Ehrlicher Flüchtling aus Minden im Medienrummel

Syrischer Flüchtling, der 50.000 Euro Bargeld und Sparbücher im gekauften Kleiderschrank fand und meldete, wurde von TV-Sendern interviewt - AfD Bayern betreibt Hetze

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Nach dem stattlichen Fund und Abgabe an die Ausländerbehörde der Stadt Minden stellte sich der 25-jährige Flüchtling aus Syrien gelassen den bundesweiten Medien – Fotos: Detlef Müller

Nachdem ein 25-jähriger Flüchtling aus Syrien, der in der ostwestfälischen Stadt Minden unterkam, ein nicht unerhebliches Vermögen von 50.000 Euro in Bar und Sparbücher mit einem ausgewiesenen Guthaben von rund 100.000 Euro in einem käuflich erworbenen Kleiderschrank fand, stellte er sich am 29. Juni 2016 gefasst dem bundesweiten Medienrummel. Mehrere Fernsehsender interviewten den jungen Mann am Großen Domhof vor dem Bürgerbüro in Minden.

Aus seinem Heimatland Syrien geflohen, kam der 25-jährige Mann, dessen Namen wir trotz Bekanntheit auch an dieser Stelle nicht preisgeben, nach Deutschland und wurde im November 2015 der Stadt Minden zugewiesen, wo er – nach wohl zwischenzeitlichem Aufenthalt in einer Notunterkunft – eine Wohnung erhielt. Da diese noch eingerichtet werden musste, kaufte er sich einen gebrauchten Kleiderschrank, der durch eine karikative Einrichtung geliefert wurde.

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Der ehrliche Finder demonstrierte am 29. Juni, wie der „doppelte Einlegebogen“ konstruiert war

Was die Einrichtung wohl nicht wusste: In diesem befand sich in einem doppelten, verschraubten Einlegebogen (genauer Spanplatte unter Einlegebogen) versteckt einhundert neuwertige 500-Euro-Scheine sowie mehrere Sparbücher im Wert von rund 100.000 Euro einer der Polizei Minden-Lübbecke mittlerweile bekannt gewordenen Person, die jedoch nicht an die Öffentlichkeit treten möchte. Nach einer Internetrecherche wurde dem jungen Mann bewusst, dass es sich um „echtes“ Geld handelt, und er meldete den Fund bei der zuständigen Ausländerbehörde. Diese informierte umgehend die Polizei, deren Beamte sogleich Geld und Sparbücher sicherstellten sowie eine Pressemeldung am 28. Juni 2016 herausgaben, in der sie dem ehrlichen Finder gegenüber Respekt zollten (siehe auch unser Vorbericht).

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Eine Kamerafrau filmte ganz nah Einlegebogen und Sperrholzplatte, zwischen denen das Geld und die Sparbücher versteckt waren

Schnell machte die Nachricht die Runde und verbreitete sich in den bundesweiten Medien wie ein Lauffeuer, was nicht nur auf Fürsprecher stoß. Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) Bayern beispielsweise nahm die erfreuliche Nachricht zum Anlass, Hetze gegen die Medien zu betreiben, weil sie meinte, Ungereimtheiten entdeckt zu haben. Denn einige Medien berichteten von einem 50.000-, andere von einem 150.000-Euro-Fund. Was beides im Grunde genommen der Wahrheit entspricht, denn 50.000 Euro Bargeld plus rund 100.000 Euro Sparbuchguthaben ergeben summa summarum einen Fund im Wert von rund 150.000 Euro. So kam es jedoch zu der folgenden gezeigten Hetzkampagne auf der Facebook-Seite der AfD Bayern vom 29. Juni 2016, 05.55 Uhr, die bereits 2.195 Mal von Usern mit „gefällt mir“ bewertet und 3.535 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 30.06.2016, 15.11 Uhr) und hemmungslos kommentiert wurde:

Flyer AfD Bayern
AfD Bayern nutzt erfreuliche Nachricht über Fund des Flüchtlings für Hetzkampagne gegen Medien – Quelle: Facebook-Seite AfD Bayern

Viele der Medien klärten mittlerweile das „Missverständnis“ auf. Einige Fernsehsender machten sich am 29. Juni sogar auf den Weg nach Minden und wollten den ehrlichen Finder selbst kennenlernen.

SAT.1, WDR Bielefeld, ZDF, N-TV / VOX / RTL und andere große Medien interviewten und filmten den 25-jährigen zwei Stunden lang hintereinander weg am Großen Domhof vor dem Mindener Bürgerbüro, erzählte Detlef Müller in einem Telefonat. Der 58-Jährige ist ja in Minden bekannt für seine Aktivitäten für und mit insbesondere syrischen Flüchtlingen. Durch Zufall hatte er am Vormittag des 29. Juni bei einem Besuch im Rathaus mitbekommen, dass um 16 Uhr SAT.1 eintreffen wird, und war vor Ort mit seiner Fotokamera.

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Zahlreiche Fernsehsender-Teams drehten am Großen Domhof in Minden die für viele Menschen unglaubliche Geschichte des ehrlichen Finders und filmten auch Stadtangestellte

„Es war ein großer Medienauflauf. Und es wurde nichts gestellt“, hatte Müller den Eindruck und erklärte weiter: Ursprünglich wollte SAT.1 die Aufnahmen in der Wohnung des Flüchtlings drehen. Doch Mindens Pressesprecherin Susann Lewerenz wies dies aus Schutzgründen der Privatsphäre zurück. Zudem standen die Integrationsbeauftragte Sewin Aro, Integrationsvorsitzender Kameran Ebrahim, Polizeipressesprecher Ralf Steinmeyer und eine Sprachlehrerin dem 25-Jährigen zur Seite, damit alles so „rechtmäßig wie möglich“ ablief.

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Polizeipressesprecher Ralf Steinmeyer nahm den 25-Jährigen in Schutz

Den „Held des Tages“ selbst beschreibt Müller als ruhig, sympathisch und zurückhaltend. Er beantwortete besonnen und geduldig alle Fragen der Reporter – meist auf Englisch. Der WDR hatte außerdem das Interview in Arabisch aufgenommen. „Manchmal guckte er rüber“, erzählte Müller, so als ob er gerade etwas überfragt wäre. Ansonsten habe der 25-Jährige den Medienrummel gut gemeistert.

Betonen möchte Müller, der sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Thema Flüchtlinge auseinandersetzt, dass das Land Syrien als eine der fortschrittlichsten Staaten Arabiens galt wegen der sehr modernen Entwicklung. Im Nahen Osten habe man stets auf das Land hochgeblickt. „Syrer sind meist sehr gebildet“, erklärte er. „Sie fliehen nicht wegen Armut, sondern wegen des Krieges.“

Eine kleine Anekdote vom 29. Juni konnte er am Telefon auch erzählen: „Zwei bis drei junge Moslems kamen vorbei und fragten mich: Sag mal, hättest du das Geld abgegeben?“

Fernseh-/Videoberichte:
Einen der aufgezeichneten Video-Berichte findet man im SAT.1 Frühstücksfernsehen (siehe in der „Playlist“ unter dem Titel „Syrer gibt 150.000-Euro-Schatz zurück!“ bzw. „Ehrlicher Finder gibt Schatz zurück“). Des Weiteren hat WDR Lokalzeit ein Video auf Facebook veröffentlicht.

Quelle: Detlef Müller, AfD Bayern, OctoberNews, Informationen des 25-jährigen Syrers


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