einfach dreist.“

_DSC5792 Kopie950
Niko legt den letzten Schliff an seinen Schriftzug „NUKE“ und Eickram an „TWIE“ (v. li.) an

Beruflich haben die beiden jungen Männer allerdings nicht so viel Glück. Bei Eickram (sein Künstlername, den er sich auch auf seinen Unterarm tätowieren ließ in grandios schöner Schrift) stellte man irgendwann fest, dass er psychische Probleme hat und unter ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom) leide, was heißt, dass er nach rund zwei Stunden Arbeit die Konzentration verliert. „Ausgenommen beim Sprayen“, erklärt er. Die Graffiti-Kunst entspannt ihn – und das seit 11 Jahren. Eine Chance im grafischen Gewerbe hat sich für den 25-Jährigen nie aufgetan. Er hat „TWIE“ (1. v. re.) auf die Wand gesprüht.

Niko verlor durch eine Knie-Operation seine Ausbildung als Grafikdesigner. Da er drei Monate lang nicht laufen konnte und zu Hause bleiben musste, hat die Schule die Ausbildung abgebrochen mit der Begründung, dass er zu viel Lernstoff verloren hätte. Es hätte nur die Möglichkeit gegeben, ein ganzes Ausbildungs-Jahr nachzuholen. Die Frage, warum man ihm nicht die Materialien mit nach Hause und Unterstützung gab, konnte er nicht beantworten. Nichtsdestotrotz absolvierte er später ein Praktikum in einer Agentur. Übernommen wurde er jedoch nicht. „Heutzutage wird alles am Computer gezeichnet. Ich kann aber besser Freihandzeichnen“, erklärt der 19-Jährige und zeigt uns sein „Blackbook“ (Zeichenvorlagen). Während Eickram eher Rundungen bevorzugt, ist der Stil von Niko seit rund 5 Jahren „zackig“, fantasievoll, teils stilvoll, teils verspielt. Verschiedene Farben setzt er geschickt in Szene. Sein „Piece“ an der Mauer lautet „NUKE“.

Fakt ist: Aufgrund der beiden Krankheitsverläufe sind beide Männer arbeitslos. Daher möchten sie auch nicht ihre Gesichter zeigen und verraten nur ihre Künstlernamen, was selbstverständlich von uns respektiert wird. Was ihnen momentan bleibt, ist das Graffiti-Sprayen – eine Kunst, die wenigstens vom Eigentümer dieser Grundstücksmauer in Minden-Rodenbeck geschätzt wird.

Und von uns – daher senden wir herzliche Grüße an die Graffiti-Künstler und zeigen noch ein paar Bildchen:


Diesen Bericht teilen: