Entdeckt: Oberer und Unterer Eisenhammer in Exten

Wenn Hämmer auf Eisen treffen - Deutscher Mühlentag 2019 entführte in den größten Ortsteil von Rinteln und in die letzten Hammerschmieden Norddeutschlands

Meisterschmied Siegward Kretzer geht auch nach fast 70 Jahren im Betrieb in Deckung, wenn der große Hammer schwingt – Fotos: onm

Wer auf Metall, lautes Hämmern, Wasserkraft und historische Geschichte steht, ist beim Industriemuseum Unterer Eisenhammer und Oberer Eisenhammer in Exten genau an der richtigen Stelle. Mitglieder des Heimatvereins und der Schmiedemeister höchstpersönlich zeigten am Deutschen Mühlentag 2019 in Rinteln, wo der Hammer hängt.

Ab und an lässt er sich blicken, schmiedet, was das Zeug hält und radelt wieder nach Hause. Siegward Kretzer, Blankschmied, Meister seines Fachs und Besitzer der Hammerschmiede ‚Unterer Eisenhammer‘ in Exten, kennt jeden Winkel seines ehemaligen Betriebs. „Am 28. August 1950 habe ich bei meinem Vater angefangen“, erwähnte er stolz am Nachmittag des Pfingstmontags, während er sein Fahrrad festhielt. Und dann war er auch schon wieder weg. Dabei haben der Meister und die Eisenhämmer doch so viel zu erzählen.

So etwa könnte es damals ausgesehen haben, wenn Vater (hier Siegward Kretzer) und Sohn (hier ein Mitglied des Heimatvereins) über die Arbeit im Unteren Eisenhammer fachsimpelten – ein Handwerksbetrieb, der bis heute vollständig erhalten blieb

Als Junge im zarten Alter von 14 Jahren im Handwerksbetrieb seines Vaters, Johann Peter Kretzer, arbeiten zu dürfen, der den Unteren Eisenhammer im Jahre 1746 gründete – das war sicher noch was. Zumal nur in Exten derartige Schmieden im niedersächsischen Raum existierten, einst sieben an der Zahl, die ihre produzierten Stahlwaren in ganz Nordwestdeutschland verkauften. Die Besonderheit: Die Schmiedehämmer wurden mit Wasserkraft über Mühlenräder angetrieben.

Doch wie so viele Handwerksberufe starb auch der Beruf des Blankschmieds aus. Gartengeräte aus Stahl wie Schaufeln, Spaten, Beile, Hacken oder Sensen zu schmieden, schärfen und blank zu schleifen, wurde im 19. Jahrhundert von modernen Industriemaschinen übernommen. Außerdem wollte Siegward Kretzers Sohn den Betrieb nicht übernehmen und ein anderer Nachfolger fand sich nicht, verriet einer der Männer. Der handwerkliche Betrieb wurde 2004 eingestellt.

Von außen fast unscheinbar, zeigt sich im Innern des Unteren Eisenhammers eine vollwertig ausgestattete Hammerschmiede, die bis 2004 noch in Betrieb war

Das konnten die Mitglieder des Heimatvereins Exten nicht auf sich sitzen lassen. Der ‚Verein für Heimatpflege und Kultur e.V. in Exten‘ hat im Jahr 2005 den Unteren Eisenhammer (in dem bis 2004 die Familien Kretzer und Rieke gemeinsam schmiedeten) und in den Jahren 2011 bis 2013 den Oberen Eisenhammer samt Inventar gepachtet, um sie als Industriemuseum zu erhalten. Schließlich handele es sich um die letzten Hammerschmieden Norddeutschlands, wovon nur noch eine, die von Kretzer, voll funktionstüchtig ist.

Der ‚Obere Eisenhammer‘ befindet sich seit 1842 im Besitz der Brüder Karl und Wilhelm Wille und steht rund 800 Meter oberhalb des Unteren Eisenhammers entfernt am Ende der Straße Ossenbeeke. Dieses historische Gebäude, das im Unteren Eisenhammer als Modell gezeigt wird, enthält zwei wichtige, zusammenwirkende Bauteile, die namensgebendes Merkmal der Hammerschmieden sind: ein funktionierendes Wasserrad und den mit Wasserkraft angetriebenen ‚Schwanzhammer‘ (heißt wirklich so, dazu weiter unten).

Wolfgang Ehrich, leidenschaftlicher Hobbyschmied, der von Anfang an bei der Erhaltung und dem Betrieb des Industriemuseums dabei ist, übernimmt dabei die Rolle des Meisterschmieds und hat schon so manche Live-Vorführungen hinter sich gebracht. So auch am Deutschen Mühlentag 2019. Nach einem Rundgang durch Kretzers ‚Eisenfabrique‘ mit ihren beeindruckend großen Schmiedehämmern, Ambossen, Stanzen, Pressen, Schleifscheiben, Öfen, Bohrmaschinen und zahlreichen Handwerkzeugen schmiedete er vor den Augen der staunenden Besucherinnen und Besucher mindestens eine Gartenhacke. Eine schweißtreibende Arbeit, die mehrere Arbeitsgänge und Helfershelfer aus dem Heimatverein erforderte.

Schweißtreibend auch deshalb, weil der Ofen zum Erhitzen des Roheisens und zwischen den verschiedenen Arbeitsschritten glühte. Der eine oder die andere Besucher/in musste zudem im Auge behalten werden, wenn das „heiße Eisen“ durch die engen Gänge zur nächsten Werkbank geschwungen wurde. Und das musste ziemlich schnell passieren, bevor sich das zu bearbeitende Werkstück abkühlt.

Aber jetzt kam der ‚Chef‘, Meister Kretzer, höchstpersönlich vorbei und schwang die Hämmer. Zuerst den Fallhammer, bei dem er ganz schön am Riemen reißen musste und ordentlich Staub aufwirbelte, wie man im nachfolgenden Handyvideo (gedreht von unserem freiwilligen Helfer Joachim G.) sehen kann.

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Dann ging’s ans Eingemachte. Der mächtig große Federhammer im hintersten Raum kam zum Einsatz. Mit einem Fallgewicht von bis zu 120 Kilogramm, von Blankschmied-Meister Kretzer in Gang gesetzt, prallte der riesige Hammer mit lauten Schlägen immer wieder auf das kleine Stück Metall, bis es platt wie eine Flunder war und einer Fischflosse glich (siehe dazu auch unser Hauptvideo unten). Die Halterung für den Stiel war bereits geschmiedet, sodass das Werkstück mit einer Zange gut gehalten werden konnte, um daraus einen Spaten zu formen – im Sitzen, mit langgestreckten Armen, wie auf unserem Titelfoto zu sehen.

Oberer Eisenhammer in Exten mit Wassermühle anno 1745

Spätestens jetzt bekam jeder Respekt vor diesem ehrwürdigen Handwerksberuf, der Jahrhunderte überdauerte und allein in dem damals rund 800-Einwohner-Dorf Exten 115 Männern Arbeit verschaffte, die jährlich bis zu 900 Gartenwerkzeuge herstellten. Auch in drei Messerfabriken fanden um 1850 etwa 90 Handwerker Lohn und Brot. Mit Einsetzen der Industrialisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts war aber auch dort Sense. Um 1910 schlossen die letzten beiden Fabriken. Von der einst blühenden Eisenindustrie in Exten blieben nur die zwei Eisenhämmer übrig.

Womit wir beim Oberen Eisenhammer wären, der zwar nicht so spektakulär wie sein ‚Kumpel‘ unten im Dorf daherkommt, dafür in idyllischer Hanglage liegt und edler Herkunft ist. Um 1745 von den hessischen Landgrafen angelegt, verweilt das noch erhaltene Fachwerkgebäude der Schmiede seit 1803 im Durchbruchtal der Exter auf einem flachen Talboden am Rande des lippischen Keuperberglands zwischen den Hängen des Kehl im Westen und dem Tauberberg im Osten. Die Brüder Wille produzierten hier bis 1970 täglich um die 70 bis 80 Spaten für den Bedarf der landwirtschaftlich geprägten Grafschaft Schaumburg.

Als Besonderheit kann man in dieser Schmiede erleben und nachvollziehen, wie ein historischer ‚Schwanzhammer‘ mit seinem langen Pfosten, der Vorläufer der Federhämmer, über das Wasserrad, das von der Exter gespeist wird, angetrieben wird. Wie das Ganze aussieht und klingt, zeigen wir im folgenden Video:

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Der Hammer wurde vom Heimatverein Exten in den letzten Jahren rekonstruiert und das alte Wasserrad durch ein neues aus Eichenholz mit 24 Corten-Stahl-Schaufeln ersetzt. Zudem treibt eine massive Wasserradwelle mittels Kettenantrieb und Getriebe einen 2-Kilowatt-Permanentmagnet-Generator zur Stromerzeugung an. Energie aus Wasserkraft also, die allzu oft unterschätzt wird, obwohl allein im Jahr 2017 weltweit Wasserkraftwerke fast 1154 Gigawatt erzeugten (lt. einem Bericht in der Zeitschrift CHIP Wissen, Ausgabe 3/2019).

Original Extenia Spaten

Nicht zu verachten ist auch der mannshohe Schleifstein (der wie ein Mühlenstein aussieht), die historische Doppel-Esse (Feuerstelle), der von der Decke hängende große Blasebalg, die große Standbohrmaschine und letztlich die vom Nagel über Kettenglieder bis zum Gartengerät zahlreich handgeschmiedeten Werkzeuge im Oberen Eisenhammer. Bereits 1979 erkannte nach Aussage des Heimatvereins ein leitender Landesbaudirektor, dass „das Objekt für den Weserraum ein äußerst wichtiges Leitfossil der Technikgeschichte darstellt.“ Das fand auch in seinem Gutachten Erwähnung. Schon von außen macht das Gebäude eben richtig was her.

Zuguterletzt konnten es sich die Gäste bei Bratwurst und Getränken im Freien gemütlich machen am Unteren Eisenhammer, mit den Vereinsmitgliedern ins Gespräch kommen, ein paar ausgestellte historische Traktoren bewundern, einen Film anschauen über die Entwicklung des Unteren Eisenhammers oder einfach die umliegende Landschaft von Exten erkunden – ein Ort, „wo viele wohnen wollen, weil die Verkehrsanbindung so gut ist“, meinte ein Anwohner.

Im Übrigen bietet der Heimatverein noch heute „Original Extenia“-Spaten für 45 Euro und Gartenhacken für 39,50 Euro an – aus „hochwertigem Stahl, garantiert aus einem Stück geschmiedet, nicht geschweißt und nicht genietet“ – „vom Guten das Beste“ eben.

Doch jetzt zu unserem Hauptvideo vom Wirken des 83-jährigen Meisters und von seinen ‚Gesellen‘ im Unteren Eisenhammer:

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Und weil ein Besuch im Industriemuseum Exten einfach sehenswert ist, da es hier noch viel mehr zu entdecken gibt (Öffnungszeiten, Eintrittspreise, Führungen kann man beim Heimatverein Exten anfragen), legen wir noch eine ordentliche Schippe Fotos obendrauf:

Quelle: Wikipedia ‚Unterer Eisenhammer‘, Wikipedia ‚Eisenhammer‘, Wikipedia ‚Oberer Eisenhammer‘, Rinteln.de ‚Industriemuseum, OctoberNews


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