Die Gorch Fock II, der Monat Oktober und die Werften

Die Gorch Fock II liegt auf der Weser an der Lürssen-Werft in Lemwerder bei Bremen vor Anker und wartet auf den letzten Feinschliff – Fotos und Videos: Namira McLeod

Moin und Ahoi! Bevor sich die endsanierte „Gorch Fock II“ mit gehissten Segeln von der Lürssen-Werft in Lemwerder nach Kiel aufmacht, haben wir ein paar Eindrücke aus Bremen mitgebracht und erklären, warum der Monat Oktober für zwei Werften immer wieder eine Rolle spielte. Es wird Zeit für unsere sechste Oktober-Geschichte (die aufgrund von Projektplanungen kürzer ausfallen muss als geplant).

Seit vielen Jahren füllt das über 62 Jahre alte Segelschiff – so schön es anzusehen mag – zahlreiche Schlagzeilen, die nicht immer positiv ausfallen. Aber Schlagzeilen können andere besser als wir. Unser Fokus liegt – wie bei allen Oktober-Geschichten – auf der Historie.

Nur eines vorneweg: Die aktuelle Sanierung durch die Lürssen-Werft verschob sich zuletzt wegen „Covid-19-bedingter Personalausfälle in allen projektbeteiligten Unternehmen sowie Störungen der Lieferketten“.1vgl. z.B. Bericht in der Frankfurter Allgemeine v. 29. April 2021. Die für Mai geplante Ablieferung an die Marine wird nun auf den 30. September dieses Jahres terminiert2Vgl. z.B. Bericht vom 08.06.2021 des NDR.. Somit dürfte die erste Ausbildungsfahrt der Kadetten wohl im Oktober 2021 vonstatten gehen.

Doch nun zur Geschichte. Anker einholen und los geht’s.

Warum heißt die „Gorch Fock“ so und wer hat das Schiff wann gebaut?

Kiellegung (Baubeginn) der „Gorch Fock II“ war am 24. Februar 1958. Der erfolgreiche Stapellauf (Zu-Wasser-Lassen des Schiffs) erfolgte am 23. August 1958. Gebaut wurde der Dreimaster (Segelschiff mit drei Masten) von der Hamburger Werft Blohm+Voss. Am 17. Dezember 1958 wurde das Schiff in Dienst gestellt und am 3. August 1959 trat es von Kiel aus seine erste Auslandsreise an.

Die „Gorch Fock II“  ist ein Segelschulschiff der Deutschen Marine sowie ein Schwesterschiff der 1933 gebauten „Gorch Fock I“, die seit 2003 seeuntüchtig in Stralsund vor Anker liegt. Beide Schiffe tragen den Namen „Gorch Fock“, weil sie von der gleichen Werft gebaut wurden und gleichen Typs sind.

Schriftsteller „Gorch Fock“ war Namensgeber für drei Schiffe (Autor unbekannt – Sämtliche Werke, Verlag M. Glogau Jun., 1916) Wikipedia gemeinfrei

Vor ihnen gab es aber noch eine „Gorch Fock“, die so gar nichts mit Segelschiffen am Hut hatte: das 1917 gebaute Vorpostenboot der Kaiserlichen Marine, ein kleines Kriegsschiff, das zur Aufklärung und Sicherung im Küstenvorfeld eingesetzt wurde.3vgl. Beschreibung und Foto bei Wikipedia „Gorch Fock (Schiff, 1917)“. Ursprünglich als Fischdampfer gebaut, erwarb 1936 die Kriegsmarine das Boot und baute es zum Hilfsminensucher um. Letztlich wurde es seiner alten Bestimmung zugeführt und diente von 1945 bis zum Abwracken (Verschrotten) 1952 als Fischereifahrzeug. Dieses Schiff existiert demnach nicht mehr.

Benannt wurden alle drei Gorch Fock’s nach dem deutschen Dichter und Schriftsteller Johann Wilhelm Kinau (1880-1916), der unter dem Pseudonym „Gorch Fock“ schrieb.4vgl. Ausführungen und Foto bei Wikipedia „Gorch Fock (Schriftsteller)“. Nachdem 1912/13 Kinaus Roman „Seefahrt ist not!“ erschien, kämpfte er 1915 als Infanterist in Serbien, Russland und Verdun und wechselte 1916 auf eigenen Wunsch zur Marine. Doch schon in der ersten Seeschlacht am Skagerrak – die größte Flottenschlacht zwischen Großkampfschiffen im Ersten Weltkrieg5vgl. Wikipedia „Skagerrakschlacht“. – ging er mit der „S.M.S. Wiesbaden“ – ein Schiff der kaiserlichen deutschen Marine – unter. Mit seinem Tod hinterließ der damals 35-Jährige eine Frau und drei Kinder. Doch sein Roman bleibt. Und man sagt, er spreche allen Seefahrern aus der Seele.

Warum brauchte die Deutsche Marine in den 1960er Jahren unbedingt wieder ein Segelschiff?

Segelschiffe waren für damalige Verhältnisse und militärische Aufgaben zweckmäßig und zeitgemäß. Jedenfalls aus Sicht der Deutschen Marine. Die Bevölkerung stemmte sich dagegen – wohl aus Angst, dass sich ein Seeunglück wie das der „Pamir“ (ein Viermastsegelschiff)6vgl. Wikipedia „Pamir (Schiff)“. wiederholen könnte. 80 der 86 Besatzungsmitglieder verloren ihr Leben, als die Pamir am 21. September 1957 bei einem Hurrikan unterging.

Vielleicht auch ein Grund, warum die „Gorch Fock II“ bis heute – koste es, was es wolle – am Leben erhalten wird. Um der Bevölkerung zu zeigen, dass ein Segelschiff wie dieses im Dienste der Deutschen Marine sinngemäß „allen Stürmen standhalten“ könne.

Dass dies über die Jahre leider nicht ganz zutraf, zeigte zum einen der tragische Tod der 18-jährigen Kadettin Jenny Böken, die in der Nacht zum 4. September 2008 aus bis heute ungeklärten Gründen über Bord ging und deren Leiche man elf Tage später in der Nordsee fand. Die Ermittlungen wurden 2019 eingestellt.7vgl. z.B. Bericht „Zu viel Hörensagen“ in SegelReporter v. 27.11.2019. Der Autor „Jan von der Bank“, der vier Monate auf der „Gorch Fock II“ seinen Wehrdienst ableistete, berichtete zudem 2011 über desaströse Verhältnisse an Bord. Des Weiteren bestand 2018 der Verdacht auf illegal geschlagenes und verbautes Teakholz aus Indonesien8vgl. z.B. Bericht WWF/Report Mainz v. 16.03.2021.. Das Oberverwaltungsgericht Münster lehnte den Antrag (der eine erneute und genaue Prüfung eines Teakholz-Importes für die Sanierung des Segelschulschiffes „Gorch Fock“ forderte) des von der Umweltorganisation WWF unterstützten Dachverbands Deutscher Naturschutzring jedoch im Juli 2021 ab.9Vgl. z.B. Bericht vom 09.07.2021 des NDR.

Nicht zuletzt steht seit 2015 die Kostenexplosion von zehn auf 135 Millionen Euro für die Sanierung der „Gorch Fock II“ in Rede – mithin musste eine Werft schließen und CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (2013-2019) die chaotischen Zustände der Marine verteidigen – vererbt an ihre Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer.

Apropos „verteidigen“: Wenn wir nachfolgend einfach von „Gorch Fock“ reden, dann meinen wir die „Gorch Fock II“ von 1958. Das Schiff, über das aktuell hauptsächlich in den Medien berichtet wird und wir in Bremen sichten konnten.

Traditionswerft musste nach 103 Jahren wegen „Gorch Fock“ schließen

Es ist schon ein Jammer mit dem Wind. Erst weht er sanft um die Nase, dann fliegt alles stürmisch um die Ohren. So geschehen für die Elsflether Werft AG (EWAG). Am 2. Oktober 1916 von Schiffbauingenieur Franz Peuss gegründet, „fand sein Plan in verschiedenen Oldenburger Kreisen Anklang und auch der Oldenburger Großherzog förderte die Werftgründung seit den Anfangsstunden“, heißt es in der Unternehmensgeschichte.10vgl. „Über 100 Jahre Schiffsbaukunst“ elsflether-werft.de/die-werft. Am 12. Oktober 1916 ging die Elsflether Werft Aktiengesellschaft an die Börse und Peuss, Initiator und Gründervater, wurde in den Vorstand bestellt. Und am 14. Mai 1918 konnte der Betrieb Am Tidehafen in Elsfleth11vgl. Google Maps. – einer der ältesten Orte an der Unterweser – eröffnet werden.

Anfangs ausschließlich auf die Planung und den Neubau von Handelsschiffen spezialisiert, wurden 1990 nach der Übernahme als Zweigwerft der Lürssen-Werft vor allem Instandhaltungs- und Umbauarbeiten durchgeführt. Der große Passagiersegler „Lili Marleen“ (Kreuzfahrtschiff unter Segeln)12vgl. Wikipedia „Lili Marleen (Schiff)“ war 1994 eines der letzten Neubauten, das die Elsflether Werft verließ. Aber auch die „October Rose“, eine Yacht, die 1986 für den kalifornischen Multimilliardär armenischer Herkunft, Besitzer zahlreicher Hotels in Las Vegas und einer der wichtigsten Investoren der Film- und Automobilindustrie, Kerkor Kerkorian (Spitzname „Kirk“, 1917-2015)13vgl. Wikipedia „Kirk Kerkorian“. gebaut wurde, fand große Bewunderung.

Ab 1996 konzentrierten sich die Schiffsbauer allein auf die Reparatur, Wartung und den Umbau von Segelschiffen, Handelsschiffen sowie Schiffen öffentlicher Auftraggeber. Und der Anteil an Instandsetzungen für die Bundesmarine wuchs stetig. Einen Auszug aus der Bauliste von Schiffsneubauten der EWAG findet man auf Wikipedia. Außerdem existiert noch eine Facebook-Seite, unter anderem mit Bildern von der Belegschaft.

Doch mit Beauftragung der Generalüberholung der „Gorch Fock“ im Jahr 2016 änderte sich das Erfolgsblatt. Anfangs als „Höhepunkt“ der Unternehmensgeschichte angepriesen, wurde das jüngste Segelschulschiff der Deutschen Marine der traditionsreichen niedersächsischen Werft zum Verhängnis. Fast auf den Tag genau 103 Jahre nach der Gründung, im Oktober 2019, wurde die Elsflether Werft von der Lürssen-Werft aufgekauft, die wiederum im April 2020 verkündete, die Werft noch im selben Jahr schließen zu wollen (am 20. Februar 2019 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden). Letztlich wurde die Aktiengesellschaft aufgelöst und der Pachtvertrag für das Gelände zum 31. Dezember 2020 gekündigt. Seitdem steht das Werftsgelände zum Verkauf (Quelle: NWZ Online).

An dieser Stelle sollten historische Eckpunkte rund um die Gorch Fock folgen. Aufgrund von externen Projektplanungen der Redakteurin müssen diese aber leider wegfallen. Sollte sich jemand dazu berufen fühlen, hier weiter auszuführen, würden wir uns über eine Kontaktaufnahme per E-Mail sehr freuen.

Gorch Fock soll noch 2021 der Marine übergeben werden

Nachdem die „Gorch Fock“ nach ersten Sanierungsarbeiten durch die Elsflether Werft und Übernahme durch die Lürssen-Werft zwischenzeitlich bei der Fassmer-Werft in Berne auf dem Trockenen lag14Vgl. Bericht Nord24 v. 11.07.2019., landete sie schließlich zur Generalüberholung bei der Lürssen-Werft in Lemwerder bei Bremen. Dort wurde das Segelschulschiff der Deutschen Marine am 10. März 2021 zu Wasser gelassen. Sehr zur Freude der breiten Bevölkerung, die das Schiff fortan – ohne gehisste Segel – von der gegenüberliegenden Vegesacker Weserpromenade aus einsehen konnte.

Das konnten auch wir uns nicht entgehen lassen. Am 18. April 2021 fuhren wir nach Vegesack und stellten unser buntes Auto praktisch direkt vor dem Bremer-Vegesacker Fähranleger ab. Ein Obdachloser mit angenehm nordischen Akzent, dem wir hiermit nette Grüße aus Minden übermitteln, bestätigte uns, das wir dort parken durften. So war es auch. Gegen 17.30 Uhr eingetroffen, verweilten wir bis etwa 20 Uhr in dem sehenswerten Ort, der so viel mehr zu bieten hat als nur die Sicht auf die Gorch Fock.

Aber um die Fans des historischen Schiffes nicht länger auf die Folter zu spannen, zeigen wir erst mal das Video, was wir mitgebracht haben:

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Zig Aufnahmen später ging es durch den attraktiven Stadtgarten zurück zum Fähranleger, weiter zum Vegesacker Hafen mit vielen kleinen historischen Schiffen, vorbei am Geschichtenhaus bis zum sehenswerten „Segelschulschiff Deutschland“, das auf der Lesum (ein Nebenfluss der Weser) vor Anker liegt – ein maritimes Denkmal, das für Besichtigungen, Veranstaltungen und Übernachtungen im Regelfall zur Verfügung steht.

Damit Sie wissen, wovon wir sprechen, hier unsere Fotos vom 18. April 2021 aus dem Bremer Stadtteil Vegesack:

„Last but not least“ teilte die Bremer Lürssen-Werft am 8. Juni 2021 dem NDR mit15Vgl. Bericht NDR v. 08.06.2021., dass die „Gorch Fock“ am 30. September an die Deutsche Marine übergeben werden soll (vermutlich am Heimathafen Kiel). Bereits für Anfang September sei geplant, das Schiff nach Wilhelmshaven zu verlegen.

Steht die erste Ausbildungsreise der Kadetten unmittelbar bevor, gar im Oktober 2021? Man darf gespannt sein, ob die jahrelange umfassende Sanierungsgeschichte endlich zu einem „Happy End“ führt.


Sämtliche Angaben sind sorgfältig recherchiert – Änderungen und Irrtümer vorbehalten. Bitte beachten Sie auch die Fußnoten!


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