“Die Mauer ist weg” – 11. November 1989 Deutschlandhalle Alabama Country Music Show

Gedankensprung unserer Redakteurin, die auf andere Art und Weise Zeitzeuge des Berliner Mauerfalls war

Foto: onm
Original-Aufnahme unserer Redakteurin vom Auftritt einer Country-Band in der Alabama Country-Show am 11.11.1989 in der ehemaligen Deutschlandhalle – Exklusivfoto: onm

“Jeder redet vom Mauerfall am 9. November 1989. Hab’ ick den als ‘Wessi’ verschlafen, oder wat?”, grübelt unsere in Berlin geborene Redakteurin, als sie sich durch die derzeitigen Schlagzeilen wühlt. “Ick war am 11. November 1989 in der Deutschlandhalle zur Alabama Country Show, für die ick 60 Mark hinblätterte, natürlich angemessen gekleidet mit meiner goldenen Westernbluse mit langen Fransen an den Ärmeln, als plötzlich die Band ihren Liveauftritt unterbrach und durchs Mikrofon rief: ‘Die Mauer ist weg!‘ Erst hat das gar keener jeschnallt. Dann verbreitete sich innerhalb Minuten die Nachricht wie ein Lauffeuer herum. Die Band auf der Bühne rief dann alle Leute von den billigeren Reihen herunter und Tausende von Menschen aus West-Berlin feierten das Ereignis in der Deutschlandhalle mit einer riesen Country-Fete.”

Eintrittskarte vom 11.11.1989 zur Alabama Country Show in der damaligen Berliner Deutschlandhalle
Original abgerissene Eintrittskarte vom 11.11.1989 zur Alabama Country Show in der damaligen Berliner Deutschlandhalle

Bis zum Abend des 11. November hatte die West-Berlinerin weder was im Radio noch im Fernsehen darüber gehört oder gesehen. Auch auf dem Nachhauseweg Richtung ihres damaligen Heimatbezirks Wedding konnte sie nichts erkennen, was nur ansatzweise darauf hindeutete, dass die Berliner Mauer gefallen sei oder durchbrochen wurde oder Ähnliches.

“Erst am nächsten Morgen, den 12. November 1989, auf dem Weg zur Arbeit war plötzlich kein Durchkommen mit dem Auto möglich”, erzählt unsere Zeitzeugin, “denn Tausende von ‘Ossis’ bevölkerten die Durchfahrtsstraßen, liefen sichtlich verwirrt in der Gegend herum, klebten mit ihren Gesichtern an Schaufenstern von Coop und türkischen Obst- und Gemüseläden und standen meterlang brav Schlange an der Sparkassen-Filiale, um sich ihr 100-DM-Begrüßungsgeld abzuholen, was uns ‘Wessis’ damals mächtig ärgerte, denn dafür mussten wir hart arbeiten.”

Den denkwürdigen Moment, wie die ehemaligen DDR-Bürger über die Berliner Mauer kletterten bzw. nach dem Fall einzelner Mauerteile hindurchliefen und mit ihren Trabbis hindurchfuhren, hatte sie später nur im Fernsehen gesehen. Mitfeiern konnte sie auch nicht, da sie Vollzeit arbeiten musste. Abgesehen davon kannte sie damals nur den Blick über die Berliner Mauer am S-Bahnhof Wollankstraße in Berlin-Wedding, von wo aus sie dicht an der Mauer besiedelte Wohnhäuser des damals Ostberliner Bezirks Pankow aus sehen konnte (s. Foto unten). “Manchmal hangen dort Leute am Fenster und wir winkten uns zu. Daher war das Erste, was ich mir nach dem Mauerfall ansah, der dahinter liegende Bürgerpark in Pankow.”

