Die Iren sind los in Minden

Reisende aus Irland machen für ein paar Tage Halt in der westfälischen Stadt Minden

Irische Kinder sind für ein paar Tage zu Besuch in Minden - Foto: onm

Irische Kinder sind für ein paar Tage zu Besuch in Minden – Fotos: onm

Mit „Cead mile failte“ – tausendfach Willkommen – begrüßt die Republik Irland jederzeit seine Inselbesucher. Und genauso herzlich wird man auf der Grünen Insel auch jederzeit aufgenommen. „Herzlich willkommen im unbedingt merk-würdigen Minden!“ steht groß auf dem Schild über Kanzlers Weide.

Doch wie steht es mit der Herzlichkeit in Minden, wenn Iren sich spontan zu Besuch anmelden? Einträgen und Kommentaren im Internet zufolge klingt das ganz und gar nicht nach Gastfreundlichkeit.

Seit Montag bevölkern spontan rund 80 Gespanne (Wohnmobile, Wohnwagen, Landroover und andere) den Großraumparkplatz namens „Kanzlers Weide“ und haben ihren Besuch bei der Stadt Minden angemeldet. Nach altem „Betretungsrecht“ oder auch „Gemeingebrauch“ (vielen nennen es auch „Wegerecht“) haben sie als Durchreisende das Recht, zu Erholungszwecken zu bleiben, und zwar lt. Security bis Samstag, und dann wieder abzureisen. Aber es existiert eine „Benutzungsordnung der Stadt Minden für das Veranstaltungsgelände Kanzlers Weide“ vom 01.11.1996, wonach lt. § 2 Abs. 5 „Das Übernachten in Wohnmobilen und Wohnwagen bei der Durchreise von Touristen während maximal 3 Tagen geduldet wird“.

DSC_1599 Kopie320Denn es handelt sich lt. gestriger Erklärung von Mindens Bürgermeister Michael Buhre um einen öffentlichen Park- und Festplatz, bei „Benutzung auf eigene Gefahr“, wie man dem Schild entnehmen kann. Grundsätzlich sei ja das Campen auf Kanzlers Weide verboten, so Buhre, die Dauercamper werden auch nur geduldet (laut oben genannter Benutzungsordnung in § 2 Abs. 4).

In diesen sechs Tagen fällt nun auch ein Feiertag, Mariä Himmelfahrt, der am Freitag, den 15. August 2014, weltweit unter den Katholiken gefeiert wird – so auch unter den republikanischen Iren, die fast ausschließlich katholischen Glaubens sind. Denn die Besucher kommen zu 90 Prozent aus Irland, verrät uns der „Boss“, wie er von den durchreisenden Iren genannt wird, „rund 100 Leute oder mehr sind hier“.

Kfz-Kennzeichen IrlandDie GB-Länderzeichen an den Fahrzeugen verwirren dabei ein bisschen – es kommen zwar auch einige von ihnen aus England, aber der überwiegende Teil der Iren hat seine Fahrzeuge eben in England erworben, daher tragen viele der irischen Fahrzeuge noch das „GB“ für Great Britain, und nur vereinzelt sieht man das blaue Kennzeichen „IRL“ für Ireland. Überwiegend kommen die Mindener Gäste aus Dublin und Kerry, wie die Kfz-Kennzeichen verraten – dabei stehen die ersten Zahlen für das Erstzulassungsjahr des Fahrzeugs, der/die Buchstabe/n stehen für die Stadt, und dann folgt die Nummer entsprechend der Reihenfolge der Kennzeichenvergabe (zum Beispiel 89 D 1234).

Irische Jungs

Viele der irischen Mädchen und jungen Frauen haben sich mit kunterbunten Röcken und Kleidern eingekleidet, laufen damit quer durch die Stadt Minden, kaufen bei Kaufland, EuroShop und anderen Läden in der Innenstadt ein und stolzieren damit zurück zu den Wohnwagen ihrer Eltern, die dort überwiegend aufpassen und sich um die Kinder kümmern, wenn sie zurückkommen. Die Jungs stolzieren etwas frecher in der Gegend herum, spielen auch mal Fußball auf Kanzlers Weide, und die jungen Männer drehen auch schon mal „Donuts“ bzw. driften mit ihren Mercedessen auf dem Platz, dass es staubt. Die ganz Kleinen rennen halt verspielt auf dem Gelände herum.

Wir fanden also ein relativ harmloses Völkchen auf Kanzlers Weide vor. Die Mädchen und Jungs sind uns direkt vor die Kamera gelaufen, weil wir unbedingt Fotos von ihnen machen sollten. Die Fotos, die sie nicht so toll fanden, mussten jedoch gleich wieder in der Kamera gelöscht werden. Der „Boss“ wollte erst gar nicht fotografiert werden, was alles kein Problem war, denn sie waren durchweg nett und offen und beantworteten jede Frage geduldig, soweit unser Schulenglisch reichte.

Iren auf Kanzlers Weide

Auffallend ist, dass keiner von ihnen einen irischen Akzent hat, sie sprechen alle Hoch-Englisch. Aufgrund dessen und ihrer hochwertigen Fahrzeuge kann es sich unseres Erachtens nur um sog. Traveller bzw. Pavee handeln (so wie sich andere ein Haus mit Grundstück kaufen, kaufen diese Menschen eben Wohnmobile o. Ä.). Auch das freche Verhalten der Jungs ließ keinen Rückschluss zu einheimischen Iren zu. Zudem kommt der Müll dazu, den sie auf Kanzlers Weide verteilen. Alles erinnert irgendwie an Neureiche, die „die Sau rauslassen“ wollen – so wie es viele Deutsche ja auch in Dublin tun.

Was jedoch lange noch kein Grund dafür ist, Gerüchte in Minden zu verbreiten, wie zum Beispiel „ein Hotel wurde regelrecht zerlegt, sodass es jetzt sanierungsbedürftig ist“ und „600 Gespanne sind noch im Anmarsch“ und „die wollen sogar Kirchen mieten“ und „die klauen wie die Raben“ und „es handelt sich um eine Hochzeitsgesellschaft“ usw.

Deshalb hat sich unsere Redakteurin gestern dorthin begeben, um sich selbst ein Bild zu machen, schließlich ist sie oft genug auf die Grüne Insel gereist, wo sie stets freundliche, hilfsbereite, offenherzige Menschen kennenlernen durfte, ob in der Stadt oder auf dem Lande. Überhaupt hat sie die Republik Irland als das friedlichste Land auf Erden kennengelernt. Warum diese Menschen sich in Minden so daneben benehmen sollten, wo sie über 1500 Kilometer Fahrtstrecke auf sich genommen haben, war und ist ihr völlig unklar.

Polizeikontrolle

Angetroffen haben wir also zuerst einen Security-Mann aus Berlin, der uns verriet, dass er nach Minden gezogen sei, weil die Sicherheitsfachkräfte in Berlin völlig unterbezahlt werden. Er riegelte auf der Seite Kanzlers Weide die Glacisbrücke ab, die bekanntlich zurzeit saniert wird. Der Brückenbelag (also der vorbehandelte Boden) wäre nicht gut für die Schuhsohlen, wenn man jetzt drüberlaufen würde, verriet er uns. Das wussten die irischen Besucher natürlich nicht, sie wollten über die Brücke zur Innenstadt, und dafür heuchelten sie schon mal vor, sie seien schwanger, tranken aber im gleichen Zuge aus der Bierflasche. Der Sicherheitsfachmann ließ niemanden durch, und nach seiner Aussage bedrohte man ihn ein Mal nachts wohl mit Stangen bzw. Hockeyschlägern – passiert ist ihm aber nichts. Schließlich verwies er auf die andere Brücke 200 Meter weiter, die sie problemlos überqueren konnten, was die Iren auch taten.

