MS Wissenschaft brachte Arbeitswelten der Zukunft nach Nienburg

Wissenschaftsschiff macht auf der Tour 2018 fit für die neue real-virtuelle Arbeitswelt und betrachtet deren Auswirkungen

Sind Sie bereit für Zukunftsbilder? Lisa van den Boom (re.) zeigte Besuchern der MS Wissenschaft vor Anker in Nienburg anhand eines großen Touchscreens, mit welcher Wischtechnik sie Bilder zuordnen können, hinter denen sich Informationen zu aktuellen Forschungen rund um Visual Computing verstecken – Fotos: onm

“Um Routine zu ändern, muss man erst mal vergessen.” Ein Satz von Lotsin Lisa van den Boom, der das ganze Ausmaß der Mitmach-Ausstellung auf der MS Wissenschaft treffend beschreibt. Das Wissenschaftsschiff ist auch im Jahr 2018 auf Tour und ankerte in Nienburg, wo Hunderte von Besuchern an Deck in die “Arbeitswelten der Zukunft” eintauchen konnten.

Welche digitalen Techniken in der Zukunft vorstellbar oder heutzutage bereits im Einsatz sind, konnte man schon im Wissenschaftsjahr 2016/2017 (siehe unser Bericht aus Minden) auf dem ehemaligen Frachtschiff “MS Jenny”, das seit 2012 im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zum “schwimmenden Science Center” umfunktioniert und auf den Namen “MS Wissenschaft” getauft wurde, bestaunen. Dieses Jahr geht die interaktive Ausstellung für Menschen aller Altersstufen einen Schritt weiter und widmet sich der künstlichen Intelligenz in der Arbeitswelt.

Das 102 Meter lange Ausstellungsschiff „MS Wissenschaft” legte am 16. Juni 2018 an der Weserbrücke Am Haaken Werder in Nienburg an

Zwar ankerte die MS Wissenschaft dieses Jahr nicht vor Minden, sondern durchfuhr lediglich die neue Weserschleuse (siehe unser Bericht zur Eröffnung) weshalb wir das Kapitäns-Ehepaar Karin und Albrecht Scheubner in Nienburg an der Weser besuchten. Aber der Weg ins Nachbarbundesland Niedersachsen hat sich gelohnt. Die zahlreichen Exponate luden wie in den Vorjahren zum Ausprobieren, Nachdenken und Erweiterung des Horizonts ein.

Über 10 Jahre lang schippern Kapitäne Karin und Albrecht Scheubner mit der MS Wissenschaft quer durch Deutschland und Österreich

Ein erstes Schweifen über den Gang zeigte Begriffe an den Wänden wie “Zugehörigkeit”, “Glück” und Zitate bekannter Dichter auf, bevor sich interessierten Besuchern Stück für Stück spielerisch eine ganz neue kreative Umgebung eröffnete, in der sich die reale Welt mit der virtuellen vermischt. Durch die aktuelle Ausstellung von Lotsin Lisa van den Boom geführt, erklärte sie, wielange in der Geschichte der Menschheit schon der Blick in die Zukunft verankert ist – auch, was die Arbeitsweise angeht. Der Wunsch nach Veränderung sei praktisch täglich präsent.

Verpackt in wolkenförmige Sprechblasen aus Holz konnte man daher zuerst auswählen, “wie” und “was” man arbeiten möchte: ob am Strand, was mit Autos, in einem sicheren Job oder vielleicht im Kulturbereich – alle Berufswünsche seien möglich. Interessanterweise entwickelte sich dazu nach der Führung ein Gespräch mit den Lotsen, dass es schwierig würde, sobald man sich dazu entschieden habe, von überall auf der Welt flexibel und frei arbeiten zu wollen. Denn man muss ja zumindest in Deutschland einen festen Wohnsitz vorweisen. Hier gebe es aber schon Ansätze in anderen Ländern, so die zwei Lotsen Lisa und Benedikt, dieses Gesetz zu lockern.

Wobei wir beim nächsten Exponat wären. Wer den lockeren Hüftschwung beherrscht, hat gute Karten beim Ping-Pong-Spiel, das manch einer aus den Anfängen der Computerspiele her kennt. Nur dass es sich dabei um eine nagelneue und bisher einzigartige Konstruktion handelt: Der große Bildschirm ist eine Glasplatte und liegt auf einem Spieltisch, unter dem sich ein Spiegel und ein Beamer befinden. Der Beamer projiziert über den Spiegel das Bewegtbild (Computerspiel) von unten auf die Glasplatte. Als wenn das nicht Neuheit genug wäre, müssen die Spieler den Ping-Pong-Ball über bewegliche Sitzhocker steuern, die mit Sensoren ausgestattet sind. Entwickelt wurde das “Soft Sense”-Exponat, das laut Lisa van den Boom einfach nachzubauen wäre und für eine Auflockerung in den Arbeitspausen sorgen kann, vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (siehe auch Bericht IAO).

Ein Besucher aus Nienburg versuchte sich im neuen Ping-Pong-Spiel als Gegenspieler von Lotsin Lisa van den Boom

Denn das Motto an dieser Stelle lautet “Ein gutes Gefühl” mit der Beschreibung: “Wer sich bei seiner Arbeit wohl fühlt, kann sich besser konzentrieren und meistert auch gelegentlichen Stress.” Und dieser kann sich auch durch Hintergrundgeräusche am Arbeitsplatz bemerkbar machen. Wie man Lärm ausblenden kann, erforscht zurzeit das Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP), das mit einem Gedächtnistest auf der MS Wissenschaft vertreten war. Mit Kopfhörer am Ohr sollen Besucher sich gesprochene Zahlen merken und auf einer Tastatur eingeben, während laute Stimmen und Geräusche im Hintergrund zu hören sind, die mit der Zeit immer leiser werden würden, wenn man bei dieser schwierigen Aufgabe soweit kommt, erklärte Benedikt. “Und lassen Sie sich nicht frustrieren”, baute Lisa die Besuchergruppe auf. Ziel des IBP sei es, einen durchgehenden Ton zu entwickeln, der alle Hintergrundgeräusche wie zum Beispiel Baulärm aus- bzw. überblendet, damit man sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren kann.

In der “Digitalen Fabrik” arbeitet kein Mensch mehr, alle Maschinen werden durch eine Software gesteuert

Die Arbeitswelt der Zukunft habe aber auch ihre Schattenseiten. Einerseits machen die Veranstalter der Wissenschaftsausstellung auf die steigende Lebenserwartung der Menschheit aufmerksam, die zum Teil durch Therapien mit eigenen Körperzellen gesteigert werden könne, andererseits bildet sich an einem weiteren Exponat ein erschreckendes Bild ab: eine Produktionshalle, in der kein einziger Mensch zu sehen ist – ein digitales Abbild einer realen Fabrik von oben gesehen auf einem Monitor. Per vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) entwickelter Software “Plant@Hand3D” kann der komplette Fertigungsablauf der verschiedenen ferngesteuerten Maschinen, Roboter und Gabelstapler kontrolliert und gesteuert werden. Grund für diese Entwicklung der “Digitalen Fabrik” wäre laut IGD, dass “die durch die Industrie 4.0 aufkommende Flut an Daten enorm und sehr unübersichtlich” sei. Die Software bringe “die Daten an einem zentralen Ort zusammen, analysiert sie und verarbeitet sie automatisch”. Software-Entwickler und -Anwender scheinen also gefragter denn je zu sein, die Suche nach Produktionsmitarbeitern wird wohl zurückzugehen.

Ein Gast äußerte hierzu auf einem handgeschriebenen Zettel in der “Denkwerkstatt” deutlich seine Meinung: “Wenn die Arbeit vieler Menschen durch Roboter Maschinen ersetzt wird, sitzen wahrscheinlich immer mehr Menschen Zuhause rum und würden nichts tun können.” Eine andere Meinung spricht sogar davon, dass “die Technik nicht mehr werden sollte”, da immer mehr Menschen eher der Technik vertrauen würden als den “Liebsten”. Weiter heißt es auf diesem Zettel: “Freunde sitzen nur noch zusammen an den Handys statt miteinander zu kommunizieren. Außerdem nimmt die Technik uns die Arbeit weg, denn sie wird immer mehr in Industrien und Hotels und anderen großen Unternehmen, wo viele Menschen arbeiten und auf den Job angewiesen sind, eingesetzt. Wenn dies so weitergeht, wird die Technik meiner Meinung nach bald die Welt übernehmen.”

In der “Denkwerkstatt” war weder Display noch Computermouse gefragt – auf Notizzetteln konnten Besucher ihre Wünsche und Vorstellungen für die Zukunft niederschreiben

Aber die Besucher des Wissenschaftsschiffs – das, in Berlin-Mitte gestartet, bereits in neun Städten Deutschlands angelegt hat inklusive Nienburg und noch 25 Stationen vor sich hat (nächster Anlieger ist Bremen vom 21. bis 24. Juni) – haben auch ganz andere Wünsche für die Zukunft, zum Beispiel “Bedingungsloses Grundeinkommen einführen”, “Gleichberechtigung für alle”, “ich möchte Fotografin werden”, “ich möchte Sportärztin werden”, “Kuchen für alle” oder ganz einfach “Liebe”.

Was liegt da näher, als die eigene Person in Form einer Computerfigur auf dem Bildschirm anzuzeigen, ausgestattet mit all den Gegenständen, mit denen man sich zukünftig beschäftigen möchte, an dem Ort (Dorf, Stadt oder abgeschieden), an dem man gerne leben möchte. Am Aktionstisch “Mission Zukunft” wird auch das möglich gemacht. Wobei ein Großteil der Besucher sich eher vorstellen könne, in Großstädten leben und arbeiten zu wollen, merkte Lisa an und erklärte, dass an jeder Station, wo die MS Wissenschaft Halt macht, sich ein neues Gesamtbild ergebe.

Apropos Gesamtbild. Insgesamt gesehen war die aktuelle Ausstellung “Arbeitswelten der Zukunft” auf der MS Wissenschaft, die wir in Nienburg erlebten, wieder einmal eine Reise wert. Mit dem Kopf voller Input (wobei wir in diesem Bericht nur einen Teil der Exponate beschreiben) gingen wir zum Feierabend von Bord und verabschiedeten uns von den Scheubners, die genau wie wir die schöne grüne Anlegestelle an der Weserbrücke von Nienburg für kurze Zeit genießen konnten. Oder wie das sympathische Kapitäns-Ehepaar sich im Tagebuch auf ihrer Webseite ausdrückt: “Der Himmel weint, wir verlassen Nienburg.”

Technische Daten zum Schiff finden Sie in unserem Ankündigungsbericht von 2015, weitere Informationen und alle Stationen der Tour 2018 rund um die Wissenschaftsausstellung auf der Website ms-wissenschaft.de. Der Eintritt ist wie bisher an allen Stationen frei!

Nun aber zu unserer Bildergalerie, die auch Fotos von einem Frachtschiff mit leerer Ladefläche beinhaltet (damit man sich vorstellen kann, wie die MS Wissenschaft vor ihrem Umbau ausgesehen haben könnte), das am 16. Juni unter einem alten Kran am historischen Lagerhaus Mittelweser (Bohnhorst-Silo) am Nienburger Hafen ankerte:


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