Ehrlicher Flüchtling aus Minden erhält statt Finderlohn Waren

Flüchtling, der im Schrank 50.000 Euro Bargeld und Sparbücher im Wert von 100.000 Euro fand und meldete, erhält statt 4500 Euro Finderlohn nun Waren im Wert von 1500 Euro

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Der ehrliche syrische Flüchtling aus Minden, der einen enormen Bargeldfund meldete, ging gottesfürchtig in sich am 28. Juni. Doch gefällt ihm auch der Gedanke, dass die Stadt Minden den Wert der gefundenen Sparbücher ignoriert? – Archivfotos: Detlef Müller

Ein Thema, das alle ehrlichen Finder angeht. Vor zwei Wochen wurde er noch als „Held des Tages“ in allen Medien gefeiert, der 25-jährige syrische Flüchtling aus Minden, der in einem Kleiderschrank 50.000 Euro Bargeld und Sparbücher mit einem Guthaben von rund 100.000 Euro fand und ehrlicherweise der Ausländerbehörde meldete. Doch anstatt 4500 Euro Finderlohn soll er nun Waren im Wert von 1500 Euro erhalten.

Die Polizei Minden-Lübbecke lobte den jungen Mann aus Syrien, der in der ostwestfälischen Stadt Minden sein neues Zuhause gefunden hat, für sein vorbildliches Verhalten. Der Eigentümer des Geldes und der Sparbücher war rasend schnell gefunden. Gefeiert wurde er mit einem großen Medienauflauf vor dem Mindener Rathaus. Diskussionen entstanden im Internet. (Siehe dazu unsere Berichte vom 28. Juni 2016 und 30.06.2016).

Warum sein vollständiger Name in den Medien veröffentlicht wurde, ist für uns bis heute nicht nachvollziehbar. Wir geben ihn jedenfalls nicht preis und nennen ihn „M.“, um das Lesen zu erleichtern. Aber durch seine Bekanntheit erhielt unsere Redakteurin die Gelegenheit, mit ihm vom 30. Juni bis 18. Juli 2016 persönlich ins Gespräch zu kommen über private Chats und sich selbst einen Eindruck von seinem Charakter zu machen:

Schon nach den ersten zwei Minuten stellte sich heraus, dass M. mit der deutschen Sprache schon gut vertraut ist, zumindest was das Verstehen von Texten angeht. Denn kaum hatte unsere Redakteurin ihn in Englisch begrüßt und die Links zu den zwei Berichten übermittelt, schon antwortete er mit „Vielen Danke“ und bemängelte den ersten Fehler, der in allen Medienberichten gemacht wurde: „Aber ich habe die Kleiderschrank gekauft.“ Tatsächlich war von der ersten Polizeimeldung bis in alle Medienberichte von einem „gespendeten“ Kleiderschrank die Rede. Das korrigierten wir sofort in beiden Berichten und erhielten prompt ein Dankeschön von M.: „Thanks for your truth“ (dt.: Vielen Dank für Ihre Wahrheit).

Nach einem kurzen Austausch über die Geburtsstätten wünschte M. ihr viel Erfolg, was unsere Redakteurin mit „I do my very best“ beantwortete und ein „Hahaha“ als Reaktion erhielt. M. scheint ein humorvoller Mensch zu sein.

Gesetzgeber: Anspruch auf Finderlohn

Bevor wir das nächste Gespräch mit dem jungen Mann anzettelten, machten wir uns schlau, was dem ehrlichen Finder denn für eine „Belohnung“ zusteht von Rechts wegen. Schließlich handelt es sich in diesem Fall um einen wertvollen Fund. Und Die Welt berichtete darüber, dass „laut Stadtsprecherin aus Minden dem jungen Syrer nun drei Prozent des Wertes seines Fundes zustehen“ würden, „immerhin mehr als 4500 Euro, da auch die Summen auf den Sparbüchern miteinbezogen werden könnten.“

Hier muss man ein bisschen weiter ausholen. Das sogenannte „Fundrecht Deutschland“ ist in den Paragrafen (§§) 965 bis 984 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) geregelt. In § 971 Absatz (1) BGB ist der „Finderlohn“ gesetzlich geregelt, der besagt:

„Der Finder kann von dem Empfangsberechtigten einen Finderlohn verlangen. Der Finderlohn beträgt von dem Werte der Sache bis zu 500 Euro fünf vom Hundert, von dem Mehrwert drei vom Hundert, ….“

Schönes Amtsdeutsch, was übersetzt bedeutet: Finderlohn kann nach deutschem Recht jeder verlangen, der eine verlorene Sache entweder dem Verlierer bzw. Eigentümer herausgibt oder bei einer entsprechenden Behörde abgibt bzw. meldet (zum Beispiel Fundbüro, Polizei oder – wie in vorliegendem Fall – der Ausländerbehörde, die an die Polizei weiterleitet).




