Entdeckt: Historisches Herrenhaus in Südhemmern

Architektonisches Prunkstück im Kreis Minden-Lübbecke, was man nicht von der Hauptstraße aus sehen kann

Herrenhaus Südhemmern
Die “Villa” von der Rückansicht, die sich als Herrenhaus Südhemmern entpuppte – Fotos: onm

Man muss schon mal vom Weg abkommen, um dieses architektonische Prunkstück zu entdecken: das Herrenhaus von Südhemmern – ein denkmalgeschütztes Gebäude von 1886 im Stil des Klassizismus.

Auf dem Weg zur Alten Zigarrenfabrik im Hiller Ortsteil Südhemmern erstarren wir plötzlich bei einem flüchtigen Blick nach links. Was ragt denn da für eine große Villa hinter der Wiese hervor? Die muss alt sein, sehr alt. Ist sie überhaupt noch bewohnt? An dem schönen großen Apfelbaum lehnt eine Leiter und auf der Wiese spielt gerade ein kleines Mädchen mit ihrer Katze. Dieses alte Haus hat uns neugierig gemacht.

Da der erste Anblick “nur” die Rückfassade des Gebäudes zeigt, wollen wir auch sehen, wie die Villa von vorne aussieht. So kurven wir durch die Siedlung, um irgendwie zum Haupteingang zu gelangen. Zuerst halten wir an einer kleinen Zauntür, die mit Büschen zugewuchert ist und einen Blick in den Garten gewährt. Das Gebäude sehen wir aber immer noch von hinten. So kurven wir weiter im Kreis und landen tatsächlich an einer breiten offenen Einfahrt mit zwei steinernen Pfosten und schmiedeeisernen Gattern, aber ohne Eingangstor (das ist wohl irgendwann ausgehängt worden).

An dem linken Pfosten ist ein Firmenschild von “EMSV Elektrotechnik” und ein “Denkmal”-Wappen angebracht, an dem rechten Pfosten die Hausnummer 15. Geradezu steckt vor einem alten Baum und einer alten Standlaterne ein Schild im Boden “Vorsicht Hund”, weshalb wir uns zuerst nicht auf das Grundstück trauen. Auch die zwei roten Punkte, auf Fußhöhe angebracht, an den beiden Pfosten der Einfahrt könnten auf Sensoren schließen, die eine Alarmanlage auslösen könnten, wenn wir das Grundstück betreten.

Aber apropos “trauen”, tatsächlich findet sich ein hinter dem rechten Pfosten noch ein Schild mit der Aufschrift “Standesamt”. Alles deutet also darauf hin, dass das Gebäude noch belebt wird. Da wir auf Nummer sicher gehen wollen, lesen wir erst einmal das wohl schon etwas ältere Informationsschild vor dem Grundstück, worauf unter anderem vermerkt ist, dass interessierten Besuchern der Hof offen steht, um das Haus von außen zu besichtigen. Wir sind interessiert und betreten ehrfürchtig den verhältnismäßig kleinen Hof. Glücklicherweise ist kein Wachhund in Sicht.

Es erwartet uns im Gegensatz zur Rückfassade eine prunkvolle Frontfassade im Stil des Klassizismus mit angesetzten Säulen im römischen Stil, Frauenköpfen, Blumen und floralen Mustern. Über eine vierstufige Steintreppe neuerer Bauart gelangt man zum Eingangsportal, das großartige Holztüren mit schmiedeeisernen Gittern vor den eingesetzten Scheiben zeigt. Das Gitter an der linken Tür zeigt ein Oval mit den Initialen “LM” (sieht auf den ersten Blick wie “AH” aus), das Gitter an der rechten Tür ein Oval mit der Jahreszahl “1886”.

Da wir ja spontan hinfuhren, blieb uns ein Blick in die Räumlichkeiten leider verwehrt. Denn da das Haus noch von den Eigentümern selbst bewohnt wird, sind Innenbesichtigungen nur nach telefonischer Absprache möglich. Daher fassen wir nachfolgend Informationen von dem Tourismus-Schild vor dem Grundstück und recherchierte Informationen aus dem Internet zusammen:

Es handelt sich hier um ein historisches denkmalgeschütztes Herrenhaus (Schloss), das im Jahr 1886 im Stil des Klassizismus von Colon Ludwig Meyer erbaut wurde, einem damaligen Abgeordneten des vierten Standes im Preußischen Reichstag (Landtag) in Berlin. Der Bauherr wurde wahrscheinlich durch seine Aufenthalte in Berlin und Potsdam inspiriert. Die Anschrift des Gebäudes lautet: Zum Wasserwerk 15, 32479 Hille-Südhemmern (Kreis Minden-Lübbecke, Nordrhein-Westfalen, Deutschland), Tel.: 05703/3908.

Das Herrenhaus Südhemmern befindet sich seit seiner Erbauung in Familienbesitz. Durch Einheiraten ist der Name Meyer verloren gegangen, doch der meyersche Hausname Scheibe / Schewe ist bis heute erhalten geblieben. Familie Vormschlag bewohnt das Erdgeschoss des Gebäudes, wobei Heinrich Vormschlag einer der Nachfahren des Colon Ludwig Meyer ist und Inhaber bzw. Gründer des oben genannten Elektrotechnikbetriebes “EMSV Elektrotechnik” bzw. “Heinrich Vormschlag Elektroinstallation”. Das Obergeschoss steht wohl teils als Ferienwohnung und teils als Mietwohnraum zur Verfügung.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Gebäude immer mal wieder umgebaut, insbesondere Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1970er Jahren. Dabei sei es auch zu Bausünden gekommen, denn auf die alte Bausubstanz konnte damals (vermutlich aus finanziellen Gründen) teilweise keine Rücksicht genommen worden. Er und seine Ehefrau Bärbel ließen zwar auch die maroden Holzfenster gegen moderne Kunststofffenster austauschen, doch die Fensterkreuz-Gestaltung wurde nicht verändert.

Früher wurde auf dem Gelände von Urahne Heinrich Ernsting eine Konservenfabrik betrieben, später diente das Gebäude als sog. “Zapp”-Fabrik, in der Rübensaft hergestellt wurde, und als Kartoffeldämpferei. Was die Familiengeschichte an sich angeht, hat man wohl die zahlreich vorhandenen Unterlagen, Tagebücher, Urkunden und Gerichtsschriften, die sich über die Jahrzehnte angesammelt haben, noch nicht geordnet und ausgewertet. Ahnenforschung sei wohl nie ein großes Thema gewesen in der Familie.

Doch es existiert eine nette überlieferte Anekdote:

“Als der König von Preußen einmal Minden besuchte, dachte Ludwig Meyer daran, den König in Südhemmern zu empfangen und zu beherbergen. Der König aber stieg dann doch lieber in Minden (in der Kaiservilla) ab. Vielleicht war ihm Südhemmern doch zu abgeschieden.”

Seit 2009 steht das Herrenhaus, was auch “Schloss” Südhemmern genannt wird, für Hochzeiten zur Verfügung. Das Standesamt kann etwa 15 Personen fassen. Durch das Foyer gelangt man ins historische Esszimmer der Familie Vormschlag, das für jede Hochzeit zum “Trauzimmer” wird. Auffällig sind wohl die getäfelten und Stuckdecken, die genau wie die Frontfassade, die Türen und das gedrechselte Holzgeländer der Treppe unter Denkmalschutz stehen. Dann existieren wohl noch eine Uhr aus dem Jahre 1891, ein Schrank im Biedermeierstil und eine Truhe aus dem 18. Jahrhundert.

Ansonsten haben sich die Eigentümer des Hauses dem Verein Herrenhäuser und Parks im Mühlenkreis e. V. angeschlossen, die sich die Pflege, Erhaltung und Entwicklung von historischen Herrenhäusern und Parks zur gemeinnützigen Aufgabe gemacht haben. Am “Tage der Herrenhäuser” gibt es Führungen und kulturelle Veranstaltungen sowie geführte Bus- und Radtouren.

Nun aber zu unserer Bildergalerie:

Textquellen: Hille.de, mt.de, outdooraktive.com, versch. Internetquellen, siehe auch Verlinkungen


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