Mittelalterliche Burgmannstage zu Lübbecke 2015

Geschichten von furchteinflößenden Dänen, mutigen Rittern, aufopfernden Bürgern, mannshohen Flammen, großzügigen Händlern und einer englischen "Mailkutsch"

Ritter vor Tor
Wenn ein Ritter in der Neuzeit kampfbereit vor dem Tore steht, kann es sich nur um die Mittelalterlichen Burgmannstage zu Lübbecke handeln – Fotos: onm

„Die Dänen, die Dänen, unter Oberist Limbach, sie stehen vor der Stadt. Wo ist der Bürgermeister? Die Dänen, sie wollen rein“, ruft eine Stadtwache nach dem Bürgermeister der Stadt Lübbecke und schreitet schnellen Fußes mit Fackel und Lanze bewaffnet um die Kirche. „Es ist schrecklich, wir werden alle sterben, aufgeschlitzt, erhängt, ertränkt, erstickt, verschleppt und mit Fastfood gefüttert.“

„Quatsche er kein dummes Zeug und reiße er sich zusammen“, heißt es vonseiten des Bürgermeisters, „aber besetzt die Türme und Zinnen, schließt alle Tore. Wir Lübbecker sind tapfer, wir ergeben uns nicht.“ So oder so ähnlich muss es sich zugetragen haben. Eine Zeitreise in die Stadtgeschichte veranschaulichte in einem Schauspiel, wie sich „Der dänische Überfall auf Lübbecke im Jahre 1627“ in etwa verhielt.

Sklavenmarkt
Auf dem berüchtigten Sklavenmarkt wurden nicht nur Schönlinge meistbietend versteigert

Besucher der Mittelalterlichen Burgmannstage zu Lübbecke wurden am vergangenen Wochenende bei Laune und in Atem gehalten. Ob musikalische Klänge aus dem Dudelsack, Schwertkampf quer durch die Menge, Gaukler, Sklavenmarkt oder feuriges Sense-Schwingen – bei diesem Spektakel auf dem Burgmannshof tat sich an jeder Ecke zu jeder Zeit etwas. Kinder konnten sich am Bogenschießen und Axtwerfen versuchen, mit Heu um sich werfen, geschminkt werden oder eine Kutschfahrt unternehmen.

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Die rheinisch-westfälischen Kaltblüter der „Mailkutsch“ erfreuten sich besonderer Beliebtheit bei Jung und Alt

Welch eine Kulisse: unter den Füßen altes Kopfsteinpflaster, mittendrin eine historische Stadtmauer mit Rundbogentor, ein Bierbrunnen und historische Bauten – nicht sehr groß, aber wie geschaffen für ein authentisch wirkendes Mittelalterfest mitten in einer idyllischen Kleinstadt am Fuße des Wiehengebirges. Mit Kerzen und Fackeln beleuchtete Marktstände boten Handgefertigtes aller Art – ob gebacken, gebrutzelt, geschmiedet oder geschneidert.

„Forum Porcina“, „In Taberna“ und Gaukler Jonas sorgten beim Großen Tavernenspiel derweil für passend musikalische und humorvolle Unterhaltung. Reichhaltige Speisen wie Spanferkel am Spieß und „verboten“ gute Getränke wie Absinth in allen Variationen, die manches Gemüt bei Vollmond in Wallung brachten, und weitere Leckereien rundeten das zweitägige Fest ab.

Nudelspeise Hexenkessel
An dem brodelnden „Hexenkessel“ ging kein Besucher hungernd nach Hause

Sie haben Feuer an den Toren gelegt und betrogen mit einem Schutzbrief, der nicht das Papier wert war, auf dem das Abkommen niedergeschrieben war: Angriffe und Drohungen der Dänen unter Führung von Oberst Isaak Lardin von Limbach haben das Volk zu Lübbecke am 5. Januar 1626 in Angst und Schrecken versetzt, schreibt die Stadtgeschichte. „Folgt mir zum Hahler Kamp“, forderte Sprecher Bodo das gemeine Fußvolk auf – oder besser zur Sankt-Andreas-Kirche, wo ein kleines Heerlager aufgebaut war und brennende Fackeln den Platz ausleuchteten. „Dienstag nach Pfingsten im Jahr 1627, auf dem Hahler Kamp, nicht weit vor den Mauern von Lübbecke, hat ein kleines kaiserliches Corp unter Führung ihres Korporals sein Lager aufgeschlagen.“ Was das Gefolge am Lagerfeuer nicht sonderlich beeindruckte, sie gähnten und nickten ein – bis ein Pups die Männer weckte. Die Besucher lachten.