Von ihm erfuhren wir auch, dass etliche der Dauercamper (überwiegend Senioren mit Wohnmobilen) den Platz Kanzlers Weide verlassen haben, weil sie nachts Angst um ihr Leben hätten, da unter anderem ein schwarzer Mercedes-Fahrer ohne Licht auf dem Gelände seine „Donuts“ drehte.

Irische Mädels

Aufgrund der genannten Gerüchte und der beschriebenen Erfahrungen hatte die Stadt entschieden, keinen neu ankommenden Wohnwagen mehr auf Kanzlers Weide zu lassen. Dafür stellte man einen riesigen Container quer auf die Straße und riegelte die Einfahrt mit Polizisten und Ordnungshütern ab. Außerdem fuhren in kurzen Abständen Streifenwagen wie auch eine Art „Abhörwagen“ (s. Foto, mit Satellitenschüssel) der Polizei um die parkenden Besucher herum. In einem Fahrzeug stand sogar ein Schäferhund bereit, außerdem sahen wir einen Mann, der wie vom Sondereinsatzkommando erschien. Alles erschien uns wie ein „Himmelfahrtskommando“, nur etwas lockerer und freundlicher.

Unsere irischen Gäste mussten sich jedenfalls ziemlich eingekesselt gefühlt haben bzw. immer noch so fühlen. Einige sind ja aufgrund dessen bereits wieder vom Platz gefahren und haben sich an anderen Stellen an der Weser Übernachtungsplätze gesucht. Als wir mit der Kamera auftauchten, waren sie auch zuerst skeptisch, manche erwiderten uns böse Blicke. Es muss ein furchtbares Gefühl sein, als Gast in einem benachbarten EU-Festland (Irland ist eines der ersten EU-Mitglieder) so angefeindet zu werden – ausgelöst durch eine brodelnde Gerüchteküche und die darauf folgenden polizeilichen Maßnahmen.

Bürgermeister Michael Buhre war am Ort des Geschehens - Foto: onm

Bürgermeister Michael Buhre war selbst am Ort des Geschehens

Und „solange sie sich nicht strafbar machen, gibt es keinen Grund, gegen sie vorzugehen“, betonte gestern Bürgermeister Buhre. „Sie sind zwar laut und fallen halt auf, aber alles noch im Rahmen des Nicht-Strafbaren. Sie sind in der Stadt und in Kneipen. Weil sie sich nicht benehmen, mussten wir diese Maßnahmen ergreifen. Wir lassen keine Camper mehr rein.“ Alle genannten Gerüchte konnte er jedoch nicht bestätigen. Insbesondere auf die angeblich 600 Gespanne, die Minden erwarten würde, erwiderte er mit verschmitztem Lächeln: „Zwei sind ja schon gekommen, die haben wir gleich abgewiesen.“

Warum die Mädchen in solchen auffallend bunten Kleidern herumliefen und warum überhaupt die Iren ausgerechnet diese Woche hier sind, konnte auch er nicht beantworten. Auch nicht, ob dies in Zusammenhang mit vielleicht einem katholischen Brauch zu Mariä Himmelfahrt stehe. Auch hatte es nicht den Anschein, dass irgendjemand der Stadt versucht hatte, sich mit den Iren zu verständigen, sich aufklären zu lassen darüber, was hier geschieht. Aber vielleicht liegt es einfach an den mangelnden Englisch-Kenntnissen. Auch wir haben uns darüber geärgert, dass wir nicht besser Englisch sprechen konnten. Wie gern hätten wir den irischen Besuchern noch so viele weitere Fragen gestellt.

