Lübbecker Bürgermeisterkandidaten im Rededuell

IHK-Mitglieder aus Minden und Lübbecke beleuchteten die Kandidaten Haberbosch und Raddy in puncto Wirtschaft und Stadtentwicklung am 18. August 2015 in Barre's Brauwelt

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Lübbeckes Bürgermeisterkandidaten Dirk Raddy (li.) und Frank Haberbosch (re.) standen beim Rededuell der IHK in Barre’s Brauwelt in Lübbecke nicht nur Moderatorin Sabine Kolck-Pothe Rede und Antwort – Fotos: onm

Man muss schon in der Materie drin und dabei gewesen sein, um die zahlreichen Themen rund um Wirtschaft und Stadtentwicklung im Rededuell der zwei Kandidaten für das Bürgermeisteramt der Stadt Lübbecke nachvollziehen zu können. Dabei hat die Stadt im Grunde genommen mit den gleichen Problemen zu kämpfen wie Minden und andere Städte und Kommunen in Deutschland.

Hier und da fehlt es in der Haushaltskasse, Zwiste in der Stadtverwaltung erleichtern nicht gerade die Zusammenarbeit, mangelndes Stadtmarketing verhindert die Tourismusförderung, Traditionelles und Modernes wollen manchmal eben nicht miteinander. Wenn dann noch die Innenstädte Lübbeckes und Mindens die gleichen Straßennamen wie “Schar(r)n” und “Bäckerstraße” tragen, fällt es wahrlich nicht leicht, Zusammenhänge nicht zu erkennen.

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Gastgeber und Geschäftsführer Christoph Barre führte die Kandidaten und zahlreichen Gäste durch alle sechs Rededuelle der Podiumsdiskussion

Dann legt man auch noch Wert auf den Unterschied zwischen Lübbecke und Altkreis Lübbecke und meint, Minden könne man doch mit Lübbecke nicht vergleichen, Minden sei doch viel größer mit seinen rund 81.000 Einwohnern, Lübbecke dagegen nur ein “kleines Licht”. Und doch haben beide Städte eine über 1200-jährige Geschichte vorzuweisen, wie sie interessanter nicht sein könnte.

Die beiden Bürgermeisterkandidaten Frank Haberbosch und Dirk Raddy hatten es nicht leicht, am 18. August 2015 in einer zweieinhalb-stündigen Podiumsdiskussion den umfangreichen Fragen der Industrie- und Handelskammer-Mitglieder durchgehend Stand zu halten – doch sie haben es mit Bravour gemeistert. Mindens IHK-Leiter Karl-Ernst Hunting sorgte – wie bei allen Terminen – für einen außerordentlich gut organisierten Ablauf.

Und bei einem hervorragenden Gastgeber wie Christoph Barre, Geschäftsführer der Privatbrauerei Ernst Barre GmbH, konnte man in den Gemächern von Barre’s Brauwelt sich auch einfach nicht der urgemütlichen Atmosphäre entziehen. Da hat man die Veranstaltung mal eben um eine halbe Stunde nach hinten verlängert. Aber das sei ja schon “Tradition”, so Barre. “Zur Demokratie gehört eben der Austausch.”

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Kabarettist Harald Mewes kennt die “Macken” und Gebräuche der Ostwestfalen

Für absolut großartige Unterhaltung sorgte in den Pausen Kabarettist Harald Mewes, der so ziemlich jede Eigenart von Ostwestfalen auf’s Korn nahm. Die Ostwestfalen sprechen halt nicht viel und beschränken sich auf das Nötigste. Aber dann – sind ‘se mal nach zehn Jahren aufgetaut – hat man Freunde für’s Leben. Das zahlreich erschienene Publikum war bei den humorvollen Erzählungen aus dem Leben von und mit OWLer völlig aus dem Häuschen.

Wir stellen die Kandidaten kurz vor und zitieren die jeweils zehn Fragen und Antworten aus der Auswahl der IHK zum Thema Persönliche Aspekte. Gern verweisen wir auch auf den Bericht von Neue Westfälische.


