Minden-Rodenbeck kriegt Rückenwind aus der Thomas-Kirche

Erste Zukunftswerkstatt von Pfarrerin Bluhm holte rund 60 Teilnehmer an den Tisch - Rodenbecker wollen miteinander ins Gespräch kommen und Zugehörigkeitsgefühl stärken

Rund 60 Mindener brachten bei der ersten Zukunftswerkstatt der Sankt-Thomas-Kirche ihre Ideen ein und sorgten für rege Diskussionen, um ihren Stadtteil Rodenbeck voranzubringen – Fotos: onm

„Danke, es geht weiter“, freute sich Pfarrerin Catharina Bluhm zum Abschluss ihrer ersten Zukunftswerkstatt in Minden. Rund 60 Gäste sind in die Sankt-Thomas-Kirche gekommen, um sie dabei zu unterstützen, den Stadtteil Rodenbeck aus dem „Dornröschenschlaf“ zu wecken (siehe Bericht).

Hans Wessel zeigt anhand einer Landkarte, wo die Grenzen von Rodenbeck verlaufen

„Viele wissen gar nicht, dass sie zu Rodenbeck gehören“, referierte Teilnehmer und Ortsvorsteher Bernd Müller, „denn dazu gehören nicht nur die Häuser hier rund um die Kirche, sondern auch Alt-Rodenbeck, die Gartenstadt und vieles mehr. Rodenbeck hat um die 9000 Einwohner, doch leider auch einen schlechten Ruf aufgrund des damaligen Arbeiterviertels.“

Tatsächlich liegt der Ortsteil Rodenbeck südwestlich des Stadtzentrums von Minden und ist eine typische Vorortsiedlung mit eigener Versorgungsstruktur. Durch den Ortsteil fließt die Bastau. Westlich schließen sich die sogenannten Mindener Wiesen an, die Bestandteil eines Landschaftsschutzgebietes sind und für die Wiederansiedlung von Störchen (siehe Bericht) genutzt werden.

Rodenbecks Ortsvorsteher Bernd Müller möchte am liebsten Grenzsteine aufstellen, damit die Leute wissen, dass sie in Rodenbeck wohnen

Angefangen mit dem alten Dorfkern an der Rodenbecker Mühle (siehe Bericht) kamen in den 1940er Jahren zahlreiche Siedlungshäuser dazu und später ein paar Mehrfamilienhäuser. Teilnehmer Hans Wessel verdeutlichte den ganzen Umfang Rodenbecks an einer hochgehaltenen Landkarte.

„Ich habe schon daran gedacht, Grenzsteine aufstellen zu lassen, damit die Leute wissen, wo Rodenbeck wirklich verläuft“, erläuterte Ortsvorsteher Müller mehr oder minder scherzhaft und eröffnete damit quasi die Ideenschmiede.

Denn darum ging es bei der sechsstündigen Zukunftswerkstatt von Pfarrerin Catharina Bluhm am 1. April 2017 im Gemeindehaus der Sankt-Thomas-Kirche: Menschen aus Rodenbeck dazu zu bewegen, gemeinsam zu agieren und Aktionen auf die Beine zu stellen, die allen Stadtteilbewohnern zugute kommen, und herauszufinden, wie Sankt-Thomas zukünftig Kirche für Rodenbeck sein kann. Schließlich wurde diese bereits am 3. Mai 1964 eingeweiht und „steht mitten im Dorf“.

Einfach mal die Menschen besuchen, die sich in Rodenbeck alleine fühlen, neu zugezogen oder erkrankt sind oder einen besonderen Geburtstag feiern – das könnten ehrenamtliche Besucherinnen und Besucher übernehmen als Zeichen der Wertschätzung, schlägt die Kirchengemeinde vor

Professionell organisiert und ausgerichtet von Gemeindeberater Matthias Schmidt (Pfarrer aus Bad Salzuflen) und Hanns Meiners (Pfarrer aus Rahden) von der Gemeindeberatung Dortmund der ekvw (Evangelischen Kirche in Westfalen), stellten sie anhand Flipcharts, farbig unterschiedlichen Notizzetteln mit Kugelschreibern und ersten vorgegebenen Themen auf tischgroßen Papieren die Methoden, damit ihre Gäste selber aktiv werden.

