Ihr Gegenüber ist bald arbeitslos

Max Bahr Mitarbeiter machen auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes aufmerksam

Max Bahr Mitarbeiter machen auf Verlust ihres Arbeitsplatzes aufmerksam - Foto: Namira McLeod
Mit einem handgefertigten Schild machen Max Bahr Mitarbeiter auf den Verlust ihres Arbeitsplatzes aufmerksam – Foto: onm

Auf der Suche nach einem Teppichbodenbelag im Max Bahr Baumarkt in Porta-Westfalica Barkhausen stößt man unübersehbar auf Schilder an jedem Infostand mit der Aufschrift „Ihr Gegenüber ist bald arbeitslos„. Reflexartig blickt man zu dem Menschen hinter dem Informationspult, schenkt ihm oder ihr ein mitleidiges Lächeln und fragt doch gleich freundlicher nach dem gesuchten Gegenstand. Dabei ist doch lt. aktueller Auflistung auf der Max Bahr Sales-Seite der von Schließung bedrohter Baumärkte diese Filiale in Porta-Westfalica eigentlich (noch) gar nicht betroffen.

Denn diese Filiale gehört seit ihrer Eröffnung Ende 1995 zum Kern der angesehenen Max Bahr Gruppe, die auf das Jahr 1879 zurückblicken kann und erst seit 2007 zu „Praktiker“ gehört, und nicht zu einem der umfirmierten „Praktiker“-Märkte. Vorsitzender des Gesamtbetriebsrat ist Ulrich Kruse für dieses Haus in Porta Westfalica, zugleich auch Stellvertretender Aufsichtsrat der insolventen Praktiker AG (s. Artikel des MT). Daher kann es nach aktueller Kenntnis in diesem Baumarkt in Porta-Westfalica vorläufig weiter heißen „Schön, dass Sie da sind“.

Nichtsdestotrotz ist es als vorbildlich anzusehen, auf die bevorstehende Arbeitslosigkeit von rd. 3.600 Mitarbeitern aus 59 Filialen der Max Bahr GmbH & Co. KG deutlich hinzuweisen, um wahrscheinlich den Kunden ein Gespür dafür zu geben, wohin „Schnäppchen“ führen können. Doch als Kunde muss man wahrhaftig kein schlechtes Gewissen beim Einkauf haben, denn die Gründe für die Insolvenz angemeldete Max Bahr Baumarktkette sind ganz woanders zu finden (im Internet recherchiert und zusammengefasst):

Angefangen hat das Desaster mit der Metro AG, die 2002 verschiedene Baumarktketten ankaufte, darunter auch die Praktiker AG, die deutsche Dachmarke der Max Bahr GmbH & Co. KG, die „Praktiker“ zuerst komplett von der Börse nahm (sog. Delisting), dann im Nov. 2005 wieder an die Börse brachte und nur einen Monat später 53 Praktiker-Immobilien an das Immobilien-Investmentunternehmen Curzon Global Partners veräußerte. Im April 2006 verabschiedete sich die Metro AG dann auch vom Rest der „Praktiker“-Baumarktkette. Nach dem Rückzug der Metro AG als Allein- bzw. Mehrheitsgesellschafter in 2005/2006 geriet „Praktiker“ dann in eine existenzielle Krise und schrieb Verluste. (Quelle: Wikipedia)

Zwischenzeitlich warb „Praktiker“ seit 2003 mit dem bekannten Slogan „20 % auf alles – außer Tiernahrung“, welcher jedoch wegen Irreführung der Verbraucher von der Wettbewerbszentrale gerügt wurde, da vor der Preisaktion lt. Testkäufen einige der Artikelpreise erhöht wurden, woraufhin „Praktiker“ erfolgreich vor dem BGH auf Unterlassung verklagt wurde.

Den Rest gab dann im März 2009 die Wirtschaftskrise. Da halfen auch keine 80 Mio. Euro, die „Praktiker“ in Unternehmensberater wie McKinsey u. a. investierte. Am 10. Juli 2013 musste „Praktiker“ Insolvenz anmelden.

Ähnliches passierte auch mit der Max Bahr Baumarktkette, als die Metro AG diese 2007 übernahm. Somit musste auch Max Bahr am 25. Juli 2013 Insolvenz anmelden.

Im Mai 2012 musste dann die Moor Park MB OHG + Co. MB RE KG (kurz: Moor Park MB) aus Schleswig-Holstein, eine deutsche Untergesellschaft der Investmentfirma Moor Park Capital Partners aus London, Insolvenz anmelden, die zentrale Vermieterin der Max Bahr Baumarktkette, die 2007 maßgeblich an der sog. „Sale-and-Lease-Back-Transaktion“ der Max Bahr Kette an „Praktiker“ beteiligt war, geführt von einem Stamm von Mitarbeitern der ehemaligen Max Bahr eigenen Immobiliengesellschaft (s. Artikel Baumarktmanager).

Hauptgläubiger der Moor Park MB ist die Royal Bank of Scotland (RBS).

Als Interessenten für die Übernahme der Max Bahr Baumarktimmobilien kamen nunmehr unter anderem die Hellweg-Baumarktgruppe mit rd. 90 Filialen und die Globus-Baumarktgruppe mit rd. 56 Märkten in Deutschland infrage, wobei „Hellweg“ die bessere Chance erhielt.

Die Gläubigerin RBS will aber der Übernahme nur zustimmen, wenn „Hellweg“ eine Bürgschaft über eine Konzerngarantie der insolventen „Praktiker“-Kette eingeht, also Mietsicherheiten übernimmt, was „Hellweg“ ablehnte. Die RBS ließ auch nicht locker, weil der Insolvenzverwalter der Moor Park MB angeblich weitere Interessenten für einen Großteil der Max Bahr Märkte inpetto hätte. Aufgrund der mangelnden Glaubhaftigkeit dieser Aussage sucht der Insolvenzverwalter der Max Bahr Schwesterngesellschaft „Praktiker“ nun ebenfalls nach Nachmietern. Ob und inwieweit die Global Baumarktkette infrage kommt, bleibt abzuwarten.

Über eins scheinen sich jedoch alle Interessenten einig zu sein: Die Immobilienmietpreise sind viel zu hoch.

Fazit:
Sieht man von den damaligen Börsenspekulationsgeschäften der Metro AG einmal ab, sollte der Vermieter bzw. der Insolvenzverwalter der Moor Park MB einmal darüber nachdenken, die Mietpreise zu senken. Schließlich ist der Leitzins für Kreditgeschäfte – für z. B. Investitionen in Baumarkteinrichtungen – so günstig wie nie. Denn was hat der Vermieter davon, wenn die Einrichtung leer steht? Unter’m Strich: Nichts.

Genauso viel bleibt dann für die Royal Bank of Scotland übrig und die Geschäftsführer der Max Bahr Filialen und letztlich die Angestellten, die dann beim zuständigen JobCenter Schlange stehen und ihre Teppiche aus dem „Zentrallager“ besorgen müssen.

Und die Kunden verlieren „ihren“ lokalen Baumarkt und müssen auf die übrig gebliebenen zurückgreifen.

(Insolvenzverwalter müsste man sein – denn das sind die Einzigen, die daran wirklich verdienen.)

Scan: Namira McLeod; Einkaufschip: All rights reserved by Max Bahr GmbH & Co. KG
Scan: onm; Einkaufschip: All rights reserved by Max Bahr GmbH & Co. KG

In diesem Sinne bleibt nur zu hoffen, dass es in ganz vielen Max Bahr Baumärkten Deutschlands weiterhin lt. ihren Einkaufschips heißen kann: „Erfahrung gibt’s bei uns gratis.“ – wobei die Betonung auf „gibt’s“ liegt.

Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der o. g. Inhalte wird keine Gewähr übernommen. Korrekturen / Ergänzungen per Kommentar werden gern entgegengenommen.


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