Nach gar nicht allzu langer Zeit musste unsere Redakteurin feststellen: “Plötzlich wurde unsere Berlinzulage aus der Gehaltsabrechnung gestrichen, und dann wurde uns dieser Solidaritätszuschlag vom Gehalt abgezogen, damit der Osten aufgebaut werden könne. Wir hatten von heute auf morgen viel weniger Gehalt zur Verfügung, während die ‘Ossis’ dann eins zu eins ihre wertlose DDR-Mark gegen Deutsche Mark umgetauscht bekamen, woraufhin die plötzlich alle ein Vermögen in der Tasche hatten, weil sie das ja in der DDR nicht ausgeben konnten. Viele kauften sich davon West-Fahrzeuge, mit denen sie jedoch nicht umgehen konnten und reihenweise Unfälle bauten. Später bekam ich einen Fall aus der Bekanntschaft mit, dass sich ein ‘Ossi’-Paar immens dagegen wehrte, dass man das von ihnen in der DDR-Zeit ‘zugewiesene’ Haus und Grundstück, was damals der ‘Wessi’-Opa für teures Geld baute, für das sie während der gesamten DDR-Zeit nicht einen Pfennig Miete o. Ä. zahlten und völlig verkommen ließen, als ‘Wessi’-Enkel zurückhaben wollte, da es einem rechtmäßig gehöre nach dem Erbrecht. Nach aufwendigen Klageverfahren durfte das ‘Ossi’-Pärchen zwar im Haus verbleiben, musste aber Miete an den Eigentümer zahlen und das Haus aus eigener Tasche instand setzen. Das Grundstück wurde geteilt und die Hälfte mit dem ‘besetzten’ Haus an einen neuen Eigentümer verkauft. Von diesem Geld konnte der Bekannte dann über viele Jahre das verwahrloste Grundstück pflegen, die Grundsteuer bezahlen und dank seine Gehaltes sein eigenes Haus drauf bauen, was jetzt – nach über 20 Jahren harter Arbeit – endlich fertiggestellt wurde. Mittlerweile kennt man ihn in der ‘Ossi’-Nachbarschaft und akzeptiert ihn als zugestoßenen ‘Wessi’.”

Original-Foto vom November 1988 unserer Redakteurin vom S-Bahnsteig Wollankstraße in Berlin-Wedding mit Blick auf die Berliner Mauer, den Grenzstreifen und einen Wachturm
Original-Foto unserer Redakteurin von November 1988, die den S-Bahnsteig Wollankstraße in Berlin-Wedding mit Blick auf die Berliner Mauer, den Grenzstreifen und einen Wachturm zeigt. Die Häuser stehen hier im Ost-Berliner Bezirk Pankow – Exklusivfoto: onm

Das waren alles keine erfreulichen Nachrichten für die West-Berlinerin, mit dem sie jedoch leben konnte. Doch eins ärgerte sie persönlich: “Als dann unsere Eltern die Verwandtschaft aus dem Osten zu sich nach Hause einlud, um die Wiedervereinigung im Familienrahmen feiern zu können, führten die sich dermaßen arrogant und widerwärtig auf, beschimpften uns ‘Wessis’ sogar mit politischen Ost-Parolen, dass meinem Vater zum ersten Mal der Kragen platzte und er sie aus dem Haus schmeißen musste. Denn es kann nicht sein, dass sie solch ein Verhalten an den Tag legten, wo wir ihnen jahrzehntelang – bei jedes Mal 25 DM Eintritt an der Grenze – Kaffee und andere Lebensmittel und Geschenke mitbrachten, wenn wir sie besuchten. Dieses Verhalten war völlig inakzeptabel. Wir hatten zwar die Möglichkeit, die 25 DM gegen DDR-Mark umzutauschen und im Osten auszugeben, aber da gab es ja nichts für den Preis. Also kauften wir dort Kugelschreiber und anderes nutzloses Zeug und ließen die DDR-Mark-Münzen verrotten.”

Auch im Berufsleben machte unsere Zeitzeugin nicht gerade rosige Bekanntschaft mit den “Mauergrenzüberschreitern”. “Als ich damals im Verkauf tätig war – ein Laden, den ich zusammen mit rund 30 Leuten vor Eröffnung selbst einrichtete -, wurden etliche ‘Ossis’ im Lager eingestellt. Dass man kaum ihre Sprache verstand, war für uns kein Problem. Dass sie aber jede Stunde eine Pause einlegen mussten, nicht zuhörten, wenn man ihnen etwas erklärte, und gar nicht verstehen wollten, wie sich später herausstellte, war unzumutbar. Jeder Versuch, sie an unsere Arbeitsweise heranzuführen, schlug fehl. Unser Verkaufsteam musste dann ihre Arbeit übernehmen. Die später eingestellten Kassiererinnen aus dem Osten waren hingegen sehr fleißig und tauglich. Leider verdrängten sie nach und nach unsere Arbeitsplätze. Kleiner Wermutstropfen: Der Laden musste ca. zwei Jahre später schließen, weil die Ware, die plötzlich aus dem Osten kam, nichts taugte und zu zahlreichen Rückläufern führte.”