Pfarrerin Catharina Bluhm begrüßt herzlich ihre Gäste

Und die rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – darunter zahlreiche Vereinsmitglieder von Schützenvereinen, Kirchenchor- und Frauentreffmitglieder, der Diakonie Stiftung Salem, Matthias Bluhm (Ehemann der Pfarrerin) und andere Kindergarten-Erzieher sowie Westside-Jugendbetreuer – warteten nur darauf, ihre Ideen und Vorschläge zu Papier zu bringen. Auch Quartiermanager Guido Niemeyer und Michael Rieger vom FOTOtreff Rodenbeck (zu dem auch unsere Redakteurin Namira McLeod gehört), waren dabei.

Nachdem die Kirchenmitglieder das Gefühl vermittelten, den „Nerv der Zeit“ getroffen zu haben in Rodenbeck, ging es auch schon los. Unter Moderation von Gemeindeberater Schmidt sollten sich erst einmal alle Gäste in einer Begrüßungs-Zeremonie untereinander vorstellen, die sich noch nicht kennen. Namensschilder, die am Eingang vergeben wurden, halfen bei der Ansprache und sorgten für erste Aha-Effekte.

Gemeindeberater Hanns Meiners erklärt am Beispiel von Fotoecken, wie Ideen zu Papier und an die Tafel kommen

Pfarrer Meiners entführte die Besucher dann in die Welt der Fotoecken. „Sie wissen schon, die Dinger, die man früher in Fotoalben geklebt hat, um die Erinnerungsfotos festzuhalten. So etwas Ähnliches haben wir für Sie vorbereitet: grüne, gelbe und blaue Zettel mit Klebeecken auf den Rückseiten. Blau steht für die Sachen, die Sie richtig gut finden in Rodenbeck und der Kirche, Gelb steht für das, was Ihnen hier überhaupt nicht gefällt, und Grün steht für die Dinge, die Sie sich für die Zukunft wünschen. Die Notizen werden dann für alle sichtbar an Tafeln geklebt.“

Jetzt wurde an Tischen geredet und geschrieben, was das Zeug hielt. Um die 30 Anmerkungen und Ideen pro Farbe landeten schließlich an den drei Flipcharts im Nebenraum, wo auch jede Menge kalter und warmer Getränke sowie Gebäck bereitstand, auf die man jederzeit zugreifen konnte. Lebhafte Bewegung zwischen den Räumen des Gemeindehauses und Diskussionen in lockerer Runde waren somit eindeutig erwünscht. Auch die Türen standen jederzeit offen, sodass jeder für sich entscheiden konnte, das Haus zu betreten, zu verlassen oder einfach frische Luft schnappen zu können bei den sommerlichen Temperaturen.

Gar nicht so einfach, aufzuschreiben, was einem gefällt, nicht zusagt oder man sich Neues wünscht für die Gemeinde Rodenbeck – die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Quartiermanager Guido Niemeyer (re.), notierten gemeinsam ihre Interessen auf farbigen Notizzetteln

Fakt ist, die Menschen fühlen sich wohl in der Nähe ihrer Pfarrerin. Sie vermittele Beständigkeit, Sicherheit, Menschlichkeit, fördere die Beziehungen und Gemeinschaft unter Menschen mit all ihrer Vielfalt, das „Wir-Gefühl in der Siedlung Rodenbeck“, und sei herzlich und offen. Auch die neuen Angebote wie „Stehkaffee“, die zur Adventszeit und die gute Arbeit der Gemeindebücherei (im Glockenturm) wurden gelobt.

Nicht zufrieden sind die Teilnehmer mit den ungünstigen Veranstaltungszeiten für Berufstätige, mit der fehlenden Polizeipräsenz, der dunklen veralteten Einrichtung der Gemeinderäume, mit festgefahrenen Strukturen und den wenigen Gottesdienstbesuchern (dazu später Pfarrerin Bluhm: „Die wenigen Besucher beklagt wohl jemand, der lange nicht in der Kirche war, denn wir haben uns sonntags mindestens verdoppelt.“). Auch konkrete Beispiele wie eine fehlende Drogerie und Bäckerei und der eingeschränkte Busverkehr nach 17 Uhr wurden genannt. Undine Brockmeyer schlug Pflanzkübel vor als Alternative zu Lärm verursachenden „Pollern“, um Fahrzeuge am Rasen zu hindern, die vor allem Kinder und Tiere in der Siedlung gefährden.

