Der Kohlenmann

Rückblick auf einen einst gefragten Beruf: der Kohlenlieferant + Bildergalerie von Zeche Zollverein in Essen 2016

Der Kohlenmann - einst ein begehrter Beruf - Foto: onm vom 14.10.2005
Der Kohlenlieferant beim Abwiegen direkt auf dem Lkw, einst ein gefragter Mann – Exklusiv-Foto: onm

Wer kennt sie noch, die Männer mit den rabenschwarzen Hosen und verschwitzten Hemden, die einer knochenharten uralten Tätigkeit nachgingen: Kohle ausliefern. Und damit sind zentnerweise Lkw-Lieferungen gemeint, entweder Steinkohle oder Braunkohle, in Brikett- oder Ziegel-Form, in Jute-Säcken geliefert oder lose.

Eines haben sie alle gemeinsam: Sie sind schwarz, machen Dreck und bringen Wärme ins Haus – vorausgesetzt, man besitzt noch einen Kohle-Ofen. Mit Kohle zu heizen war früher eine Notwendigkeit und ist heute ein Kostenfaktor: Wer mit Holz oder Kohle heizt, zahlt deutlich weniger Energiekosten als wie mit Gas- oder Ölzentralheizung.

Und Kohleöfen gibt es auch heutzutage in allen nur denkbaren Ausführungen, meist mit Sichtluke, um in die Flammen schauen zu können. Den älteren Generationen sind wohl eher die großen Kachelöfen noch in Erinnerung, die in jedem Wohnzimmer zu finden waren, bis an die Decke reichten und meist eine Sitzfläche integriert hatten, um sich direkt am Ofen aufwärmen zu können. Außerdem hatten sie eine Luke, um das Bügeleisen darin aufzuwärmen, bzw. es gab auch schmiedeeiserne Bügeleisen, in deren Öffnung man ein Stück heiße Kohle legte und sofort losbügeln konnte. Holz- oder Kohleöfen strahlen auf jeden Fall eine wohlige Wärme aus, Gemütlichkeit und Behaglichkeit ist im Raum zu spüren.

Heiße Kohle reinlegen und bügeln - so war's damals - Foto: onm
So bügelte man damals: Heiße Kohle reinlegen und los geht’s – Foto: onm

Doch bevor man die angenehme Wärme genießen kann, muss das „schwarze Gold“ ja erst mal zu einem nach Hause kommen. Aber wer liefert heutzutage noch Kohle aus? Meist muss man sich die zentnerschweren Pakete aus Bauhäusern besorgen und mit dem eigenen Kraftfahrzeug transportieren. Die Kohlebündel müssen dann mühsam ins Haus geschleppt und im Keller gestapelt werden. Was ist nun, wenn man kein eigenes Fahrzeug besitzt oder niemanden kennt, der einem dabei behilflich sein kann? Dann zieht man entweder in eine Behausung um, die eine Zentralheizung hat, oder man sucht verzweifelt nach einem Kohlelieferanten – und diese sind rar geworden.

Der „Kohlenmann“ muss entweder aus weiter Ferne kommen, dann wird die Anfahrt teuer, oder er betreibt eine von den seltenen Kohlefirmen vor Ort, dann weiß er um die wiedergewonnene Gefragtheit und zieht die Preise an. Eins ist jedenfalls gewiss: Der Kohlenmann von heute kommt garantiert nicht mehr mit einer riesigen Kohlenwaage auf dem Lkw, wiegt die Kohlen direkt vor den Augen des Kunden ab und füllt die Kohle in Jutesäcke, die er dann Sack für Sack die Treppen runter in den Keller schleppt, um die Kohle darin lose aufzustapeln.

Die Redaktion hat dies zuletzt am 14. Oktober 2005 in Köln-Kalk beobachten können, an welchem das obige Foto vom Kohlenmann entstand.

Wir geben offen zu, auch wir sind kein Fan von Kohle körbeweise aus dem Keller die Treppe hochschleppen, rabenschwarze Hände zu haben beim Einlegen der Kohle in den Ofen, einmal pro Tag den Aschebehälter zu leeren, die Ablagerungen auf sämtlichen Möbeln zu entfernen, ständig saugen zu müssen – die Freizeit kann man wirklich sinnvoller nutzen und die eigenen Knochen schonen. Aber nach getaner Arbeit die flackernden Flammen im Ofen beobachten und die angenehme Wärme genießen zu können, vermissen wir sehr.

Doch was wurde aus den Kohle-Männern, die die Ware lieferten? Wenn die ersten kalten Tage einkehrten, klingelte das Telefon im Büro Sturm, da wurde um Preise verhandelt, die in 2005 um die 10 Euro pro Zentner lagen. Da konnte man sich früher vor Aufträgen kaum retten.

Zentralheizung, Wärmetauschsysteme, Holzpelletheizung, Stromheizkörper sowie Öl und Gas haben mit der Zeit der Kohle den Garaus gemacht. Es ist doch viel praktischer, nur den Regler zu drehen, als alle 2 Stunden Kohle nachzulegen. Diese Bequemlichkeit wurde dem damals gefragten Beruf des Kohlenmanns zum Verhängnis. Einen Kohleofen mit einem Smartphone zu steuern, ist auch schwer vorstellbar.

Kohlebrikett aus einem Schaumburger Stollen - Foto: onm
Kohlebrikett mit Schaumburger Wappen – Foto: onm

Uns haben es jedenfalls die sympathischen Männer angetan, die mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit rd. 50 bis 200 Zentner pro Haushalt in die Wohnung oder ins Haus schleppten. Und dass ein Kohlenmann vor unseren Augen die Kohlen auf dem offenen Lastwagen Zentner für Zentner auf einer schon zu diesem Zeitpunkt historischen Kohlewaage abwog, war einer der bewegendsten Augenblicke, die im Gedächtnis blieben.

Wir sind stolz darauf, diesen Augenblick festgehalten zu haben, damit diese so sympathischen Kohlenmänner nicht in Vergessenheit geraten. Denn es gibt nicht mehr viele von den „Echten“ in Deutschland, die nur Kohle ausliefern – wenn überhaupt.

Die Redaktion erinnert sich: „Das ist ein Stück Kindheit, wie mein Opa Fritz in einer typischen Berliner Wohnung uns Kinder an den Ofen setzte, damit wir uns nach der Toberei im Schnee aufwärmen konnten, und dazu eine Tasse Kakao – das ließ jedes Kinderherz höher schlagen.“

In diesem Sinne grüßen wir alle ehemaligen und im Beruf noch befindlichen Kohlenmänner auf dieser Erde, die ihrem über 50 Jahre alten Gewerbe nachgingen bzw. noch nachgehen: Kohle liefern. Denn ein sehr schönes Sprichwort besagt:

„Im Grunde ist ein Diamant auch nur ein Stück Kohle, das die nötige Ausdauer hatte.“

Und weil uns das Thema keine Ruhe gelassen hat, sind wir am 5. Juli 2016 zur Zeche Zollverein nach Essen gefahren und haben drei Stunden lang das gesamte Gelände inklusive Kokerei und Ruhr Museum abgegrast (nur das Wetter hätte besser sein können). Herausgekommen ist folgende Bilderstrecke:


Diesen Bericht teilen: