Einsätze hautnah erlebt beim 1. Berufsfeuerwehrtag in Minden

Feuer löschen, Menschen und Tiere retten - Kinder und Jugendliche durchlebten 24-Stunden-Alltag einer Berufsfeuerwehr bei der Löschgruppe Haddenhausen

Mädchen und Jungs der Jugendfeuerwehren Haddenhausen und Dützen probten am ersten Berufsfeuerwehrtag in Minden aktiv den Ernstfall, aber mit Spaß an der Sache – Fotos und Video: onm

„Weil’s Spaß macht.“ So einfach lautet die Antwort der Kinder und Jugendlichen aus Minden, die sich bei den Jugendfeuerwehren engagieren – auch wenn’s brenzlig wird, wie beim ersten „Berufsfeuerwehrtag“ der Löschgruppe Haddenhausen.

Wenn der Gong drei Mal läutet und die Durchsage kommt, heißt es: Alles stehen und liegen lassen und auf zum Einsatz. Auch wenn der Magen knurrt und der Duft von Pizza verführerisch lockt. Rund 30 Mädchen und Jungen erlebten vergangenes Wochenende hautnah den Berufsalltag bei der Feuerwehr und was es heißt, 24 Stunden lang einsatzbereit zu sein.

Ingo Steinhauer, Sprecher der Freiwilligen Feuerwehren Minden, und Brandoberinspektor Jürgen Stockmann von der LG Haddenhausen, freuen sich über die rege Teilnahme am Berufsfeuerwehrtag

Ingo Steinhauer (42), Sprecher der Freiwilligen Feuerwehren Minden, kam extra vorbei, um sich persönlich ein Bild von der besonderen Veranstaltung zu machen, die erstmals von den Jugendgruppen Haddenhausen und Dützen der Freiwilligen Feuerwehr Minden unter Leitung von Brandoberinspektor Jürgen Stockmann (49, Löschgruppenführer  der LG Haddenhausen) und seinem Sohn Renè (20) organisiert wurde. Und der Plan ging auf, den 10- bis 18-Jährigen einen 24-Stunden-Ablauf einer Berufsfeuerwehr so echt wie möglich nachzuempfinden.

So musste der Nachwuchs um 8.30 Uhr morgens sein Nachtquartier aufbauen (große Zelte), wurde eine Stunde später eingeteilt, wer welche Position einnimmt, „büffelte“ Theorie, bevor es an die Einsatzbesprechung mit Fahrzeugkunde (Bestückung der Rüstwagen und Gerätefunktionen) ging, und wurde wie seine erwachsenen Vorbilder aus dem Schlaf gerissen, um Leib und Leben zu retten. Angefangen mit dem Einsatz Katze auf Baum galt es, den aufgeregten Besitzer zu beruhigen, Passanten zu betreuen und die Leiter an den Baum anzulegen, um das „kratzige Plüschtier“ unbeschadet in Sicherheit zu bringen. Für den nächsten Einsatz musste die selbstgemachte Pizza leider im Ofen warten: Ein Gemeindehaus hat gebrannt und drei Personen wurden vermisst. Was für eine schreckliche Vorstellung. Nur gut, dass es sich um Übungen handelte.

Aber die Pizza musste „in echt“ wieder aufgewärmt werden, war halt vorher keine Zeit zum Essen – die Arbeit geht vor. Jetzt noch ein bisschen Tischtennis spielen und das schöne Sommerwetter im Freien genießen … wenn da nicht schon wieder der nächste Einsatz wäre. Bei dem war unsere Redakteurin dabei – und der ging ja gut los, wie man in unserem Video erkennen kann:

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„Einsatz für die Fahrzeuge MIN 15 HLF 10 und MIN 15 MTF. Unklare Rauchentwicklung im ….weg …zwanzig“, heißt es in der Durchsage (Straße und Hausnummer unkenntlich gemacht). Wobei die erste Bezeichnung für „Minden / Einsatzort Haddenhausen / Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug 10“ steht und der Sprinter mit der Bezeichnung „MTF“ für Mannschaftstransportfahrzeug. Jetzt war Action angesagt:

Eine Gruppe von Kindern, Jugendlichen und Einsatzleitern zog im Eiltempo ihre Arbeitskleidung über und schwang sich in die zwei Fahrzeuge. Anschnallen, Sirene an und los ging die Fahrt. Auf dem Beifahrersitz saß Evelyn. Die 13-Jährige engagiert sich seit dem letzten Winter bei der Freiwilligen Feuerwehr, „weil’s Spaß macht“ und man sich „freiwillig engagieren“ kann. „Ich hab’s ausprobiert, zwischendurch aufgehört und bin jetzt wieder dabei“, erzählte sie stolz. Auch der 10-jährige Robin, der diszipliniert auf dem Rücksitz Platz nahm, war schon letztes Jahr dabei und erklärte: „Ich hab’s mir überlegt und es macht mir halt Spaß.“

Auslöser war ein Brandherd in der Küche, der für Qualm aus dem Küchenfenster sorgte (hier bildhaft dargestellt)

Obwohl die Fahrt nur rund anderthalb Minuten dauerte und Gruppenleiter René Stockmann sich auf den Verkehr konzentrieren musste, fand er Zeit für die Beantwortung der Fragen seiner aufmerksamen Beifahrerin. Zum Beispiel bedeute „unklare Rauchentwicklung“ nicht etwa gleich Feuer, sondern nur, dass „einer Rauch gesehen“ habe. Genauso war es auch. Am Einsatzort eingetroffen mussten sich die jungen Einsatzkräfte den Qualm, der aus dem Küchenfenster drang, zwar nur bildlich vorstellen (ein Einfamilienhaus wurde für den Übungszweck zur Verfügung gestellt), aber genauso Hand anlegen, als ob es sich um einen echten Einsatz handeln würde. Und der lief wie folgt ab:

Alles raus aus den Wagen und antreten zur Einsatzbesprechung mit dem Gruppenführer, wer welche Tätigkeit übernimmt. Während die einen mit dem aufmerksamen Nachbarn, den Betroffenen und neugierigen Passanten sprachen, holten die anderen bereits die Wasserschläuche, Verbindungsstücke und den mobilen Hydranten aus dem HLF, der in einer Seitenstraße an gekennzeichneter Stelle (Schild „H 80“ auf dem Fußgängerweg) angeschlossen wurde. Die zahlreichen Wasserschläuche wurden ausgerollt und zur Verlängerung untereinander verbunden. Wichtig dabei ist, den Anwohnern Bescheid zu geben, dass Wasser aus dem Hydranten abgezapft wird, und das Dreckwasser aus dem Hydranten abzulassen, bevor der Befehl „Wasser marsch!“ kommt. Denn gelöscht wird nur mit klarem Trinkwasser.

Vor und nach jedem (Übungs-) Einsatz steht immer eine Einsatzbesprechung mit dem Gruppenführer an

Doch das frische Nass, das bei rund 25 Grad im Schatten sicher auch für Abkühlung unter der dicken Arbeitskleidung gesorgt hätte, kam nicht zum Einsatz. Denn fiktiver Auslöser war lediglich eine Bratwurst, die auf der Pfanne angebrannt ist. Der fiktive Qualm löste den Rauchmelder aus und drang aus dem Küchenfenster, was der Nachbar beobachten konnte und eben die Feuerwehr anrief. Sprich: Hier war nichts zu retten – die heiße Pfanne wurde bereits vom Herd genommen und gut ist.

Aber jetzt ging die Arbeit für die Feuerwehrleute erst richtig los: Die mit Wasser prall gefüllten, und damit schweren Schläuche mussten alle wieder abgekoppelt, das Wasser im Graben entleert und die dann platten Schläuche zusammengerollt und im Einsatzwagen verstaut werden. Ein Junge schleppte den schweren Hydranten, der vorher abgeschraubt wurde, zum Wagen zurück. Nicht geplant tauchte zwischenzeitlich auch noch ein Pkw in der Seitenstraße auf, der vor dem mit Wasser gefüllten Feuerwehrschlauch stand. Also schickte der Gruppenführer zwei Jugendliche vor, die zwei hölzerne Schlauchbrücken aus dem Einsatzwagen holten und im zum Fahrzeug passenden Abstand über den Schlauch legten. Nun konnte der Pkw den Schlauch unbeschadet überfahren – und die Brücken mussten wieder abgebaut und ebenfalls verstaut werden (siehe unten in unserer Bilderstrecke).

Von Straße zu Straße rennen, Schläuche verlegen und vieles mehr meisterten die Kinder und Jugendlichen der Jugendfeuerwehren bei glühender Sommerhitze in voller Montur

Zufrieden mit dem erfolgreich verlaufenden Einsatz gab es noch letzte Hinweise vom Gruppenführer, und die Rückfahrt zur Feuerwache konnte angetreten werden. Nun könnte man annehmen, dass die fleißigen Kinder und Jugendlichen der Jugendfeuerwehren Haddenhausen und Dützen erschöpft und müde von den körperlichen Aktivitäten und der Hitze direkt ins Bett fallen. Falsch gedacht. Verteilt übers Gelände wurden erst mal Getränke ausgeteilt, Smartphones aktiviert und die Pärchen unter ihnen waren Arm in Arm auf „Kuschelkurs“.

Druckschläuche verbinden den Kompressor mit den Bremsen, um den Druck von 8 Bar dauerhaft halten zu können

Allerdings sollte der nicht lange währen, klärte Brandoberinspektor Stockmann am Samstagnachmittag auf und flüsterte ins Ohr: „Die erholsame Nachtruhe im Zeltlager wird bis zum Morgengrauen andauern. Um 6 Uhr ertönt wieder der Alarm. Nachgestellt wird ein Verkehrsunfall mit zwei Pkws, der sich in einer engen Straße ereignet. Ein Pkw nahm dem anderen die Vorfahrt. Dabei wurde ein Fahrradfahrer gestreift und landete irgendwo im Graben. Die Suche muss gestartet werden.“ Eine nachgestellte Unfallszene, wie sie nur allzu oft in Wirklichkeit vorkommt. Schließlich geht es darum, den Kindern und Jugendlichen den echten Arbeitsalltag der Berufsfeuerwehr näherzubringen. „Morgen früh gegen 10 Uhr ist aber Feierabend“, versicherte er.

Beim Übungseinsatz am Sonntagmorgen waren wir nicht dabei, erfuhren von Steinhauer und Stockmann aber noch eine Menge Informationen zur Technik, Ausbildung und zu vergangenen Einsätzen der Freiwilligen Feuerwehren. Als besonders schwerwiegenden Fall haben sie beide den Einsatz am Mindener Hafen in Erinnerung, der sich am 12. Juli 2017 ereignete. 18 Rettungskräfte wurden bei der Explosion einer Jacht verletzt, so Steinhauer. Sie alle bekommen bis heute PSU (Psychosoziale Unterstützung). Einen von ihnen traf es besonders schwer: Er befand sich auf dem Schiff, als es explodierte und meterhoch durch die Luft schleuderte. Vermutlich durch die Druckwelle wurde er unter Wasser gedrückt und das zertrümmerte Schiff fiel auf ihn drauf. Er leide auch ein Jahr später noch unter seinen Verletzungen.

Ziemlich dreist waren hingegen Einbrecher, die vom 3. auf den 4. Juni 2018 die Tür vom Rolltor der Wache Haddenhausen aufbrachen und wohl gezielt ein 25.000 Euro teures hydraulisches Rettungsgerät (Zange, mit der man Fahrzeuge aufschneiden kann, um eingeklemmte Personen zu retten) stahlen, um es für andere Einbruchszwecke zu missbrauchen. Stockmann zeigte auf den Leerraum im Einsatzwagen und betonte, dass seine Einheit nun solange keine Hilfe bei entsprechenden Verkehrsunfällen leisten könne, bis das Ersatzwerkzeug beschafft ist. In dem Zusammenhang erklärte er ein Geräusch, das aus der Garage drang. „Das kommt vom Kompressor. Die Bremsen der Einsatzwagen müssen dauerhaft einen Druck von 8 Bar haben. Deshalb die vielen Druckschläuche.“ Auf die Bezeichnung 5 Bar auf der Fahrertür aufmerksam gemacht, handele es sich hier um den Reifendruck. Das darf man nicht verwechseln.

Einer der Jüngsten schraubte den Hydranten fest

Als Feuerwehrmann oder -frau muss man sich also auf unterschiedlichste Gefahrensituationen gefasst machen und über eine ganze Menge technisches Wissen verfügen. Eine zweijährige Grundausbildung zum Feuerwehreinsatz bei der Freiwilligen Feuerwehr stärke aber das Bewusstsein und fördere den Automatismus, erklärte Steinhauer. Auf Deutsch: Je öfter man etwas einübt, desto eher reagiert man in bestimmten Situationen richtig. Bei besonders schweren Vorfällen, zum Beispiel Unfällen mit Verkehrstoten, werden die Jungen und Mädchen der Jugendfeuerwehr aber außerhalb des Gefahrenbereiches und vor allem außer Sichtweite gehalten.

Der „lästige“ Teil der Ausbildung darf natürlich auch nicht vernachlässigt werden: die Theorie – vom Eignungstest über Prüfungsfragen, Dienstvorschriften bis hin zu aktuellen Änderungen im BHKG (Gesetz über den Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz) in puncto Datenschutz, das seit 25. Mai auch die Freiwillige Feuerwehr betrifft.

Apropos Gesetz: Von der neuen Landesregierung Nordrhein-Westfalen (NRW) unter CDU und FDP seit Mai 2017 wurde in der Laufbahnverordnung das Abgangsalter der Feuerwehrkräfte mal eben von 63 auf 67 Jahre erhöht, erklärte Stockmann und meinte: „So kann man die Anzahl an Abgängen verringern.“ (ON: Besser gesagt, manipulieren. Für’s Schönrechnen sind Landes- und Bundespolitiker in Deutschland ja schon lange bekannt).

So, zurück zur angenehmen Seite. Wie schon im Vorbericht angekündigt und nach den positiven Eindrücken beim ersten Berufsfeuerwehrtag in Minden, können wir jungen Menschen, die schon immer mal reinschnuppern wollten, mit gutem Gewissen anraten: „Meldet euch bei den Freiwilligen Feuerwehren und macht mit!“ Warum? „Weil’s Spaß macht.“ So einfach ist das.

Das sind die jungen und älteren Helden der Freiwilligen Feuerwehr Minden bei der Löschgruppe Haddenhausen zur Premiere des Berufsfeuerwehrtages 2018. Ihr seid nicht drauf? Tja, nur wer mitmacht, kommt auf’s Gruppenfoto. ;o)

Immer noch nicht überzeugt? Dann legen wir noch die vollständige Bilderstrecke vom Berufsfeuerwehrtag 2018 obendrauf:

Jetzt aber los! Alle Informationen und Kontaktmöglichkeiten zu den Jugendgruppen und Löschgruppen (LG) der Freiwilligen Feuerwehren Minden findet man auf der Webseite der Feuerwehr Minden.


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