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Und dieser Finderlohn bemisst sich nach dem Wert der gefundenen Sache: Bis 500 Euro hat man Anspruch auf 5 Prozent des Wertes, liegt der Wert des Fundes über 500 Euro, hat man von Gesetz wegen Anspruch auf 25 Euro (5 Prozent von 500 Euro) plus 3 Prozent von dem über 500 Euro hinausgehenden Wert. Wir haben nachgerechnet:

Der Flüchtling hat 50.000 Euro in bar sowie Sparbücher im Wert von rund 100.000 Euro, somit einen Fund im Wert von 150.000 Euro gemeldet und abgegeben. Somit hat er Anspruch auf einen Finderlohn in Höhe von 25 Euro plus 4485 Euro (3 Prozent von 149.500 Euro), was summa summarum 4510 Euro ergibt.

Doch kein Gesetz ohne Haken – und der ist im gleichen Absatz (1) des Paragrafen 971 BGB schon mit eingebaut:

„… Hat die Sache nur für den Empfangsberechtigten einen Wert, so ist der Finderlohn nach billigem Ermessen zu bestimmen.“

Auf diesen wichtigen Satz werden wir später noch zurückkommen.

10 Tage vergangen und nichts passiert

Bei so einem unglaublichen Fund und bei der Geschichte, die für einen regelrechten Medienrummel sorgte, müsste man glauben, dass die Stadt Minden genauso schnell dem vorbildlichen jungen Mann zu seinem Finderlohn verhelfe. Doch weit gefehlt.

In einem nächsten Gespräch am Abend des 8. Juli, wieder per Chat in englischer Sprache, fragen wir M., ob er schon den Finderlohn von rund 4500 Euro erhalten habe oder entsprechend Bescheid bekam. Seine Antwort: „Noooo The reward only 1500 and I’ve not get it until now“. Die Belohnung soll also nur 1500 Euro betragen und er habe sie noch nicht erhalten.

Ausländerbehörde der Stadt Minden ignoriert Wert der gefundenen Sparbücher

Unsere Redakteurin konnte es nicht fassen und hakte nach, was die Stadt Minden dazu sage, und er antwortete: „I’ll get money just for the cash money nit the sparbuche and it’s 3% … Thanks a lot really I’m glad I read your messages“. Auf Deutsch: Er wird die Belohnung nur für das Bargeld erhalten, jedoch nicht für die Sparbücher, also nur diese 3 Prozent. Und er wäre wirklich froh, dass sie nachfrage.

Auch am 10. Juli hatte der ehrliche Finder weder eine Nachricht von der Stadt Minden noch einen Cent Finderlohn in der Hand, sondern antwortete: „No until now nothing“. Auf Nachfrage, wer ihm mitgeteilt hätte, dass er nur 1500 Euro erhalte, schrieb er: „Everyone and some employers from Social Amt“. Und mit „Social Amt“ meint M. die Ausländerbehörde, erklärte er.

In diesem Moment wollten wir die Tatsachen schon öffentlich auf den Tisch bringen. Doch M. entschied sich dazu, am 11. Juli das Problem mit den Mitarbeitern der Mindener Ausländerbehörde zu besprechen. Zudem äußerte er schon die Ahnung, dass sie ihm „kein Geld geben würden, weil er laut Gesetz als Flüchtling nicht mehr Geld annehmen“ dürfe bzw. „das Amt das Geld als Einkommen anrechnen würde beim Sozialgeld“.

Anstatt 4500 oder 1500 Euro erhält ehrlicher Flüchtling Waren

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Den Kleiderschrank, wo M. das Geld fand, kaufte er sich selbst. Jetzt werden ihm Waren im Wert von 1500 Euro geschenkt als Finderlohn, womit M. durchaus zufrieden ist.

Ob und inwieweit Finderlohn als Einkommen bei HartzIV- bzw. Arbeitslosengeld-II oder Asylbewerber-Leistungen angerechnet werden darf, entzieht sich unserer Kenntnis. In Internetforen hat sich jedoch herumgesprochen, dass jedes Einkommen über 50 Euro von den Ämtern angerechnet würde.

In einem nächsten Chat-Gespräch am 14. Juli teilte M. mit: „I’ll have some goods instead of the money because I couldn’t take any money they will take them from me“, was ins Deutsche übersetzt so viel heißt wie: Ich werde ein paar Waren anstelle von Geld erhalten, weil, wenn ich das Geld annehme, würden sie es mir wieder nehmen.

