Glacisbrücke in Minden freigegeben mit Einschränkungen

Gefährlich: Fußgänger und Radfahrer dürfen ab sofort wieder die Glacisbrücke nutzen trotz nur 50-prozentiger Tragfähigkeit - Entscheidung vertretbar?

Wird die wieder freigegebene Glacisbrücke in Minden den Belastungen der Fußgänger und Radfahrer standhalten über die Feiertage? – Archivfoto: onm

Kurz vor Weihnachten erreicht die Mindener Bürgerinnen und Bürger die Nachricht: Die Glacisbrücke darf wieder genutzt werden. Freigegeben von den Städtischen Betrieben Minden (SBM) dürfen ab sofort Fußgänger und Radfahrer wieder die beliebte Fußgängerbrücke über der Weser zwischen Parkplatz Kanzlers Weide und Innenstadt passieren – trotz nur 50-prozentiger Tragfähigkeit. Eine gewagte Entscheidung?

„Wir haben intensiv an einer Lösung gearbeitet, damit die Mindenerinnen und Mindener die Weser wieder passieren und Kanzlers Weide direkt erreichen können“, betont Peter Wansing, Betriebsleiter der SBM. Was natürlich auch im umgekehrten Fall gilt: von Kanzlers Weide die Innenstadt Mindens zu erreichen. Aber die Städtischen Betriebe, die für den Erhalt der Brücke verantwortlich sind, machen deutlich, dass es sich „nur um eine 50-prozentige Tragfähigkeit“ handelt.

So erklären die Verantwortlichen der SBM, dass die Glacisbrücke zwar für den normalen Fußgänger- und Radfahrerverkehr freigegeben sei, aber keine schweren Reinigungsfahrzeuge und andere Kraftfahrzeuge die Brücke befahren dürften. Daher werden direkt vor den beiden Brückenaufgängen je zwei Betonhindernisse aufgestellt.

Weiter heißt es vonseiten der SBM, es dürften keine großen Menschenansammlungen wie bei Großveranstaltungen stattfinden. Silvesterraketen von der Brücke aus abschießen oder das Neujahrsschwimmen von oben beobachten müsste demnach ins Wasser fallen und die Brücke für die Zeit konsequenterweise geschlossen werden. Doch davon ist in der aktuellen Pressemeldung der Stadt Minden nichts zu lesen – ganz im Gegenteil:

„Wir haben uns mit dem Büro Schlaich Bergermann und Partner und mit der Firma DYWIDAG auf diese Variante geeinigt, denn eine Brückensperrung bis in das Frühjahr 2018 war für uns nicht vertretbar“, unterstreicht Friedrich Lange, der bei den SBM für die Brücken zuständig ist.

Ist diese Entscheidung wirklich vertretbar?

Zumindest hat sich etwas getan seit unserem Bericht vom 15. November. So klärte bereits einen Tag später – somit erst zwei Monate nach der Schadensmeldung und Bekanntmachung der Brückenschließung – die Stadt Minden über die beabsichtigten Instandsetzungsarbeiten auf sowie darüber, dass die SBM und die „beauftragten Experten mit Hochdruck an einer schnellen Lösung arbeiten“ würden. Doch nun erläutern die SBM:

„Die vorhandenen Ankerstäbe, die bereits im vorderen Teil ausgebohrt wurden, werden aufgemufft, mit einer weiteren kurzen Ankerstange verlängert und nach einer teilweisen Vorspannung mit neuen Schraubenverbindungen versehen. Je nach Temperatur und Witterung soll die Brücke im Mai oder Juni 2018 noch einmal für rund eine Woche gesperrt werden, um die neuen Ankerstangen einzubauen.

Beim Ausbohren der Ankerstangen stellten sich allerdings in den vergangenen Wochen erhebliche Schwierigkeiten ein – die Ankerstangen hatten nicht den genauen Verlauf, wie in den alten Zeichnungen eingetragen. Witterung, Temperatur und Hochwasser sorgten für weitere Unterbrechungen. Die neuen Ankerstangen müssen bis vier Meter in das Brückenwiderlager eingebohrt und mit zwei-komponentigem Epoxidharz vergossen werden. Dieses Material reagiert jedoch nur bei höheren Temperaturen. Somit könnten die Arbeiten erst wieder im Mai bzw. Juni 2018 erfolgen.“

Wie schon mit Pressemeldung der Stadt Minden vom 16. November wird erneut erklärt, dass „die Instandsetzung der Anker sehr umfangreich wäre und auf einer Länge von vier Metern die alten Ankerstangen aus dem harten Beton ausgebohrt und durch neue ersetzt werden müssten“.

Aber jetzt kommen auch Namen ins Spiel: Das Stuttgarter Ingenieurbüro Schlaich Bergermann und Partner habe die Berechnungen für die Instandsetzungsarbeiten sofort durchgeführt (irgendwann zwischen September und November – die Angaben wurden an eine Fachfirma weitergeleitet). Und die Ausführung der Arbeiten wurde durch die Fachfirma DYWIDAG beauftragt, die vor 25 Jahren die Anker ebenfalls in den Brückenwiderlagern eingebaut habe und international tätig sei (und am 10. November vor Ort war, um den Schaden zu begutachten laut Pressemeldung der Stadt Minden vom 16. November).

Zudem bestätigt die Stadt Minden und die SBM nun, dass „Anker gerissen“ waren – und zwar kurz vor dem 11. September 2017 (vermutlich am 8. September) bei einer routinemäßigen Schadensanalyse, in der mithilfe von Hydraulikpressen die Festigkeit überprüft und in einem Zugversuch mit der Kraft an jedem Anker gezogen wurde laut Ausführungen der Stadt und der SBM. Seit diesem Tag an ist die Glacisbrücke gesperrt.

Wenn wir die Informationen aus den Pressemeldungen der Stadt Minden vom 11. September, 16. November und 20. Dezember dieses Jahres zusammenfassen mit der Meldung von Nico Ohlemeyer vom 8. November, dass „an der Glacisbrücke ein weiterer Schaden entdeckt“ wurde, dem Post von Jürgen Schnake vom 10. November, dass „jüngst neue Fehler und Zeitverzögerungen bei den Mindener Brücken bekannt“ wurden sowie den Beobachtungen der von uns befragten Obdachlosen vom 13. November, die sahen, „wie Fachleute an den Bolzen rumschraubten, wahrscheinlich, um die circa 10 cm dicken Stahlseile zu spannen“ und „plötzlich einen lauten Knall und laute Aufschreie hörten, als würde gleich die Brücke zusammenfallen“, bleibt unserer Meinung nach nur eine Schlussfolgerung:

Die Glacisbrücke muss weiter geschlossen bleiben, bis der Schaden behoben ist. Schon allein aufgrund der nur 50-prozentigen Tragfähigkeit.

Nicht auszumalen, was passieren kann, wenn gerade jetzt vor den Feiertagen aufgrund des geöffneten Mindener Weihnachtsmarkts und der wahrscheinlich ansteigenden Weihnachtsgeschenke-Einkäufe sowie zu Silvester und zum Neujahrsschwimmen, wo die wohlgemerkt „Fußgängerbrücke“ (warum wird diese bisher von Fahrzeugen befahren?) gern genutzt wird als Schauplatz über der Weser, die Brückenseile reißen oder die Brücke gar komplett einstürzt. Immerhin gibt es genug Besucher, die über die geringe Tragfähigkeit der Brücke gar nicht Bescheid wissen werden, wenn sie vor Ort sind, oder auch Leute, die die Empfehlungen der SBM einfach missachten. Wer trägt dann die Verantwortung? Wir sagen nur: Loveparade Duisburg 2010.

Textquelle: Pressestelle Stadt Minden, Umformulierung/Ergänzung: OctoberNews


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