„Es dauert sehr lange, bis man jung wird“

In eigener Sache: Ich als Online-Redakteurin gehöre jetzt zur 50+ Generation

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Jau, auch ich hab’s geschafft, 50 zu werden.

So, nun ist es passiert, liebe Leserinnen und Leser, auch ich als Online-Redakteurin gehöre ab sofort der 50+ Generation an. Heute vor 50 Jahren wurde ich in die große weite Welt geboren, habe seitdem eine Menge erlebt und bin kein bisschen leise.

„Jo, Hammer“, würde Torsten Sträter (der Mann im Comedy-Sessel mit seinem genialen Poetry-Wahn) sagen, der dem gleichen Jahrgang 1966 entspringt. Ich halte da es eher mit Pablo Picasso, ebenfalls am 25. Oktober geboren: „Es dauert sehr lang, bis man jung wird.“ Das trifft in meinem Fall so ziemlich auf den Punkt. Zur Erklärung:

Wahrhaftig kann ich von einem bewegten Leben sprechen. Als erstes (uneheliches und einziges weibliches) Kind von dreien aus dem Leib meiner (damals sehr jungen) Mutter geschlüpft, verbrachte ich meine (beschwerte) Kindheit in sieben verschiedenen Bezirken West-Berlins sowie zu Ferienzeiten in Alicante, Spanien. Im Gegensatz zu meinen Brüdern, die ich beide sehr vermisse, kann ich nur einen von drei (Stief-) Vätern, mit denen ich aufwuchs, als „Papa“ bezeichnen.

Entsprechend gestaltete sich auch meine Jugend bis ins Erwachsenenalter. Von ständig wechselnden Jungs- und später Männerbeziehungen getrieben – was auch meiner damals sehr schlanken, attraktiven Figur zu verdanken war -, verschlug es mich abends in die Tanzschule und nachts in sämtliche Diskotheken Berlins. Die restliche Zeit verbrachte ich mit Tagebücher schreiben (anfangs per Hand, später auf der Schreibmaschine), Musik vom Plattenspieler und Kassettenrekorder hören sowie Keyboardspielen.

Für meine Eltern war ich eine Musterschülerin (immer fleißig, intelligent, lernbereit), weshalb man mich aufs Gymnasium schicken und mich studieren sehen wollte. Klappte nur nicht, weil meine rebellische Ader durchkam, echte Berliner Schnauze halt. So fing ich als Jugendliche mehrere Ausbildungen an, beendete sie aber nicht, weil meine Neugierde auf Neues immer überwog. Schließlich scheiterten zwei Ehen und ich fiel zwei Gewaltverbrechen zum Opfer, sah dem Tod ins Auge. Dann kam der Spruch eines Berliner Möbeldesigners: „Sie sind einen Tag zu spät geboren. Wären Sie einen Tag vorher zur Welt gekommen, wären Sie beruflich erfolgreich. So aber kann ich Sie nicht einstellen, das wäre geschäftsschädigend.“

Dass Frauen soundso keine Karriere machen, erfuhr ich dann später, schon gar nicht mit Kind. Denn ich entschied mich gegen den Willen der Familie für die Geburt meiner wunderschönen Tochter. Als alleinerziehende Mutter schlug ich mich dann zu zweit durchs Leben. Ein Kindergartenplatz musste praktisch erzwungen werden, weil ich meine Arbeitsstelle als Verkäuferin, dann Verwaltungsangestellte bei der Oberfinanzdirektion nicht aufgeben wollte. Weil eine Kollegin mich rausmobbte, erdreistete ich mich als Mutter eines Kleinkindes auch noch, eine Lehre als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte (kurz: ReNo) nachzuholen und erfolgreich abzuschließen sowie in einer Kanzlei zu arbeiten.

Doch meine Neugierde auf Neues überwog wieder. So bewarb ich mich erfolgreich in Stuttgart um eine ReNo-Stelle, entschied mich aber für ein Leben in (meiner Lieblingsstadt) Köln, wo ich ein Schreibbüro im Homeoffice gründete, das ich 15 Jahre lang hauptberuflich führte, mit dem Verdienst: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Meine mittlerweile erwachsene Tochter ist in Köln geblieben, mich hat’s (über Umwege wie Bückeburg und Luhden) schließlich in die Weserstadt Minden verschlagen – also in die ungefähre Mitte zwischen Köln und Berlin.

Warum? Weil ich den Weg in den Journalismus gefunden habe – angefangen mit Bürgerberichten im Schaumburger Wochenblatt, über MyHeimat-Artikel bis zu Honorarberichten in anderen Blogs und schließlich als freie Journalistin für eine bekannte lokale Mindener Zeitung. Diese ließ sich jedoch eher von einem Werbekunden und einem Pfarrer „Geschichten“ erzählen, als dass sie mich als Mitarbeiterin unterstützte. Also gründete ich mein eigenes lokales Medium: OctoberNews – ein unabhängiges Online-Magazin. Geführt vom Homeoffice aus. Den Rest kennen Sie ja. :o)

Ach ja, nebenbei pflanzte ich einen Pflaumenbaum in einem Berliner Park, rettete einen Hamster, den ich im Hausflur fand, pflegte das Kaninchen meiner Mutter, das mir die Möbel anfraß, zog ein Taubenküken groß, dass in Nachbars Garten aus dem Nest stürzte, musste meine 13 Jahre alte Katze begraben, las einen verwirrten alten Mann auf der Straße auf und brachte ihn ins Krankenhaus zurück, brachte zwei türkische Streithähne im Kampf um einen Pkw-Parkplatz zur Ruhe, und rettete einem Radfahrer das Leben.

Ab sofort gehöre ich aber zur 50+ Generation. Eigentlich ein schöner Gedanke, denn die wird ja gefördert, heißt es. Nur die Wirklichkeit sieht anders aus. Junge, dynamische Menschen sind gefragt – möglichst Studenten, Praktikanten oder Auszubildende. Klar, die kosten dem Arbeitgeber nicht so viel, sind noch ein wenig naiv, aber eifrig bei der Sache, leben noch im Elternhaus oder kriegen BAföG (eines meiner Reizthemen: über die jährliche Erhöhung staatlicher Unterstützung wie BAföG regt sich keiner auf, aber über Arbeitslosengeld-II-Empfänger – weil die Studenten ja so fleißig sind und die HartzIVer so faul, oder?!).

Wer wie ich seit so vielen Jahren selbst und ständig tätig ist, vom Homeoffice aus arbeitet, (fast) alles alleine bewältigt und auf die Beine stellt, Lebenserfahrung hat und weiß, wie Behörden, Ämter, Arbeitgeber ticken, wird nicht gern genommen – man könnte als 50-Jährige ja Ansprüche stellen, kritisieren (auf Deutsch: die Klappe aufreißen), Ideen einbringen, die womöglich alles durcheinanderbringen könnten im Betrieb. Und jetzt ist auch noch die Zeit der Integration von Flüchtlingen gekommen und viele Firmen gehen pleite oder ins Ausland, die Robotik nimmt Arbeitsplätze weg, der lokale Einzelhandel klagt über Internetkäufe und die Presse über Bürgerjournalismus und mangelnde Zahlungsbereitschaft.

Outsourcing sei das neue Zauberwort (praktiziere ich seit über 10 Jahren). Informatik muss zum Pflichtfach werden an Schulen (hatte ich schon vor 35 Jahren in der Realschule). Man muss dem Kunden wieder näherkommen (jau, waren viele Firmen jahrzehntelang ganz weit weg). Deutschland hat das digitale Zeitalter schlichtweg verschlafen. Und nun? Was wird aus mir in der 50+ Generation?

Ich will „eigentlich“ Abgeordnete werden. Die Unfähigkeit der deutschen Politiker geht mir schlichtweg auf den Sack – insbesondere Merkel und Nahles. Frauenquote erfüllen ist ja gut und schön, aber nicht mit einer Bundeskanzlerin, die Atomkraftwerke am Laufen hält, weil die Lobby das so will, und Millionen von Flüchtlingen ins Land holt, aber Null Plan hat (was schwer an den Berliner Mauerfall erinnert), und nicht mit einer Arbeitsministerin, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hat, aber HartzIVern (also Menschen, die jahrelang gearbeitet haben, arbeitslos wurden und keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt kriegen) das Existenzminimum beraubt und den Jobcentern immer mehr Hintertürchen für Willkür öffnet. Keine Ahnung, wie man es schafft, Abgeordnete zu werden, aber wenn ich es schaffen sollte, kann ich wenigstens von Lebens- und beruflicher Erfahrung zehren.

Doch bis dahin bleibe ich weiterhin als freie Online-Redakteurin tätig und suche mir Jobs als freie Journalistin. Denn Journalismus (inklusive Fotografie) ist zu meiner Leidenschaft geworden. Es dauert halt, wie Picasso treffend ausführte, sehr lange, bis man jung wird. Und jetzt wird gefeiert …


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