Interview mit Erwerbslosenberaterin Rosemarie Bork

Zu Gast bei Rosemarie Bork, die täglich Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen im ArbeitsLebenZentrum Johanniskirchhof in der Stadt Minden berät

_DSC2700 Kopie900-W
Dipl.-Soziologin Rosemarie Bork berät seit fast 7 Jahren Menschen rund um Arbeitslosigkeit in der Beratungsstelle Johanniskirchhof in Minden – Fotos: onm

Wer Unterstützung bei Arbeitslosengeld-Bescheiden und Bewerbungen benötigt, kommt in der ostwestfälischen Stadt Minden um Rosemarie Bork nicht herum. Die Diplom-Soziologin, dreifache Mutter und Lebenserfahrene berät, unterstützt und begleitet seit fast sieben Jahren Menschen, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind in der Erwerbslosen-Beratungsstelle am Johanniskirchhof.

“Es gibt gute und schlechte Zeiten im Leben. Am wichtigsten ist, dass man sich nicht aufgibt”, betont die 64-Jährige. Bei 80 bis 100 Beratungen pro Monat kennt sie die individuellen Krisensituationen ihrer Klienten.

Wissentlich, dass sie in einem Jahr in Rente gehen wird, arbeitet sie gern in ihrem Fulltime-Job und setzt sich mit zahlreichen Themen auseinander. Ein bedingungsloses Grundeinkommen schätzt sie für sehr viel günstiger ein als all das, was “jetzt läuft”. Hunderte von Gesetzesänderungen erleichtern nicht gerade ihre Arbeit. Manche im Jobcenter Minden kennen sich halt nicht so gut aus, aber Geschäftsführer Schwarze hält sie für kompetent.

Da gibt es Menschen, die selbst vom Arbeitslosengeld II Rücklagen bilden können, andere pflücken Obst beim Nachbarn. Mütter, die das Wohngeld ihrer Kinder verbrauchen, wenden sich genauso an die Beratungsstelle im ArbeitsLebenZentrum (ALZ) wie Männer, die sich nicht so recht trauen, Bewerbungen zu schreiben. Außerdem hört Rosemarie Bork Geschichten von Kindern mit Handy am Frühstückstisch und Berichten, dass Pizza gar nicht so ungesund sein kann.

Es erwartet Sie, liebe Leserinnen und Leser, ein interessantes, spannendes, humorvolles wie ernsthaftes Interview rund um Arbeitslosigkeit, Familie, Vereinsarbeit und schließlich über Rosemarie Bork’s facettenreiches Leben an sich.

Da das Interview ziemlich lang ausfällt, empfehlen wir – wenn Sie diesen Beitrag über den Browser Mozilla Firefox aufgerufen haben (den Sie sich hier herunterladen können) – oben in der Domainleiste auf das Symbol “Leseansicht öffnen” (kleines Buch) zu klicken und sich den Beitrag ohne störende Webseitenelemente auszudrucken oder wahlweise als PDF abzuspeichern. Dann können Sie sich unseren “Schmöker” in aller Ruhe durchlesen. – Das klappt übrigens mit allen unseren Beiträgen.

Reden wir nicht lang drumherum, los geht’s:


_DSC2705 Kopie1000-W

ON: Guten Tag Frau Bork, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Seit 1983 beraten, unterstützen und begleiten die Berater des ArbeitsLebenZentrum (ALZ) im Kreis Minden-Lübbecke e.V. am Standort Minden unabhängig und vertraulich Menschen in allen Fragen und Lebenssituationen, die sich aus der Erwerbslosigkeit ergeben, konnten wir dem Flyer entnehmen. Sie persönlich arbeiten ja in der Erwerbslosen-Beratungsstelle des Vereins.

Rosemarie Bork: Richtig. Der Verein ist vor 32 Jahren mit der ersten Welle der Arbeitslosenbewegung gegründet worden, das waren Einzelpersonen, Kirche und Gewerkschafter, die das zusammen gemacht haben. Und dann gab’s immer unterschiedliche Projekte während der Zeit der ABM-Stellen.

ON: ABM steht für Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Gibt es heute immer noch ABM-Stellen?

Rosemarie Bork: Nein, die gibt’s heute nicht mehr. Und danach musste man wieder die Programme umstricken entsprechend dem, wo es Fördergelder hergibt. Die Beratungsstelle wurde ja vom Land Nordrhein-Westfalen (NRW) über viele Jahre finanziert. Als ich 2008 anfing, gab es ja keine Förderung, sondern hat der Verein die Stelle aus Eigenmitteln finanziert, und ich habe einen Lohnkostenzuschuss durch das Jobcenter bekommen. In diesem ersten Jahr haben wir die psychosoziale Betreuung aufgebaut. Der Verein entwickelte das Projekt, sodass ab 2009 für mich darüber eine halbe Stelle bezahlt wurde. Somit musste der Verein nur eine halbe Stelle für mich aus Eigenmitteln in der Beratungsstelle finanzieren, aber ich hatte immer eine Vollzeitstelle – sie wurde nur 2009 und 2010 aus zwei verschiedenen Töpfen finanziert. Ab 2011 gab’s dann die Finanzierung über’s Land.

ON: Wie viele Erwerbslose kommen denn durchschnittlich zu Ihnen persönlich pro Woche?

Rosemarie Bork: Ich führe im Moment zwischen 80 und 100 Beratungen monatlich durch, manchmal sind es auch über 100, was heißt, so 20 bis 30 Beratungen pro Woche. Also es sind schon relativ viele. Im ALZ sind die Zahlen auch sehr stark nach oben gegangen. Während 2006 noch 1300 Leute herkamen, waren es 2014 schon fast 4000. Zwischenzeitlich hatten wir auch drei Jahre lang „Bürgerarbeiter“, wo dann einer das Zentrum sozusagen leitete – dadurch sind natürlich mehr Besucher gekommen, weil es dementsprechend mehr Angebote an Veranstaltungen gab. Was natürlich jetzt, wo es keine Bürgerarbeit mehr gibt, weggefallen ist. Zudem sind die verschiedenen Projekte geknüpft an entsprechenden Fördermitteln.