Und tatsächlich will die Stadt Minden ihm nur Waren im Wert von 1500 Euro gewähren anstatt im Wert von 4510 Euro. So teilten Sachbearbeiter der zuständigen Ausländerbehörde ihm am 11. Juli mit, dass dieser Weg besser wäre, weil ansonsten der Finderlohn vom Jobcenter Minden einbehalten bzw. auf seine Leistungsbezüge angerechnet würde. (Genauen Worte von M.: „They told me that’s much better because if you wanna money the jobcenter will take them from me“).

An dieser Stelle kommen wir auf den dritten Satz im Paragrafen 971 Absatz (1) BGB zurück. Da die gefundenen Sparbücher „nur für den Empfangsberechtigten einen Wert“ haben – M. würde das Guthaben von rund 100.000 Euro ja nicht selbst am Bankschalter abheben dürfen -, so ist laut Gesetz der „Finderlohn nach billigem Ermessen zu bestimmen“.




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Wer schon einmal auf Sozialleistungen des Staates angewiesen war, weiß, was mit „billigem Ermessen“ gemeint ist, nämlich allzu oft: Es gibt keine Leistung, kein Geld, kein Zuschuss, keine Weiterbildungsmaßnahme, etc. – insbesondere, wenn es sich um eigenständig handelnde Kommunen mit ihren Jobcentern und Ausländerbehörden wie die Stadt Minden handelt.

Finderlohn für den Guthabenwert der gefundenen Sparbücher kann M. sich also abschreiben. Wann er mit den Waren rechnen kann, steht auch noch aus. Doch was meint der ehrliche Finder dazu?

„Wenn ich Geld wollte, hätte ich die 50.000 Euro genommen“

Dass der junge Mann nicht nur ehrlich, sondern auch gottesfürchtig unterwegs ist, stellte sich zum Abschluss des Gespräches heraus. Auf Nachfrage, ob es denn für ihn in Ordnung sei oder er sich mehr Finderlohn erhoffte, antwortete er: „That’s good thanks for God .. if I wanted money I could take the 50000“.

Auf Deutsch: „Das ist ein gutes Geschenk an Gott … wenn ich Geld wollte, hätte ich die 50.000 Euro genommen.“

Fast unglaublich, wie der 25-jährige Flüchtling, der in Minden sein neues Zuhause gefunden hat, der Verlockung widerstehen konnte. So hätte er es doch beispielsweise seiner Familie in Syrien zukommen lassen oder sich einfach ein schönes Leben machen können. Nein, das ist nicht sein Weg. Er vermisst seine Familie und wünscht sich nichts sehnlicher, teilte er am 18. Juli mit, als dass sie aus der Gefahrenzone fliehen können und die Regierung sie nach Deutschland bringe.

Wir bleiben dran, ob und wann er die versprochenen Waren im Wert von 1500 Euro erhält.

Update 08.08.2016:
Bei erneuter Kontaktaufnahme am 8. August teilte uns M. mit, dass er bisher weder Geld noch Waren von der Stadt Minden erhalten habe. Mittlerweile ist über ein Monat ins Land gegangen. Allerdings habe man ihm zwischenzeitlich mitgeteilt, dass er demnächst Waren im Wert von 1600 Euro erhalten werde, die er sich aussuchen könne. Ob und wann das sein wird, steht wohl weiterhin in den Sternen.

Das Problem sieht der ehrliche Flüchtling aber an ganz anderer Stelle. Obwohl die Stadt Minden bzw. zuständige Ausländerbehörde ihm versprochen hatte, bei der Familienzusammenführung in Deutschland zu helfen, hatte man das Thema im Sande verlaufen lassen. Ein Grund wurde von der Stadt nicht genannt. „Sie haben ihr Versprechen gebrochen“, teilt der 25-Jährige mit. „Keiner hilft mir.“

Update 21.12.2016:
Am 21. Dezember 2016 bestätigte M., dass er anstatt Finderlohn oder Waren nun seinen Führerschein von der Stadt Minden bezahlt bekommt. (Die Nachricht grasierte einen Tag vorher bei Twitter herum). Das ist doch mal endlich eine gute Nachricht, wenn das Versprochene auch umgesetzt wird.

Wir bleiben dran, wie es weitergeht.

Quelle: Wikipedia, Aussagen des Flüchtlings, verschiedene Medien


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2 Kommentare zu “Ehrlicher Flüchtling aus Minden erhält statt Finderlohn Waren

  1. Ranshid Sulamalal
    27.08.2016 at 08:31

    Wenn er doch so toll deutsch spricht, wieso dann immer auf englisch? Selbst gekauft hat er den Schrank vielleicht aber nicht selbst bezahlt!!!

  2. G. Milanowski
    14.08.2017 at 09:44

    Leider hat ein Sozialhilfeempfänger von einem Finderlohn gar nichts, weil der Betrag dem Jobcenter gemeldet werden muss und als Einkommen auf die Leistung angerechnet wird.

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