Das „Loch“ in Mindens Innenstadt

Vom Rathaus bis zum Scharn verändert sich zurzeit stetig das Innenstadtbild von Minden - Baustellen scheinen beim Shoppen nicht zu stören

Mit freiem Blick vom Scharn über den Rathaus-Neubaukomplex aus den 1970ern bis zur Domspitze präsentiert sich aktuell die Innenstadt von Minden – Fotos: onm

Die Hälfte des Rathaus-Trakts A ist abgerissen und vermauert, die Scharnpassage ist Geschichte, der alte Innenhof „Am Rathaus“ ebenso. Cafés, Modeboutiquen und Ladengeschäfte wurden dem Erdboden gleichgemacht. Mitten in der Innenstadt von Minden klafft ein großes Loch: eine Baustelle für ein neues Geschäftshaus am Scharn.

Der altdeutsche Schriftzug „Schwiering“ ist seit Anfang dieses Jahres der wohl meistfotografierteste Firmenname in der Mindener Innenstadt – freigelegt durch den Abriss zahlreicher Geschäftsgebäude zwischen Rathaus-Neubaukomplex aus den 1970er Jahren und Scharn, der Einkaufsmeile Mindens. Nach kurzer Internetrecherche stellt sich heraus: An der Scharnstraße 9 (später: Scharn 137) befand sich vor langer Zeit die Schlachterei Heinrich Schwiering – zwischen 1933 und 1945 als Zivilarbeiterlager/Arbeitskommando missbraucht. Gegründet 1868 von Wilhelm Schwiering aus Niedersachsen wurde das erste Haus während des Zweiten Weltkriegs zerstört, das zweite Betriebsgebäude von Sohn Heinrich zwischen 1948 und 1959 errichtet, bis die Familie den Betrieb in der dritten Generation 1980 aufgab. Was bis heute bleibt, ist der Name des Fleischereifachbetriebs an einer weißen Hausfassade.

Doch wie lange wird er noch zu sehen sein? Schließlich soll das große Loch zu seinem Fuße bis Frühjahr 2019 mit einem modernen zweistöckigen Geschäftshaus plus Giebeldach „gestopft“ werden mit Platz für rund 4100 Quadratmeter Büro- und Verkaufsfläche – geplant und entworfen von der Maßmann & Co. Handelsimmobilien GmbH mit Sitz in Hamburg (Projektleitung) in Zusammenarbeit mit Diplom-Ingenieur (FH) und freischaffenden Architekten Lorenz Riethmüller – ebenfalls aus Hamburg und Geschäftspartner der Firma Maßmann. Als Ankermieter werden bis heute die Stadt Minden und die Drogeriekette Müller genannt. Die Müller Holding Ltd. & Co. KG will auf einer Fläche von 2450 Quadratmetern ihr Geschäft aufbauen und die Stadt rund 1050 Quadratmeter anmieten für Verwaltungsbüros. Übrig bleiben etwa 600 Quadratmeter Verkaufsfläche für kleinere Läden, die sich noch ansiedeln könnten.

Das Investitionsvolumen des Neubauprojekts belaufe sich wohl noch immer auf circa 17 Millionen Euro laut Ausführungen von Bastian Hämmerle (Leiter der Akquisition / Projektentwicklung der Procom Invest GmbH) gegenüber dem Minden Kurier im Februar 2018 (wobei nach Bekanntgabe im September 2016 noch von 14 Mio. Euro die Rede war, siehe unser Bericht, ab November 2017 kamen 17 Mio. Euro ins Spiel, siehe unser Bericht).

Baugerüst am Rathaus Minden

Das aktuelle Innenstadtbild von Minden ist – wie schon in den Vorjahren – jedenfalls von zahlreichen Baustellen geprägt. Denn auch das Rathaus umgibt ein Baugerüst (wird ja seit Mitte 2017 rund vier Jahre lang umfassend saniert für knapp 35 Millionen Euro, siehe z.B. unser Bericht, weshalb Verwaltungsmitarbeiter in die „Alte Regierung“ umziehen mussten).

Gegenüber wird das ehemalige Wehmeyer-Kaufhaus zum modern verglasten würfelartigen Martini Karree, das einerseits noch eingerüstet ist, zum anderen Teil aber schon die neue Fassade erkennen lässt. Interessanterweise findet man im Internet einen grafischen Entwurf, veröffentlicht von „Samer_730“ (von wem der Entwurf stammt, ist nicht ersichtlich), der auch am Sanierungsgebäude auf einer Bauplane wiederzufinden ist. Erfreulicherweise will hier noch dieses Jahr (voraussichtlich Juni/Juli 2018) die Kaufhauskette Woolworth eine Filiale eröffnen (siehe auch unser Bericht). Mit großen Werbeplakaten am Bauzaun und dem Slogan „Minden flippt aus! Hier entsteht demnächst eine neue Woolworth Filiale“ macht das Unternehmen jedenfalls neugierig auf das, was kommt. Der Entwurfsgrafik kann man im Übrigen entnehmen, dass wohl auch die Martinitreppe umgestaltet werden soll.

Durch Zufall bekamen wir bei unserem Fototrip am 14. Juni mit, wie gerade ein Bagger auf dem Scharn-Geschäftshaus-Baugelände unter strenger Begutachtung ganz langsam und vorsichtig Erde aus dem Boden schaufelte. Ein Hochbau-Verantwortlicher (auf einem Hof in Eschede aufgewachsen, wie er nebenher verriet) klärte auf: Es bestand an dieser Stelle Verdacht auf einen Blindgänger. Um die zwanzig Sondierungen (Probebohrungen von vier bis 12 Meter Tiefe) sind auf dem Baugelände schon vorgenommen worden, zu erkennen an den Pfosten im Boden mit gelben und roten Markierungen. Zutage brachte die Baggerschaufel am Donnerstag zum Glück nur alte Rohre, Gesteinsbrocken und Mauerreste. Außerdem konnte man die Mauer zur Rathaus-Tiefgarage erkennen.

Martini Karree, in das Woolworth einziehen will

Stolz erzählte der Mann auch von der Vermauerung des Rathaus-Trakts A. Der Gebäudeteil wurde praktisch in der Mitte zertrennt, alles stand offen. So wurde vom Erdgeschoss bis zum Dach Stein für Stein von Hand hochgemauert, bis die neue Wand geschlossen war. Direkt daran konnte man schon die ersten Arbeiten am Kellergeschoss des neuen Geschäftshauses erkennen. Hier war gerade ein angeregtes Gespräch (vermutlich in polnischer Sprache) unter vier Bauarbeitern in Gang.

Doch stört das Baustellengetöse beim Shoppen und Flanieren? Anscheinend nicht. Mindener sowie Besucher aus anderen Städten und zahlreichen Herkunftsländern schlürfen auf dem Marktplatz ihren Kaffee, schlendern auf dem Scharn an den verbleibenden Schaufenstern vorbei, sitzen ganz nah zwischen den Baustellen auf Bänken und genießen das schöne Wetter, essen Eis oder Bratwurst und kommen mit vollen Tüten aus den Geschäften.

Nun denn. Abwarten und Tee trinken – alles wird gut (wenn man von der horrenden Steuergeld-Verschwendung absieht). Vorher gibt’s noch ein paar mehr Bildchen zu sehen:

Ach ja, und so sah es vor nicht allzu langer Zeit in der Mindener Innenstadt aus, größtenteils kurz vor den Abrissarbeiten. Auf einem Bild kann man einen gelben Strich an der Mauer des Rathaus-Trakts A sehen – das war die Markierung, wo der Trakt gespalten wurde.

Quelle: Webseite von Familie Tenhumberg zu Schwiering, mt.de zu Schwiering, Minden Kurier Online zu Bauprojekten in der Innenstadt, OctoberNews


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