ON: Wird über Fördermittel jedes Jahr neu entschieden oder individuell?

Rosemarie Bork: Das ist sehr unterschiedlich, weil das alles unterschiedliche Töpfe sind. Diese Erwerbslosen-Beratungsstelle erhält immer Geld im Zwei-Jahres-Rhythmus. Und dann gibt’s einen neuen Förderzeitraum der Europäischen Union (EU), sodass das Jahr 2015 noch mal auf diese Richtlinien für die beiden Jahre davor gemacht wurde. Ab 2016 muss man wieder alles ganz neu beantragen. Da sind auch bei diesen EU-Richtlinien neue Kriterien, die man dann erfüllen muss.

ON: Sind die Kriterien der EU strenger geworden?

Rosemarie Bork: Sagen wir mal anders. Es muss zum Beispiel ein Quartiersbezug hergestellt werden und solche Dinge. Aber das Land NRW sieht anhand dieser Zahlen (gemeint ist der Jahresbericht 2014, der ON ausgehändigt wurde), dass wir regelmäßige Treffen mit den Erwerbslosen-Beratungsstellen aus ganz NRW machen, die Statistiken-Beratungen führen müssen. Diese werden dann direkt an das Land weitergegeben per Internet.

ON: Nach Düsseldorf, nehmen wir an.

Rosemarie Bork: Ja. Und da sieht man eben die Notwendigkeit von solchen Beratungsstellen. Deswegen muss wieder ein neues Konzept geschrieben werden. Aber unsere Geschäftsführerin von unserem Verein (Stella Gieseler) ist ja eine sehr rührige Person.

ON: Gut zu wissen. Kommen wir zurück zu den Erwerbslosen, die Ihre Beratungsstelle aufsuchen.

Rosemarie Bork: Also es kommen hier in diese Erwerbslosen-Beratungstelle natürlich auch Leute, die zum Beispiel in einer Firma arbeiten und damit rechnen, dass die zugemacht wird, oder Leute, die die Kündigung erhalten haben, aber noch im Berufsleben stehen.

ON: Also auch Menschen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind?

Rosemarie Bork: Genau. Es sind nicht alle erwerbslos, die hierher kommen. Wir haben in den letzten Jahren einen stärkeren Zulauf an Leuten mit Arbeitslosengeld-I-Bezug. Die Jahre davor waren es überwiegend Arbeitslosengeld-II-Fälle.

ON: Weil so viele Firmen in Insolvenz gehen oder aus anderen Gründen schließen müssen, wie beispielsweise die Baumärkte?

Rosemarie Bork: Ja, wie beispielsweise auch die mit den Namen Drabert verbundene schwedische Firma Kinnarps AB. Die haben ja Näherinnen oder Polsterer für diese Stühle gehabt. Und da sind ja gleich über hundert Leute entlassen worden, größtenteils im höheren Alter, die dann kaum noch eine Chance auf dem aktuellen Arbeitsmarkt haben. Das Minden-Lübbecker Land war ja mal eine Hochburg der Textilindustrie. In den 90er Jahren sind dann die letzten Firmen zugemacht worden. Ein kleiner Rest konnte dann noch bei Kinnarps arbeiten. Wobei die Globalisierung natürlich den gesamten Markt veränderte. Es gibt eben kaum noch einfache Tätigkeiten, was bedeutet, dass viele Leute, die keinen Beruf gelernt haben, auch nur geringe Chancen haben. Früher gab es beispielsweise Büroboten, heute müssen Sachbearbeiter oder Mitarbeiter die Akten selber von A nach B tragen. Wenn ich bedenke, ich habe in den 70er Jahren bei der AOK Hannover gearbeitet, da haben über zehn Leute in der Poststelle gearbeitet.

ON: Und wie wird das heute gehandhabt? Per E-Mail?

Rosemarie Bork: Ich hab’ keine Ahnung. Ich denke schon, dass es da vielleicht noch zwei, drei Leute gibt, aber dass es die meisten dieser Stellen nicht mehr gibt. Und die Firmen, die alle einen Pförtner hatten, der das Tor auf- und zumacht – heute gibt’s eine Chipkarte. Sicher gibt’s noch hier und da Pförtner, aber dass der das Tor auf- und zumachen muss, gibt es wohl nicht mehr – das geht automatisch.

ON: Pförtner war eigentlich mal ein guter Rentnerjob.

Rosemarie Bork: Ja, oder auch für die Leute, die 50 Jahre alt waren und Rückenprobleme hatten. Solche Stellen gibt’s leider gar nicht mehr. In Ihrer Branche (gemeint ist Journalismus) ja auch: Es gibt keine Schriftsetzer mehr, und die Drucker mussten ja auch ihr Berufsbild umstellen. Ich habe gerade so eine Druckerei besucht – das ist schon interessant, wie das früher alles lief.

ON: Die Computer haben ja auch ihren Teil dazu beigetragen, und die Robotik, die dazukam.

Rosemarie Bork: Ja klar. Das muss man ja auch sagen: In den ganzen Firmen, wo noch produziert wird, ist die menschliche Arbeitskraft ja überwiegend von Maschinen übernommen worden. Da braucht man zwar noch Leute, die die Maschinen beobachten, aber es fehlt die handwerkliche Tätigkeit.

ON: Kommen wir zurück zu den Menschen, die in Ihre Beratungsstelle kommen. Was sind deren häufigsten Anliegen?

Rosemarie Bork: Sehr häufig kommen Rechtsfragen, also Erklärung von Bescheiden oder eben auch Fragen zu Ansprüchen. Dann natürlich eben auch Unterstützung bei der Bewerbungserstellung und Bewerbungsunterlagen, was sie direkt hier im ALZ machen können.

ON: Was raten Sie den Hilfebedürftigen im Regelfall?

Rosemarie Bork: Das kommt auf die Frage drauf an, worum es geht. Es kann sein, wenn ein Bescheid nicht richtig ist, dass ich denen einen Widerspruch schreibe. Aber es kann auch sein, dass sie etwas erzählen, was ich selber nicht nachvollziehen kann, weil es dazu keinen Bescheid gibt. In manchen Fällen rate ich ihnen, einen Anwalt aufzusuchen. Dann schreibe ich ihnen eine Bescheinigung, dass sie hier in der Beratung waren, mit der sie zu einem Anwalt gehen können (gemeint ist eine Bescheinigung für das Amtsgericht Minden, bei dem man einen „Beratungshilfeschein“ beantragen kann, um eine anwaltliche Beratung für 15 Euro bei einem beliebigen Rechtsanwalt in Anspruch nehmen zu können). Und häufig ist es so, dass ich einfach Dinge erkläre, die sie nicht verstehen.

ON: Sie meinen in den Leistungsbescheiden des Jobcenters Minden zum Beispiel.

Rosemarie Bork: Ja, wenn man zum Beispiel unterschiedliches Einkommen erzielt, dann wird da meistens die Summe X angenommen, die jeden Monat angerechnet wird. Je nachdem wird entweder Geld nachgezahlt oder zurückgefordert. Und dann können sie nicht verstehen, wie das Amt auf die Summe kommt. Wenn man beispielsweise einen 450-Euro-Job hat, aber nur 200 Euro verdient, dann kriegt man keine 250 Euro nachgezahlt, was die Differenz wäre. Sondern bei 450 Euro werden 280 Euro angerechnet, und bei 200 Euro wäre der Freibetrag 102 Euro, da würden also 98 Euro angerechnet. Dann muss man die Differenz zwischen den 280 Euro und 98 Euro nehmen, die dann nicht so hoch ist wie die eigentliche Bruttosumme. Das ist schwierig zu verstehen.

ON: Hört sich auch kompliziert an.

Rosemarie Bork: Manche Menschen vergessen auch, ihre Heizkosten-Abrechnungen beim Jobcenter abzugeben. Im ersten Bescheid steht zwar drin, dass man die abgeben muss, wenn eine neue Abrechnung kommt, aber das wird wahrscheinlich nicht immer gelesen.

ON: Oder mit der Zeit vergessen.

Rosemarie Bork: Genau. Und dann kriegen manche Leute über einen längeren Zeitraum keine Heizkosten bezahlt, manche merken es auch gar nicht. Dann sehe ich den Leistungsbescheid und frage: „Warum kriegen Sie keine Heizkosten?“ Dann gibt es auch Leute, die mit Kohlen heizen, die kriegen dann ein bis zwei Mal im Jahr einmalige Beihilfen. Falls man einen Überprüfungsantrag wegen Nachzahlung von nicht gezahlten Heizkosten stellen will, muss man beachten, dass nach den neuen Richtlinien die Frist für Überprüfungsanträge von vier Jahren auf ein Jahr verkürzt wurde.

_DSC2703 Kopie1000-WON: Wie lange muss man eigentlich auf einen Termin bei Ihnen warten nach einem Anruf oder einer E-Mail?

Rosemarie Bork: Da sind wir relativ schnell. Wir versuchen es innerhalb einer Woche hinzukriegen. Durch Krankheit oder Urlaub kann es natürlich auch mal 14 Tage dauern. Und jetzt ist ja auch noch eine neue Kollegin dazugekommen in einem 450-Euro-Job, Frau Müller-Bönig. Die ist jetzt seit einigen Monaten hier an zwei Tagen pro Woche, montags und dienstags, einmal vormittags, einmal nachmittags.

ON: Wunderbar. Erfahren Sie in der Regel auch von Erfolgsgeschichten der Hilfebedürftigen?

Rosemarie Bork: Ab und zu. Überwiegend ja nicht, weil, wenn das Problem gelöst ist, dann sind die Leute zufrieden. Aber es gibt durchaus Leute, die mir Rückmeldung geben, weil sie eine Stelle gekriegt haben oder wenn ein Widerspruch Erfolg hatte. Und es gibt auch Leute, wenn sie einen Job haben, dass sie mit einem Geschenk vorbeikommen. Es gibt ja viele Menschen, die ihren Mut verloren haben und die nicht mehr daran glauben, dass sie noch eine Stelle finden. Wenn man das bespricht, sie bestärkt und dann eine Stelle finden, sind sie sehr froh. Also es gibt schon die eine oder andere positive Rückmeldung, kann man sagen.

ON: Wie bezeichnen Sie persönlich Menschen, die arbeitslos bzw. von Arbeitslosigkeit bedroht sind im Allgemeinen?

Rosemarie Bork: Für die habe ich keine Bezeichnung. Das ist ganz individuell und ganz bunt. Es gibt nicht typisch. Jeder Fall ist anders.

ON: Und wie beurteilen Sie persönlich die Arbeit des Jobcenters Minden?

Rosemarie Bork: Genauso unterschiedlich wie die Klienten, würde ich sagen. Da arbeiten auch Mitarbeiter, und es gibt sehr nette. Aber was für die auszahlende Stelle vom Jobcenter nach meiner Erfahrung ein großes Problem ist, ist die personelle Besetzung. Da herrscht eine hohe Personalfluktuation, weil viele Leute die Stelle nehmen, aber nicht so gerne dort arbeiten, weil sie natürlich auch ein total hohes Arbeitsaufkommen haben. Sehr viele Flüchtlinge, die Arbeitslosengeld II beantragen, sind ja in letzter Zeit auch dazugekommen. Also ich habe ja wie gesagt mal acht Jahre lang in der Sachbearbeitung einer Krankenkasse gearbeitet. Man unterschätzt das so, was Leute so machen, die am Schreibtisch sitzen, wo man sagt: „Naja, die müssen ja nur so ein paar Häkchen setzen.“ Aber es ist schon ein sehr großer Aufwand. Und deswegen passieren natürlich auch Fehler, weil die ja stark belastet sind – und weil manche sich auch nicht so gut auskennen. Aber ich muss sagen, der Leiter vom Mindener Jobcenter (Peter Schwarze) ist ein ausgesprochen kompetenter Mann, der in den Gesetzgebungen unterrichtet ist. Im Zweifelsfall frage ich bei ihm auch mal nach. Der bemüht sich eigentlich schon darum, dass, wenn Fehler in seinem Haus vorkommen, die auch schnellstens behoben werden. Nach meinem Eindruck passieren so schrecklich viele Fehler nicht, muss ich sagen. Es ist doch mehr das Unverständnis für diese Kompliziertheit von Bescheiden, die die Leute nicht verstehen. Ich sehe mehr falsche Bescheide aus den umliegenden Gemeinden als aus Minden direkt.

ON: Das heißt, aus den umliegenden Gemeinden in Minden-Lübbecke kommen Menschen auch zu Ihnen?

Rosemarie Bork: Ja, wir sind ja als Verein kreisweit aufgestellt. Und diese Beratungsstelle ist die einzige des Vereins. Es kommen relativ viele Leute aus Porta. Beispielsweise empfehle ich Menschen, die für die Fahrtkosten nicht aufkommen können, zur Lübbecker Tafel zu gehen. Dort können sie ihre Bescheide an mich faxen lassen. Ich guck’ mir das an, und dann kriegen sie eine telefonische oder schriftliche Nachricht von mir. Oder wir aktivieren Berater vor Ort. Es gibt auch Menschen, die jeden Tag aus Espelkamp hierherkommen, um ihre Bewerbungen zu schreiben im ALZ. Und natürlich auch einige, die aus Niedersachsen kommen, denn dort gibt es keine flächendeckenden Beratungsstellen, die nächste liegt in Hannover. In Hannover führen sie jedoch oft Gruppenberatungen durch – womit viele Menschen nicht einverstanden sind, weil andere mitkriegen würden, was mit ihnen los ist – und dann kommen sie zu mir. Es gibt auch Sozialberatungsstellen der Kirchen aus Niedersachsen, die bei mir anrufen, wenn sie selber nicht weiterkommen. Die Bescheide in Niedersachsen sehen ja etwas anders aus.

ON: Kommen wir zur nächsten Frage. Sind Ihnen manchmal die Geschichten leid der Hilfebedürftigen?

Rosemarie Bork: Nein.

ON: Das war kurz und deutlich. Sie hatten es zwar schon kurz erwähnt, aber ich stelle Ihnen noch mal die Frage: Sind Sie ehrenamtlich tätig oder angestellt?

Rosemarie Bork: Ich bin angestellt, in Vollzeit, 40 Stunden.

ON: Wurden Sie von der Stadt Minden angestellt?

Rosemarie Bork: Nein, wir sind ja ein gemeinnütziger Verein. Dieser Verein wird getragen vom Kreis Minden-Lübbecke, Kommunen des Kreises, Kirchenkreisen aus Minden, Lübbecke und Vlotho sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) – Kreisregion Herford-Minden. Außerdem sind wir als mildtätig eingestuft, was besondere Richtlinien bei der Besteuerung hat.

ON: Was bedeutet das genau?

Rosemarie Bork: Wenn Vereine irgendwelche Sachen versteuert bekommen, dann ist es ja für mildtätige Vereine anders, außerdem bestehen Unterschiede bei der Vereinsförderung. Außerdem betreiben wir auch den Umwelthof als wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb. Aber der ist abgekoppelt und arbeitet genauso am Markt wie jeder andere Wirtschaftsbetrieb. Deren Mitarbeiter sind übrigens aus Langzeitarbeitslosen hervorgegangen, etwaige Gewinne fließen dann dem Verein zu.

ON: Werden beim Umwelthof noch immer Langzeitarbeitslose eingestellt?

Rosemarie Bork: Wenn Stellen frei werden, dann schaut man, dass man entsprechende Menschen findet. Kommt natürlich immer darauf an, welche Ausbildung die Leute haben. Natürlich werden bevorzugt Leute genommen, die langzeitarbeitslos sind.

ON: Bei der Jobsuche helfen Sie, Frau Bork, ja auch.

Rosemarie Bork: Ja, Bewerbungsanschreiben fertigmachen, Lebensläufe erstellen, Jobbörsen im Internet zu finden. An unseren Computern im ALZ kann auch eigenständig gesucht werden. Oft kommen Leute, die sich auf eine spezielle Stelle bewerben wollen nach Zeitungsannoncen. Wir beziehen ja auch Zeitungen. Montags kommen Leute, wenn es dann wieder neue Stellen gegeben hat, um sich eventuell darauf zu bewerben.

ON: Weil die Menschen zu Hause keinen eigenen Computer haben, oder warum kommen sie zum ALZ?

Rosemarie Bork: Ja, viele Leute haben keinen Computer, manche haben zwar einen, aber keinen Internetzugang. Manche Leute kommen gerne hierher, weil sie sich noch Tipps abholen und Fragen stellen können. Die Kollegen, die am Empfang sitzen, können auch Hilfestellung an den Geräten geben und bei Formulierungen helfen.

ON: Kommen auch ausländische Mitbürger zu Ihnen?

Rosemarie Bork: In die Beratung kommen eigentlich alle Nationalitäten, es gibt da keine besondere Häufung. In das Zentrum kommen ja sehr viele Afrikaner. Zum Bewerbungsschreiben kommen auch Leute aus Afghanistan, sehr qualifizierte Menschen, meist mit einem Studienabschluss. Wie auch Leute aus Osteuropa, die meistens auch gut ausgebildet sind.

ON: Wenn Sie von „Zentrum“ reden, meinen Sie die weiteren Räume in Ihrem Hause?

Rosemarie Bork: Ja, das Zentrum ist quasi der Treffpunkt. Früher hieß es ja mal Arbeitslosenzentrum, was dann umbenannt wurde, weil sich der Markt so verändert hat. Eine Zeit lang hieß es ja auch mal „Job in“, aber sonst immer Arbeitslosenzentrum Johanniskirchhof. Aber das Dach und viele Bereiche haben sich eben dadurch verändert, dass es diese Arbeitslosenbewegung der 80er Jahre nicht mehr gibt. Deswegen fand man „ArbeitsLebenZentrum“ passender.

ON: Sicher spielt hier auch das Thema Integration eine Rolle.

Rosemarie Bork: Ja auch. Bei dem Verein steht ja auch christliche Weltanschauung dahinter. Der Vorsitzende unseres Vereins ist ja der Herr Jürgen Tiemann, Superintendent der evangelischen Kirche. Deswegen ist uns Wertschätzung ein hohes Gut – und das bringen wir allen Menschen, die hierher kommen, entgegen.

ON: Aber es wird anscheinend kein Wort darüber verloren.

Rosemarie Bork: Ich denke, dass das schon wichtig ist. Es gibt schließlich auch Situationen an anderen Stellen, die sich über ihre Besucher lustig machen. Und das ist nicht Wertschätzung von Menschen. Und so was gibt es hier nicht. Und wenn so was mal von einem Kollegen betrieben werden sollte, wird es von mir sofort unterbunden. Denn jeder Mensch ist wertvoll und jeder Mensch hat auch einen Platz in seinem Leben, und jeder leistet irgendwas, auch wenn es hakt.

ON: Das heißt, dürfen in diesem Verein keine Katholiken arbeiten?

Rosemarie Bork: Arbeitsmäßig hat das nichts damit zu tun. Ich persönlich gehöre keiner Kirche an. Es geht um das Weltbild – wir orientieren uns an der Lebenswelt unserer Besucher. Daher ist das so ein humanistischer Ansatz, auf Menschen zu schauen und zu sagen, dass sie wichtig sind. Das ist ja das, was vielen Menschen, die längere Zeit arbeitslos sind, verloren geht. Sie glauben nicht mehr an ihre eigene Würde.

ON: Arbeiten Sie eigentlich eng mit dem Jobcenter Minden zusammen?

Rosemarie Bork: Wir machen ja auch das Projekt Betreuung. Und in diesem Projekt ist ja eine direkte Zusammenarbeit da, weil die Menschen mit Vermittlungshemmnissen werden uns vom Jobcenter zugewiesen, die individuell betreut werden. Bei der auszahlenden Stelle kann man es nicht direkt Zusammenarbeit nennen, aber es gibt eben Sachen, die man telefonisch mit dem Sachbearbeiter versucht abzuklären. Man muss nicht für alles einen Widerspruch schreiben, wenn es so ersichtlich ist, dass da etwas nicht richtig ist. Man hat schon Kontakt miteinander. Aber es gibt keinen offiziellen Kooperationsvertrag. Und es gab auch schon Treffen mit anderen Vereinen, Jobcenter-Mitarbeitern in Leitungsfunktion und Kirchenvertretern. Natürlich ist Netzwerkarbeit in so einem Bereich auch sehr wichtig. Aber es gibt ja auch den Arbeitsbereich der Frauenberatungsstellen, in dem ich auch mitarbeite, da finden Treffen an unterschiedlichen Orten statt. Und dann gibt es den Arbeitskreis „Wohin“ für von Wohnungslosigkeit betroffene Menschen, wie auch Netzwerktreffen mit Schuldnerberatungsstellen, Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften und anderen.

ON: Alles unter einem Hut. Hört sich nach einem Fulltime-Job an.

Rosemarie Bork: Scheint so. Ist mir eigentlich ganz gut gelungen bisher. Weil, es gibt ja schon Hunderte von Gesetzesänderungen, seitdem es das Arbeitslosengeld II gibt. Und wenn man bedenkt, die Anrechnung von Einkommen (§ 11 SGB II), die Ausführungshinweise der Bundesagentur für Arbeit (BA) allein sind schon von 50 Seiten, seit ich angefangen habe, auf über 80 gewachsen. Das heißt, man muss sich schon mit vielen Dingen beschäftigen.

ON: Kommen wir zu Ihren beruflichen Qualifikationen. Laut Jahresbericht 2014 sind Sie Diplom-Soziologin.

Rosemarie Bork: Ja. Dann habe ich noch eine Weiterbildung gemacht zum Systemischen Coach, aber bin im ersten Beruf Apothekenhelferin. Dann habe ich – wie ich keine Lust mehr auf die Arbeitszeiten hatte – als Quereinsteigerin als Sachleistungs-Sachbearbeiterin bei der Krankenkasse gearbeitet. Dann war ich zehn Jahre Familienfrau. Irgendwann habe ich mir gedacht, drei Kinder und der Wiedereinstieg ins Berufsleben ist schwierig, kann ich ein bisschen Bildung nachholen, und habe ohne Abitur in Bielefeld Soziologie studiert und auch ein bisschen Psychologie und politische Wissenschaften.

ON: Das heißt, hatten Sie derzeit in Bielefeld schon eine bestimmte berufliche Richtung angestrebt?

