“Minden sehe ich als meine Heimat an”

Erstes Frühlingsfest für und mit Flüchtlingen von "Minden Hand in Hand" und Kanusportgemeinschaft an der Weserpromenade in Minden war ein voller Erfolg

Hinda, Agam und Diljwin (v. li.) - drei aufgeschlossene Schwestern mit syrischer Herkunft, die den Weg hierher gefunden haben und Minden als ihre Heimat ansehen - Foto: onm
Hinda, Samra und Diljwin (v. li.) – drei aufgeschlossene Schwestern mit syrischer Herkunft, die den Weg hierher gefunden haben und Minden als ihre Heimat ansehen – Foto: onm

Hinda Agam ist in Minden geboren und bereut keinen Tag, hier aufgewachsen zu sein. “Minden sehe ich als meine Heimat an.” Die 16-jährige Schülerin kennt das Herkunftsland Syrien ihrer Eltern ja nur von Erzählungen. Ihre vier Jahre ältere Schwester Diljwin hingegen weiß sehr gut, wie es um ihr Heimatdorf Barzän nahe Hasiçi steht. Denn nach der Flucht ihrer Eltern mit der damals Zweijährigen besuchte sie mehrmals ihre Familienmitglieder, die unter unhaltbaren Kriegszuständen leiden.

Foto: onm
Eins, zwei, drei … ich springe! So wie dieses Mädchen hatten viele Kinder ihren Spaß auf der Kletterburg – Foto: onm

Insbesondere Minderheiten, wie Jesiden und Christen, leben im Nahen Osten gefährlich. Die Mindener Jesidin hat sich deshalb seit vergangenem Jahr zur Aufgabe gemacht, sich aktiv für Menschen in der Kurdenregion einzusetzen. Auf diesem Wege konnte sie den “Minden Hand in Hand”-Initiator Detlef Müller für ihr Projekt “Mindener Hilfe für Rojava und Nordirak” gewinnen. Und Hinda, die schon seit Jahren bei der Kanusportgemeinschaft Kurt-Tucholsky-Gesamtschule Minden e.V. (KSG) “hier und da” ehrenamtlich aushilft, holte die Wassersportfreunde mit ins Boot.

So fand am 1. Mai 2015 ein einzigartiges Frühlingsfest an der Weserpromenade im westfälischen Minden für und mit Flüchtlingen statt, das von den zahlreichen Besuchern so gut angenommen wurde, dass es im nächsten Jahr wiederholt werden soll. Das gesetzte Ziel, Deutsche und ausländische Flüchtlinge an einem Ort zusammenzubringen und gemeinsam Spaß zu haben, hat alle Erwartungen der Beteiligten übertroffen. (Siehe auch unsere Ankündigung)

Achim Riemekasten, 1. Vorsitzender der KSG Minden, hat viel Lob und positive Resonanz zu hören bekommen und war sichtlich zufrieden: “Ich finde das einfach toll, was die Bündnis-Mitglieder von ‘Hand in Hand’ gemeinsam mit den Flüchtlingen auf die Beine gestellt haben. Respekt. Und was die alles aufgetischt haben am Buffet, keine Ahnung, wie das alles hieß, hat aber alles gut geschmeckt.” Über 1000 Gäste haben nach seinen Ausführungen die Veranstaltung besucht.

"Schnupper-Paddeln" im Drachenboot wurde für Kinder unterschiedlichster Herkunft zu einem puren Vergnügen - Foto: Detlef Müller
“Schnupper-Paddeln” im Drachenboot wurde für Kinder unterschiedlichster Herkunft zu einem puren Vergnügen – Foto: Detlef Müller

Vor allem das Drachenboot-Fahren kam bei den Kindern und Jugendlichen aus nah und fern gut an. Zudem gab es diverse Spieleaktivitäten des KSG und der Jugend des Roten Kreuzes. Auch KSG-Geschäftsführer Eike Bäumer war begeistert: “Es war ein wundervoller Tag.”

Überraschenderweise kam Bürgermeister Michael Buhre vorbei, machte sich selbst ein Bild vom bunten Treiben, und nahm sich Zeit für einen Austausch mit den Organisatoren. Der aufgeschlossene Sozialdemokrat steht zu “Minden als Ort der Vielfalt“. Dass Flüchtlinge auch noch Selbstgebackenes und Gekochtes aus ihrer Heimat anboten und die Flüchtlingskinder mit einer Hingabe spielten und sich schminken ließen, hatte er so wohl auch noch nicht gesehen.

