Deutsch lernen, Honig und Feen im Garten Tausendschön

Im Gemeinschaftsgarten Tausendschön in Minden gibt es eine Menge zu lernen und zu entdecken - Bienenklau auch in Bückeburg

Konzentriert lernen Geflüchtete im Garten Tausendschön in Minden die deutsche Sprache mit Sandra Lenz nach dem Förderkonzept von Dr. Zvi Penner – Fotos: onm

Vom Gemüseanbau über Märchenfeen bis hin zum besonderen Deutschkurs – der Gemeinschaftsgarten Tausendschön von GreenFairPlanet e.V. in Minden-Leteln bietet immer einen Anlass zum Einkehren und Mitmachen. Aber auch eine Imkerei war zu Gast, die vom Bienenklau in Bückeburg berichtete.

Die große Fee lud kleine Besucher ins Märchenzelt ein

Zum einen fand das dritte Märchenfest im Garten Tausendschön statt, zum anderen war Diplom-Psychologin Sandra Lenz zu Gast, die erstmals in Minden erwachsenen Geflüchteten auf ungewöhnliche Art und Weise die deutsche Sprache näherbringt. Zwei Tage im August, wie sie abwechslungsreicher nicht sein könnten. Und nebenbei verriet Imker-Lehrling Jacqueline Dietzel, dass in Bückeburg Bienen gestohlen werden.

Kleine Feen im Gemüsebeet versteckt, die jede Pflanze mit Namen nannten, große Feen, die fantasievolle Gedanken weckten und durch das „verwunschene Tor“ zum Märchenzelt führten. So ergab es sich am 20. August, als Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle kleine Kinder im Tipi mit ihrer genialen Märchenstimme in den Bann zog. Denn diese Frau hat Geschichten einfach im Blut – „freihändig“ – ohne ein Buch in die Hand zu nehmen.

Kleine Feen verrieten die Namen der Pflanzen und stellten den Gästen Fragen

Selbstgemachte Bratkartoffeln und Fingerfood ergänzten das Veranstaltungsangebot am Sonntag, woran um die 200 Gäste mitwirkten. Eine Mutter freute sich ganz besonders darüber, dass ihre vierjährige Tochter die Kräuter für die – von einem jungen Mann aus Afghanistan an der Nähmaschine genähten – Duftkissen selbst zusammenstellte. Sie sei sonst „ein bisschen quirlig“ und habe wohl von sich aus gewusst, was gut für sie sei.

Als Höhepunkt lobte Harald Steinmetz, Stellvertretender Bürgermeister der Stadt Minden, persönlich vor Ort die Arbeit der Initiatoren. Denn das Projekt Mutter Erde für Integration: Ein tausendschöner Garten in Minden wurde als offizielles Projekt der UN-Dekade Biologische Vielfalt im Rahmen des Sonderwettbewerbs Soziale Natur – Natur für alle gewürdigt. Die Initiatoren Birgit Brinkmann, Renate Kruse, Ilona Müller und Elisabeth Schmelzer wurden ausgezeichnet und freuten sich über die vielen Gäste.

„Freihändig“ und mit genialer Stimme zog Märchenerzählerin Rita Maria Fröhle im Tipi-Zelt Kinder in ihren Bann

Doch zurück zum „verwunschenen Tor“, dem eine ganz besondere Bedeutung zukommt: Seit Sommer 2015 stellt eine Nachbars-Familie ihren privaten Garten für die fleißigen Hobbygärtner dauerhaft zur Verfügung. Damit hat sich das Tausendschön-Gelände um einen alten Obstbaubestand (Pfirsich, Mirabellen, Pflaumen), viele Beerensträucher, eine Rasenfläche sowie eine Kulturbühne erweitert. Für einen schöneren Übergang beider freundschaftlich verbundenen Gärten errichtete man einen Bogen in bunten Farben. Außerdem wurde eine Holztür eingebaut.

Ein Übergang zum Nachbarsgarten bereichert seit Sommer 2015 das Tausendschön-Gelände

So wurde auch der neue Deutschkurs von Sandra Lenz am 23. August kurzerhand in den nunmehr hinteren Teil des Tausendschön-Gartens verlegt. Die Diplom-Psychologin zog letztes Jahr von Leipzig nach Minden, da ihr Mann im Potts Park arbeite. „Ich brauche nur einen Bahnhof“, erklärte die Weltreisende bescheiden, die im gesamten deutschsprachigen Raum Kinder an Schulen und Kitas unterrichte, wie beispielsweise in der Schweiz, aber auch in ganz Europa und Asien an deutschen Schulen. Auf den Garten Tausendschön wurde sie aufmerksam, weil sie selber etwas im eigenen Garten anbauen möchte. Auf der Website hat sie dann von der Integration erwachsener Flüchtlinge erfahren.

Hier lag der Gedanke nahe, doch neue Erfahrungen mit Erwachsenen zu machen. Gesagt getan gibt Lenz seit Juni dieses Jahres einen Tag in der Woche Deutschunterricht im Gemeinschaftsgarten – frei nach dem Motto der Schmelzers: „Ein Einheimischer, ein Geflüchteter, hier wird ausschließlich in Deutsch gesprochen.“

Die international tätige Diplom-Psychologin Sandra Lenz bringt Geflüchteten ab sofort Deutsch im Sprach-Rhythmus bei

Hier werden sie praktisch spielerisch an die deutsche Sprache herangeführt – während der Gartenarbeiten. „Afghanen haben selbst nach einem Deutschkurs gefragt. Es macht mir Spaß, dass sie so motiviert sind“, freut sich Lenz.

Kein Wunder, denn ihre Lernmethode unterscheidet sich deutlich vom gebräuchlichen Unterricht. Bei ihr geht’s nämlich in erster Linie um Sprach-Rhythmus, um den Unterschied zwischen einsilbigen und zweisilbigen Wörtern, die sie mit eigens hergestellten Motivkarten, Klatsch- und Armbewegungen verdeutlicht. „Zweisilbige Wörter haben alle den gleichen Sprachrhythmus, das nennt man Trochäus. Die erste Silbe ist betont und die zweite Silbe ist unbetont. Tulpe, Pflaume, Bohne. Es gibt auch Zweisilbige, die andersrum klingen, zum Beispiel Regal, Paket, Klavier. Das ist erst mal der erste Kontrast, die Wörter von den anderen zu unterscheiden. Und das unterstützen wir mit Gesten“, erklärte Lenz. Durch unterschiedlich große und farbige Punkte auf den Karten markiert, stehen diese fürs Klatschen, verschränkte Arme oder Daumen über die Schulter zeigen, um die Silben körperlich zu betonen.

Junge Gänse, Hühner und jede Menge selbst angebautes Gemüse findet man immer im Gemeinschaftsgarten Tausendschön

Ein gut durchdachtes Förderkonzept – entdeckt vom Schweizer Sprachwissenschaftler und Linguist Dr. Zvi Penner, bei dem Sandra Lenz lernte – mit einschlagendem Erfolg, wie man sofort der Mitarbeit von John, Mojtaba, Ahmadullah, Kaukaba, Noori und Hossain am Holztisch im Garten ansehen konnte. Sie hörten nicht nur aufmerksam zu, sondern beteiligten sich aktiv am Unterricht, füllten vorgegebene Textbögen aus und bildeten ganze Sätze mithilfe der Karten. Insbesondere John erzählte stolz, dass er „nächste Woche eventuell einen Job als Gärtner“ antreten könne.

Nicht ganz so rosig sieht es da bei der Imkerei von Jacqueline Dietzel und ihrer Familie in Bückeburg-Meißen aus, die letzten Sonntag im Garten Honig verkaufte. Die Auszubildende beklagt den zunehmenden Diebstahl ihrer Bienenvölker. Letztes Jahr habe man ihr sieben Bienenkästen gestohlen und zuletzt Ende Juli in Warber sogar ganz gezielt nur die Königin und den Honig. Dagegen wirkt der Bienenklau in Petershagen, über den wir vor Kurzem berichteten, fast wie Peanuts. Auch Dietzel ist sich sicher, hier können nur Imker am Werk gewesen sein bzw. Diebe, die sich in ganz besonderem Maße mit Bienen auskennen.

Imker-Auszubildende Jacqueline Dietzel brachte im Garten Tausendschön Honig an den Mann und die Frau, ärgert sich aber über den zunehmenden Diebstahl der Bienenvölker

Vor allem ärgert sie sich über den Schaden von rund 3500 Euro. Wenn man wie sie sich noch in der Ausbildung befinde, schädige das halt stärker. Wendet man sich an die Imker-Versicherung, fühle sich diese nicht verantwortlich. Zudem seien alle Bienenköniginnen zwar gekennzeichnet, jedoch lediglich mit einem Farbpunkt, der für das Jahr steht – letztes Jahr zum Beispiel mit Blau. Insgesamt leben Bienen nur circa vier bis fünf Jahre, weshalb die Farben sich ständig wiederholten.

Sie ruft deshalb genau wie die Imkerei Ankerhuus aus Petershagen-Lahde die Bevölkerung dazu auf, ihr mitzuteilen, wenn jemand etwas Verdächtiges beobachtet hat in Bückeburg. Kontaktieren kann man sie per E-Mail an j.dietzel@wd-data.de.

Im Übrigen hat der Garten Tausendschön immer am Montag, Mittwoch und Samstag, wenn es nicht regnet, von 16 bis 19 Uhr für alle freiwilligen Helferinnen und Helfer sowie Besucher jeden Alters und Herkunft geöffnet.

Dieser Bericht wurde am 27. August 2017 aktualisiert.


Für ON zahl ich freiwillig
WERBUNG:
Diesen Bericht empfehlen/teilen:
Dieser Bericht wurde 341 mal gelesen. Vielen Dank! Und hier finden Sie weitere:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.