Kölner Karneval bekommt Rosenmontag herben Beigeschmack

Stadt Köln gedenkt am 3. März 2014 der Opfer des in 2009 eingestürzten Stadtarchivs

- Fotos: onm
Diese Wohnhausfassade wurde beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs mitgerissen und forderte zwei Todesopfer – Fotos: onm

Die ansonsten so fröhliche Stadt Köln gedenkt am Rosenmontag den Opfern des vor 5 Jahren eingestürzten Stadtarchivs und erinnert an das verloren gegangene kulturelle Erbe. Der traditionelle Kölner Karneval wird daher dieses Jahr einen herben Beigeschmack in der Innenstadt bekommen.

Ob die Jecken allerdings um 7:30 Uhr morgens schon auf den Beinen sein werden, darf bezweifelt werden. Denn Oberbürgermeister Jürgen Roters wird am 3. März 2014 um diese Uhrzeit am Einsturzort am Waidmarkt / Severinstraße einen Kranz niederlegen, um den Opfern des Einsturzes des Historischen Archiv der Stadt Köln zu gedenken und an die Folgen für Anwohner und Betroffene sowie das kulturelle Erbe der Stadt Köln und die Stadtgesellschaft zu erinnern. Danach kann ungeschoren der Rosenmontagsumzug beginnen.

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Was hier beim Veedelzoch zum Karneval verkleidet wurde, war am 3. März 2009 Realität

Die Redaktion erinnert sich an das schreckliche Ereignis vom 3. März 2009 (gemeint ist natürlich nicht der Rosenmontagsumzug), schließlich war sie selbst in dieser Zeit noch in Köln ansässig. Die Nachricht ging durch alle Medien und erschütterte alle Kölner, die fassungslos auf die Einsturzstelle mitten in der Innenstadt blicken mussten. Ganz zu schweigen von den Menschen, die in den unmittelbar anliegenden Miets- und Geschäftshäusern von dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs laut überrascht wurden. Teile von haushohen Fassaden wurden durch den Einsturz mitgerissen. Ältere Generationen müssen gedacht haben, der Krieg bricht aus mitten in Köln, als wäre eine Bombe eingeschlagen.

Und genau so zeigte es sich auch, das Gebäude des Kölner Stadtarchivs stürzte zusammen und war innerhalb Minuten ein einziger Trümmerhaufen, und damit die gesamten Archivalien von gut 18-30 Regalkilometern. Zwei junge Männer, der 17-jährige Bäckerlehrling Kevin K. und sein Nachbar, der 23. bzw. 24-jährige Designstudent Khalil G. aus Marokko, verloren dabei ihr Leben, über 30 Anwohner mussten ihre Wohnungen verlassen, Schüler benachbarter Schulen mussten übergangsweise provisorische Schulräume beziehen. Nahegelegene Geschäfte kamen mit einem Schrecken davon, mussten jedoch nach dem Einsturz mit Umsatzeinbußen rechnen. Dank aufgeweckter Bauarbeiter wurde kein einziger Archiv-Mitarbeiter verletzt.

Ursache für den Einsturz des Kölner Stadtarchivs war eine Abfolge von Missständen beim U-Bahn-Tunnelbau der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), der eigentlich eine Bereicherung für die Kölner Innenstadt darstellen sollte, um so eine besseren Anschluss zwischen Kölner Südstadt bis zum Kölner Dom zu haben. Ziel war es auch, eine Verbindung zum Kölner Großmarkt zwischen Südstadt und Raderberg zu schaffen, weil dort ein städtebauliches Areal geschaffen werden sollte (siehe auch umfassender Bericht von WSWS). So beschloss 1992 die SPD/CDU-Fraktion gemeinsam mit der KVB ein Millionenprojekt zu starten – mit verheerenden Folgen:

Nach Bericht von Spiegel Online am Einsturztag bildeten sich aufgrund der direkt anliegenden U-Bahn-Bauarbeiten bereits im Sommer 2008 im Keller des Kölner Stadtarchivs architektonische Senkungsrisse, die zuerst an den ehemaligen Abteilungsleiter des Stadtarchivs, Eberhard Illner, und sodann der Stadt Köln gemeldet wurden. Diese Risse am Gebäude wurden geprüft, aber wohl als unbedenklich eingestuft, was sich letztlich als Fehltritt erwies. Denn einer Augenzeugin zufolge bröckelte die Fassade kurz vor 14 Uhr, woraufhin Bauarbeiter sofort vor dem Haus laut davor warnten, dass das Gebäude gleich einstürzen würde – und das Historische Archiv der Stadt Köln fiel wie bei einem Erdbeben in sich zusammen. Mit dem Einsturz wurde unter anderem auch die Seitenfront einer Wohnhausfassade mitgerissen (siehe Titelfoto) sowie die anliegende Straße und Kraftfahrzeuge durch umherfliegende Trümmerteile beschädigt, eingehüllt von einer riesigen Staubwolke. Die besagten zwei jungen Männer waren Bewohner des beschädigten Wohnhauses und wurden im Abstand von rd. 4 Tagen tot aus den Trümmern geboren. Weitere rd. 40 Mieter verloren ihre Wohnungen.