Mindens Bürgermeister Buhre (rechts im Bild) gesellte sich zu den "Minden Hand in Hand"-Mitgliedern und freute sich über das gut besuchte Frühlingsfest - Foto: Detlef Müller
Mindens Bürgermeister Buhre (rechts im Bild) gesellte sich zu den “Minden Hand in Hand”-Mitgliedern und freute sich über das gut besuchte Frühlingsfest – Foto: Detlef Müller

Rodenbecks Quartiermanager Guido Niemeyer war stolz auf seinen “Saftladen“. Mischt er sonst auf den “Weserliedern” alkoholische Cocktails, hat er sich beim Frühlingsfest ausschließlich auf nicht-alkoholische Getränke in den buntesten Farbmischungen konzentriert.

Erzieherin und Pädagogin Ines vom Wittekindshof hat die “bunte Mischung an Menschen und die Lebendigkeit der Atmosphäre” am KSG Bootshaus gefallen. Da wurde vom Gipfel des Kletterturms gesprungen, Inlineskater und Biker ließen die fest installierte Bahn aufleben und rollten durch die Steinskulptur, und Kinder aus Syrien trommelten perfekt zur musikalischen Kombo der Sessionband des Wittekindshofs (Diakonie-Stiftung).

Quartiermanager Guido Niemeyer mixte an der Saftbar die wildesten Cocktails ganz ohne Alkohol - Foto: onm
Quartiermanager Guido Niemeyer mixte an der Saftbar die wildesten Cocktails ganz ohne Alkohol – Foto: onm

Die DLRG Minden sorgte für die notwendige Sicherheit auf der Weser, beispielsweise mit Schwimmwesten für die Kinder beim “Schnupper-Paddeln“. Einsatzleiter Daniel Westermann konnte keine Vorkommnisse feststellen und sagte stolz: “Wir sind mit dem Tag rundherum zufrieden.”

Auch Ortsvorsteher Bernd Müller ließ sich die Veranstaltung nicht entgehen. Schließlich sind es überwiegend Menschen aus seinem Stadtteil Rodenbeck gewesen, die das Frühlingsfest auf die Beine stellten. Die Libanesin Amal Hamdan mit ihren leckeren Falafel-Bällchen war ebenfalls vertreten, die wir letztes Jahr auf dem Rodenbecker Herbstmarkt kennenlernen durften. Müller wies auf diesem Wege auf das bevorstehende Jubiläumsfest hin – den 10. Rodenbecker Herbstmarkt, der am 22. August 2015 wieder an der Käthe-Kollwitz-Schule stattfinden wird. Dieses Mal auf dem Schulhof, der vor Kurzem neu betoniert wurde.

Foto: Detlef Müller
Ein Augen- und Gaumenschmauß der kulinarischen Köstlichkeiten präsentierten Flüchtlinge an einem riesigen Buffet, das am Ende des Frühlingsfestes restlos leergefegt war – Foto: Detlef Müller

Letztlich spielte auch das Wetter mit – das kühle Nass konzentrierte sich ausschließlich auf die Weser und kam nicht von oben. Die aufgestellten Spendentöpfe waren randvoll, deren Einnahmen an ein Traumazentrum und Waisenhaus gehen. Daniel Westermann hat zudem auf einen Obolus an die DLRG Minden für die Mithilfe beim Abholdienst der Flüchtlinge aus den einzelnen Bezirken, den überwiegend Kameran Ebrahim (Vorsitzender des Integrationsrates) organisierte, verzichtet und versteht ihn als Beitrag zur Spendenaktion.

Alles in allem eine rundum gelungene Veranstaltung mit so viel freundlichen Menschen aus aller Welt – das muss erst mal getoppt werden. Wer nicht dabei war … vielleicht beim nächsten Mal. ;o)


Eine Geschichte von Hinda Agam, die uns sehr bewegt hat, möchten wir Ihnen jedoch nicht vorenthalten:

Ihre Schwester Diljwin musste auf einer Reise in ihren Heimatort Barzän (Syrien) erleben, wie ein Onkel der Familie von der IS mitgenommen werden sollte. Dagegen haben sich jedoch die Dorfbewohner aufgelehnt. Da schon öfters Menschen aus ihrem Ort entführt wurden, rüsteten die Bewohner entsprechend mit Waffen auf. Weil sie von Natur aus jedoch friedliche Menschen sind, gaben sie Warnschüsse in die Luft und nahmen all ihren Mut zusammen, um den Onkel zu beschützen. Die Entführung konnten sie so erfolgreich abwehren.