Kontrolle

Denn jedes Jahr feiert Deutschland den St. Patrick’s Day, jedes Jahr pilgern Deutsche zu Mariä Himmelfahrt nach Irland, jedes Jahr reisen Tausende von Deutsche auf die Grüne Insel und werden freundlich und herzlich aufgenommen, obwohl sich viele junge Deutsche dort total daneben benehmen. Nun kommen die Iren nach Minden und werden weggestoßen, eingekesselt, beschimpft und beleidigt – anstatt mit ihnen zu feiern – das können doch die jungen Mindener so gut, wie sie zu Vatertag bewiesen haben, oder?! ;o)

Außerdem könnt ihr jungen Leute doch viel besser Englisch als wir „Alten“, da ihr doch entweder noch mittendrin seid oder gerade erst die Schule verlassen habt – also verständigt euch mit den Iren, findet heraus, warum sie hier sind und welche Tradition es darstellt, dass die Mädchen so bunte Kleider tragen! Ob das was mit Mariä Himmelfahrt zu tun hat oder ob da ein völlig anderer Grund dahintersteckt oder es einfach nur so eine Spontanreise war etc. pp.

Irische junge Frauen auf Kanzlers Weide

DANKE an Bürgermeister Michael Buhre, den wir gestern durch Zufall auf Kanzlers Weide getroffen haben. Er war ganz natürlich, locker, freundlich, aufgeschlossen, gesprächsbereit und ausgeglichen, überhaupt kein Panikmacher. So ganz ohne offiziellen Presseaufmarsch ist er gegen 19:30 Uhr dagewesen und hat sich selbst ein Bild von der Situation gemacht.

Mal schauen, was noch so passiert in dieser Angelegenheit. Heute sollen ja gegen 14 Uhr auch die restlichen Gäste von Kanzlers Weide „geräumt“ werden (s. auch MT-Bericht zu Aufräumaktion – nachträglich geändert), nachdem die „Pavee“ selbst das Gelände verließen). Heute Morgen sollen zwei Gespanne in Eisbergen gesichtet worden sein, die eindeutig auf der Suche nach einem neuen Plätzchen waren. Wahrscheinlich halten sich die Iren jetzt irgendwo in Rinteln und Umgebung auf. Was die restlichen wutentbrannten Diskussionen rund um die Innenstadt Mindens angeht, können wir nicht beurteilen.

Alles in allem haben wir die Erfahrung gemacht, wenn man mit Menschen aus anderen Ländern spricht, erscheinen sie nicht mehr so „befremdlich“ oder „bedrohlich“. Wenn sich Einzelne daneben benehmen, muss man halt Maßnahmen ergreifen. Aber bitte alles im vernünftigen Rahmen.

Eine großartige, umfangreich recherchierte Erklärung zu irischen Travellern findet man auf der Webseite von Rüdiger Benninghaus.

Ergänzung 14.08.2014, 16:30 Uhr:
Einem Leser zufolge wurden nun alle Wohnmobile, Wohnwagen etc. von Kanzlers Weide geräumt, auch die Dauercamper! Damit handelt die Stadt Minden nur konsequent und ganz nach der eigens aufgestellten Benutzungsordnung. Das Gelände wurde komplett abgeriegelt. Ob zukünftig beispielsweise Schranken aufgestellt werden, und wie überhaupt weiter verfahren wird, bleibt abzuwarten.

Ergänzung 29.08.2014:
Die Stadt Minden handelt wohl doch nicht so konsequent. Einem Leser zufolge steht Kanzlers Weide heute wieder voll mit Wohnwagen von Dauercampern, darunter die gleichen, die schon vorher dort standen. Jetzt ist sogar der Platz, wo die irischen Traveller gestanden haben, mit Wohnmobilen und Ähnlichem zugeparkt – also mehr als je zuvor. Ist die Benutzungsordnung damit hinfällig? Es existiert übrigens auch ein Tourist-Flyer „Camping in Minden“ der Minden Marketing GmbH.


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1 Kommentar zu “Die Iren sind los in Minden

  1. Redaktion
    16.08.2014 at 09:55

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