Gemeindeberater Matthias Schmidt forderte die Teilnehmer auf, konkrete Absprachen zu treffen

Für die Zukunft wünschen sich die Rodenbecker lebhaftere Gottesdienste, Spielplatzgestaltung, ein besseres Netzwerk, schön gestaltete Vorgärten, moderne Musik und Instrumentales (zum Beispiel Trommeln), eine „Gebets-WhatsApp-Gruppe“, bessere Straßenbeleuchtung, aber vor allem – verbunden mit der Hoffnung, dass Pfarrerin Bluhm der Gemeinde noch lange erhalten bleibt – eine Perspektive und gemeinsame Identität zu „Gesamt-Rodenbeck“.

Zollern beispielsweise gehöre ebenfalls zu Rodenbeck, auch hier könne man Veranstaltungen anbieten unter dem Motto „Wir sind Rodenbeck“, so Quartiermanager Niemeyer. Auf die Frage, warum es denn keinen Beirat in diesem Stadtteil gebe, verwies er auf „MiRo“ (gemeint ist wohl die Homepage Minden-Rodenbeck.de, diese wurde jedoch von einer US-Firma erworben) und antwortete: „Es ist schon eine verzwickte Geschichte – die Westfalen als solche haben seit jeher Probleme mit neu Zugezogenen“. Aber es gebe hier seiner Meinung nach „so viele Facetten von Leben, tolle Gartenanlagen und tolle Wohngemeinschaften – hier können Kinder voneinander lernen, wie in einer Großstadt. Die neue Fotogruppe könnte beispielsweise alle Ecken von Rodenbeck beleuchten.“

Doch Geschichten und Wünsche äußern heißt noch lange nicht machen. Gemeindeberater Schmidt rief zur Aufteilung in Interessensgruppen und Bestimmen eines jeweiligen Gruppenvertreters auf. Jede Gruppe sollte nun gemeinsam spezielle Ziele erarbeiten und im Anschluss konkrete Absprachen treffen, vorgestellt vom jeweiligen Gruppenleiter – was für erprobte Redner wie Matthias Bluhm, Hans Wessel, Gerlinde Beck-Nauert und Ortsvorsteher Müller kein Problem darstellte, für Außenstehende, die in Themen wie Kindergarten-Garten, Kirchengemeindearbeit und Ratsbeschlüssen nicht involviert sind, allerdings teilweise schwer nachvollziehbar war.

Gerlinde Beck-Nauert erläuterte als Gruppenvertreterin die gemeinsamen Ziele für ein aktives, lebendiges „Gemeinschaftshaus“ anstatt Gemeindehaus

Aber auch hier halfen gezielte Fragen von Gemeindeberater Schmidt und Meiners, auf den Punkt zu kommen. Auch konkrete Termine zur Umsetzung bzw. ersten eigenständigen Treffen der Interessensgruppen sollten genannt werden. Letztendlich half auch eine Suppenstärkung zur Halbzeit.

Alles in allem hatte die erste Zukunftswerkstatt der Thomas-Kirche durchschlagenden Erfolg, der garantiert weitererzählt wird. Ein letzter Tipp, doch alle anstehenden Veranstaltungstermine in Rodenbeck im Schaukasten am Glockenturm auszuhängen, wurde dankbar angenommen.

Pfarrerin Bluhm verabschiedete sich schließlich mit den Worten: „Ihr hättet so viele schöne Dinge heute tun können bei so einem wunderschönen Sommerwetter. Aber ihr seid heute hier und dafür bin ich unglaublich dankbar. Das ist die gute Kraft von Gott. Die spannenden Stunden lasse ich nun ausklingen. Danke, es geht weiter. So ist es und so wird es sein.“

„Jetzt haben wir Rückenwind und gehen zusammen“, ermunterte Gemeindeberater Schmidt abschließend.

ON: Und wer das jetzt alles gelesen hat, hat echt Geduld bewiesen und grüßen wir an dieser Stelle ganz herzlich. Bleiben Sie uns treu. Wir freuen uns auf Sie. Für Anmerkungen oder Wünsche an uns nutzen Sie doch einfach die Kommentarfunktion unter diesem Bericht.

Aber nun zu unserer Bildergalerie:

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Wenn Sie mit der Mouse, dem Finger oder Stift über die Slideshow fahren, können Sie die Bilder vergrößern („Fullscreen“). Sollten Sie die Slideshow nicht sehen können, haben Sie die Möglichkeit, sich diese direkt in unserer Flickr-Galerie anzuschauen.

Quelle: Wikipedia, OctoberNews


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