Rosemarie Bork: Meine Praxisschwerpunkte waren soziale Probleme und Problemintervention, weil ich dachte, das könnte ich gut mit meinem Vorwissen verbinden, und hätte mir vorstellen können, Präventionsprogramme für Krankenkassen zu entwickeln. Aber solche Stellen gibt’s ja nicht. Ich habe dann nach dem Studium als Erstes im Frauenverein gearbeitet und dort Existenzgründerinnen-Beratung gemacht. Und dann, nachdem ich wieder eine Zeit arbeitslos war, aber nicht Arbeitslosengeld II haben wollte, habe ich dann noch sieben Monate als selbstständige Handelsvertreterin Vorwerk-Staubsauger verkauft. Dann habe ich in Herford für einen Bildungsträger gearbeitet in einem Existengründungsprojekt für Frauen für ein Jahr. Und dann habe ich aus dem Arbeitslosengeld II heraus so eine Arbeitsgelegenheit in der Schule gehabt, wo ich unsere Geschäftsführerin Stella Gieseler kennenlernte. Weil sie meinte, sie könne mich gebrauchen, bin ich so zu der jetzigen Stelle gekommen. Ich glaube, für Beratung ist nicht nur eine Ausbildung wichtig, sondern auch Lebenserfahrung. Wenn man 20 Jahre alt ist, kann man wahrscheinlich nicht so gut beraten, wie wenn man älter ist. Und dann muss ich ja sagen, es gibt fast nichts im Leben, was mich nicht schon betroffen hätte. Ich habe hochbegabte Kinder, war lange im Hochbegabtenverein, treffe auch hier im Verein immer wieder auf Hochbegabte, die oft im Leben scheitern, weil sie keine Förderung erhalten. Dann habe ich auch ein transsexuelles Kind und bin in meiner Beratungstätigkeit seitens meiner Klienten auch betroffen gewesen. Ich kenne mich mit Selbstständigkeit aus, mit Existenzgründung usw. – und dadurch, dass das Leben so bunt ist, weiß ich auch, wie leicht man in diese Arbeitslosigkeit reinkommt. Leute bewerben sich unendlich viel, da ist es oft, wie bei mir, einfach dann ein glücklicher Zufall. Bei dem Frauenverein hatte ich auch zuerst ehrenamtlich gearbeitet, bis die mir dort eine Stelle bezahlen konnten. Eine Zeit lang habe ich dort auch als Honorarkraft gearbeitet und mich beim Finanzamt als Freiberuflerin angemeldet.

ON: Ganz nach unserem Motto „Wissen ist bunt“. Besteht denn die Möglichkeit, Sie in Ihrer Arbeit zu unterstützen, zum Beispiel durch persönliche Mitarbeit oder Spenden?

Rosemarie Bork: Natürlich ist der Verein interessiert an Spendeneinnahmen, es gibt ja genügend Bereiche, die finanziert werden müssen, wo der Verein Eigenmittel aufbringen muss.

ON: Für was zum Beispiel?

Rosemarie Bork: Zum Beispiel für meine Stelle, weil sie nicht zu 100 Prozent gefördert wird, sondern mit einem bestimmten Prozentanteil. Es handelt sich ja immer um eine Mischfinanzierung. Natürlich gibt es auch Sachmittel in manchen Bereichen, wie zum Beispiel einen PC oder Software-Lizenzen, die man erwerben muss. Wir haben auch immer Kontakt zu Spendern, aber mehr in den anderen Bereichen. Zudem sammeln wir natürlich auch Spenden, es gibt ja da ein Spendenkonto. Und es hat auch mal eine größere Spende von einer Person gegeben, die sich bei mir sehr gut beraten fühlte.

ON: Schön zu hören. Da kommen wir schon in die richtige Richtung zu unserer nächsten Frage. Gibt es einen Fall, der Sie persönlich am meisten berührt hat?

Rosemarie Bork: Es gibt viele Fälle, die mich berühren. Aber erst neulich gab es einen Fall, wo jemand seine Arbeit verlor, dann lange Zeit von seinem Vermögen gelebt hat und noch eine kleine Nebentätigkeit hatte. Im höheren Alter von Ende 50 hatte er sich endlich dazu entschlossen, Arbeitslosengeld II zu beantragen, und hat das ein halbes Jahr erhalten. Der Mann sparte sich etwas an, wie er das sein ganzes Leben lang immer schon getan hat. Und jetzt nach einem halben Jahr erhielt er die Ablehnung vom Jobcenter, weil sein Vermögen zu hoch sei – weil er eben von dem Arbeitslosengeld II ein kleines Vermögen angespart hatte (über den Vermögenssatz von 150 Euro pro Lebensjahr gekommen ist) und noch ein Restvermögen besaß. Das finde ich einmalig, so was habe ich bisher noch nicht gehört. Es gibt wirklich Menschen, die von Arbeitslosengeld II sparen können. Aber das sind die wenigsten, die meisten sagen, dass sie ab dem 20sten des Monats nichts mehr zu Essen haben. Also meistens ist es so, dass das Geld fürs Überleben fehlt. Armut ist ja nicht nur wirtschaftlich, sie hat auch viele andere Facetten, und der Umgang mit Geld ist ja auch unterschiedlich. Es gibt Leute, die sagen, wir haben Nachbarn, die haben Obstgärten, wir kochen ein, wir brauchen vieles nicht zu kaufen. Andere Leute können heute nicht mehr kochen, die sich nur Fertiggerichte kaufen, die sind dann manchmal eben auch teuer. Und ein Klient teilte mir mit, so billig wie mit Pizza kann man sich ja nicht ernähren – es gibt Pizza für 1 Euro, die reicht für zwei Tage. Wenn man jeden Tag Pizza isst, kann man das günstig haben.

ON: Was im Laufe der Zeit auf die Gesundheit schlagen könnte, oder?

Rosemarie Bork: Da bin ich unsicher. Es gab ja mal eine Untersuchung dazu von Tim Mälzer. Da wurden drei Vergleichsgruppen gebildet und Blutuntersuchungen gemacht. Die eine Gruppe hat sich von Fast Food ernährt, die eine von deftiger Hausmannskost, die eine von mediterraner Küche. Und bei der Blutuntersuchung hat sich nichts verändert. Ich glaube daher, dass es unterschiedlich ist, was Menschen brauchen. Auch gibt es Menschen, die Darmprobleme kriegen, weil sie zu viel an gesunden Lebensmitteln zu sich nehmen.

ON: Man sagt ja immer, man sollte auf seinen Körper hören.