Das klappt jedoch nicht immer. Tagtäglich werden Menschen in Syrien und im Nordirak entführt und misshandelt. In einem Ort wie Barzän sind zwar kurdische Streitkräfte präsent. Diese können jedoch nur für eine geringe Sicherheit sorgen. Die bekannte größere Stadt Hasiçi wird weiterhin bombardiert. So bleibt diesen Menschen nichts anderes übrig, als ins friedliche Europa zu flüchten.

Doch nicht allen gelingt die Flucht. Der 14-jährige Cousin der Familie Agam ist da eine Ausnahme. Während der Junge beim Frühlingsfest in Minden fröhlich auf der Wiese an der Weser spielte, ertrinken tagtäglich komplette Familien im Mittelmeer, da die Schlepperschiffe völlig überladen werden. Daher ist jeder einzelne Überlebende dankbar, wenn er oder sie in Deutschland mit offenen Armen empfangen und herzlich aufgenommen wird.

Sie freuen sich über den Erfolg ihres ersten gemeinsamen Frühlingsfestes an der Weserpromenade - (v. li.) Hinda Agam, Achim Riemekasten (KSG Minden), Detlef Müller (Minden Hand in Hand), Diljwin Agam - Fotos: onm
Sie freuen sich über den Erfolg ihres ersten gemeinsamen Frühlingsfestes an der Weserpromenade – (v. li.) Hinda Agam, Achim Riemekasten (KSG Minden), Detlef Müller (Minden Hand in Hand), Diljwin Agam – Fotos: onm

Sicher spielt auch die finanzielle Unterstützung und gesundheitliche Versorgung unseres Staates eine Rolle. Erfahrungsgemäß wenden sich die Flüchtlinge jedoch an Familienmitglieder, die bereits in Deutschland untergekommen sind, erzählt Hinda, weil man sich kennt und damit nicht so verloren fühlt in der neuen Heimat. So kann man sich gegenseitig finanziell unterstützen wie auch bei dem Erlernen der deutschen Sprache.

Ob sie dann eine Arbeit finden, um ihren Lebensunterhalt allein bestreiten zu können, steht zwar auf einem anderen Stern. Aber Hand aufs Herz. Die Jobcenter sind überfüllt von Arbeitslosengeld-II-Empfängern, weil immer mehr Betriebe entweder in die Insolvenz getrieben werden, nur noch 450-Euro-Jobber beschäftigen oder ihre Arbeiten in Billiglohn-Länder verlagern. Ganz abgesehen von dem Mindestlohn, der von vielen Arbeitgebern mit billigen Tricks umgangen wird. Wenn man selbst als Deutscher keine Arbeit mehr findet bzw. wenn dann ausgebeutet wird, wie soll es denn den Hinzugezogenen aus fernen Ländern ergehen?

Fachkräftemangel hin oder her. Deutsche Betriebe und Händler sollten die Ärmel hochkrempeln und erst mal den Menschen eine Chance mit realen beruflichen Zukunftsaussichten geben, egal welchen Alters oder Herkunft, die hier vor Ort leben – und HartzIVer und Flüchtlinge sind weder dumm noch faul – was sich im Übrigen auch die Jobcenter-Mitarbeiter in Minden auf die Fahne schreiben sollten, die anscheinend lieber Sanktionen verteilen anstatt Hilfebedürftige auf ihrem individuellen Berufswege tatkräftig zu unterstützen.

Entschuldigung, das musste mal gesagt werden. Wir sind jedenfalls unglaublich glücklich darüber – und glauben, dass wir an dieser Stelle für alle Beteiligten des Frühlingsfestes sprechen – dass Menschen aus Syrien wie Hinda, Diljwin wie auch ihre dritte Schwester Samra Agam, die die Kinder so schön schminkte, und die vielen Flüchtlinge, die so leckere Kuchen und kulinarische Köstlichkeiten servierten, eine echte Bereicherung für die Stadt Minden darstellen.

Wir können alle nur voneinander lernen, getreu dem Motto von OctoberNews: “Wissen ist bunt”.

Fotostrecke: Bilder von onm und Detlef Müller


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