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Frank Haberbosch (SPD)

Frank Haberbosch, der von beiden Kandidaten jünger erscheinende und doch ältere 57-jährige gebürtige Bielefelder ist als einziger Kandidat von der ortsansässigen SPD gewählt worden. Er lebt seit 25 Jahren in Lübbecke, ist seit 15 Jahren glücklich mit Hannelore Kleine, hat zwei Söhne (24 und 22 Jahre alt). Die Verwaltungsarbeit (Sozialamt, Ordnungsamt, Leiter des Hauptamtes sowie Dezernent und allgemeiner Vertreter des amtierenden Bürgermeisters Eckhard Witte) hat er “von der Pike auf” gelernt. Sein Wahlmotto lautet: Bürgermeister zum Anfassen.

Und so erscheint der sportliche Handballer, Segler und Mitglied des Tierschutzvereins auch. Seine im ersten Moment schüchterne, aber authentische Art entpuppte sich schnell als redegewandte Persönlichkeit. Seine Worte “die Innenstadt zu schützen halte ich für wichtig” erntete den größten Applaus unter den Gästen. Alle Informationen über diesen Kandidaten findet man auf seiner Website .

10 Fragen an Frank Haberbosch

Als Lieblingsfilm nennt er einen von Woody Allen. Herz und Kreislauf hält er fit durch Sport und Fahrradfahren. Wenn er zum Wohnen zwischen einem Einfamilienhaus in einer Siedlung, einer Eigentumswohnung in der Innenstadt und einem Bauernhof am Dorfrand wählen könnte, würde er sich in einem Einfamilienhaus am wohlsten fühlen. Wenn bei ihm eine Woche lang die elektronische Kommunikation und Anbindung ausfallen würde, freue er sich auf ruhige Momente. Am Bierbrunnenfest in Lübbecke gefallen ihm besonders die vielen Leute, die Musik und dass man Freunde trifft.

Wenn ihn ein/e Abiturient/in um Rat fragen würde, ob er/sie studieren oder eine duale Ausbildung in einem Unternehmen aufnehmen solle, würde er fragen, was seine/ihre Neigung ist. Das Handelsabkommen TTIP mit den USA verstehe er in der Tiefe nicht. Gelegentliche Vorwürfe, es würde zu viel Sport im Fernsehen gezeigt, müsse er hinnehmen. Vorschläge, den TuS-N Lübbecke und GWD Minden zu einem gemeinsamen Handballverein zu fusionieren, würden seiner Meinung nach zu viele Anlässe für Spekulationen bieten. Dass sich LK (Lübbecke-konkret) und WL (Wählergemeinschaft Lübbecke) Anfang August auf ihren Internetseiten noch nicht zu dem jeweils unterstützten Bürgermeisterkandidaten bekannt hatten, wäre ihr gutes Recht.

Ergänzend zum Fragebogen wollte Christoph Barre wissen, was Haberbosch bei einer Auszeit tun würde. Haberbosch antwortete zum Erstaunen der Besucher: “Mein Cabriolet restaurieren.”


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Dirk Raddy (CDU, FDP, LK)

Dirk Raddy, 47 Jahre, ebenfalls gebürtiger Bielefelder, lebt mit seiner Frau Tamara und seinen vier Kindern in Hüllhorst, fährt gerne Ski und schwingt das Tanzbein in der Alten Post. Der “Mann aus der Wirtschaft” war bereits als Kämmerer in der Stadtverwaltung tätig und leitet seit 2011 die Finanzverwaltung. Auch in der IT-Branche kennt er sich aus. Er möchte einen ausgeglichenen Haushalt erreichen mit aktivem Gewerbemanagement.

