Kaffee mit Zaun

Anekdote zum Wochenanfang

Foto: Rolf Gollnick / pixelio.de

Kaffee mit Zaun kann ungemütlich werden – Foto: Rolf Gollnick / pixelio.de

Noch im Halbschlaf macht man sich auf den Weg zur Küche und will seinen morgendlichen Kaffee aufsetzen, doch der Kollege war schneller. Er steht schon in der Küche und schenkt – zuvorkommend, wie er ist – einem bereits den Kaffee ein.

Ist ja nett gemeint, aber das morgendliche Ritual möchte man doch gern selbst vollziehen, um sich auf den Arbeitsalltag vorzubereiten. Und – wie sollte es auch anders sein – der Kollege hat mal wieder einen „Kaffee mit Zaun“ zubereitet. Das kann doch wohl nicht wahr sein! Man hatte eigentlich nicht vor, den Tag mit einem Putzlappen in der Hand zu beginnen.

Verärgert und plötzlich hellwach macht man den Kollegen zum Dutzenden Mal freundlich darauf aufmerksam, dass er doch bitte die Tasse nicht so voll machen möchte, schließlich muss da noch Milch rein. Außerdem muss die gefüllte Tasse noch bis zum Arbeitsplatz getragen werden – ohne, dass alle halbe Meter die Tasse überschwappt. Denn danach muss man den Boden der Tasse trockenwischen, bevor sie auf den Tisch gestellt werden kann, sowie den mit Kaffeeflecken vollgekleckerten Boden des Flurs. Der Lappen muss dann wiederum ausgewaschen und irgendwo zum Trocknen aufgehängt werden.

Man wollte doch den Montagmorgen einfach nur gemütlich angehen! Aber man will ja nicht unhöflich sein und nimmt die überfüllte Kaffeetasse so, wie sie ist.

Nach der Putzaktion begibt man sich mit einem Grummeln ins Büro, schließt hinter sich die Bürotür, öffnet das Fenster, begibt sich zum Schreibtisch, setzt sich auf den Drehstuhl, lehnt sich kurz nach hinten, steckt sich seine erste Zigarette an (ja, bei uns darf geraucht werden!), schaltet den Computer ein, fragt E-Mails ab und will sich auf die Arbeit konzentrieren.

Dann reißt der Kollege die Tür auf, kommt rein – natürlich ohne vorher anzuklopfen – und meint: „Ich will ja nicht nerven. Aber bitte entschuldige wegen der Aktion eben, ich wollte doch nur freundlich sein.“ Boh ey, er kann froh sein, dass man gerade nicht die Kaffeetasse in der Hand hielt, die garantiert vor Schreck quer über die Tastatur verschüttet worden wäre.

Verdutzt betrachtet man seinen Dackelblick und seine unterwürfige Haltung und meint: „Ja, ja, ist schon gut. Aber jetzt möchte ich mich bitte an die Arbeit machen.“ „Natürlich, ich bin schon weg. Nochmals Entschuldigung, ich wollte dich nicht verärgern“, erklärt er und verlässt den Raum, natürlich ohne die Tür hinter sich zu schließen.

Nun zieht es fürchterlich, weil er in seinem Büro gerade das Fenster öffnete, das Fenster knallt zu, die Papiere fliegen vom Schreibtisch. „Tür zu!“, brüllt man jetzt quer durch die Gänge zu dem Kollegen. Der fühlt sich natürlich nicht angesprochen, sondern reagiert erst, als man ihn in seinem Büro aufsucht und ihn auch wieder zum Dutzenden Mal darauf aufmerksam macht, dass er doch bitte die Tür schließen möchte, wenn er den Raum verlässt, weil es sonst zieht.

„Oh, entschuldige bitte, hatte ich vergessen.“ Immer diese Entschuldigungen. Erst denken, dann handeln, denkt man sich im Stillen und begibt sich zurück ins eigene Büro, schließt die Tür und will sich endlich an die Arbeit machen, ist schließlich schon eine halbe Stunde verschenkt worden dank des Kollegen. Weil man sich jedoch bereits am frühen Morgen ärgern musste, muss man erst mal tief durchatmen, kleine Kreise im Büro ziehen und die zuletzt veröffentlichten schönsten Fotos noch mal bestaunen. Eine weitere Viertelstunde vergeht. Jetzt geht es einem gut.

Nun aber ran. Es ist Montagmorgen und die Arbeit ruft. Den ersten Schluck Kaffee genießen und los geht’s.

Das Leben könnte doch eigentlich so einfach sein, wenn da nicht dieser Kaffee wäre, der eigentlich einen Zaun braucht, damit nichts „überschäumen“ kann …


Für ON zahl ich freiwillig
WERBUNG:
Diesen Bericht empfehlen/teilen:
Dieser Bericht wurde 885 mal gelesen. Vielen Dank! Und hier finden Sie weitere:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.