Der Pflaster-König von Bückeburg

Chronologie des Georg König, Erfinder des Bückeburger Hühneraugenpflasters

Foto: Namira McLeod
Die ehemalige Bückeburger Hof-Apotheke lädt heute zum Einkehren ein. Foto: onm

Neulich beim Besuch des Obernkirchener Museum für Bergbau und Stadtgeschichte erkannte die Redaktion ein Reliquie aus der frühesten Kindheit, eine metallische historische Pflaster-Dose mit selbstklebenden Wundpflastern von König – die stand doch damals im Schrank der Oma aus Berlin.

Was aber hatte es damit auf sich, wer war dieser König aus alten Zeiten? OctoberNews hat recherchiert und stieß auf eine Vielzahl von interessanten Informationen, aus der eine umfassende Chronologie entstand, die Geschichte des Apothekers, Physikers und Stifter und Erbauers der “Königshütte”, Prof. Dr. phil. Carl Georg Walter König – der Erfinder des “Bückeburger Hühneraugenpflasters”. Lassen Sie sich entführen in längst vergangene Zeiten:

Prof. Dr. phil. Carl (oder: Karl) Georg Walter König wurde am 20. November 1859 als Sohn des Johann Andreas König und Clara König, geb. Rosalsky, einer damals angesehenen Apothekerfamilie in Bückeburg, in Berlin geboren. In Physiker-Kreisen war er unter Walter König bekannt, in Apotheker-Kreisen als Georg König. Ein Bild von ihm findet man in einem Bericht von dewezet.de.

Seit Vater erwarb 1737 die alte Fürstliche Hofapotheke in Bückeburg (erbaut 1607 von Graf Ernst zu Schaumburg-Lippe), die zur Versorgung des Hofes mit Arzneimitteln und Gewürzen diente. Bis 1990 befand sich die Hofapotheke fest in der Hand der Familie König.

1878-1882 studierte Georg König Physik an den Universitäten Tübingen und Berlin.

1882 promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Berlin (Titel der Arbeit: Über die elliptische Polarisation des reflektiert gebeugten Lichtes).

1883-1887 assistierte er an der Universität Heidelberg bei Quincke.

1887 erfolgte die Habilitation für Physik an der Universität Leipzig (Titel der Arbeit: Über die Bestimmung von Reibungskoeffizienten tropfbarer Flüssigkeiten mittels drehender Schwingungen).

1887-1892 war er als Privatdozent für Physik und Assistent an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig bei Wiedemann tätig.

Währendessen begann der Apothekersohn 1889 bereits mit der Produktion pharmazeutischer Präparate und Kautschuk-Verbandspflaster in seinem eigenen Labor in der Hofapotheke, bis er 1891 seine eigene kleine Spezialfabrik namens „Fabrik pharmaceutischer Kautschuk- und Guttapercha-Präparate – Laboratorium der fürstlichen Hofapotheke“ eröffnete, nachdem er die Technik in Moskau erlernte.

1892 wurde er außerordentlicher Professor für Physik an der Philosophischen Fakultät der Universität Leipzig.

1892-1900 unterrichtete König als Dozent beim Physikalischen Verein in Frankfurt am Main.

1899 fuhr Georg König bereits eines der ersten Automobile im Fürstentum Schaumburg-Lippe und residierte in einer prächtigen Villa an der Parkstraße.

1900-1901 wurde er außerordentlicher Professor für Physik an der Universität Greifswald.

Ab 1901 beschäftigte er sich auch als Redakteur der „Beiblätter zu den Annalen der Physik“.

1901-1905 wurde er ordentlicher Professor für Physik an der Universität Greifswald.

Zwischenzeitlich produzierte sein Kleinunternehmen medizinische Artikel, vor allem selbstklebende Pflaster, und beschäftigte dann 1904 bereits 25 Mitarbeiter.

Georg König’s erfundene „Bückeburger Hühneraugenpflaster“ entwickelte sich schnell zum Exportschlager, was seinen Weg bis nach Amerika und Südafrika fand. Außerdem entwickelte er Arznei in Tablettenform, was es vorher nur in Pulverform zu kaufen gab.

1905 erhält Prof. „Walter“ König das Ordinariat für Experimentalphysik an der Universität Gießen. Er befasst sich mit optischen, elektrischen und magnetischen Eigenschaften von Festkörpern, mit Hydrodynamik, elektrischen Wellen und Meteorologie. König bleibt Zeit seines Lebens ein klassischer Physiker, der zahlreiche Gebiete durch weiteren Ausbau fördert. Für den Ausbau der an Bedeutung ständig wachsenden Physik erwirkt er die Umwandlung des Extraordinariats für Theoretische Physik in ein Ordinariat und die Einrichtung eines Extraordinariats für Experimentalphysik.

1907 wurde er sodann Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen.

1910 baute Georg König aufgrund der großen Wandervogelbewegung eine stabile Hütte in 303 Meter Höhe auf dem Kamm des Wesergebirges und stiftete das Schutzhaus den Wanderern, das als Ersatz für die 1892 erbaute hölzerne „Melchershütte“ diente, die er zu seinen Ehren „Königshütte“ taufte, die noch heute auf dem Papenbrink steht (s. Bericht mt.de zum 100-jährigen Jubiläum).

In den Jahren 1911/1912 leitete König als Rektor die Universität Gießen und war bis 1930 als ordentlicher Professor für Physik an der Universität Gießen tätig.

Unter dem Namen „Georg König GmbH“ bzw. „Fabrik pharmazeutischer Präparate GEORG KÖNIG – Spezial-Fabrik für Kautschukpflaster aller Art“ (s. zu erwerbende Rechnung bei eBay von 1935) wurde 1935 die Produktion auf das Kautschuk-Klebeband TYPOPLAST ausgeweitet, allerdings kam die Fertigung während des Zweiten Weltkriegs nahezu zum Erliegen.

Am 2. (oder 9.) August 1936 verstarb Georg König in Gießen.

Im Jahr 1946 trat der spätere Namensgeber Hans Neschen in die Firma ein. Zu diesem Zeitpunkt herrschte auf dem Markt bereits ein Überangebot für Pflaster, daher wurde umstrukturiert und 1948 mit der Produktion von selbstklebenden Buchschutzfolien begonnen. Die sogenannte „Bückeburger Buchhaut“ filmolux bescherte dem Unternehmen einen hohen Bekanntheitsgrad und wurde insbesondere in Bibliotheken und Leihbüchereien eingesetzt. Sodann wurde die ehemalige Pflasterfabrik 1951 zu Firma Neschen umbenannt.

Die Herstellung von Pflastern wurde 1957 von Fa. Neschen endgültig eingestellt.

Das börsennotierte Unternehmen Neschen AG existiert bis heute mit Hauptsitz in Bückeburg in der Hans-Neschen-Straße 1.

Das ist doch eine grandiose Geschichte einer heute fast unbekannten Persönlichkeit:

Der Berliner Apothekersohn Prof. Dr. phil. Carl (oder: Karl) Georg Walter König war derjenige, der aus einem kleinen Labor einer Hofapotheke in der niedersächsischen Stadt Bückeburg heraus eine angesehene Pflasterfabrik erschuf, aus deren Grundstein heute eine Aktiengesellschaft mit einem internationalen Vertriebsnetz für moderne Selbstklebeprodukte und hochwertig beschichtete Medien mit Hauptsitz in Bückeburg erwuchs. Kurz:
Vom Apotheken-Pflaster für die Wundversorgung zum internationalen Foliengeschäft – selbstverständlich selbstklebend!

Die Bückeburger Hof-Apotheke der damaligen Apothekerfamilie König lädt heutzutage übrigens zum gemütlichen Einkehren gerade zur Weihnachtszeit ein (siehe Website Hofapotheke Bückeburg). Auf dem obigen Foto kann man auf dem Regal noch zwei historische Medizinflaschen entdecken.

Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der o. g. Inhalte wird keine Gewähr übernommen. Insbesondere ist noch unsicher, ob es sich bei dem Physiker und dem Apotheker um ein und die gleiche Person handelt, die Lebensdaten sprechen jedenfalls dafür. Korrekturen / Ergänzungen per Kommentar werden gern entgegengenommen. (Quellen: Wikipedia.org, Uni-Giessen.de, Boerse-frankfurt.de, dewezet.de, OnVista, Uni-leipzig.de, Handel-aktiv.de, Wallstreet-online.de, Neschen.de, Mindener Tageblatt, Interneteinträge)


Diesen Bericht teilen: