Ein Morgen mit Theater-Regisseur Schynol in Minden

Warum eine verkokelte Tür im Fort A an einen "Penner" erinnert und die Tucholsky-Bühne zur Boulevard-Komödie "Unser bestes Stück" einlädt - ein Interview

Eduard Schynol, Vorsitzender der Tucholsky-Bühne und Theater-Regisseur, gibt Einblick ins Mindener Amateurtheater – wer die Schöne an seiner Seite kennenlernen will, sollte sich selber auf den Weg ins Fort A machen, zum Beispiel am 7. Juli zu „Unser bestes Stück“ – Fotos: onm

22 Jahre auf und hinter der Tucholsky-Bühne in Minden wirken – das hat den Vorsitzenden und Theater-Regisseur Eduard Schynol geprägt. Die neueste Boulevard-Komödie „Unser bestes Stück“ erinnert deshalb an die „Leiden und Klischees von Amateurtheatern und den ewigen Kampf mit dem Gesangsverein um den Probenraum“. Die Hauptrolle spielt ein Schrank, seine Regierolle wird zum Hausmeister „Leo“ und eine Bus-Attrappe am Ende des mit sieben Laien-Darstellern besetzten Stücks darf auf keinen Fall fehlen.

Die Komödie „Unser bestes Stück“ von Autor Hugo Rendler wurde zwar schon an zahlreichen Amateurtheatern Deutschlands in den letzten Jahren aufgeführt, bekommt unter Regie von Schynol zwischen den historischen Festungsmauern des Fort A aber eine grandiose Kulisse. Im Grunde geht es in dem Stück darum, den berühmten Schrank, der auf keiner Theaterbühne fehlen darf, einmal wegzulassen. Doch irgendwie klappt das nicht und alles spielt an einer Bushaltestelle. Die Besucherinnen und Besucher der Tucholsky-Bühne können sich auf schwarzen Humor und amouröse Verstrickungen freuen. Premiere war am 30. Juni und weiter geht’s ab 7. Juli 2018.

Doch zurück zu Eduard Schynol, der – empfohlen von Veranstalter Klaus Fuhse – so begeistert von unserem Bericht über das Muckertreffen 2018 war, dass er uns am Morgen des 25. Juni dazu einlud, etwas über die Geschichte der Theatergruppe zu erfahren und hinter die Kulissen zu schauen:

Vom „Pauker“-Stück zum Theaterverein

Zuerst einmal sollte man wissen, dass es sich bei der Tucholsky-Bühne um einen gemeinnützigen Theater-Verein handelt, entsprungen als reines Lehrer-Ensemble, das am 27. September 1996 zum zehnjährigen Jubiläum der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule in Minden Lieder und Texte von Kurt Tucholsky vortrug. Schynol war einer dieser „Pauker“ an der Gesamtschule. Niemand der Beteiligten dachte damals daran, dass sich daraus eine Theatergruppe bilden könnte, der sich im dritten Jahr Schüler und Eltern anschlossen und später Leute aus der ganzen Stadt.

Wer das Tor zur Tucholsky-Bühne und damit zum Fort A betritt, darf sich immer auf überraschend gute Darbietungen freuen

Im Jahr 2001 entschlossen sich die Theaterfreunde dann zu einer Vereinsgründung. Angefangen mit zwölf Mitgliedern, kann der Tucholsky-Bühne e.V. inzwischen 363 Mitglieder zählen – darunter ein Stamm von rund 40 Aktiven, die sich unter anderem um das Bühnenbild, die Technik, Kostüme und Maske in Eigenleistung kümmern.

Bevor sie jedoch in das Fort A einziehen konnten, zogen sie erst mal um die Häuser: Sie spielten zum Beispiel im Botanischen Garten, im Bergwerk die „Nibelungen“, im Theater Café, im Rathaus und im Puff. Richtig gelesen. Mittendrin im bekanntesten Bordell Mindens, im „Rampenloch“ an der „wohl ältesten Laufstraße Mindens“ (das seit März 2018 der Vergangenheit angehört) wurde unter Regie von Schynol zum 1200. Jubiläum der Stadt „Rampenloch – er nun wieder. Ein Mindener Heimatspiel“ aufgeführt, das in der neuen Fassung „Rampenloch – ten years after“ eben zehn Jahre später zum 250. Jahrestag der Schlacht bei Minden am Originalschauplatz gespielt wurde.

Seit 10 Jahren Theater im Fort A

Im Jahr 2008 war es schließlich soweit: Nach zwölf Jahren „Umhergetingel“ konnten sie die Festungsmauern des historischen Fort A mit dessen Innenhof „belagern“.

Auch Unkrautverbrennen gehört zur Pflege des Innenhofs der Tucholsky-Bühne, die Theatervorsitzender Eduard Schynol gern selbst übernimmt

Ursprünglich errichtet wurde die Festung (eine von dreien in Minden) 1849 von den Preußen zur Verteidigung des Mindener Bahnhofs. „Denn Soldaten konnte man gut mit dem Zug transportieren, also musste der Bahnhof verteidigt werden“, erklärte Schynol. „Später wurde es zum Lazarett umgebaut, dann zum Hotel für durchreisende Soldaten, anschließend zum Ausbildungsbataillon für Soldaten, bis es zum Schrottplatz in der Nazizeit verrottete. Dann hat man das Öl frei laufen lassen, weshalb in den 1980er Jahren die Stadt Minden hier Millionen von Kubikmeter Erde abtragen ließ.“ Zudem wurde das Fort als Lager für das Mindener Museum genutzt, und das Preußen-Museum sollte damals hier eingerichtet werden. Außerdem wäre das Fort A früher fünf Mal größer gewesen als heute, doch der Zahn der Zeit nagte an dem äußeren Gemäuer.

Letztlich stand es 15 Jahre lang leer, bevor die Theatergruppe mit Vereinskräften den Schutt rausschaffte, die Elektro- und Toilettenanlage einbaute, einen Brunnen bohren ließ und den notwendigen Brandschutz herstellte. Davon abgesehen muss die Anlage regelmäßig von Staub und Unkraut befreit werden. Doch Schynol nimmt es mit einem Lächeln und sagt:

„Das Fort hat einfach solange gewartet, bis es seine wahre Bestimmung gefunden hat.“

Eigentlich ein schöner Schlusssatz, wenn da nicht die weiteren Details wären, die der 66-jährige Theaterregisseur aus Porta Westfalica mitteilen möchte, zum Beispiel, dass er seit 19. Juni „zum ersten Mal Opa“ geworden ist. Sein Enkelkind heißt „Tom“. Na also, für einen Nachfolger ist schon mal gesorgt, wenn er sich später fürs Theaterleben interessieren sollte.

Das erste Stück, was in der neuen Kulturstätte 2008 aufgeführt wurde, war übrigens „Mutter Courage“. Und 2017 erhielt die Tucholsky-Bühne sogar einen Ehrenamtspreis von der Stadt Minden, weil sie seit über 22 Jahren das Mindener Kulturleben bereichere – „mit ganz besonderen Inszenierungen und hoher Qualität“ (siehe Webseite der Stadt Minden). Die Urkunde hängt eingerahmt an der Wand in der Bar im Kellergeschoss – und das hat es in sich:

Gemälde von Künstler Ababacar Diallo, die seine Heimat widerspiegeln

Gefühlte zwei Kilometer lang ziehen sich durch das hufeisenförmige, kühle Gewölbe zahlreiche alte Räume, die praktisch noch im Rohzustand sind, aber gefüllt mit jede Menge Material, was ein Amateurtheater so braucht: für den Bühnenaufbau, die Beleuchtung, die Kostümierung, die Gestaltung und vieles mehr. Auch gibt es eine Probebühne und weitere Räume dienen als Lager sowie Rückzugsort für Musiker und Tänzer, die die Tucholsky-Bühne durch ihre Konzerte bzw. Auftritte bereichern.

So fand beispielsweise zu Pfingsten dieses Jahres „A Day of Country“ statt (siehe unser Bericht) und am 18. August 2018 von 18 bis 24 Uhr wird zum vierten Mal in Folge der Mitternachtsmarkt im Fort A (bei freiem Eintritt) veranstaltet, der sich umlaufend auf rund 100 Meter erstreckt. Besucher erwartet im Untergeschoss zudem eine gemütliche Bar und zahlreiche Sitzgelegenheiten in romantisch mit Kerzen beleuchteter Atmosphäre.

Hier macht Schynol auf den aktuell ausstellenden Künstler Ababacar Diallo und seine farbenprächtigen Bilder aufmerksam, die man im Fort bewundern kann. Diallo wurde 1991 in einem kleinen westafrikanischen Dorf in Guinea geboren und ist – nachdem seine gesamte Familie verstorben war – im März 2014 nach Deutschland gekommen. Mit der Hoffnung, hier in Frieden und ohne Gewalt leben zu können. Die Gemälde würden seine Erinnerungen an Afrika widerspiegeln.

Erinnerung an einen „Penner“

Erinnerung an einen „Penner“ und eine Reliquie aus der Anfangszeit

Apropos Gemälde: Zu unserem Erstaunen wurde eine Stahltür zum Notausgang im Fort A mit einem Mann, der einem Raum durch eine Holztür den Rücken zukehrt, Badelatschen und bunten Nähgarnrollen bemalt. Daneben steht die gleiche Tür „in echt“ an die Wand gelehnt. Schynol klärte auf: „Als wir 2008 einzogen, hat hier ein ‚Penner‘ geschlafen in dem Raum hinter der verkokelten Tür. Immer, wenn wir am Tage etwas aufgebaut hatten, hatte er es über Nacht kaputt geschlagen. Da wir aber weitermachten, hielt er es nur noch zehn Tage aus, dann ist er gegangen. Zurück blieben eine schwarze Plastikplane, ein paar Badelatschen und merkwürdigerweise buntes Garn.“

Das Gemälde an der Tür und die Originaltür mit ihren verkokelten Ecken als Reliquie erinnern bis heute daran, obwohl man den Obdachlosen nie gesehen habe, aber sich ihn so vorstelle. Nachtragend sei man auch nicht. Schließlich habe man ihn wahrscheinlich aus „seinem Zuhause“ vertrieben.

Tucholsky-Bühne sucht Jugendliche, die mitmachen!

Auch wenn Hans Luckfiel (66 Jahre, Bühnenbildner, Print-Designer, Homepage), seine Frau Thea Luckfiel (Amateur-Schauspielerin, organisiert Mitternachtsmarkt), Maike Costanzo (zweite 1. Vorsitzende, Schneiderin), Annette Duwenkamp-Bütow (2. Schneiderin, Winter-Assistenz) und Neuzugang Allegro Sprute (16 Jahre, aus Peru, Start-up-Finalist) sowie alle anderen Vereinsmitglieder alles geben, um das Theater im Fort am Laufen zu halten, fehlen Jugendliche (und Männer seien soundso immer Mangelware) an der Tucholsky-Bühne, die sich für mindestens ein halbes Jahr festlegen wollen. Also …

… wer jung ist und Lust auf Theater hat, kann sich jederzeit melden! Einfach über die Kontaktseite der Tucholsky-Bühne antexten!

Neue Vereinsmitglieder sind selbstverständlich genauso jederzeit willkommen (siehe Rubrik „Verein“ auf der u.g. Website). Mitglieder der Tucholsky-Bühne erhalten zu allen Veranstaltungen der Tucholsky-Bühne freien Eintritt und können sich online Plätze reservieren.

Besucher und Theaterliebhaber erwartet im Winter (Januar/Februar) 2019 übrigens ein besonderes Highlight. Doch wir wollen noch nicht zu viel verraten und sagen an dieser Stelle Danke an den sympathischen Theaterregisseur Eduard Schynol für das großartige Montagsgespräch.

Veranstaltungsort:
Tucholsky-Bühne im Innenhof des Fort A
Festungsstraße 2, 32423 Minden (Google Maps)

Alle Theater- und Veranstaltungstermine sowie weitere Informationen und Eintrittspreise findet man auf der Website www.tucholsky-buehne.de.


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