Bis heute streiten sich die Geister, wer oder was nun für den folgenschweren Einsturz des Kölner Stadtarchivs verantwortlich zu machen ist. Fritz Schramma (CDU), der damalige Oberbürgermeister von Köln, zog nach diesem Ereignis jedenfalls am 29. März 2009 seine erneute Kandidatur zurück, da ihn weitreichende Kritik an seinem Krisenmanagement nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs erreichte. Strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn wurden im April 2009 eingestellt. Der Tod seines Sohnes Stephan am 31. März 2001 in der Kölner Innenstadt, als dieser während eines illegalen Autorennens als Fußgänger tödlich verletzt wurde, hatte Schramma schon schwer zu schaffen gemacht. Der Monat März dürfte mittlerweile aus seinem Kalender gestrichen sein.

Ein Google-Benutzer berichtete 2009 (inzwischen gelöscht): „Nach fehlender Bauaufsicht, Korruption in der bauausführenden Firma stürzte das Stadtarchiv ein. Weiter sind zwei Todesopfer zu beklagen. Der Bauaufsicht war nicht aufgefallen, dass 80 % des Baustahls an Schrotthändler verkauft wurde, anstatt es einzubauen.“ 

Und so gab es Hunderte von Presseberichten, die alle den oder die Schuldigen suchten, die für diese Misere zur Verantwortung gezogen werden sollen. Mit Stand Januar 2014 richten sich staatsanwaltliche Ermittlungen gegen 89 Personen, sprich Architekten, Bauingenieure, Gutachter u. Ä., die an dem U-Bahn-Bau beteiligt gewesen sind. Nachfolgende Aufnahmen vom 22.03.2009 zeigen das Ausmaß:

Infolgedessen wird in diesem Jahr 2014 nach zahlreichen Diskussionen und Untersuchungen zur Klärung der Einsturzursache ein Riss an der östlichen Schlitzwand des Gleiswechselbauwerks begutachtet. Die Aushubarbeiten vor der Schlitzwand werden von dem vom Landgericht Köln beauftragten Sachverständigen Professor Dr. Hans-Georg Kempfert durchgeführt. Zum Spätsommer 2014 wird ein erster Bericht erwartet.

95 Prozent des Archivguts ist geborgen und gesichert worden. Es wurde nach und nach in einem Sonderprojekt restauriert und steht der Wissenschaft nun wieder zur Verfügung unter der aktuellen Anschrift Heumarkt 14 in 50667 Köln. Außerdem können Interessierte das Digitale historische Archiv der Stadt Köln via Internet erforschen. In einem von der Stadt Köln ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das Architekturbüro Waechter + Waechter aus Darmstadt den 1. Preis für den Entwurf eines neuen Historischen Archivs mit Kunst- und Museumsbibliothek in Köln, welches seitdem in Planung steht.

Die damals geschädigten Anwohner wurden lt. Ausführungen der Stadt Köln psychologisch betreut, von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB) finanziell entschädigt und verfügen alle über neuen Wohnraum. Um Belange von Anwohnern und Geschäftebetreibern rund um den Baustellenbereichs kümmert sich ein sog. „Veedelsmanager“ (Veedel = Stadtviertel), der zwischen Stadt und Bürger vermittelt.

Eine Teilstrecke der Nord-Süd-Stadtbahn ist mittlerweile in Betrieb genommen worden. Auch ansonsten wird so ziemlich die komplette Innenstadt rund um den Kölner Dom nach und nach umgekrempelt und für die Zukunft fit gemacht, wie nachfolgende Visualisierungen der Neugestaltung nach Entwürfen der Architekten GmbH, Allmann Sattler Wappner, zeigen:

Wünschen wir der Stadt Köln, dass rund um die weitere Erneuerung der Innenstadt so ein schreckliches Ereignis wie der Einsturz des Stadtarchivs nicht noch einmal passiert. Der berühmt-berüchtigte Kölner Klüngel wird letztlich seinen Teil dazu beigetragen haben und ist vielleicht in näherer Zeit doch mal zu überdenken. ;o)

Abschließend darf gesagt werden: Der Rosenmontagsumzug ist nicht nur zum Feiern und Saufen da, sondern besticht hauptsächlich durch seine mit politischen Themen geschmückten Wagen, die auch zum Nachdenken anregen sollen und nicht nur, um Kamelle (Bonbons) und Stößchen (Blumensträuße) einzufangen. Das diesjährige Karnevalsmotto lautet übrigens: „ZOKUNF, MER SPINGKSE WAT KÜTT“ (auf Deutsch: Zukunft, wir schauen schon mal, was kommt) – passt doch wie Deckel auf Topf, oder?!

Ansonsten sendet die Redaktion natürlich als ehemalige Wahl-Kölnerin ein kräftiges KÖLLE ALAAF an die Medienstadt! Denn eens hat se jelernt in Kölle: Et kütt, wie et kütt! Und das ist auch gut so.


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