Jugendliche gestalteten Graffiti-Wand am Weserstadion neu

In einem Workshop mit Graffiti-Künstler Jason Holloway verewigten Jugendliche alle Sportarten an einer Wand, für die ihr Herz schlägt an der Weser in Minden

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Graffiti-Künstler Jason Holloway (re.) brachte Jugendlichen den praktischen Umgang mit Farbspraydosen an einer Mauer am Mindener Weserstadion bei – Fotos: onm

Fußball, Skaten und Drachenbootfahren – drei Sportarten, die zahlreiche Jugendliche gemeinsam mit Graffiti-Künstler Jason Holloway an die Wand brachten, schmücken von nun an eine Mauer am Weserstadion in Minden.

Mit so viel Teilnehmern und solch einer Begeisterung an der legalen Graffiti-Kunst hatte selbst ein erfahrener Künstler wie Jason Holloway (in Graffiti-Kreisen als “Zega ONE” bekannt) wohl nicht gerechnet. Im Rahmen des Landesförderprogramms Kulturrucksack NRW (Nordrhein-Westfalen) stellte er sich vom 8. bis 12. August 2016 für den Graffiti-Workshop “Stadtgestalter*innen im Einsatz!” als “Lehrmeister” zur Verfügung (siehe Ankündigung) – und wurde von interessierten Teenagern praktisch belagert.

Allein am 9. August trafen sich 15 Jugendliche im Alter von ca. 12 bis 16 Jahren mit dem 36-jährigen Mindener Künstler vor dem Kinder- und Jugendkreativzentrum Anne Frank, um gemeinsam zur eine Woche vorher in Hellblau grundierten Mauer am Weserstadion zu laufen. Bereits am Vortag skizzierte Jason die von den Teenagern ausgesuchten Motive in Schwarz vor, sodass sie “nur” noch ausgemalt zu werden brauchten. Genauer gesagt: “ausgespräht” – denn in diesem Workshop ging es darum, die Geschicklichkeit mit der Spraydose auszutesten.

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Entspanntes Schauen auf das Motiv hilft ungemein bei der Farbgestaltung

“Damit es so aussieht, als wenn das Licht von oben einfällt, könntest du an dieser Stelle einen helleren Farbton wählen”, erklärte Jason beispielsweise einem Jungen am schwarz-roten Fußball. Und der Tipp vom “Meister” wurde – wie viele andere – gleich in die Tat umgesetzt. Die größte Schwierigkeit bestand aber meist darin, die Farbe nicht verlaufen zu lassen. Hält man die “Kannen” (spezielle Graffiti-Spraydosen) zu weit weg von der Mauer, verteilt sich die Farbe zu großflächig, hält man sie zu nah an die Mauer, trägt die Farbe zu dick auf oder die Striche werden zu dünn. Und wie überhaupt hält man die Spraydose, und wie stark muss man auf die Düse drücken? Welche Farbe soll das T-Shirt des Skaters kriegen, und wie sprüht man Wellen und Wolken?

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Julian Idelberger beobachtete das Verhalten der Jugendlichen und freute sich über die entstehenden Motive

Alle Fragen beantwortete Jason mit einer Engelsgeduld oder machte gleich vor, wie es geht. Wenn 15 Teenager aber zur gleichen Zeit Hilfe beim Sprayen benötigen, konnte man schon ins Schwitzen kommen. Vorsicht war angesagt, wenn die Schüler eine Farbe aus dem Kasten auswählten und hinter ihrem Körper die Düse freisprühten. Wer nicht auf bunte Schuhe oder Hosenbeine steht, musste also Abstand halten. Mundschutz und Einmalhandschuhe waren eh Pflicht im Workshop.

Und Anne-Frank-Praktikant Julian Idelberger schaute genau hin, hielt sich aber dezent zurück, um das Verhalten der Jugendlichen untereinander kennenzulernen. Der 19-Jährige strebt schließlich ein Studium zur Sozialarbeit an. Ansonsten war er einfach dabei, um die Gruppe zusammenzuhalten.

Doch dann das. Gerade merkte unsere Redakteurin an, dass die Teenager unglaublich brav wirkten, herrschte plötzlich Aufruhr. Wie von Geisterhand erschien “Bitte nicht taggen!” auf einem der vorbehandelten Wandteile. Verärgert über die Schmiererei fragte Jason durch die Runde nach dem “Übeltäter”. Doch niemand gab es zu. “Klar, dass die Kinder zusammenhalten”, äußerte er. War wohl nicht anders zu erwarten. “Ich weiß nicht, wer das hingeschrieben hat.”

Zwei Mädchen aus der Gruppe wollten das nicht so stehen lassen, machten sich ans Werk und sprühten kurzerhand nach Zeichenvorlage einen Schiedsrichter mit Trillerpfeife drüber. Da der Spruch immer noch zu sehen war, kamen zum Abschluss des Workshops noch weiße Wölkchen dazu, dem Schiedsrichter wurde eine schwarze Hose verpasst und das Motiv an sich noch schöner ausgefeilt.

So kann sich die Wand am Weserstadion doch sehen lassen zusammen mit den anderen sportlichen Motiven, die von allen Jugendlichen während des fünftägigen Workshops bis ins letzte Detail gestaltet wurden. Auch das Minden-Logo, ein Siegerpokal, der Schriftzug “Kulturrucksack 2016” fehlten nicht im Gesamtbild, ebenso wenig wie die “Taggs” (Unterschriften) aller jugendlichen Künstler, die zur Neugestaltung beigetragen haben.

Zwischenzeitlich musste der Workshop von Jason Holloway abgebrochen werden, da sich eine graue Wolkendecke am Horizont auftat. “Regentropfen würden die Farbe verlaufen lassen”, erklärte Jason. Das gäbe unschöne Striemen auf den Motiven. Ansonsten trocknen die speziellen Graffiti-Farben in rund 5 Minuten. Davon abgesehen wurden die Arme lahm nach vier Stunden Düsendrücken.

Zum Feierabend hieß es dann: “Die guten Dosen in den Kasten, die schlechten in die Tüten.” An dieser Stelle konnte sich unsere Redakteurin das Lachen nicht verkneifen, denn der Spruch von Jason erinnerte schon irgendwie an das Märchen Aschenputtel: “Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen!“

Mit dem Unterschied, dass hier niemand zu etwas gezwungen wurde. Ganz im Gegenteil: Der Kreativität der Jugendlichen wurde freien Lauf gelassen. Und das Ergebnis ist wirklich beeindruckend, wie man unserer Bilderstrecke entnehmen kann:


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