Der “Zahlenmensch” machte einen entspannten Eindruck, redet wie ein Wasserfall und ließ sich nicht die “Butter vom Brot” nehmen. Eine Schar von Anhängern brachte der CDUler (auch unterstützt von FDP, Lübbecke-konkret) anscheinend gleich mit zum Diskussionstermin, da er bei so ziemlich jedem Satz Applaus aus dem Publikum erntete. Die Tagespresse als kritische Begleiterin des Bürgermeisters und der Verwaltung müsse man seiner Meinung nach akzeptieren. Der einzige zu vervollständigende Satz aus dem Fragenkatalog der IHK, auf den er keine Antwort wusste, lautete: “Von unserer Nachbarstadt Preußisch Oldendorf könnten wir lernen …” Alle Informationen über Dirk Raddy findet man auf seiner Website www.dirk-raddy.de.

10 Fragen an Dirk Raddy

Sein Traumauto ist ein Mercedes 300 SL mit Flügeltüren. (An dieser Stelle verweisen wir gern auf unseren Beitrag über geflügelte Autos). Am liebsten hört er Musik von Depesche Mode. Wenn er zum Wandern zwischen Wiehengebirge, Moor und Kanal wählen könnte, würde er das Moor bevorzugen. Als Lieblings-Kulturveranstaltungen in Lübbecke nennt er Theaterstücke. Von Wettrennen mit Aufsitzrasenmähern hält er eine ganze Menge. Was das Thema Streiks von Lokführern, Piloten und Fluglotsen angeht, hält er es für schwierig, hat aber Verständnis für die Mitarbeiter. Zwischen Mainstream und Individualität würde er seinen bisherigen Lebensweg einordnen als individuell. Wohlklingende, aber weitgehend inhaltsleere Floskeln in Wahlprogrammen würde man bei ihm nicht finden. Wenn Wirtschaft auf Verwaltung trifft, wäre das seiner Meinung nach schwierig, aber daran würde man ja arbeiten.

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Das Interesse der Lübbecker war groß an der Veranstaltung – aufmerksam verfolgten sie die Rededuelle der Bürgermeisterkandidaten und ihres Gastgebers Barre

Schlussendlich galt es noch für die zwei Bürgermeisterkandidaten, Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Ob Ortsanbindung, demografische Entwicklung, Kunst im öffentlichen Raum, der verwahrloste Zustand des Bahnhofs Lübbecke oder abzuschaffende Insellösungen – die Kandidaten standen Rede und Antwort.

IHK-Leiter Hunting brachte noch das Projekt Mittellandkanal ins Gespräch: “Insel der Zukunft oder Steuergrab?” Raddy meinte daraufhin, dass man im Wettbewerb zu Minden stehe. Haberbosch hingegen hält es für gleichgültig, ob man mit dem Lkw nach Minden oder Lübbecke fahre.

Gastgeber Barre lag letztendlich das Thema Fahrrad-Tourismus und Tourismus allgemein auf dem Herzen, bevor er den Kandidaten zum Abschluss ein Bierchen spendierte. Haberbosch erwähnte daraufhin, dass Touristen doch Gesamtpakete wollten, Raddy nannte jedoch die bereits vorhandenen Vorzüge wie beispielsweise das Moor und E-Biking mit Ladestation. Lübbecke sollte sich seiner Meinung nach als “Marke” aufstellen.

Ein schönes Schlusswort, wie wir finden. Denn in der Pause ergab sich ein sehr interessantes Gespräch mit einem netten Herrn, der praktisch von der Stadt Lübbecke schwärmte und auf unglaubliche Geschichtsereignisse aufmerksam machte, die man nur als Einheimischer wissen kann. Da werden wir garantiert noch hinterhaken. Auch er ist der Meinung, dass ein gutes Stadtmarketing mehr Touristen anlocken könnte.

Alles in allem war es eine durch und durch gelungene Veranstaltung, die wieder einmal aufzeigt, wie ähnlich wir uns doch alle sind – ob Großstadt-, Kleinstadtmensch oder “Landei”. ;o) Herzlichen Dank für den schönen Abend mit interessanten Menschen und netten Gesprächen.


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