Ritterkampf
Beim Schaukampf quer über dem Marktplatz wurde kräftig zugelangt, weshalb der eine oder andere Gast schon mal ausweichen musste
Oberist Limbach
Oberist Limbach versetzte das Lübbecker Volk in Angst und Schrecken

Doch dann ein Kanonenschuss. Die Dänen stürmten das Lager und ein Kampfgetümmel brach los. Obrist Limbach tötete den Korporal, die Dänen nahmen die Kaiserlichen gefangen und zogen siegessicher hinter der Kirche vondannen bzw. laut Geschichte vor das Westtor von Lübbecke. „Folgt mir“, ruft Sprecher Bodo laut den mitwirkenden Gästen zu und führt sie die Stufen runter zur Bühne an der Mauer.

In insgesamt drei Episoden wurde so der gescheiterte Angriff auf Lübbecke, der Überfall am Hahler Kamp und „Lübbecke wird eingenommen“ von rund zehn Darstellern und Statisten auf authentische Art und Weise den heutigen Generationen erzählt. Dabei wurden die Besucher mit einbezogen und waren mitten im Geschehen.

Auch wenn der Jubel der Zuschauer sich nach allen Darbietungen in Grenzen hielt – so viel Geschichts-Input und Handgemenge um sich herum musste ja erst mal verarbeitet werden -, konnte man doch begeisterte Blicke, verschreckte Kinderaugen und aufgeregte Männergespräche beobachten.

Mit einer Feuershow sollte es am vergangenen Samstag sofort im Anschluss weitergehen. Doch das Hüllhorster Paar bereitete erst einmal mit Engelsgeduld ihr Flammeninferno vor, während die Zuschauer sich erwartungsvoll im Halbkreis um den abgesperrten Bereich mit gezückten Smartphones und sonstigem „neumodischen Firlefanz“ drapierten. Doch dann, rund eine halbe Stunde später, war es soweit. „Flamma Scaena“ taute seine „verfrorenen“ Gäste innerhalb weniger Minuten auf, das Warten hatte sich gelohnt. Mit brennenden Seilen, Reifen und flügelschlagenden Feuerfeen verzauberte das Paar die Herzen der begeisterten Zuschauer.

Insbesondere beeindruckte Sven Bleiber mit seiner schwingenden brennenden Sense und beide zusammen mit einem Funkenflug. Beide „Feuertheater“ haben wir in einem Video festgehalten:

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Während der zwei Veranstaltungstage konnte man zudem mit einer englischen „Mailkutsch“, wie Kutscher Harald Rubow sie nennt, ein Nachbau einer gelben Postkutsche aus dem 18./19. Jahrhundert mit drei rheinisch-westfälischen Kaltblütern im Pferdegespann, 15 Minuten für kleines Geld hautnah erleben, wie man damals reiste. Zusammen mit seiner Frau Bettina, die sich liebevoll um die Pferde kümmert, hält Rubow die Zügel Deutschlands größter Postkutsche mit Holzspeichenrädern fest in der Hand und kutschierte seine Gäste gekonnt durch die Gassen der Lübbecker Altstadt.

Postkutsche 18. Jhd.
Einmal mit einer historischen Postkutsche durch Lübbecke gefahren werden – ein Traum, der für viele Besucher der Burgmannstage wahr wurde
Lederin Ursula Korn
Lederin Ursula Korn machte ein Tauschgeschäft mit unserer Redakteurin

Mehr Zeitreise geht echt nicht in einer Kleinstadt wie dieser. Alle Darsteller, Händler und Mitwirkenden waren in historischen Kostümen gekleidet, mischten sich mitten unters Volk, erfreuten mit Tanz, Musik, Theater, Kampf, Speis und Trank, und ließen jeden Besucher bei freiem Eintritt an ihrer Leidenschaft zur Historik mit Herz und Freude teilhaben.

Ein ganz besonderer Dank von unserer Redakteurin geht an Lederin Ursula Korn aus Ennigerloh, die – ganz im Sinne der damaligen Zeit – ein dekoratives altes Schwert gegen eine neue handgefertigte Kette tauschte. Wir hoffen, dass das Dekoschwert einen hübschen Platz über dem Kamin finden wird. ;o)

Doch nun zu unserer Bildergalerie:


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