Auch in der Finanzbehörde, wo unsere Redakteurin damals im Büro arbeitete, musste sie Ungerechtigkeit erleben. “Auf einmal hieß es nach der ‘Wende’, dass alle Behörden-Angestellten aus dem Osten, die im Westen übernommen wurden, “verbeamtet” wurden, sprich sich über ein deutlich höheres Gehalt (Besoldung) freuen konnten und unkündbar wurden. Dafür mussten Finanzangestellte im Westen zig Jahre hart drauf hinarbeiten, um diesen Status erlangen zu können.”

So ganz nachvollziehen kann die ehemalige West-Berlinerin das ganze Gerede vom Tag der deutschen Einheit bis heute nicht. Denn selbst nach über 20 Jahren Mauerfall, was sie eigentlich durchaus als positiv betrachtet, musste sie sich erneut letztes Jahr mit “Ossis” auseinandersetzen, die so ein “Stasi”-Verhalten an den Tag legten, wie sie es ausdrückt, dass ein weiteres Zusammenwohnen mit diesen Nachbarn unter einem Zweifamilienhaus-Dach nicht mehr möglich war.

“Immer, wenn die Vermieterin zugegen war, spielten sie ihre Rolle perfekt als fürsorgliche liebevolle Nachbarn, die doch den Garten mit einem gerne teilen (z. B. eigene Beete anlegen) und gemeinsame Unternehmungen machen würden. War die Vermieterin nicht vor Ort – was natürlich meistens der Fall war -, lauerten sie einem ständig an irgendeiner Ecke auf, hingen am Zaun der Nachbarn und verteilten miese Gerüchte über einen, fingen Handwerker ab, die daraufhin vermuteten, dass es sich um die Vermieter handele, benahmen sich tagtäglich wie die Axt im Walde zusammen mit ihren zahlreichen Familienbesuchern und waren einfach nur laut und hinterhältig. Das war nicht zum Aushalten. Bis zu dem Zeitpunkt, als man selbst am Zaun stand und die Nachbarn aufklärte. Dann war Ruhe im Karton. Leider auch mit dem Mietverhältnis, denn die Vermieterin hätte ja nie schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht. Gut, dass man wenigstens einen vernünftigen Nachbarn im Nebenhaus kannte, der das vermeintlich gutmütige ‘Ossi-Pärchen’ enttarnte. Ich kam der Kündigung der Vermieterin letztendlich zuvor.”

Mittlerweile lebt unsere Redakteurin in einem ruhigen Mehrfamilienhaus in Minden-Rodenbeck und fühlt sich dort wohl – trotz “Ossi”-Nachbarn. Denn es gibt sie noch, die netten Nachbarn von nebenan aus dem ehemaligen Ostgebiet, die einem nett begrüßen und mit denen man ab und an plaudern kann. Keiner lauert einem auf und jeder kann sein eigenes Ding machen. Okay, die “Hausordnung” muss gemacht werden, und um die Handwerker muss man sich im Notfall selber kümmern. Aber was soll’s. Nach 25 Jahren Mauerfall bzw. 24 Jahren Tag der Deutschen Einheit ist die Wiedervereinigung doch an dieser Stelle geglückt!

Außerdem gibt’s so schöne Ecken im wiedervereinigten Deutschland zu entdecken, da kann man Grenzen und Mauern echt nicht gebrauchen.

Weitere Original-Aufnahme
Weitere Original-Aufnahme unserer Redakteurin vom Auftritt einer Country-Band am 11.11.1989 in der ehemaligen Berliner Deutschlandhalle – Exklusivfoto: onm

In diesem Sinne: Feiern Sie heute schön den 24. Jahrestag der deutschen Einheit! Und denken Sie am 11. November nicht nur an Karneval.


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