Herzlichen Glückwunsch NRW zum 70. Landesgeburtstag

70 Jahre Nordrhein-Westfalen - Vernunftehe "Operation Marriage" - Briten Geburtshelfer bei Landesgründung - offizieller Festakt am 23. August 2016 in Düsseldorf mit Kanzlerin Merkel

Braut in Düsseldorf
Die Ehe zwischen Rheinländern und Westfalen war zwar keine Liebeshochzeit, aber wir stoßen trotzdem an auf den 70. Geburtstag Nordrhein-Westfalens – Symbolfoto: onm

Nordrhein-Westfalen (NRW) feiert am 23. August 2016 den 70. Geburtstag mit einem offiziellen Festakt in der Landeshauptstadt Düsseldorf. Auf Einladung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Landtagspräsidentin Carina Gödecke werden zum Landesgeburtstag Bundeskanzlerin Merkel und Prinz William als Ehrengäste teilnehmen.

Verleihung des Fahnenbandes

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Prinz William
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Prinz William, im Rahmen der Verleihung des Fahnenbandes – Foto: Land NRW, U. Wagner

Nordrhein-Westfalen feiert seinen 70. Landesgeburtstag und Seine Königliche Hoheit Prinz William Arthur Philip Louis, Duke of Cambridge, höchstpersönlich wird daran teilnehmen aus geschichtlichen Gründen. Schließlich haben die Briten maßgeblich zur Vereinigung Nordrheins und Westfalens beigetragen – und damit zur Gründung des Bundeslandes NRW.

Um 17 Uhr geht es los mit der offiziellen Zeremonie. Prinz William wird die 20. Panzerbrigade der britischen Streitkräfte (engl. “20th Armoured Infantry Brigade”) würdigen, indem er der Verleihung des Fahnenbandes des Landes NRW beiwohnt. Die 20. Panzerbrigade, die in Nordrhein-Westfalen stationiert ist, wird das Fahnenband von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft im Rahmen eines feierlichen militärischen Appells entgegennehmen. Dazu wird das sechs Zentimeter breite und 100 Zentimeter lange Fahnenband in den Landesfarben an die Truppenfahne angehängt. Musikalisch umrahmt wird die Zeremonie von der renommierten Militärkapelle Band of the Grenadier Guards.

Danach wird sich Prinz William in das Gästebuch der NRW-Landesregierung eintragen.

Festakt in der Düsseldorfer Tonhalle

Angela Merkel in Minden 2013
Bundeskanzlerin Merkel wird zur 70-Jahr-Feier gratulieren – Archivfoto: onm / Logo: Land NRW

Im Anschluss laden Ministerpräsidentin Kraft und Landtagspräsidentin Carina Gödecke ab 19 Uhr in die Düsseldorfer Tonhalle zum offiziellen Festakt ein. Neben Prinz William werden auch Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zu den Ehrengästen gehören. Zu den geladenen 1500 Gästen des Abends gehören alle Mitglieder des Landtags NRW sowie Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Sport aus Nordrhein-Westfalen und der Bundesrepublik.

Während des Abends sind Reden der Ministerpräsidentin, der Landtagspräsidentin Gödecke und der Bundeskanzlerin geplant. Prinz William wird ein Grußwort halten. Auf dem Festprogramm stehen außerdem mehrere Film-Einspieler des WDR aus der mehrteiligen Doku-Reihe “Unser Land”, in der Nordrhein-Westfalen und seine Menschen im Laufe der Jahrzehnte porträtiert werden. Für die musikalische Unterhaltung am Abend werden das WDR-Symphonieorchester, der Knabenchor Gütersloh, das Chorwerk Ruhr und das Blechbläser-Tentett “BackBlech” sorgen. Moderator des Abends ist Thomas Roth.

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) wird den Festakt ab 20.15 Uhr im TV übertragen. Ausstrahlungen in weiteren TV-Sendungen sind geplant.

Update: Das Land NRW (Fotografen U. Wagner und R. Pfeil) hat nach den offiziellen Feierlichkeiten eine Bildergalerie zur Verfügung gestellt (Bilder von der ON-Redaktion in Größe, Farbe und Kontrast überarbeitet):

“Wir feiern! NRW wird 70”

Nach den offiziellen Feierlichkeiten geht es weiter für alle Bürgerinnen und Bürger. Die Landeshauptstadt Düsseldorf wird vom 26. bis 28. August 2016 zum Schauplatz der größten Open-Air-Veranstaltung in NRW – dem “Nordrhein-Westfalen-Tag”.

Eröffnet wird das bunte Geburtstagsfeier-Bürgerfest am Freitagabend durch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Oberbürgermeister Thomas Geisel. Am Samstag von 11 bis 22 Uhr und am Sonntag von 11 bis 19 Uhr öffnen dann Zelte von vielfältigen Ausstellern. Auf den Themenmeilen präsentieren sich Institutionen des Landes und der Kommunen, Vereine, Verbände, Unternehmen und Organisationen aus unterschiedlichen Bereichen – aus ganz Nordrhein-Westfalen.

Außerdem gibt’s jede Menge Musik und andere Unterhaltung auf 16 Bühnen in 5 Quartieren.

NRW-Tag 2016
Übersichtsplan NRW-Tag in Düsseldorf – Grafik: Land NRW

Mehr Informationen gibt es auf der Website der Stadt Düsseldorf unter der Rubrik “NRW-Tag”.

Und jetzt zum geschichtlichen Teil:

NRW – ein Kind des Kalten Krieges mit Geburtshelfern in London

Nordrhein-Westfalen wurde vor 70 Jahren von Großbritannien gegründet, genauer gesagt von der damaligen Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee, erklärt die Landesregierung. Das NRW-Gebiet gehörte zur britischen Besatzungszone, die den Nordwesten Deutschlands umfasste.

“Nordrhein-Westfalen ist ein Kind des Kalten Krieges”, sagte der Historiker Christoph Nonn. “Die Briten waren die Ersten unter den westlichen Besatzungsmächten, die die Sowjetunion als eine massive Gefahr gesehen haben.” Sie befürchteten 1946 eine kommunistische Unterwanderung des Ruhrgebiets, der damals größten Industrieregion Europas und ehemaligen Waffenschmiede des Nazi-Reichs. Dies wollten die Briten verhindern und starteten eine geheime Aktion:

“Operation Marriage” – keine Liebesheirat von Rheinländern und Westfalen

Am 6. Juni 1946 startete die britische Militärregierung unter dem Codenamen „operation marriage“ (dt.: Operation Hochzeit) eine “Top Secret”-Aktion mit dem Ziel: der Zusammenschluss des nördlichen Teils der preußischen Rheinprovinz und der preußischen Provinz Westfalen.

Doch dies war keine leichte Aufgabe für die fremden Machthaber. Alle politischen, religiösen und regionalen Interessen mussten irgendwie vereint werden. Außerdem hatte die Bevölkerung große Erwartungen: Industrie und Infrastruktur in Deutschland wurden nach dem Krieg weitgehend zerstört und mussten neu aufgebaut werden. Die Lebensmittel- und Güterversorgung war mangelhaft. Vor allem der erste Nachkriegswinter war klirrend kalt – Heizstoffe waren Mangelware.

Und überhaupt: Wie kriegt man die schweigsamen Westfalen und die lebenslustigen Rheinländer unter einen Hut?

Für die britische Besatzungsmacht ging es bei der Schaffung eines großen westdeutschen Landes hauptsächlich um internationale Politik: Die Franzosen sollten beruhigt und die Sowjets ferngehalten werden. Und die Rheinländer und Westfalen sollten sowohl Kohle liefern als auch Demokratie üben.

Von einer “Liebeshochzeit” zwischen Rheinländern und Westfalen konnte also keine Rede sein, eher von Vernunftehe bzw. Zwangsheirat.

Die Geburt des Landes Nordrhein-Westfalen

Es ist furchtbar, aber es geht
Hoffmann und Becker wussten, dass es Probleme geben könnte, wenn Rheinländer und Westfalen zwangsweise zu einem Bundesland vereint werden. (KLICK zum Buch)

Bevor es zu der Eheschließung kam, schufen die Briten zwischen Dezember 1945 und Mitte Februar 1946 durch die Einsetzung zweier Provinzialratsgremien, deren Mitgliederzahl stufenweise bis auf je 100 für Nordrhein und Westfalen erhöht wurde, die Vorstufe für einen gemeinsamen Landtag von 200 Abgeordneten für das neue Land Nordrhein-Westfalen. Die Briten haben damit einen noch nicht gewählten Landtag eingesetzt und an preußische Verwaltungsstrukturen angeknüpft, bevor die ehemaligen preußischen Provinzen in der britischen Zone aufgehoben wurden.

Und damit war es dann soweit: Am 23. August 1946 wurde das Bundesland Nordrhein-Westfalen geboren.

Am Bindestrich kann man also erkennen, dass es sich bei dem “Geburtstag” um den Zusammenschluss von Rheinländern und Westfalen handelt.

Oder wie die Kabarettisten Jürgen Becker und Rüdiger Hoffmann mit dem Titel ihres 1997 erschienenen Buches zu sagen pflegten: „Es ist furchtbar, aber es geht.“

Ausnahme Kreis Lippe: erst 69 Jahre alt

Natürlich gibt es keine Feierlichkeit ohne Ausnahme. Mit etwas Verspätung sollte das ehemalige Land Lippe erst 1947 im Nordosten des Landes dazustoßen und Nordrhein-Westfalen in seiner heutigen Form entstehen.

Das häufig als „Lipperland“ bezeichnete Staatsgebiet des ehemaligen “Freistaats Lippe” ist Teil der historischen Landschaft Westfalens. Geografisch lag der Freistaat größtenteils nordöstlich des Teutoburger Waldes und östlich des Eggegebirges. Das überwiegend hügelige, teils auch stark durchschnittene Gelände zwischen Weser und Eggegebirge wird als “Lipper Bergland” bezeichnet, mit dem Köterberg als höchster Erhebung. Damit zählte das Lipperland im Wesentlichen zum Weserbergland. Landeshauptstadt war zuletzt Detmold.

Erstmals wurden im Jahr 1123 die Brüder Bernhard und Hermann zur Lippia genannt. Hermanns Sohn, Bernhard II., regierte die Herrschaft Lippe von 1167 bis 1194. Ihm folgte sein Sohn Hermann II. 1529 wurde das Haus Lippe zur Reichsgrafschaft erhoben. 1621 teilte es sich in die Linien Lippe-Brake (1709 erloschen), Lippe-Alverdissen bzw. ab 1643 Schaumburg-Lippe und Lippe-Detmold.

1789 wurde die Herrschaft Lippe zum Fürstentum erhoben. Lippe war bis 1806 ein Territorium im Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis des Heiligen Römischen Reiches, von 1806 bis 1813 Teil des Rheinbundes, von 1816 bis 1866 Teil des Deutschen Bundes, ab 1866 Mitglied im Norddeutschen Bund. Von 1871 bis 1908 gehörten die Fürsten zur Lippe als regierende Monarchen des Fürstentums Lippe bis 1918 zu den Bundesfürsten im Deutschen Kaiserreich. Und nach 1919 war Lippe ein demokratisch verfasster Freistaat in der Weimarer Republik.

Lippe
Freistaat Lippe (1815–1945) – Grafik: gemeinfrei, Wikipedia

Doch dann das: 1947 musste das Land Lippe auf Betreiben der britischen Besatzungsmacht seine jahrhundertelange Selbstständigkeit aufgeben und entschied sich für die Eingliederung in das ein Jahr vorher gegründete Land Nordrhein-Westfalen.

Die Vereinigung der Länder trat am 21. Januar 1947 durch die Militärverordnung Nr. 77 in Kraft. Am gleichen Tag löste sich in einer feierlichen Schlusssitzung unter Anwesenheit des höchsten Repräsentanten der britischen Militärregierung für NRW der lippische Landtag in Detmold auf.

Der Kreis Lippe in seiner heutigen Form besteht also erst seit 69 Jahren.

Somit dürften die Lipper bis heute nicht gut auf die Briten zu sprechen sein. Außerdem wehren sie sich mit Händen und Füßen dagegen, am 23. August eines jeden Jahres den Geburtstag Nordrhein-Westfalens mitzufeiern. Denn ihr „Lipperland“ hat eine mittlerweile 893 Jahre alte eigenständige Geschichte aufzuweisen.

Vielleicht kann man sich im Jahr 2023 auf eine große 900-Jahr-Feier des heutigen Kreises Lippe (im Regierungsbezirk Detmold) freuen. Bei der Landesfeier in Düsseldorf sind die Lipper jedenfalls nicht dabei.

Quelle: nrwhistory.de, land.nrw, geschichte.nrw.de, debrige.de, Wikipedia, OctoberNews


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