Rosemarie Bork: Solange man Lebensmittel mischt und von jedem was isst, kann das denke ich nicht schlecht sein. Aber man verlernt ja, auf den Körper zu hören. In meiner Familie gab es sonntags besonderes Essen, war der Tisch besonders gedeckt mit weißer Tischdecke, besonderem Geschirr und so. Das hat sich ja verändert. Es gab auch keine Vorsuppen mehr. Aber wir haben schon zusammen gegessen und ich finde es gut, wenn man Kinder hat. Das ist ja auch ein Kommunikationselement, miteinander zu sprechen. Also wenn meine Tochter nach Hause kommt, legt sie noch Wert darauf, dass man zusammen frühstückt. Aber das wird immer weniger gemacht. Leute haben immer mehr ihr Handy in der Hand. Eine Mutter erzählte mir, dass ihre Kinder am Tisch saßen mit einer Freundin. Dann sagt die eine, „gib’ mir mal das Nutella“. Die macht das aber nicht, weil sie die ganze Zeit mit ihrem Handy beschäftigt ist. Plötzlich sagt sie „spinnst du“, und dann hat die andere ihr per WhatsApp geschrieben: „Gib mir mal das Nutella.“

ON: Ein großartige Anekdote aus dem Smartphone-Zeitalter. Was für ältere Generationen unvorstellbar, ist für die Jugend völlig normal.

Rosemarie Bork: Was mich besonders freut, ist, wenn jemand, der lange Zeit arbeitslos war und durchgehangen hat, durch unsere Beratung eine Stelle gefunden hat. Das hatte ich am Anfang mal: Der Mann war ausgebrannt, hatte lange Zeit bei einer Krankenversicherung gearbeitet, wo 1996 umgestellt wurde auf Kundenwerbung. Dann machte er eine Ausbildung zum Ergotherapeuten, war danach aber 7 Jahre arbeitslos. Nebenbei arbeitete er bei der Lebenshilfe, brauchte aber seine Ersparnisse auf. Plötzlich sagt er: „Ja, bewerben und so.“ Dann haben wir Bewerbungen geschrieben, woraufhin er sich eine von drei Stellen aussuchen konnte als Ergotherapeut – in dem Beruf, wo er nie gearbeitet hatte. Und er war auch schon über 50 Jahre alt.

ON: Wurden Sie denn auch schon kritisiert von Erwerbslosen oder anderen Menschen, die zu Ihnen kommen?

Rosemarie Bork: Natürlich. Wenn ich Menschen sage, dass alles, was in ihrem Bescheid steht, richtig ist, sie aber gedacht haben, dass ihnen eigentlich mehr zusteht, gehen die hier auch schon mal schimpfend raus, knallen die Tür oder schreien auch mal rum. Man kann nicht jeden glücklich machen. Es gibt ja viele, die sagen, „warum krieg’ ich so wenig, meine Nachbarin kriegt mehr?“ Wenn man den Bescheid der Nachbarn nicht gesehen hat, kann man das nicht sagen. Dann gibt es auch Frauen, die sagen, sie leben vom Geld ihrer Kinder und kriegen keine Sozialleistungen. Dann gibt es Kinder, die bekommen Unterhalt von ihren Vätern. Dann bekommen die Mütter häufig selber Arbeitslosengeld II, die Kinder bekommen aber Unterhalt, Wohngeld und Kindergeld. Aber das Amt bezahlt für die Frauen die gesamte Miete an den Vermieter. Der Frau steht aber, wenn sie drei Kinder hat, nur ein Viertel der Miete zu. Wenn das Amt Dreiviertel der Miete so zahlt, dann kriegt sie für sich keinen Lebensunterhalt mehr ausbezahlt. Dann nehmen die Mütter das Wohngeld ihrer Kinder als Lebensunterhalt. Aber dieses System verstehen sie oft nicht – und dann sind sie auch sauer auf mich.

ON: Wie ist es eigentlich, wenn Arbeitslosengeld-II-Empfänger zum Beispiel aufgrund Sanktionen kein Geld mehr vom Jobcenter ausbezahlt bekommen? Kann man dann Wohngeld beanspruchen?

Rosemarie Bork: Das kann ich leider nicht beantworten. Normalerweise ist es so, dass man Anspruch auf Sachleistungen hat. Und Sachleistung heißt bei der 100-Prozent-Sanktionierung auch Wohnen, dass die Miete direkt an den Vermieter gezahlt wird. Es wird aber nur der Betrag gezahlt, den man Anspruch hat. Dafür muss man dann Anträge stellen – automatisch wird das nicht gemacht. Sobald man diese Sachleistung erhält, hat man keinen Anspruch auf Wohngeld.

ON: Was müsste Ihrer Meinung nach an den Sozialgesetzen verändert werden?

Rosemarie Bork: Ich denke, dass das ganze Gesetz sozusagen mit der heißen Nadel gestrickt ist. Ich glaube schon, dass da ein sehr großer Überarbeitungsbedarf besteht. Denn Mitarbeiter in den Ämtern setzen ja auch nur die Gesetzeslage um. Und die ist halt nicht besonders bürgerfreundlich. Die Parität macht ja immer solche Untersuchungen, was eigentlich als Existenzminimum notwendig wäre. Diese Zahlen sind bedeutend höher als das, was an SGB-II- oder SGB-XII-Leistungen bezahlt wird.

_DSC2706 Kopie1000-WON: Würden Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden in Deutschland für die bessere bzw. einfachere Lösung halten?

Rosemarie Bork: Ich ganz persönlich ja. Würde mich natürlich meinen Arbeitsplatz kosten. Ich würde sagen, wenn sämtliche Bürger des Landes 1.500 Euro bekämen, würde das sehr, sehr viel günstiger als das, was jetzt alles läuft. Denn es gäbe dann auch keine Rentenstelle mehr, es würde auf jeden Fall keine Agentur für Arbeit mehr geben, es würde kein Jobcenter und kein Sozialamt mehr geben, keine Kindergeldkasse – alles würde wegfallen. Und da sind ja überall auch sehr hoch dotierte Stellen, die dann wegfallen würden, die kriegen dann auch nur noch 1.500 Euro. Und es würde den Arbeitsmarkt revolutionieren, denn es wäre ja nicht so, dass die Leute alle nicht arbeiten würden, die Leute arbeiten ja gerne. Aber sie würden nicht mehr unter allen Bedingungen arbeiten. Und das würde alles verändern. Denn man muss mal bedenken, was ein Langzeitarbeitsloser kostet: Der kriegt Geld ausbezahlt, dann kommen nach längerem Bezug irgendwelche Maßnahmen dazu, die Geld kosten. Dann gibt es eine ganze Menge Menschen, die mit ihm betraut sind, sein Arbeitsvermittler, die Mitarbeiter der auszahlenden Stelle, die haben alle Teamleiter, die haben alle Vorgesetzte. Und dann gibt es da eine übergeordnete Behörde, wo auch Leute sitzen – die müssen alle mitfinanziert werden. Es würde die Gesellschaft verändern, aber in Deutschland nicht geben – weil man sich in Deutschland sowieso nie verändern will. Was wir schon deutlich an unserem Schulsystem sehen. In keinem anderen europäischen Land gibt es so viele Schulformen nebeneinander wie in Deutschland. Die meisten kommen mit einer Schulform bis Klasse 10 aus. Das wäre auch für unsere Kinder besser, weil, man wird ja schon als Kind in einen guten oder schlechten Menschen eingeteilt. Deswegen glaube ich, Deutschland setzt so was nicht um.

ON: Interessant. Tun Ihnen manchmal die Menschen leid, die zu Ihnen kommen?

Rosemarie Bork: Nein. Aber sie tun mir auch nicht leid. Denn ich sage immer, es gibt gute und schlechte Zeiten im Leben. Mancher hat Pech, mancher hat schlechte Zugangsvoraussetzungen. Was nicht bedeutet, dass ich kein Mitleid habe. Natürlich gehen einem Sachen schon sehr nahe, wenn Leute durch Lebensereignisse, Tod und Krankheit in so eine Situation geraten. Aber insgesamt: Ich kann die Welt nicht retten. Ich kann Menschen unterstützen und ihnen dabei helfen, einen Weg vielleicht zu finden aus ihrer Misere, aber ändern kann man sich nur selbst und keinen anderen.

ON: Frau Bork, Sie arbeiten ja seit dem 1. Oktober 2008 in dieser Erwerbslosen-Beratungsstelle, haben Sie uns erzählt. Wie lange werden Sie voraussichtlich noch in dieser Beratungsstelle tätig sein?

Rosemarie Bork: Ich arbeite hier noch bis zum 31. August 2016.

ON: Das kam ja wie aus der Pistole geschossen. Hört sich an, als ob Sie den Zeitpunkt nicht mehr erwarten können.

Rosemarie Bork: Das kann man so nicht sagen. Ich arbeite total gerne. Aber ab 1. September 2016 bin ich Rentnerin. Ich habe ja Anfang dieses Jahres meinen ersten unbefristeten Arbeitsvertrag hier bekommen. Er endet mit Beginn meiner Altersrente. Das heißt, er ist kürzer als wie meine befristeten Stellen zum Teil waren. Ich werde im März 2016 65 Jahre alt (Jahrgang 1951) – und dann muss ich ja noch fünf Monate zusätzlich arbeiten. Also ich bin eine ganz normale Altersrentnerin.

ON: Viele Rentner arbeiten ja einfach weiter.

Rosemarie Bork: Das kann man ja nicht so einfach. Man kann zwar unbegrenzt dazuverdienen, weiter Vollzeit arbeiten, als Altersrentner kann man so viel dazuverdienen, wie man will. Wird einem aber auch manchmal, wenn man zu viel verdient, angerechnet. Aber ich war ja wie gesagt in der Vergangenheit öfters arbeitslos, zwar niemals länger als zwei Jahre am Stück, lag immer so kurz darunter, aber es sind natürlich auch Arbeitslosengeld-II-Zeiten dabei gewesen.

ON: Haben Sie abschließend noch allgemeine Tipps, Hinweise, die Sie an Hilfebedürftige weitergeben möchten?

Rosemarie Bork: Allgemein würde ich immer sagen, dass man sich nicht aufgeben darf. Man muss an sich glauben und davon überzeugt sein, dass, wenn man arbeitslos ist, man auch eine neue Stelle findet. Wir machen hier ja auch so einen Gesprächskreis alle 14 Tage, der heißt „Lebensfreude auch in Krisenzeiten“, weil, ob man ein glücklicher Mensch ist oder nicht, ist ja nicht abhängig vom Geld, was man hat, sondern eine Einstellungssache. Deswegen denke ich, dass es am wichtigsten ist, wenn man sich nicht aufgibt. Das ist natürlich sehr schwierig, weil, es gibt ja auch einen sehr engen Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Langzeitarbeitslosigkeit, weil die meisten Menschen sich dann schon irgendwie aufgeben, wenn sie von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

ON: Vielen Dank. Nun haben wir es geschafft.

Rosemarie Bork: Pünktlich zur Mittagspause.

ON: Herzlichen Dank für das umfangreiche Gespräch, Frau Bork.


Weitere Informationen zum ArbeitsLebenZentrum (ALZ) am Johanniskirchhof in Minden findet man auf der Homepage www.alz-minden.de. Die Erwerbslosen-Beratung ist übrigens kostenlos.

Eine Entnahme des o. g. Beitrages, auch nur in Teilen, und/oder Verwendung für eigene Zwecke / Veröffentlichung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion erlaubt. Das Verlinken, Verbreiten u. Ä. über die unten eingebaute Social-Media-Leiste sowie das Mitdiskutieren in Form von Kommentieren ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich gewünscht!


Diesen Bericht teilen: